Cruising: Mit zwei kleinen Kindern über den Pazifik – Etappe einer Weltumseglung

Fliegender Fisch zum Frühstück

Glück, Familie, Kinder an Bord, Weltumseglung

Das Glück der Kinder an Bord © vixen

Seit elf Jahren segeln die Halabiskys auf einem 34-Fuß-Gaffelkutter um die Welt. Ihr 4.500-Seemeilen-Törn von Costa Rica nach Hawaii machte aus ihren Kindern waschechte Seebären.

Es sei Liebe auf den ersten Blick gewesen, behaupten Tiffany und Bruce Halabisky noch heute, als sie bei einer Holzbootmesse vor 12 Jahren erstmals vor dem 34-Fuß-Gaffelkutter „Vixen“ standen. Das Schiff wurde nach einer erfolgreichen Weltumseglung gerade restauriert. „Wir konnten gar nicht anders – wir wussten, dass dieses Boot ein Wink des Schicksals ist.“

Die beiden verkauften damals ihr eher spärliches Hab’ und Gut, erwarben den Kutter aus dem Jahre 1950 und segelten ihn von Port Townsend im US-Staat Washington nach Victoria/Kanada. Um dort wiederum zwei Jahre auf ihrem Boot zu leben. Sie sparten in dieser Zeit jeden Cent und starteten schließlich 2004 zu ihrer ersten, für das Schiff bereits zweiten Weltumseglung.

Sie schipperten stur westwärts, legten mitunter längere Pausen ein, fuhren nach der Atlantiküberquerung gleich wieder zurück, um Afrika noch ein bisschen näher kennen zu lernen. In Neuseeland blieben sie eineinhalb Jahre, nachdem ihre erste Tochter Solianna dort geboren wurde. Vier Jahre später kam Seffa Jane während eines „Urlaubs“ in Kanada zu Welt. Nach beiden Geburten setzten die Halabiskys so bald wie irgend möglich ihre Reise auf „Vixen“ fort.

Glück, Familie, Kinder an Bord, Weltumseglung

Die Vixen, ein 36 Fuß Gaffelkutter aus Holz, Baujahr 1950 © vixen

Familientörn nach Hawaii

Zu den eindrücklichsten Erlebnissen in all’ den Jahren zählt die Familie ihre Überfahrt von Costa Rica nach Hawaii. 4.500 Seemeilen nonstop auf einem 36-Fuß-Boot ist an sich schon eine echte Herausforderung, mit zwei vier- und achtjährigen Kindern war es jedoch selbst für die erfahrenen Weltreisenden zunächst ein Trip ins Ungewisse, der sich dann als wahrer Glückstörn heraus stellte.

Bruce’ folgender Bericht ist eine Nacherzählung aus diversen Artikeln, Interviews und Information aus seinem Blog. Bruce konzentriert sich dabei auf seine beiden Töchter, über die er „jedes Mal , wenn wir wieder auf hoher See sind, mehr als erstaunt“ ist.

„Mit randvollen Wasser- und Dieseltanks, mit Essen für über 1.000 Dollar an Bord, setzten wir Segel für den großen Sprung rüber nach Hawaii, mitten im endlosen Pazifik. Bei 15 Knoten anhaltender Brise gingen Tiffany und ich rasch in unseren üblichen Bordrhythmus über. Mama geht mit den Mädchen ins Bett und ich habe Wache bis zwei Uhr nachts. Tiffany übernimmt dann bis sieben Uhr. Tagsüber sind wir beide für die Töchter und das Boot da, nehmen aber zwischendurch immer mal wieder eine Mütze voll Schlaf.

Glück, Familie, Kinder an Bord, Weltumseglung

Familienfoto bei einem Heimatbesuch in Kanada © vixen

Wir achteten immer darauf, dass Solianna und Seffa Jane einen soliden Schlaf von ungefähr zehn Stunden haben. Was uns Erwachsene immer wieder faszinierte: Unsere Töchter beschäftigten sich vom ersten Tag der Reise an stundenlang mit sich selbst. Und wenn sie keine Lust mehr aufeinander hatten, spielten sie alleine vor sich hin.

Mit ihren gefühlt fünfzig Puppen und Stofftieren tauchten sie in ihre ureigenen Welten ab, in die wir Erwachsenen meistens keinen Zutritt hatten.

Wenn der Seegang es zuließ, kamen sie mit ihren Puppen an Deck und bezogen, so seltsam sich das jetzt lesen mag, die um unser Boot herum schwimmenden Delphine, Wale und zu Beginn der Reise auch Vögel in ihre Spiele mit ein. Das ging so Tag für Tag, Woche für Woche.

Ungefähr zur Hälfte der Reise fragte ich einmal unsere Jüngste, quasi mitten im Nirgendwo, ob sie jetzt nicht bald mal genug habe und endlich an Land wolle. Sie blickte mich mit großen, fragenden Augen an und machte mir deutlich, dass sie eigentlich gar nicht mehr an Land müsse. Nie wieder. Ich schaute auf ein vierjähriges Mädchen, dass völlig selbstvergessen im Hier und Jetzt lebte. Und nichts anderes zu ihrem Glück brauchte.

Glück, Familie, Kinder an Bord, Weltumseglung

Hausaufgaben in der Bordzwergenschule © vixen

Endlose Weite

Manchmal kam mir die Strecke nach Hawaii auf meiner Überflieger- Karte so unglaublich lang vor, dass ich meine Eintragungen lieber auf der Ost-Pazifik-Karte machte – da sahen die täglichen Etmale einfach spannender aus. Wenn es gut lief, schafften wir 2,5% der Gesamtstrecke an einem Tag. Es war lang, episch lang. Aber nur für Tiffany und mich – die Kids genossen es.

Wir feierten Weihnachten und Neujahr an Bord. Wir feierten ebenso nach einem Drittel der Strecke, nach vier Wochen und hatten eine „nur noch 1.000-Seemeilen-Party“.

Unsere schönsten Abwechslungen waren aber keine Festivitäten, sondern das Leben um uns herum. Wir sahen stundenlang Goldmakrelen bei der Jagd zu, Delphine und Wale begleiteten uns. Morgens lagen mitunter Dutzende toter Fliegender Fisch an Deck. Wenn sie groß genug waren, brieten wir sie zum Frühstück. Solianna fragte einmal: „Wieviele achtjährige Mädchen können schon von sich behaupten, jemals fliegenden Fisch zum Frühstück gegessen zu haben?“

Glück, Familie, Kinder an Bord, Weltumseglung

Ganz die zukünftige Einhand-Hochseeseglerin © vixen

Einmal flog mir bei meiner Nachtwache ein fliegender Fisch mitten ins Gesicht. Als ich das den Mädchen am nächsten Morgen erzählte, kriegten sie sich nicht mehr ein vor Lachen. Was allerdings noch gesteigert wurde, als sie selbst miterlebten, wir mir ein Vogel, der sich mitten auf dem Ozean auf unserem Mast ausruhte, in aller Seelenruhe auf den Kopf schiss.

Wal voraus

Eine andere Begegnung beeindruckte unsere beiden Töchter dann schon eher: Ich sah einen Wal blasen, rief die Mädchen nach oben und bemerkte dann, dass der Riese immer näher kam. Wir erkannten bald, dass es sich um einen mächtigen Pottwal-Bullen handelte, dessen Weg wir jedoch fatal kreuzen würden. Ich änderte etwas hektisch den Kurs, ganz im Gegensatz zu dem Wal, der stur Kurs hielt. So kam es, dass unsere Töchter den größten Wal, den wir auf unserer gesamten Weltumseglung zu Gesicht bekamen, in fünf Metern Entfernung bewundern konnten.

Solianna und Seffa Jane beschäftigten sich auch viel mit meinem Knotenbuch, lernten Makramé und schließlich Freundschaftsbänder zu basteln. Manchmal gab es hausgemachten Gipsy Jazz mit Gitarre, Mandoline und Ukulele in der Plicht…

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Fliegender Fisch zum Frühstück © vixen

Vom Weihnachtsmann gefunden

Die Weihnachtsgeschenke, die uns die beiden Mädchen überreichten, waren hausgemacht: Unmengen Zeichnungen, ein Jahreskalender. Und alle waren dann doch erstaunt, dass uns der Weihnachtsmann mitten auf dem Pazifik gefunden hat, denn eines Weihnachtsmorgens stand plötzlich ein Sack mit Spielzeug an Deck.

Natürlich lasen Tiffany und ich viel aus Büchern vor, erzählten Geschichten und versuchten so den Mädchen Fantasienahrung zu geben. Doch die hatten das eigentlich nicht nötig: Wenn ich schon mal den Faden einer Geschichte verlor, erzählten sie die beiden zu Ende.

Zwischen Panama und Hawaii passierten wir fünf Zeitzonen, die zur Freude der Mädchen immer zelebriert wurden: „Es ist nicht mehr länger 12 Uhr. Hiermit erkläre ich 12 für 11 Uhr!“

Am 40. Tag unserer Reise war der Mauna Kea auf Big Island, Hawaii noch 60 Seemeilen entfernt. Solianna und ich kletterten ins Rigg und suchten den Horizont ab. Zunächst vergeblich. Als wir schon aufgeben wollten, entdeckte sie plötzlich zwischen Wolkenschlieren den schneebedeckten Gipfel des Vulkans mit einem in der Sonne blinkenden Observatorium.

Am nächsten Tag segelten wir in den Hafen von Hilo. Am grünen Ufer konnten wir einen Verkäufer mit Eis und kühlem Bier ausmachen. Seffa Jane war unten in der Kajüte und spielte mit ihren Puppen. „Hey, Seffa, lass’ uns an Land gehen!“ rief ich. Nach einundvierzig Tagen auf See schaute unsere Tochter noch nicht einmal von ihrem Spiel auf und sagte: „That’s ok. Ich denke, ich bleib hier!“

Die „Vixen“ und ihre Crew sind mittlerweile wieder in Kanada angekommen und haben ihre Weltumseglung somit beendet.

„Vixen“-Website mit sehr ausführlichem Blog

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Bereit zum Landgang in der Radio Bay von Hilo © vixen

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Michael Kunst

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