Digger Hamburg: Filmen an Bord. Teil 1: Welche Kamera?

„Know-how gibt’s nicht als Hardware“

GoPro-Klassiker für Segler: Aufnahme aus dem Mast © boden

GoPro-Klassiker für Segler: Aufnahme aus dem Mast © boden

Megapixel, Interlaced, Action-Cams, Wollmilchsäue, Bildausschnitt und Verwackler – Stefan Boden alias Digger ist nicht umsonst Profifilmer und kennt sich entsprechend aus.

„Know-how gibt’s nicht als Hardware“ – ein ziemlich guter Spruch, weil er wahr ist. Ich werde öfter mal gefragt, mit welcher Kamera man gute Filme an Bord dreht. Diese Frage kann aber kein Modell und keine Artikelbezeichnung beantworten. Dazu gehören einige Faktoren. Ich werde hier mal eine kleine Reihe aufmachen, in der ich Tipps und Tricks gebe, wie man seine Törnfilme besser gestalten kann. Da alles aber bei der Hardware – sprich, der Kamera – anfängt, handelt Teil 1 genau von diesem Thema.

Eines vorweg: Megapixel sind keine Lösung. Mittlerweile gibt es wohl kaum Kameras, die nicht in HD aufzeichnen. Aber HD ist nicht gleich HD. Vor allem Billigkameras nehmen niedrige Datenraten auf oder haben eine Bildrate von 15 Bildern pro Sekunde. Deshalb sollte man sich vorm Kauf die Spezifikationen ansehen.

Interlaced oder progressiv

Digger

Stephan Boden auf seiner Varianta 18. Zwei Finger an der Pinne, der perfekte Segeltag. © Digger Hamburg

Auch wenn derzeit viel von 4K die Rede ist (entspricht einer Kino-Auflösung) so ist der derzeitige Stand der Dinge wohl Full HD, sprich 1920×1080 Pixel mit einer Bildrate von 25p (p steht für Progressive-Vollbilder) oder 50i (interlaced – Halbbilder). Kurze Erklärung dazu, ohne zu tief ins Detail zu gehen: Eine Sekunde Film besteht bei uns aus 25 Vollbildern. Oder aus 50 Halbbildern.

Halbbild bedeutet, das pro Bild immer nur die geraden oder ungeraden Zeilen aufgenommen werden. Beide Bilder hintereinander abgespielt ergeben dann ein ganzes Bild. Die wesentlichen Unterschiede zwischen Interlaced und Progressiv sind, dass Vollbilder (p) mehr Bewegungsunschärfen darstellen und bei Halbbildern (i) alles knackescharf abgebildet wird. Vollbilder kommen dem analogen Film näher, sehen also eher aus wie Kinofilme, wogegen Halbbilder dann mehr nach TV und Video aussehen. Diese Zeilen kennt jeder von dem ein oder anderen Youtube Video, bei dem das Bild bei schnellen Bewegungen ausfranst und streifig wird. Aber bevor es zu kompliziert wird, kommen wie nun zu den Kameras:

Digger Hamburg mit Gitarre

Alles eine Frage der Perspektive. © Digger Hamburg

Uuuund… Action!

In den vergangenen Jahren sind die sogenannten ActionsCams auf den Markt vorgedrungen. An erster Stelle sei da die GoPro genannt. Diese kleinen Kameras, meistens wasserdicht verpackt, eignen sich gut dazu, Onboard Aufnahmen zu schiessen. Es gibt verschiedene Halterungen, um sie an Reling, Masttopp, Bugkorb etc. zu befestigen. Die Annahme, das man mit solchen Kameras allerdings die eierlegende Wollmilchsau kauft, ist ein Trugschluss. Um damit einen sehenswerten Törnfilm zu drehen, muss man ziemlich gut sein, viele Akkus haben und auf Details verzichten wollen. Denn die ActionCams filmen in der Regel recht weitwinklig, um möglichst viel Bildinhalt aufzunehmen.

Sie sind lediglich dazu gedacht, einzelne Clips aufzunehmen, um den Starkwindtörn an Deck festzuhalten, bei Regen und überkommenden Wellen trocken zu bleiben und um ungewöhnliche Perspektiven einfangen zu können. Professionell eingesetzt nimmt man sie, um gutes, zusätzliches Schnittmaterial zu bekommen. Nicht mehr, nicht weniger. Sie sollten aber als Zweitkamera gesehen werden, die spektakuläre und ungewöhnliche Bilder liefert.

Was sollte dann nun als Erstkamera dienen?

In den Schaufenstern übertreffen sich die Hersteller von Videokameras oft mit Hologrammaufklebern auf den Gehäusen. Meistens mit hohem Zoomzahlen, Megapixeln und wahnwitzigen Zusatzfunktionen. Dazu werden die Gehäuse immer kleiner und passen in die Hosentasche. Man sollte sich aber überlegen, wofür man die Kamera haben will: zum rumtragen oder zum Filmen? Eine Bauernfilmregel lautet: je größer, desto besser. Kein Witz. Größere Gehäuse verfügen oft auch über manuelle Funktionen, besseres Handling (Gewicht schafft Stabilität) und bessere Optiken. Je größer ein Objektiv ist, desto besser ist in der Regel seine Abbildungsleistung. Es gibt zwar Ausnahmen, aber diese Kameras sind dann recht teuer.

Auch versehen die Hersteller die Consumer-Kameras oft mit immer weniger Knöpfen und verlegen wichtige Funktionen stattdessen in die Menüs. Es ist allerdings fragwürdig, ob man gerne erst 20 mal klicken möchte, um den Fokus auf Manuell umzustellen. Wer allerdings nicht weiss, was eine Blende ist, für den eignen sich diese kleinen Dinger, die einem alles abnehmen. Allen anderen seien möglichst viele manuelle Funktionen als Kaufentscheidung ans Herz gelegt.

Ærøskøbing im Regen

Schöne Aussichten in Ærøskøbing. © Digger Hamburg

Gute Karten?

Eine Rolle sollte auch das Aufnahmemedium spielen. Kameras haben oft interne Festplatten. Oder zeichnen direkt auf optische Datenträger, wie zum Beispiel BluRay auf. Am besten eignen sich aber wohl die üblichen SD Karten. Die sind mittlerweile preiswert und fast jeder Rechner hat mittlerweile ein Lesegerät eingebaut. BluRays sind dann eventuell ratsam, wenn man nichts schneiden will und auch nicht weiß, wie man Filmdaten codiert. In diesem Falle schiebt man die Scheibe einfach in einen Player und schaut sich sein gedrehtes Material an. Um einen guten und sehenswerten Film zu produzieren, muss man dann aber echt gut sein und auf Schnitt drehen.

Ein weiteres Zeichen für eine gute Kamera sind externe Mikrofoneingänge. Kleine Aufsteckmikros kosten nicht mehr die Welt, sind aber meistens um Längen besser als die internen. Vor allem dann, wenn Wind im Spiel ist. Bei externen Mikros hilft oft ein kleiner Puschel, die internen versagen dann meistens kläglich.

Für Fotos oder Filme?

Seit einiger Zeit machen digitale Spiegelreflexkameras (DSLR) und einige Systemkameras ziemlich gute Fotos und Videos. Das kommt dann der eierlegenden Wollmilchsau schon recht nahe. Zumal man bei diesen Mühlen (so nennt man Kameras beim Film) oft verschiedene Objektive einsetzen kann. Und sie zusätzlich sehr lichtstark sind. Sie eignen sich daher hervorragend, um gute Fotos und Filme zu drehen. Es gibt aber einen Pferdefuß, der vor allem Anfängern das Leben schwer macht: die Teile sind in erster

Zu gewinnen. ISTEC Parasail

Fettes Fisheye und schon wird’s rassig © Digger Hamburg

Linie für Fotos gemacht. Daher haben sie vieles nicht an Bord, was das Filmen erleichtert. Zum Beispiel eine Zoomwippe und auch keinen schnellen Autofokus. Zum Zoomen und Fokussieren muss man daher am Objektiv drehen, was oft Verwackler nach sich zieht. Für viele ist das ein Nachteil. Man macht aber damit die besseren Filme, weil man bereits bei der Bedienung so vorgeht, wie das der Profi macht: Bildausschnitt mit dem Zoom wählen, fokussieren, REC Drücken, drehen Rec drücken. Neues Bild einstellen etc. Der Profi zoomt während der Aufnahme eh nie. Außer es macht dramaturgisch Sinn. Dazu komme ich aber noch in einem der nächsten Teile.

Mein klarer Tipp geht also zu den DSLRs und Systemkameras wie zum Beispiel der Panasonic Lumix Gh3 oder die meisten EOS Mühlen von Canon. Die machen hervorragende Fotos und ausgezeichnete Videos. Und man hat viele manuelle Möglichkeiten und Programmautomatiken, auf die ich noch eingehe.

Dennoch bleibt es dabei: die Kamera spielt meistens nur eine untergeordnete Rolle. Sogar mit einem Handy kann man anspruchsvolle Filme drehen und schneiden.

Teil 2: das richtige Zubehör

avatar

Digger Hamburg

Kleiner segeln - größer leben. Filmemacher und Autor Stephan Boden verbringt jeden Sommer auf dem Wasser. Früher auf seiner VA18 "Digger" jetzt auf der Bente24, die er selbst initiiert hat. "Auf See habe ich Zeit, das schärft den Blick für Details." Zu seinem Blog geht es hier
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http://nouveda.com

8 Kommentare zu „Digger Hamburg: Filmen an Bord. Teil 1: Welche Kamera?“

  1. avatar Piet sagt:

    In der Aktuellen “Boote” gibt es eine kleine Auflistung von Action Cams.

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  2. avatar SR-Fan sagt:

    Sehr guter Einstieg.

    Danke

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 5 Daumen runter 0

  3. avatar christian sagt:

    Schön dass es mal einen Artikel zum Filmen an Bord gibt! Ist natürlich ein riesiges Thema das man kaum in einem Artikel abdecken kann, finde den Einstieg aber gut gelungen. Eine wirklich gute Website für weiterführende Informationen zu dem Thema findet man unter http://www.slashcam.de

    Die GH3 halte ich auch für eine gute Empfehlung – allerdings werden Einsteiger die Möglichkeiten dieser Semi-professionellen Kamera kaum nutzen können. Der Preis wird auch viele abschrecken – mit entsprechend zur Kamera angemessenen guten Objektiven ist man schnell bei 3000 €… Deutlich günstiger kommt man da wohl mit der kleinen Schwester, der Panasonic G6 weg – mit teilweise besseren Videofunktionen, gerade für Einsteiger. Für alle die etwas fauler sind und nicht immer auf der Suche nach dem gerade optimalen Objektiv sein möchten, dennoch eine gute Foto- und Videoqualität, und dazu hinein noch eine hohe Lichtstärke und einen guten Zoom haben möchten, sollten sich auch die Sony RX10 mal ansehen – hat in den Tests bei Slashcam und Videoaktiv bombenmäßig abgeschnitten. Sie wird von Slashcam als “Camcrder-Killer” bezeichnet und in der aktuellen Ausgabe der Videoaktiv werden ihr sogar bessere Videoeigentschaften als der GH3 zugesprochen – auch wenn man die Kameras eigtl. nicht miteinander vergleichen kann.

    Gerade bei Einsteigern und an Bord halte ich den Bildstabilisator für ganz wichtig – die tollsten Aufnahmen enttäuschen wenn die Kameraführung einer Reportage aus dem 2. Weltkrieg ähnelt… Diesbezüglich spricht vieles für den klassischen Camcorder – die Bildstabilisatoren bei den DSLRs und Systemkameras sind gegenüber den Camcordern meist deutlich hinten dran… Wenn Ihr also an Bord nicht mit dem Stativ rumhampeln wollt – achtet auf einen guten Bildstabilisator! Im Actioncambereich schneidet hier die von Sony in den Tests ganz gut ab – sie hat als fast einzige Actioncam einen passablen Stabilisator eingebaut…

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    • avatar digger.hamburg sagt:

      Danke. Zur Kameraführung schreibe ich noch was. Mein Stabilisator ist meistens aus. Nichts ist besser als eine ruhig geführte Kamera. Das erkläre ich noch.

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      • avatar christian sagt:

        Da hast Du Recht, der Bildstabilisator bringt natürlich auch wieder gewisse Nachteile mit sich – muss man abwägen was bei Einsteigern vielleicht schwerer wiegt…
        Das 14 – 100er ist Ok, ja, allerdings nicht Spritzwassergeschützt, sollte man gerade beim Einsatz auf dem Wasser vielleicht bedenken… Gibt wie gesagt, gibt sicher viele weitere Aspekte – freue mich auf Deine weiteren Beiträge!

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    • avatar digger.hamburg sagt:

      Na, die Gh3 kostet 1299 Euro inklusive sehr hochwertigem Kit Objektiv 14-140mm. Da hat man beides in einem. Wenn man sich eine ordentliche Fotoknipse und dann noch eine ordentliche Videokamera kauft, ist man beim gleichen Preis, macht aber sicherlich nicht so gute Bilder, sowohl Film als auch Foto.

      Genauso gut ist die Gh2, die gibts mittlerweile gebraucht zu erstehen.;

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  4. avatar christian sagt:

    Noch ein paar interessante direkt-Links für Einsteiger:

    Camcorder: http://www.slashcam.de/artikel/Einfuehrungen/Tipps-und-Hilfe-beim-Camcorder-Kauf.html

    Camcorder / DSLR, Pro & Contra (teilweise aber bereits etwas veraltet, sollte aber einen Eindruck geben):
    http://www.slashcam.de/artikel/Grundlagen/Video-DSLRs-Pro—Contra—die-Uebersicht.html

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  5. avatar Hans von Sonntag sagt:

    Digger, Du hast die BMPCC vergessen ( http://www.blackmagicdesign.com/products/blackmagicpocketcinemacamera ). Sicherlich für den engagierten Videofilmer wie auch Profi die interessantester Neuerscheinung der Zeit am Markt. Hab son Ding und mit etwas Licht geht die als B-Roll Cam für ‘ne Alexa durch. Um die 900 EUR und geeignet mit Adaptor interessante Vintage-Linsen zu nutzen.

    Weil der Sensor nur S16 Größe hat, haste nicht diese Schärfentiefe-Problem der DSLRs. Codec ist ProRes und Gamma gibt’s auch in Log. In der Post wie Alexa Footage.

    Grüße,

    Hans

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