Reportage. Mit dem Stahlschoner “Pagan” im Eis unterwegs

Eisiger Törn in die Welt der Stille

Vor uns liegt der Strand. Lang und gewunden, bedeckt mit Kieseln, Felsbrocken und schwarzer  Asche, dazwischen Sand. Blumen stehen vereinzelt in den Felsnischen am Ufer. Gestrandete Eisbrocken bedecken den Boden, wie die Muscheln an heimischen Stränden.

Donnern und Grollen schallt vom nahen Blomstrandbreen herüber, der gerade an seiner Gletscherfront Tonnen von Eis in die Tiefe befördert. Danach ist es wieder unendlich still, bis die Flutwelle des Gletscherkalbens rauschend im Kiesstrand ausläuft und daran erinnert, dass Minuten vorher der Gletscher seine tödliche Last ins Meer befördert hat.

Die Bucht ist bedeckt mit Eisschollen aller Größen, Formen und Farben. Mal flach, mal rund oder unglaubliche Fantasiegebilde, die ineinander verkeilt, oder elegant vereinsamt auf dem milchig, grauen Wasser treiben.

Wir sind herabgestiegen von den Moränenhängen der umliegenden Berge. Voll tiefer Eindrücke und Erlebnisse, die solch ein Tag in der menschenleeren Einsamkeit der Bergwelt des Kongsfjorden in Westspitzbergen nur bieten kann.

Eine Pelzrobbe taucht auf, streckt ihren Kopf aus dem Wasser, als wir langsam den Strand entlang zu unserem Schlauchboot schlendern. Durch Aufrichten und Herausrobben aus dem Wasser versucht sie, eine der zahlreichen Eisschollen in ihren Besitz zu nehmen.

Es bedarf mehrerer Versuche. Sie Schwimmt und taucht um die Scholle, bis sie mit ein paar plump wirkenden Bewegungen endlich auf ihr eisiges Ruhebett gelangt. Im diffusen Licht des sonnig, grauen, arktischen Sommertages döst sie vor sich hin.

Das Navigieren zwischen den Eisfeldern erfordert viel Erfahrung. © R. Schmitz

Kein Windhauch kräuselt das Wasser als wir mit dem Zodiak zurück zu unserem vor Anker liegenden Schiff paddeln. Vorsichtig nähern wir die Robbe auf der Scholle. Bei jedem Paddelschlag darauf bedacht, das Tier in seiner Ruhe nicht zu stören.

Es ist eine Schönheit. Mit makellosem, grauschwarzem Pelz und blondbraunem Schnauzbart. Die Ohren sind schwarzweiß umrandet. Keine Wunden oder Verletzungen deuten auf verlorene Macht- oder Revierkämpfe. Sie sieht uns aus ein paar Metern Entfernung mit ihren kreisrunden, schwarzbraunen Augen an. Der Gesichtsausdruck ist sympathisch und liebevoll.

Wir wollen Sie nicht erschrecken, wissen, daß wir die Eindringlinge sind in ihrer Welt. Genauso langsam, wie wir gekommen sind, ziehen wir uns zurück. Was bleibt, ist die Dankbarkeit, einen kurzen Moment an ihrem Leben teilgenommen zu haben.

Ein traumhafter Segeltag im Smeerenburgfjorden liegt hinter uns, als wir in die Holmiabukta einlaufen. Den Besuch der Virgohamna haben wir uns für die Rückreise aufgehoben. Hier ließen sich im 16ten Jahrhundert holländische Walfänger nieder, und von hier starteten mehrere zum Teil tragisch verlaufende Versuche, den Nordpol mit einem Gasballon oder Luftschiff zu erreichen.

Ein Kreuzfahrer, mit einigen hundert Menschen an Bord, ankert bereits dort. Durch das Fernglas kann man erkennen, was an diesem historischen Platz vergangener Polargeschichte los sein muß. Das tue ich mir und meiner Crew nicht an. Diesen Platz muß man in aller Stille und alleine erleben, oder ganz darauf verzichten.

Die Holmiabukta, ein Traumplatz im Norden von Svalbard, hat er sich sehr verändert seit unserem letzten Besuch. Er ist angefüllt mit Eis und Vogelleben. Wir bahnen uns langsam einen Weg durch die Eisschollen auf dem Eiderenten und Gryllteiste sitzen.

An dem alten Ankerplatz ist ein erneutes Ankern nicht möglich. Zuviel Eis staut sich hier. Die Windstille erzeugt glattes Wasser, in dem sich die Konturen der Berge und der Eisschollen spiegeln. Spuren zahlreicher Eisbären am schmalen Ufersaum, deuten auf einen regen Besuch der größten noch lebenden Landraubtiere der Erde hin. Gesehen haben wir bis heute keine. Die Stille und Beschaulichkeit dieses Platzes läßt uns noch lange an Deck stehen. Wir sind alleine hier oben. Wie sollte es auch anders sein.

Die Nacht, bei der die Sonne hoch oben am Himmel steht, beschert uns begnadete Stille und Ruhe. Solch einen Ankerplatz, ist ein Geschenk. Ohne sensibel auf Geräusche zu achten, schläft man einfach besser. Früh schon verlassen wir den Platz, denn die Mushamna im Woodfjord, in der Prof. Trinks über die Jahrtausendwende mit seiner Yacht und eingefroren im Eis überwintert hat, ist unser Ziel.

Schnell bleiben die Inseln Amsterdamöya und Norsköyane dank eines guten Windes und der beachtlichen Strömungen, die zwischen den Felseninseln herrschen, achteraus. Unter Spinnaker nehmen wir Kurs auf Moffen, dieser unter Naturschutz stehenden Walrossinsel, die 15 Meilen nördlich der Ansteuerung zum Woodfjord liegt.

Eine Eisbarriere taucht vor uns am Horizont auf. Beim Betrachten durch das Fernglas erscheinen die Eismassen unpassierbar. Wir bergen den Spinnaker, doch beim Näherkommen entpuppt sich die Eismauer als überschaubares Treibeis mit genügend freiem Wasser, um unter Segel hindurch zu manövrieren.

Das Knistern des Eises und der eisige Hauch, der uns aus dem Treibeis entgegen schlägt, macht den Ausflug zu einem polaren Abenteuer. Die bisher erträglichen Temperaturen von 8 Grad sinken schlagartig. Die Wassertemperatur fällt auf minus 2,0 Grad. Man wird das Gefühl nicht los, in ein offenstehendes  Gefrierhaus zu segeln.

Trotz der Kälte stehen wir alle an Deck, fasziniert, begeistert, schweigend. Ich mache das Beiboot klar. Will das Schiff unter Segel im Treibeis fotografieren. Axel übernimmt die Schiffsführung und mit einem guten Gewissen schaue ich dem Schiff zu, wie es langsam unter vollen Segeln dicht an den Treibeisschollen vorbei segelt.

Mit enormem Druck schießt Wasser aus einem Spalt in einer Eisscholle, wenn eine See heranrollt. Zischen und fauchen, energiegeladenes, knackendes, berstendes Eis. Ein lebendes und doch gefrorenes Meer. Beklemmung macht sich keine breit. Nur Freude und unendliche Begeisterung für den Augenblick.

Es wird kalt. Wind, Wasser und Salz geben ihr bestes dazu. Ich rudere zurück in eisfreies Wasser und werde von der Crew wieder an Bord genommen. Wir segeln weiter, bahnen uns einen Weg durch ein immer dichter werdendes Treibeisfeld. Gott sei Dank ist der Rumpf der Yacht aus dickem Stahl.

80 Grad 02,2 Nord steht auf dem GPS als wir unsere nördlichste Position erreichen. Ein komisches Gefühl überkommt einen. Alle Landmassen liegen im Süden und voraus sind es nur noch 600 Meilen bis zum Nordpol.

Christoph erspäht ein Walross. Immer näher gelingt uns die Annäherung, bis der Bug den Schollenrand berührt. Eine unglaubliche schwarz, grau, brauen Masse liegt regungslos auf dem Eis. Schlafend, nur ab und zu mal prustend und entsetzlich stinkend.

Langsam realisiert das Walross uns als Eindringlinge, hebt mehr gelangweilt als neugierig den Kopf mit seinen beeindruckenden Stoßzähnen und legt sich genüsslich prustend wieder hin. Danach beäugt es uns nicht mehr aus seinen runden, trüben Augen, versteckt in einer unglaublich dicken Speck- und Fettmasse. Die Nähe zu diesem Tier hat etwas Beeindruckendes.

Wir segeln weiter Richtung Moffen. Der Packeisgürtel entläßt uns genauso überraschend, wie er uns eingeschlossen hat. Moffen, ein Atoll auf 80 Grad Nord, auf der im Sommer zahlreiche Walrösser leben, liegt im freien Wasser vor uns. Deutlich auszumachen ist die feuerrote Holzbake, die an ihrer Südspitze steht.

Aber auch ohne sie ist dieses Eiland unverkennbar und selbst im pottendicken Nebel leicht auszumachen. Ein unglaublicher Gestank schlägt einem schon aus fast einer Meile Entfernung entgegen, während man sich der Insel nähert. Wir bergen alle Segel, lassen uns einfach treiben und genießen den Augenblick, die Walrösser und den entsetzlichen Gestank.

Fünf Walrösser tauchen direkt vor uns am Bug auf. Sie tauchen, prusten und blubbern. Zum Greifen nahe spielen und tollen sie miteinander im kalten, klaren Eiswasser. Die unförmige Masse wirkt im Wasser überhaupt nicht plump. Erstaunlich, wie vorsichtig sie mit ihren gewaltigen Stoßzähnen umgehen. Fast liebevoll spielen sie miteinander.

Fortsetzung im zweiten Teil


Infos zu den Pagan Törns

Reinhard Schmitz schreibt auf seiner Website über sein Unternehmen:

“Aus dem Gedanken heraus, Bergsteigen und Segeln miteinander zu kombinieren, ist das Unternehmen PaganExpeditionen entstanden. Ursprünglich als Reise um die Erde geplant, haben wir leider die Rechnung ohne die Arktis gemacht. 2001 führte uns unsere Reise das erste Mal in arktische Gewässer. Die Schönheit und Klarheit des Eises, die Faszination des Lichtes, die Ästhetik der arktischen Landschaft nimmt uns so in ihren Bann, dass wir ihr auch die nächsten Jahre treu bleiben werden.”

Spenden
http://blueocean.berlin/magicmarine-team-werden/

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