Extremsegeln: Das große Warten auf eisfreie Zonen in der Nordwest-Passage

+++ Stau vor der Eis-Passage +++

Von wegen locker durchsegeln – die Nordwest-Passage ist vielleicht das letzte Abenteuer unter Segeln © goose

Von wegen locker durchsegeln – die Nordwest-Passage ist vielleicht das letzte Abenteuer unter Segeln © goose

Derzeit versuchen Dutzende Yachten den amerikanischen Kontinent nördlich zu umfahren – von Ost nach West und umgekehrt. Das vielleicht letzte große Abenteuer unter Segeln.

Jährlich segeln Hunderte Yachten um die Welt, Tausende überqueren die großen Ozeane; einhand auf 3,30-Meter-Einrumpf-Nussschalen genauso wie im Team auf 120-Fuß–Trimaran-Monstern. Das große Abenteuer in den (vermeintlich) unendlichen Weiten unserer Meere lockt wie nie zuvor.

Familien tingeln jahrelang von Bucht zu Bucht, Sabbatical-Aussteiger suchen das Paradies in der Südsee, Tollkühne segeln ohne Motor entlang der ostafrikanischen Küste hinauf ins Rote Meer. Und (zumeist selbsternannte) Abenteurer sind auf die letzten Kicks aus, die unsere Meere ihnen noch bieten können.

Das ultimative Abenteuer?

Einer dieser ganz speziellen, abenteuerlichen Törns unter Segeln, die zumeist den Charakter moderner Expeditionen haben, ist die Fahrt durch die Nordwest-Passage.

Die skurillsten Schiffe sind in der Nordwest-Passage unterwegs. Aber hier zählt nur eines: Robustes Wesen © solanus

Die skurillsten Schiffe sind in der Nordwest-Passage unterwegs. Aber hier zählt nur eines: Robustes Wesen © solanus

Die gilt als „der letzte weiße Flecken“ für segelnde Abenteurer, eine der Herausforderungen, die bisher nur von sehr wenigen Seglern geschafft wurden.

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Entsprechend tummelten sich beispielsweise im letzten Jahr reichlich Abenteuerlustige vor und auf dem wohl am seltensten befahrenen Seeweg der Welt: 35 Yachten wurden gezählt, 20 Ruderer und Kayakfahrer, doch lediglich der Schweizer (!) Philipp Cottier schaffte mit seinem Katamaran „Libellule“ (Libelle 😉 ) die Passage. Die anderen drehten um oder überwinterten in den wenigen Häfen auf halber Strecke, um dieses Jahr ihr Abenteuer fortzusetzen.

Mehr Eis durch Klimawandel!

"Festina lente" vor Anker im "leichten Eis", das sich schnell verdichten kann © lente

“Festina lente” vor Anker im “leichten Eis”, das sich schnell verdichten kann © lente

Alle hofften darauf, dass mit dem allerorts diskutierten Klimawandel die Passage verlässlich eisfrei sein würde, zumindest in den beiden Monaten August und September. Doch die Abenteurer hatten die Rechnung ohne Mutter Natur gemacht.

Denn obwohl der Klimawandel tatsächlich große Eismengen der Arktis abschmilzt, heißt das noch lange nicht, dass die Passage eisfrei ist. Cottier berichtete auf seinem Blog, dass er mit Inuit gesprochen habe die behaupteten, schon seit mehr als 30 Jahren habe es nicht mehr so viel Eis gegeben wie in 2013.

Ständig Ausschau halten, ständig auf der Hut sein © cornell

Ständig Ausschau halten, ständig auf der Hut sein © cornell

Die eher lockeren Eisschichten treiben, vom Wind angetrieben, schneller auf dem Wasser… und verdichten sich an Engstellen in gefährlich hohem Tempo.

Das kann dann schon mal innerhalb Stunden zu einer Falle werden, aus der sich weder Schiffe, geschweige denn Yachten, ohne Hilfe von Eisbrechern selbst befreien können.

Auf Hilfe von außen sollte man sich allerdings besser nicht verlassen: Die kanadische Regierung hat ein ausgesprochen dünnes Hilfe-Netze in ihren nördlichen Territorien ausgebaut, mitunter müssen die Rettungsteams Tausende von Kilometer anfliegen.

Die Russen haben auf der anderen Seite zwar mehr als ein Dutzend gut ausgebauter Häfen, können aber mit ihren wenigen Eisbrechern auch nicht überall zum Einsatz kommen.

So berichtete die kanadische Küstenwache im letzten Jahr von skurillen Rettungsszenen: Eine Touristengruppe, die auf einer Eisscholle im geheizten Zelt picknickte, musste gerettet werden, nachdem die Scholle abgetrieben war. Eine TV-Crew wollte die Passage auf Jetski schaffen… und saß nach wenigen Tagen hoffnungslos im Eis fest.

Fünf Yachten mussten aus „Eisnot“ befreit werden.

 Viele Versuche, nur wenige Erfolgreiche

Geduldiges Warten auf Beute, die vorbei segelt © cornell

Geduldiges Warten auf Beute, die vorbei segelt © cornell

In diesem arktischen Sommer wollen es nach Schätzungen der kanadischen Behörden etwa 25 Yachten versuchen, durch die Nordwest-Passage zu gelangen. Außerdem haben sich fünf Ruderer und Kayakfahrer auf den eisigen Weg gemacht, darunter Anne Queméré, die bereits auf dem Ruderboot und auf dem Kiteboard Atlantik und Pazifik bezwungen hat.

Doch auch die Segler haben bekannte Namen unter ihren Aspiranten. So hangelt sich derzeit Jimmy Cornell auf seiner nagelneuen „Aventura“ (eine Garcia 45 aus Aluminium) von Ost nach West, wenn auch noch in sehr kurzen Etappen.

Weitere Schiffe sind eher Insidern bekannt, starten alle von einem der wenigen Häfen im Westen Grönlands aus, wie etwa „Nuuk“: Die „Manevai“, vor 30 Jahren in der gleichen Werft gebaut wie die Aventura, die „Catryn“, eine Island Packet 43, die „Festina lente“ (Discovery 55), „Nordlys“ (Swan 47), „Novara“ (Bestavaer 60), Suiven (Oyster 57).

Von West nach Ost ist kürzlich die „Celeste“ gestartet.

Vier Yachten setzen ihre im letzten Herbst unterbrochene Reise in diesem Sommer fort: „Empiricus“ von West nach Ost, „Gitana“ (USA) von Ost nach West – beide Schiffe überwinterten in der „Cambridge Bay“. Zudem die französische „Mango“, ein Schlepper (!) unter Segeln.

Alles hängt, mal wieder, vom Wetter ab

Okay, mit einem Schlepper utner Segeln sollte man durchkommen, zumindest weiter als herkömmliche Yachten © mango

Okay, mit einem Schlepper unter Segeln sollte man durchkommen, zumindest weiter als herkömmliche Yachten © mango

Alle Boote und ihre Crews haben äußerst schwierige Wochen vor sich. Die Wettersituation (und somit die Eisstärke, siehe oben) ändert sich naturgemäß täglich, Vorhersagen mittels Satellitenbilder sind nur bedingt möglich. Entsprechend müssen sich die Boote langsam auf ihrem Weg „vortasten“.

„Neulich sind wir in einer völlig eisfreien Bucht bei strahlendem Sonnenschein nachmittags vor Anker gegangen und um Mitternacht mussten wir schon wieder weiter segeln, weil die Eisschicht um uns herum immer dicker wurde,“ berichtet Cornell auf seinem Blog.

Ankern vor Gletscherzungen © goose

Ankern vor Gletscherzungen © goose

Ähnliches erleben die anderen im Stundentakt: Eisberge, die auf sie zudriften, Eisbären, die am Ufer geduldig auf ihre Beute warten oder auf Eisschollen vorbei treiben, Wale, die direkt neben den Schiffen blasen und plötzlich aufkommende Stürme, die aus einer beschaulichen, offenen Wasserfläche einen Hexenkessel machen. Ein Paradies für Abenteurer?

Nur nicht auf Rettung verlassen

Schätzungsweise bis Ende September sollten alle ihren Weg durch die Nordwest-Passage gemacht haben, danach sinken die Chancen auf eisfreie Flächen gen Null.

Die kanadischen Behörden haben jedenfalls schon mal angekündigt, dass sie ihre Rettungsmöglichkeiten im hohen Norden – entgegen anders lautender Pressemeldungen – keineswegs ausgebaut hätten. Wer also im Packeis festsitzen wird, kann sich keineswegs auf Rettung verlassen.

Anders formuliert: Spätestens dann fängt das wahre Abenteuer an.

Mögliche Routen innerhalb der Nordwest-Passage © google

Mögliche Routen innerhalb der Nordwest-Passage © google

Die Geschichte der Nordwest-Passage

Bekanntlich gelang Roald Amundsen in den Jahren 1903 bis 1906 die erste Durchfahrt der Passage in der Ost-West-Richtung, nachdem vor ihm viele Expeditionen tragisch gescheitert waren, darunter die Franklin-Expedition, bei der alle 134 Besatzungsmitglieder ums Leben kamen.

Die erste Durchquerung in der West-Ost-Richtung gelang erst 1940-42 auf einem Schoner.

Nachdem 1969 ein zum Eisbrecher umgebauter Tanker erstmals die Passage schaffte, 1985 ein Kreuzfahrtschiff für den Tourismus den Weg öffnete (die Route danach aber nie mehr mit Passagieren befahren wurde), fuhr erst im September 2008 ein Handelsschiff  – die Camilla Desgagnés, gebaut bei der Kröger Werft in Rendsburg – wieder von Ost nach West die Route.

Arved Fuchs segelte bereits 1993 auf seinem Expeditionsschiff „Dagmar Aaen“ die Nordwestpassage von Ost nach West und 2003/2004 vom Pazifik in den Atlantik.

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Michael Kunst

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