Einfach lossegeln: Brite segelt mit dem Folkeboot einhand über den Atlantik

„Alles machbar!“

Nordisches Folkeboot, Atlantiküberquerung,

Vor den Kapverden: “Lorima” in Warteposition © Sampson boat

Im eigenhändig restaurierten Holzboot von 1947 über den Großen Teich – Segeln (fast) wie zu Pionierzeiten. (B)Logbuch eines Abenteuers  sehr nah am Wasser.

Es sind genau diese Typen, die Blauwassersegeln auf kleinen Booten so spannend machen: Mit extrem wenig Geld, dafür mit reichlich Enthusiasmus und einem unbändigen Willen gesegnet, realisieren sie lässig schon in jungen Jahren mal eben so Projekte, von denen andere ein Leben lang träumen. Um dann doch zu Hause zu bleiben…

Leo Goolden ist so etwas wie ein Träumer. Oder besser: ein träumender Segler. Der heute gerade mal 32-jährige englische Bootsbauer und Holzliebhaber tingelte jahrelang von einem Job zum anderen, die naturgemäß alle mit seinen Lebensinhalten „Meer, Boot, Reisen“ zu tun hatten. Leo arbeitete also auf Werften, überführte Yachten, bummelte durch die Häfen.

Nordisches Folkeboot, Atlantiküberquerung,

Seit jeher seegängig: Die Lorima, 1947 auf Kiel gelegt © sampson boat

Egal wohin, nur weg!

Vor drei Jahren verknallte er sich in die gefälligen Formen eines Nordischen Folkeboots, das bei Falmouth/England an der Mooring hing. Obwohl er damals eine 19-Fuß Glasfiber Sloop restaurierte, ließ Leo buchstäblich alles stehen und liegen, um mit seiner „neuen Liebe“ durchzubrennen: Er kaufte das Folke aus dem Jahre 1947 für 2.500 Pfund, veräußerte seine vorherige „nie enden wollende“ Bootsbaustelle und segelt erstmal gemeinsam mit einem Freund los. Egal wohin, nur weg! Ein paar Tage später kam der Mast von oben…

Als sich der Schock angesichts einiger nun offensichtlicher, zuvor aber versteckten Mängel an seinem Holzschiff gelegt hatte, verholte Leo sein Folkeboot ins Trockendock Gweek Quay am Helford-River, wo er zwischen anderen „Holz-Schätzchen“ mit „ein paar nun aber wirklich notwendigen Reparaturen“ begann.

Um es kurz zu machen: Der Bootsbauer nahm das Schiff vollständig auseinander, baute den Langkieler im Prinzip wieder neu auf, taufte ihn schließlich auf den Namen „Lorima“ – so hieß Leos offenbar außergewöhnliche Großmutter – und segelte nach einem Jahr schließlich doch los. Irgendwohin, Hauptsache Süden.

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Große Wäsche unterwegs. Deutlich erkennbar: Das nicht selbstlenzende Cockpit seines Nordischen Folkebootes hat Leo kurzerhand abgedeckt© sampson boats

Richtig feste Freunde

Er tingelte auf seiner „Lorima“ über Frankreich, Portugal, Marokko bis zu den Kanaren, hatte zwischendurch immer wieder Freunde an Bord, segelte aber auch wochenlang einhand. Auf seinem ausgesprochen unterhaltsam geschriebenen Blog beschreibt Leo übrigens nicht nur seine Erlebnisse „zur See“, sondern auch kurzweilige Landaufenthalte mit Abenteuercharakter.

Leo und „Lorima“ wurden so innerhalb kürzester Zeit zu einem unzertrennlichen Paar. „Wir waren beide erstaunt, wie gut wir uns verstanden und wie locker man es doch auf See haben kann!“ schreibt Leo auf seinem Blog. Und fügt hinzu: „Wenn nicht jetzt, wann dann?“

Womit er seine erste Atlantiküberquerung meinte, die er selbstredend auf „Lorima“ durchführen wollte.

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Letztes Ankerlichten vor dem großen Sprung über den Teich © sampson boats

Von den Kanaren zu den Kapverden war es nur noch „ein Katzensprung“, und nach einiger Zeit zum Überlegen, Erholen, wiederum Überlegen, alles nochmals „Durchkauen“ und erneut Abwägen startete Leo schließlich zum „großen Sprung“ Richtung Karibik.

Auf seinem Blog beschreibt der Folkeboot-Segler herrlich unterhaltsam mit seinem typischen Understatement-Unterton, wie er die Tage auf seinem 7,64 m kurzen Holzboot verbrachte. Und wie einfach doch alles gewesen sei – auf seiner 68-jährigen, wunderschönen „Lorima“.

Wind und Wellen waren “fair”

Einige nacherzählte Auszüge aus seinem (B)Logbuch:

Es ist eine seltsame Sache, so eine erste Atlantiküberquerung. Man ist so weit von allem entfernt: Von einem Steg, an den man sich in aller Ruhe legen kann, von einem Laden zum Einkaufen, von einem Krankenhaus. Und wer dann auch noch einhand segelt, hat keine zweite Meinung, nach der er sich richten kann, keinen, der ihn beim Steuern ablöst, keinen Gesprächs- oder sonstigen Partner.

Dafür war das Wetter von Anfang an „fair“ zu mir, die Winde wehten ziemlich kräftig und das Barometer blieb stabil in der freundlichen Zone.

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Geht doch wieder: Kurz zuvor dachte Sampson noch an die Selbstamputation seines Beines © sampson boats

Ich sah während der ersten Segeltage keine anderen Schiffe und entspannte mich relativ schnell, stellte schließlich den Wecker gar nicht mehr, gönnte mir richtig lange Schlafphasen. Gleichzeitig veränderte sich mein „Gefühl für das Boot und das Meer“: Mein Unterbewusstsein registrierte die kleinste Veränderung am Wellenschlag gegen den Klinker-Rumpf, machte mich auf jede Kursänderung, jedes suboptimal getrimmte Segel aufmerksam.

Ich aß in den ersten Tagen Unmengen Obst und Gemüse, bevor dasselbe in der Bilge verrotten würde. Nach vier Tagen auf See fuhr ich durch so dichte Seegras-Teppiche, dass meine Windfahnen-Selbststeuer-Anlage im Viertelstunden-Rhythmus ausfiel und das Boot unvermittelt aus dem Ruder lief. Ich verbrachte Stunden über das Heck gebeugt, um die Pflanzen vom Windfahnen-Ruder abzustreifen – vergeblich.

Irgendwann hatte ich zuviel Angst um das gute Stück und baute den Windpiloten ab, um fortan erstmal nur mit Gummibändern an der Pinne das Boot auf Kurs zu halten. „Lorima“ fand’s gut und segelte wie auf Schienen… und ich hatte wieder mehr Muße zum Horizont-Anstarren, Sonnenauf- und untergänge bewundern, Delfine begrüßen, essen, trinken, vor mich hinmurmeln.

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Unterwegs gab’s nur vom Feinsten – wenn es der Seegang zuließ © sampson boats

Träume von der Selbstamputation

Es war eine seltsam intensive Zeit: permanent mit mir selbst beschäftigt, hatte ich bald das Gefühl, auf eine positive Art verrückt zu werden.

Hinzu kam eine echte Sorge: durch einen unbeachteten Schnitt oder eine andere kleine Wunde hatte sich mein Knie entzündet und schwoll immer mehr an. Ich wurde immer unbeweglicher und halluzinierte schon von der Selbstamputation meines Beines auf hoher See.

Aber mit Medikamenten bekam ich die Entzündung tatsächlich wieder unter Kontrolle und segelte nur „einhand“ und nicht auch „einbein“ weiter…

Nach zehn Tagen begannen mich die Bewegungen des Bootes wahnsinnig zu machen. Der Wind war mir zwar fast die ganze Zeit auf See freundlich gesonnen, meinte es aber manchmal etwas zu gut mit mir. Wenn dann auch noch die Wellen in dem irrwitzigen Spiel mitmischen wollen, kann es ziemlich ungemütlich werden auf so einer Nussschale mitten im Ozean. Eine Tasse Tee kann da rasch zum Abenteuer werden, eine kleine Mahlzeit zur Herausforderung. Ganz zu schweigen davon, dass man seinen eigenen Körper nicht mehr wiedererkennt: Alles war voll blauer Flecken, Schwellungen, Beulen.

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Halbe-Strecke-Bart: Leo mitten auf dem Atlantik © sampson boats

Wie haben wir das nur geschafft?

Auch das Schlafen unter Deck wird bei hohem Seegang ziemlich ungemütlich. Jede höhere Welle, jedes lautere Geräusch „draußen“ jagt dich zurück an Deck um zu überprüfen, ob das Boot einen Schaden genommen hat. Eine Angst, die langsam aber sicher an deinem Nervenkostüm nagt.

Doch bei ruhigerem Wetter liebte ich die Nächte besonders. Unter diesem unglaublichen Sternenhimmel mitten im Nirgendwo dahin zu segeln ist ein Erlebnis, das man nie, nie wieder vergisst. Das ist genau die Freiheit, von der ich bisher nur eine Ahnung hatte und die ich jetzt episch lange erleben durfte.

Nach 20 Tagen fand ich schließlich Martinique irgendwo da draußen im Dunkeln. Die Sonne ging ein paar Stunden später auf, es roch modrig von der Insel herüber und das Grün kam mir völlig surreal vor: Alles sah wie eine Fälschung aus, wie eine Theaterkulisse.

Als schließlich „Lorimas“ Anker fiel und ich mit filzigen Haaren, salzverkrusteter und sonnenverbrannter Haut an Land stolperte, konnte ich es immer noch nicht fassen. Wie haben „Lorema“ und ich das nur geschafft? Weil alles machbar war, antwortete ich mir selbst!

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Nichts wie weg: Mit dem Folkeboot über den Atlantik © sampson boats

Ich wankte ins nächste Fastfood-Restaurant, weil ich dort auf kostenlosen Internet-Zugang hoffte und meine Eltern und Freunde gleich mal erfahren sollten, dass ich meine Atlantiküberquerung zufriedenstellend beendet hatte. Die Air Condition kühlte die Luft auf frostige Temperaturen und mitten in den ersten E-Mails musste ich laut auflachen: Da war ich Tausende Seemeilen über den Atlantik ins vermeintlich „heiße“ karibische Paradies gesegelt und friere mir hier bei MacDonalds einen ab! Geht’s noch?“

Leo hat mittlerweile sein Folkeboot in der Karibik „zur Erholung“ an Land gebracht und überführte als Skipper mit wechselnder „wilder Crew“ den Klassiker „Sincerity“ (97-Fuß Baglietto-Ketsch, Italien 1928) von der Karibik über die Atlantik-Nordroute inklusive Grönland zurück ins Mittelmeer.

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2007 sind zwei Briten im Rahmen der ARC über den Teich gesegelt. Hier das Interview zu ihren Erfahrungen bei FolkeNews

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier
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