Braschosblog: Die Entwicklung der 5.5m Klasse

Silhouette mit Sex Appeal

Mahagonimöbel mit gefalzter Bordwand 2007 vor San Remo © Linda Rijkuiter

Mahagonimöbel mit gefalzter Bordwand 2007 vor San Remo © Linda Rijkuiter

Das Dreimannkielboot der internationalen 5.5m Klasse gilt als kleiner Cupper. Die schmale Nase, die Kanten im Rumpf, so sahen Cupper aus als sie eben noch so aussahen und nicht auf zwei Rümpfen fuhren. Die Silhouette erzeugt in Seglers Kopf noch jede Menge Sex Appeal.  Sie mag eine Erklärung für  das erstaunliche Interesse an der alten Konstruktionsklasse sein. Bei der aktuell laufenden WM in Boltenhagen sind 38 Boote an die Startlinie. Aber ein wichtiger Attraktions-Faktor ist die Historie.

Nach dem zweiten Weltkrieg, als kostspieliges Regattasegeln kaum zu den Prioritäten in Europa passt, präsentiert der englische Yachtkonstrukteur und Werftinhaber Charles Ernest Nicholson (1868 – 1954) ein an die anerkannte International Rule angelehntes Meterklassenderivat, den 5.5er.

Die Anfänge - mit Crosscut Baumwollsegeln und einstelligen Segelnummern. © Braschos Archiv

Die Anfänge – mit Crosscut Baumwollsegeln und einstelligen Segelnummern. © Braschos Archiv

Seine Idee: „To measure the lot,“ also die Berücksichtigung der tatsächlichen, der gesamten am Wind Besegelung. Das reduziert die Segelfläche gegenüber dem annähernd gleich großen Sechser mit seiner weitgehend unvermessenen Genua etwa auf die Hälfte. Zugleich halbiert Nicholson mit einem revidierten Verdrängungsfaktor seiner Formel das Gewicht von über vier auf unter zwei Tonnen.

Preiswert und reell

Schwere, generös besegelte Boote sind im Bau und Betrieb teuer. Ergänzende Bauvorschriften und Maße gewährleisten reellen Segelsport. Der erste Fivepointfive namens „The Deb“ ein Camper & Nicholson Werftbau, debütiert 1949 zur Cowes Week.

Er wird zum Prototyp der bis heute segeltechnisch interessantesten und schönsten Dreimannkielbootklasse. Der 5.5er ist aus der Not geboren und mit den Genen von Charles Nicholson ein zunehmend in Deutschland gefragter Evergreen der Regattabahnen.

Der Ur-5.5er "The Deb". © Braschos Archiv

Der Ur-5.5er “The Deb”. © Braschos Archiv

Der englische Dachziegelfabrikant und versierte Regattasegler Owen Aisher wird mit fünf 5.5ern namens „Yeoman“ zum unvergessenen Förderer der Klasse, die besonders in Skandinavien und der Schweiz gut ankommt. Neuerdings entwickelt sich der 5.5er auch hierzulande mit einer substanziellen Flotte.

5.5er bei Olympia

1956 löst der 5.5er den 6er im australischen Melbourne als olympisches Sportgerät ab. Der talentierte Konstrukteur Willy Lehmann entwirft und baut in einer Ostberliner Werft schnelle Boote. Das Kräftemessen zwischen dem geteilten Deutschland wird auch im 5.5er ausgefochten.

International entwickelt sich der 5.5er rasch zum seglerischen Talentpool. Der ehrgeizige und mitteilsame Medienkaufmann Ted „Mouth of the South“ Turner oder König Olav V. von Norwegen begründen den Nimbus der Klasse.

1966 wird Poul Elvström 5.5er Weltmeister. Die amerkanischen Konstrukteure Britton Chance, Ray Hunt, Olin Stephens oder Doug Peterson, die Segelmacher Ted Hood oder Lowell North, die Skandinavier Arvid Laurin, Einar Ohlsen oder Knud Reimers beschäftigen sich mit der exquisiten Rennyacht. All diese Konstrukions-Provenienzen sind heute noch unterwegs. Sie werden gesegelt, gehegt und gepflegt.

Vom Geistlichen gesegnet

So wie verschiedene Wege nach Rom führen, beschäftigen sich 5.5er Segler mit immer neuen Rezepturen um den Erfolg. Der Genueser und Katholik Max Oberti lässt sein Schiff von einem zum Saisonbeginn an den Hafen gebetenen Geistlichen segnen. Der Genfer Mathematiker und Bootskonstrukteur Henri Copponex setzt auf weltliche Mittel. Er greift zur Säge und führt mit unerhörtem Schnitt das moderne negative Yachtheck ein.

Enge Rennen vor San Remo. Bei guten Bekannten zieht man haarscharf noch am Bug vorbei.  © Linda Rijkuiter

Enge Rennen vor San Remo. Bei guten Bekannten zieht man haarscharf noch am Bug vorbei. © Linda Rijkuiter

Heute gibt es keinen zweiten Bootstyp, der mit ähnlich raffinierten Achterschiffen unterwegs ist. Wie derzeit wieder in der Marina Weiße Wiek in Boltenhagen zu sehen, sind sämtliche Formen beim 5.5.er vertreten. Von der „Sim-Sala-Bim“, einem Boesch Werftbau vom 1953 mit flächig breitem Spiegel bis zu den spitz zulaufenden Achterschiffen der ständig aktualisieren Sebastien Schmidt Generation.

Wie derzeit bei der 5,5er WM in Boltenhagen zu beobachten, sind auch bei den Vorschiffen viele Varianten vertreten. Von messerschaften Löffelbügen mit hin zum abgewinkelten Meterklassen Steven, dessen Rundung bereits vorn reichlich Volumen und Auftrieb in Wasser bringt.

Angeregt von Untersuchungen bei der NASA verbesserte ein Texaner einmal den Windanschnitt seines Vorsegels mit einem Kanuförmigen Vorsteven. Die holländische „Hamerhaai“ nimmt diese Idee mit einem martialischen Rammsteven auf. Schon die alten Phönizier verschafften sich mit solchen Bügen im Schlachtgetümmel

 Beliebte Konstruktionsklasse

Unbeirrt von der Übernahme des olympischen Status 1972 in Kiel durch das Dreimannkielboot Soling geht der Fight mit zeitgemäß modernem Flossenkiel und separatem Ruder um schweizerische, europäische und Weltmeisterschaftstitel weiter. Seit einer Weile zieht Kaspar Stubenrauch an sämtlichen Strippen für den Kielboot-Evergreen (www.5point5.de). Hier kann sich der segeltechnisch Interessierte Eigner noch in einer clever gestrickten Konstruktionsklasse zum vertretbarem Budget austoben.

Hamburgs Außenalster, das Revier mit einer respektablen Drachenflotte, mausert sich neuerdings zum 5.5er Revier. Übrigens läßt sich solches Männerspielzeug mit gefalzter Bordwand, Trimmklappen, exotischen Bügen wie Achterschiffen, mit ausgefallenen bis sehenswerten Kiel- und Ruderkonfigurationen auch sehr schön sammeln, wie der Flensburger 5.5er Reeder Kai Wohlenberg beweist. Er hat derzeit vier Fünfeinhalber. Wer Wohlenberg kennt und seine Schiffe sieht, versteht das.

Bezahlbarer Regattaspaß

Für einen angesagten Sebastien Schmidt Entwurf und schweizerischen Wilke Werftbau mit sämtlichen Finessen läßt sich locker das Budget eines Maserati versenken. Ein charmanter Holzklassiker von 1950 bis ’68, wie ihn die meisten deutschen 5.5er Aficionados segeln, ist bereits für den Wert eines gebrauchten Golf zu bekommen.

Regattataugliche Boote der sogenannten Evolution Ära (’70 bis ‘90) gibt es für 16 bis 30 Tausend Euro. Gebrauchtboote jüngeren Datums werden mit Trailer für 30 bis 60 Tausend Euro gehandelt. Mit einem aktuellen 5.5er lässt sich, wenn man es kann, zumindest an der Startlinie vorübergehend Jochen Schümann paroli bieten.

Bahamas oder Boltenhagen?

Eigentlich ist der 5,5er aber die Klasse der fortgeschrittenen Amateure. Die haben, wie jetzt wieder vor Boltenhagen, ihren Spaß. Den Genen von Charles Nicholson und seiner genial haltbaren 5,5er Formel sei dank. Man kann ihn als problemlos trailerbares Boot überall hin mitnehmen, wo es gescheite Konkurrenz, Wind und schön kurze Wege vom Hafen zur Regattabahn gibt.

Ist ja keine Strafe, mal eine Woche lang vor Medemblick, Konstanz, Torbole oder San Remo zu segeln. Wem das nicht langt, schickt seinen Fünfeinhalber zu den Bahamas. Dort findet im nächsten Jahr die Weltmeisterschaft statt. Es soll dort beinahe so schön sein, wie in Boltenhagen. Das einzige, was hier fehlt, sind die Palmen.

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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2 Kommentare zu „Braschosblog: Die Entwicklung der 5.5m Klasse“

  1. avatar Roman sagt:

    …schon schön anzuschauen und sicher sehr interessant, aber der Preis ist einfach der Hammer! Viel zu teuer. Die angeführte Soling ist ein One-Design Boot und kostet neu von Petticrows mit Trailer rund EUR 43.000. Zugleich hat man die Sicherheit, dass man auch mit einem “alten” Boot absolut wettbewerbsfähig ist und überall eine anständige Flotte findet. Bei EM und WM sind es dann auch meist 12-18 Nationen am Start.
    Trotzdem immer eine Freude, die 5,5 zu sehen.

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  2. avatar Manfred sagt:

    Hallo Roman, altes Haus,
    klar hast Du vom Preis her Recht mit dem Soling Argument und wie ich, bewunderst, ja liebäugelst Du vielleicht mit so einer Schönheit. Lass uns aber nochmal 30 Jahre warten, dann nimmt die Soling die “bewunderte” (much admired) Stellung der hübschen, kleinen Kielboote ein. Vielleicht segeln wir dann nicht mehr gegen Stuart (der aus Altersgründen dann wohl etwas gemütliches bevorzugt…) aber gegen Dich würde ich gerne noch antreten wollen. Wie gesagt, nach meiner aktuellen Affäre…

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