Extremsegeln: Gelähmt um die Welt – der Brite Geoff Holt strotzt vor Willen und Kraft

Im Rollstuhl über die Weltmeere

Weltumseglung, behindert, Trimaran

Der gelähmte Segler Geoff Holt – Member of the Order of the British Empire © Holt

Geoff Holt segelte 2009/10 rund 2.700 Seemeilen alleine über den Atlantik. Jetzt will er in 12 Etappen in Begleitung von zwei Pflegern auf einem Trimaran um die Welt.

Dieser Geoff Holt ist alles andere als ein Spinner. Im Gegenteil, er gilt etwa unter paralympischen Seglern als ein Mann mit besonders ausgeprägter Willenskraft und einem Durchhaltewillen, der seinesgleichen sucht. Seine bisherigen seglerischen Leistungen würden so manchem gesunden Fahrtenskipper alle Ehre machen. Und erst recht einem Mann, der seit seinem Schwimmunfall als 18-Jähriger unter Tetraplegie leidet.

Diese besondere Form der Querschnittlähmung betrifft alle vier Gliedmaßen (mehr oder weniger ausgeprägt) und macht in nahezu allen Fällen des alltäglichen Lebens eine Hilfestellung durch Pflegepersonal erforderlich. Vor seinem Unfall hatte der junge Geoff Holt übrigens bereits zwei Mal den Atlantik segelnd überquert.

Gelähmt und dennoch Einhandsegler

Dennoch „spezialisierte“ sich Geoff Holt zunächst als Einhandsegler. 2007 segelte er auf einer 15-Fuß-Trimaran-Jolle namens „Freethinker“ mehr als 1.500 Seemeilen rund England. Darüber und über sein bisheriges Leben schrieb er eine Autobiografie (Walking on Water), die monatelang in den britischen Bestsellerlisten stand.

Weltumseglung, behindert, Trimaran

Holt nach seiner Atlantiküberquerung © Holt

Zwei Jahre später setzte er schließlich auf seinem Katamaran „Impossible Dream“ Segel und überquerte als erster Querschnittgelähmter, der an einen Rollstuhl gefesselt ist, ohne jegliche Hilfestellung den Atlantik. Diese 2.700 Seemeilen völlig alleine über den „Großen Teich“ gelten in Großbritannien bis heute als eine der größten seemännischen Leistungen, die jemals ein Brite erreicht hat. Prompt wurde er nach seiner Rückkehr „Member of the Order of the British Empire“ und „Yachtsman of the Year“.

Die beiden britischen Segelikonen Dame MacArthur und Sir Robin Knox-Johnston bescheinigten dem querschnittgelähmten Segler zudem „durchweg herausragende Leistungen“.

Kurz darauf gründete Geoff Holt den gemeinnützigen Verein „WetWheels“, der vor allem Behinderten, die an Rollstühle gefesselt sind, in einem Motorboot Exkursionen auf dem Meer ermöglicht.

Sucht nach Meer

Nun hätte es Geoff Holt dabei belassen können. Seine zahlreichen Vorträge, nicht zuletzt auch über seine Abenteuer unter Segeln, sind hervorragend gebucht, er ist gern gesehener Gast in britischen Talkshows und überhaupt funktioniert sein „Business“ rund um seine Person und seinen Verein ganz offensichtlich bestens.

Weltumseglung, behindert, Trimaran

Druck in der Luft bei seiner UK-Umrundung © holt

Doch Holt leidet seit seinem Transat an einer ganz besonderen „Krankheit“: Die Sucht nach Meer.

Also nahm er sich einen Klassiker vor, an den sich jährlich Tausende wagen, der aber für einen Querschnittgelähmten eine schier unüberwindbare Herausforderung darstellt: Die Weltumseglung.

In zwölf Etappen will Holt auf einem Trimaran rund um den Globus rasen. Der Start soll im Oktober 2017 erfolgen und Holt wäre nicht Holt, wenn er aus der 27.000 Seemeilen langen Reise lediglich einen Egotrip machen würde. Er versteht sich vielmehr als Botschafter für alle Schwerbehinderten, denen der Zugang zum Meer verwehrt bleibt. Und das sind die meisten.

„Mehr als 15 Prozent der Weltbevölkerung haben Behinderungen,“ argumentierte Holt kürzlich im Gespräch mit lokalen Medien seiner Heimatstadt Portsmouth. „Aber ich kann an einer Hand die Boote abzählen, die es Rollstuhlfahrern ermöglichen, das Meer kennen zu lernen. Sei es einfach nur zum Spaß, für therapeutische Maßnahmen oder vielleicht sogar um einen Beruf in der Schifffahrt zu erlernen!“

Bloß nicht im Rollstuhl abschmieren

Der Plan ist, in jedem Etappenziel interessierte Behinderte zu treffen, mit entsprechenden Organisationen oder Vereinen Segeltörns auf seinem Trimaran zu organisieren und letztendlich also „Werbung“ für Behinderte zur See zu machen.

Weltumseglung, behindert, Trimaran

Geoffs größter Wunsch für die anstehende Weltumseglung ist, dass er bis zuletzt den Trimaran steuern kann © holt

Der Trimaran, mit dem Geoff Holt den großen Törn antreten will, wird in Frankreich als Serienschiff gebaut. Die „Neel 65“ gilt als einer der sichersten und komfortabelsten Fahrten-Tris weltweit und wird logischerweise auf die speziellen Bedürfnisse des Rolli-Seglers zugeschnitten. So erhält Holt beispielsweise aus Sicherheits- und Evakuierungsgründen seine Kabine auf Deckhöhe und nicht unten im Rumpf.

Zudem wird ein spezieller Hebemechanismus eingebaut, der den Segler vom Rolli ins Bett und wieder zurück „tragen“ kann. Ferner verspricht sich Holt von dem Trimaran ein ruhigeres Verhalten in hoher See. „Es ist verdammt schwierig, in den stetigen, unvorhersehbaren Bewegungen mit dem Rollstuhl nicht abzuschmieren.“

Geplant ist, dass Holt ohne Begleitboote um die Welt segeln wird. Sein sich seit Jahren verschlechternder Gesundheitszustand macht es allerdings erforderlich, dass zwei speziell ausgebildete Pfleger mit ihm an Bord sein werden. Wohlgemerkt, in erster Linie Pfleger und zweitrangig Segler.

Seine Exzellenz als Schutzpatron

Es ist nachvollziehbar, dass solch ein Törn Unsummen Geld verschlingen wird. Vom Bau der Yacht (1,3 Millionen) bis zu den Reisekosten veranschlagt Holt gesamt zwischen 1,6 und zwei Millionen Euro.

Im Jahre 2014 versuchte der behinderte Segler schon einmal das Projekt zu starten und suchte vornehmlich in Großbritannien nach Sponsoren. „Doch meine Landsleute lieben zwar meine Leistungen, wollen aber nichts spenden,“ musste er schließlich resignierend feststellen.

Weltumseglung, behindert, Trimaran

WetWheels-Gründer Holt © holt

Mit seinem zweiten Anlauf konzentriert er sich nun vornehmlich auf den segelverrückten französischen Markt. Und kann prompt erste Erfolge verzeichnen: Seine Exzellenz Prinz Albert II von Monaco hat das Projekt unter seine „Fittiche“ genommen, was für gemeinnützige und soziale Projekte immer „eine sichere Bank“ ist. Und der Gründer von „Easyjet“, Sir Stelios Haji-Ioannou, hat ebenfalls bereits seine finanzielle Unterstützung mit “zunächst” 130.000 Pfund zugesagt.

Was wiederum Geoff Holt jetzt schon zuversichtlich macht, dass mit dem Bau seiner ganz speziellen Yacht schon im Sommer begonnen werden kann. „Diesmal wird es klappen,“ ist er sich sicher.

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Michael Kunst

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