Braschosblog: Bassani erklärt erste Flybridge auf neuer Wally “Better Place”

"Oh nee Luca"

Nein, dies ist keine neue Computer-Animation, kein Rendering einer großen Yacht, die mal gebaut werden könnte, falls sich ein exzentrischer wie solventer Eigner mit Spaß am Experiment  findet. In Zeitschriften und auf Webseiten wimmelt es von Präsentationen aufmerksamkeitsstarker bis durchgeknallter Konzepte, die der Phantasie vermögender Menschen auf die Sprünge helfen soll.

Nein, diese in kräftigem Blau lackierte Slup mit dem seltsam pagodenartigen Aufbau achtern ist real. Sie heißt „Better Place“ und wurde soeben nach mehrjähriger Bauzeit in Ancona von einem farblich passenden Travellift – sowas gelingt nur Italienern – in die Adria gehoben.

Bemerkenswert ist der Stapellauf mit stehendem Mast. Das ist im Mittelmeer zwar mit abgenommenen Achter- und Backstagen üblich, allerdings eher bei handlichen 14 Meter als 50 Meter Booten. Leicht nach achtern gepfeilte Salinge sind halt nicht bloß beim Segeln praktisch.

Vorläufer „Esense“

Das Konzept dieser 50 Meter langen Wally gibt es seit sechs Jahren. Damals präsentierte Luca Bassani die „Esense“, einen 44 Meter langen, 8,60 m breiten Flushdecker, der von einer hüfthohen Schanz anstelle einer Reling umrandet war. Mit dieser 140 Tonnen Slup bescherte Bassani, enfant terrible der Branche und charmanter Yachtzurück- wie -weiterdenker, den Megayachtseglern das beinahe vergessene Vanderbilt-Gefühl.

Das gelingt nur Italiener. Slippen mit farblich abgestimmtem Travellift. © Wally

In den dreißiger Jahren war es in der J-Class üblich, auf einem ziemlich unverbauten Deck an einem exponierten Steuerstand stehend riesige America’s Cup Slups die imaginäre und doch sehr reale Windkante entlang zu lenken. Wie ich mich bei einem Probeschlag vor Ancona überzeugen konnte, ein ziemlich cooler Segelgenuss. Der Bootsname „Esense“ passte.

Weil die Vanderbilts von heute im Sommer gerne mit der Familie oder Freunden zur etwa einmonatigen Mittelmeer-Odyssee ablegen, gab Bassani der Bill Tripp Konstruktion außerdem eine hüfthohe, breite Schanz mit, wie sie die Fahrtenyachten des späten 19. Jahrhunderts einst hatten.

„There is nothing new under the sun“, es ist alles schon mal dagewesen. Man muss bloß darauf kommen, elementare Bedürfnisse wie das köstliche Steuergefühl mit der herrlichen Übersicht über das glatte Deck und jenes nach großer gefühlter Sicherheit in einem Schiff zu verwirklichen und das Ganze in einem modernen Design neu, als Wally in schwarzer Perleffektlackierung vom Stapel zu lassen.

Bassani hatte die Schanz etwas breiter gemacht, damit man bequem darauf sitzen kann. Das umlaufende Profil bietet zugleich zusätzliche Längssteifigkeit und Stauraum für die Bedürfnisse des Fahrtenseglers. Man lässt die Badeschlappen, Schnorchel und Flossen, den Landschuhkorb und den ganzen Gardena-Krempel zum Wasser Bunkern oder Boot Abspritzen mit einem lässigen Handgriff verschwinden.

avatar

Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
Spenden
http://blueocean.berlin/magicmarine-team-werden/

5 Kommentare zu „Braschosblog: Bassani erklärt erste Flybridge auf neuer Wally “Better Place”“

  1. avatar Friedrich sagt:

    Lieber Erdmann Braschos,

    wieder mal: was für ein Stück unterhaltsamer Yacht-Literatur, köstlich für uns alle, die wir nichtmal davon träumen dürfen – am regengrau verhangenen Schreibtisch – jemals die Planken eines solchen Schiffes zu betreten. Oh nee, dachte ich aber auch, als ich dieser DS-Version angesichtig wurde. Dennoch, heute hierzu eine Besserwisserei, im Sinne von Oh nee Erdmann: ich war beim Lesen ständig irritiert, was wohl mit der “Schanz” gemeint sei. Bis mir klar wurde, dass es um das Wally-typische und in der tat sehr traditionelle Schanzkleid gehen müsse. Mit der Schanz verbindet der deutsche Seemann (und so einer war ich 2 Jahre lang) das Achterdeck. Das gleiche am Bug heißt traditionell Back. Zumindest gilt das für die Seefahrt mit Bundesadler, auf Schiffen, die fast so grau sind, wie die von Herrn Bassani, allerdings zumeist ohne den passenden Gin-Tonic. Und wenn ich’s richtig erinnere, ist es auf Deutschlands Bundeseigenem 3-Master genauso.

    Nüscht für unjut, F.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 7 Daumen runter 1

    • Hallo Friedrich,

      Sie haben recht: Schanz und Schanzkleid, das hätte nicht verwechselt werden dürfen. Solche Petitessen rutschen leider mal durch die Speigatten. Gemeint sind die Lenzöffnungen zwischen Schanzkleid und Deck bei seegehenden Schiffen ganz gleich ob grau, weiß oder bugattiblau …

      Dank für den Hinweis.

      Viele Grüße

      E.B.

      Like or Dislike: Daumen hoch 3 Daumen runter 0

  2. avatar T.K. sagt:

    WUNDERBAR! MEHR DAVON

    Mir kommt bei dieser Yacht nur folgendes in den Sinn:

    „Better Place“ = Albtraumyacht = “Oh nee Luca”
    “ESENSE” = Traumyacht = “Oh Yeah Luca”

    Like or Dislike: Daumen hoch 1 Daumen runter 1

  3. avatar AC90 sagt:

    Geiler Rumpf, hat mir schon bei der kleineren ESENSE super gut gefallen. Aber den Aufbau sieht echt gruselig aus.

    Like or Dislike: Daumen hoch 2 Daumen runter 1

  4. avatar Claus sagt:

    … ‘ne MOODY für Supereiche!

    Schmiddel hatte eben doch Recht!

    Like or Dislike: Daumen hoch 2 Daumen runter 0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *