Eissegeln: Winter-Cruising-Yacht mit Kajüte – Wochen-Törn bei minus 20 Grad

Fahrten-"Yacht" auf Kufen

Eissegeln, Eisyacht, Kajüte

Gemütlich wirkende Eiskajütyacht © Löfberg

Es gibt sie in vielen Größen und Formen, doch dass Eis-Yachten auch in der Kajütversion segeln, ist neu. Oder doch nicht? 

Es liegt in der Natur der Sache, dass in den letzten Jahren fast nur noch von DN-Eisseglern berichtet wurde. Sie sind nun mal die aktivste Klasse auf dem (leider viel zu häufig schwindenden) Eis und faszinieren mit irren Geschwindigkeiten, beeindruckenden Regattafeldern und der größten Verbreitung in den winterlich kalten Regionen unseres Planeten. 

Viele DN-Segler engagieren sich allerdings nicht „nur“ in ihrer Klasse, sondern begeistern sich auch für alle Randerscheinungen ihres Sports und dokumentieren diese in inhaltlich gut aufbereiteten Blogs. 

Bei minus 20 Grad auf Törn

So hatte der finnische DN-Segler Mats Löfberg aus Jakobstad kürzlich beim Eissegeln eine Begegnung der „Dritten Art“, die er sogleich fotografisch festhielt. In seinem Heimatrevier am Bottnischen Meerbusen begegnete Löfberg einem jungen Paar, das mit einem Kajüt-Eissegler unterwegs war – und das schon seit mehreren Tagen.

Die Eiskajütyacht bietet Liegeplatz für zwei, eine kleine Kombüse und vor allem die notwendige Isolierung gegen nächtliche Kälte. Die beiden bezeichneten ihre Eisyacht als „ideales Gefährt“ für Wintertörns. Ihre Yacht sei so konstruiert, dass sie in Eislöchern, in die man beim Eissegeln bekanntlich schlittern kann, aufschwimmt. Was sich außerdem bei größeren eisfreien Passagen als ausgesprochen praktisch erwiesen habe.

Eissegeln, Eisyacht, Kajüte

Bei leichteren Winden wird sie kurz angeschoben… und ab geht’s zum Törn auf Eis © Löfberg

Eine derartige Eiskajütyacht hat selbst informierte Eissegler wie Löfberg erstaunt. Aber Eissegeln mit zumindest im Ansatz bewohnbaren Booten ist vor allem in der ferneren Vergangenheit eine winterliche Fortbewegungsart gewesen, die einerseits zur Fortsetzung täglicher Arbeit aber auch für den coolen Müßiggang gedacht war. Allerdings hat dabei auch die faszinierende Geschwindigkeit auf Kufen immer ihre Rolle gespielt. 

So waren die frühen Eissegler, wie sie etwa von holländischen Malern Ende 16. und Anfang 17. Jahrhunderts während der „Kleinen Eiszeit“ dokumentiert wurden, klassische Lastensegelboote. Ihnen wurden Kufen unter die Planken montiert, damit sie ihre Aufgaben auch im Winter erfüllen konnten. Schon damals hat es Arbeitsfahrten auf dem Eis gegeben, die so lange dauerten, dass die Eisskipper auf ihren Booten schliefen – ganz wie im Sommer.

Lasten-Eissegler und Dandy-Schlitten

Das gilt ebenso für die ersten Segelyachten des niederländischen und skandinavischen Großbürgertums, die mitunter im Winter auf Eis eingesetzt wurden. Das eine oder andere gemütliche Wochenende hat man in den Kajüten dieser Eisyachten, bestückt mit einem Ofen, wohl verbracht. Es ist allerdings nicht festgehalten, ob sie auf dem gefrorenen Nass tatsächlich viel bewegt wurden, oder ob es sich nur um einen mondänen Winter-Zeitvertreib handelte. 

Adriaen_Pietersz malte so den Winter 1614 © wikipedia

Die Zeit der echten, meist großen Eisyachten brach sowieso erst Mitte des 19. Jahrhunderts auf der anderen Seite des Atlantiks an, als betuchte Amerikaner sich für ihr winterliches Amusement keine Lasten- sondern Lustsegler fürs Eis bauen ließen. Diese zu Beginn noch wirklich großen Eisyachten sollen teilweise Schlupfkajüten gehabt haben, die jedoch wohl eher zum Verstauen von Materialien, als zum Übernachten dienten. 

Die späteren teils riesig anmutenden, faszinierend schnellen Eisyachten waren in erster Linie Spielzeuge für die Ostküsten-Dandys. 1850 gründeten sie den ersten Eissegelclub der Welt am Hudson River und rasten mit ihren Schlittenmonstern mangels geeigneter Konkurrenz auf dem Eis mit Zügen parallel zum Ufer um die Wette. 

Die „Deuce“, eine der größten Eisyachten aller Zeiten, segelt heute noch (SR-Bericht) mit über 160 km/h über das „Black Ice“. 

Weil’s so cool war: Das beste “Deuce”-Video aller Zeiten. Auch, weil endlich die Musik bei einem Segelvideo stimmt!

Doch vielleicht kommt ja mit Menschen wie dem finnischen Paar und ihrem Eiskajütsegler auf dem Bottnischen Meerbusen nun eine neue Generation Segler aufs Eis? Allerdings schwindet dasselbe immer mehr und derzeit kündigt sich alles andere als eine neue Eiszeit an. 

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Michael Kunst

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