Flüchtlingskrise: Schlauchboote für die Schleuser – Das Geschäft mit der Not

Todesfähren aus dem Internet

Flüchtlinge, Schlauchboote, Boot, Untergang

Flüchtlinge auf sinkendem Boot © swr

Schlauchboote aus Fernost und aus regionaler, türkischer Produktion, Holzboote aus skandinavischem Sperrholz. Die Globalisierung funktioniert bestens durch die Not der Flüchtlinge.

Razzia in der türkischen Küstenstadt Izmir. Eine Schlauchbootwerkstatt wird von der türkischen Polizei penibel untersucht, ein türkischer TV-Sender macht Aufnahmen von der Aktion. In anschließenden Interviews zeigen sich die Behörden resigniert: Im Prinzip könne man nichts gegen diese kleinen Schlauchboot-Werkstätten unternehmen, es sei denn, sie arbeiten nachweislich mit den kriminellen Schlepperbanden zusammen, die später Flüchtlinge auf solchen Booten auf die lebensgefährliche Tour übers Mittelmeer schicken. Doch genau dieser Beweis sei nur schwer zu erbringen.

Kurz darauf filmt ein Reportage-Team des ARD offenbar in der gleichen Werkstatt und berichtet, der Boss des Betriebes habe zugegeben, dass er von mafiösen Schlepperbanden gezwungen werde, seine Schlauchboote für die Flüchtlingsüberfahrten zu bauen. Doch seine Boote seien alle in bester Qualität, er gebe drei Jahre Garantie.

Szenenwechsel. Vor einem Jahr filmte ein Reporter-Team des französischen TV-Senders Antenne 2 in einem Vorort der türkischen Stadt Bodrum im Laden einer französischen Honorarkonsulin, die auch Schlauchboote in allen Größen verkaufte. Im Interview gab sich die Konsulin kaltschnäuzig: Ja, sie sei sich darüber im Klaren, dass sie damit die Schleuserbanden unterstütze. Doch die zahlen nun mal den regulären Preis für die Boote, das Geschäft laufe gut. Außerdem verkaufe sie hauptsächlich Boote aus türkischer Produktion, unterstütze also den regionalen Markt.

Flüchtlinge, Schlauchboote, Boot, Untergang

Flüchtlinge werden vom Schlauchboot gerettet © ndr

“Die zahlen gut!”

Tatsächlich wird im Zusammenhang mit solchen Beispielen immer wieder behauptet, es gebe Hunderte von Werkstätten entlang der türkischen Ägäis-Küste, die sich mittlerweile auf den Bau von Schlauchbooten für die Flüchtlings-Überfahrten spezialisiert haben. Nur erklärt dies niemand offiziell. Man baue eben Boote und verkaufe dieselben. Man handle eben nach dem Prinzip „Angebot und Nachfrage!“

Was später damit gemacht wird, sei nicht mehr das Problem der Produzenten. Argumentationsschiene: Man baue ja keine Waffe, die per se zum Töten gedacht ist. Und schließlich zieht ja auch niemand Daimler zur Verantwortung, wenn in „Lastwagen mit dem Stern“ Flüchtlinge über die Balkanroute geschmuggelt werden, die dann leider auf irgendeinem Parkplatz „vergessen“ werden und einen grausamen Tod sterben.

Dass mittlerweile nicht nur die größtenteils mafiös organisierten Schleuserbanden reichlich Geld mit dem Leid der Flüchtlinge verdienen, ist längst bekannt. Moral zählt – wie immer, wenn es ums Geld geht – nur noch tertiär.

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Polizei-Razzia in türkischer Schlauchboot-Werkstatt © ard

Globalisierung funktioniert auch hier

Doch nun behaupten mehrere Flüchtlingshilfsorganisationen, die Zollbehörden unterschiedlicher Mittelmeer-Anrainerstaaten und Frontex, dass die wirtschaftliche Globalisierung auch im „Flüchtlingsbusiness“ längst Einzug gehalten hat. Die erwähnten „kleinen Werkstätten“ in der Türkei seien nur ein kleines Puzzleteil im Geschäft mit den Schlauchbooten. Vielmehr werde das Big Business auf internationaler Ebene getätigt.

Seit mehreren Monaten wird in großen Containerhäfen des Mittelmeers sowie in typischen Umschlaghäfen für die nordafrikanische Küste verstärkt nach Containern gesucht, mit denen Schlauchboote mit Lieferadressen Libyen, Tunesien, Algerien und die Türkei verschifft wurden. Warenlieferungen, die zum größten Teil legal sind und eigentlich nicht zurückgehalten werden können.

Flüchtlinge, Schlauchboote, Boot, Untergang

Lieber keinen Preis im Internet-Shop angeben © web

Denn die Schlauchboote wurden ganz offiziell etwa im Internet bestellt und meistens im Voraus bezahlt. Dass der Empfänger nicht gerade der Kopf einer Schleuserbande ist, dürfte sich von selbst verstehen. Meistens werden ein bis zwei Zwischenhändler eingeschaltet, bevor das Boot seiner endgültigen Bestimmung als Todesfähre übergeben wird.

Holz aus Skandinavien

Mittlerweile wird vermutet, dass sich einige asiatische, vorwiegend chinesische Schlauchboothersteller auf den Markt am Mittelmeer bereits spezialisiert haben. Jedenfalls wurde beobachtet, dass die Nachfrage bei großen Transport-Schlauchbooten deutlich gestiegen ist. Und auf einigen Websites werden ausgerechnet diese Schlauchboote ohne Preisangabe angeboten… Verhandlungssache!

Flüchtlinge, Schlauchboote, Boot, Untergang

Das Letzte: Amerikanischer Schlauchboot-Internet-Händler wirbt mit Flüchtlingen für die Tragfähigkeit seiner Schlauchboote © web

Doch nicht nur Schlauchboote geraten ins Visier der Fahnder. Vor allem von der libyschen Küste aus machen sich auffallend viele Flüchtlinge in Holzbooten auf den Weg. Diese Nachen werden mit neuem Sperrholz dilettantisch zusammen gezimmert und häufig als besonders gefährlich für eine Fahrt auf See eingeschätzt. Woher das Holz kommt? Nachweislich haben skandinavische Holzfabrikanten aus Schweden und Finnland Nordafrika als neuen Markt entdeckt. Warum man dort ausgerechnet in Küstenorten plötzlich preiswertes Holz benötigt… darüber hat man sich wohl noch keine Gedanken gemacht.

Info von Andrè Mayer

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Michael Kunst

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15 Kommentare zu „Flüchtlingskrise: Schlauchboote für die Schleuser – Das Geschäft mit der Not“

  1. avatar Götz Leimkühler sagt:

    Gehe ich auf Euere Webseite, damit hier auch noch das (politische) Elend sehen muß?

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    • avatar Backe sagt:

      Danke, Segelreporter, für alle Artikel zu diesem Thema.

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      • avatar Jakobi sagt:

        Tja, dann findet wohl am morgigen Samstag, dem 19.3. das große Überraschungsfinale des Merkel Last Refugee Run statt. Alle teilnehmenden Bootsführer müssen bis 24 Uhr eine der griechischen Inseln erreichen, welche, ist egal. Wer es zeitlich nicht schafft, ist aus dem Rennen. DLRG und DGzRS sichern wie immer die Veranstaltung ab.

        Segelreporter wird diesmal nur in einer Zusammenfassung berichten, da sich ARD und ZDF die Exklusivrechte an der Veranstaltung gesichert haben. Dort kommentieren live Simone Peters und Claudia Roth.

        Für die Einhaltung der Regeln als Wettkampfrichter nominiert sind Franz Beckenbauer sowie Volker Beck.

        Warten wir es ab, und hoffen wir, dass sich die Teilnehmer und Veranstalter sich nicht selbst überschätzen und alles auf eine Karte setzen. Aber wie lautet ein alter Spruch? Nach dem Rennen ist vor dem Rennen.

        Sincerely
        Jakobi

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        • avatar Jakobi sagt:

          EDIT: Der Franz sagt, er kann nicht. Er hat nicht genug rote Karten.

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  2. avatar tom sagt:

    Moin Herr Leimkühler,

    zunächst: “eure” wird klein geschrieben und Sie benutzen in ihrer Schreibwei(ai)se ein “e” zuviel. Webseite: entweder richtig deutsch und internationale Netzseite oder Webside benutzen. Um einen korrekten deutschen Satz zu bilden fehlt in ihrigem das Wort “ich” hinter “damit”.

    Des weiteren verstehe ich die Aussage ihres -formal- inkorrekten Satzes nicht: Es handelt sich um einen Artikel von Herrn Kunst, weitestgehend mit Quellen hinterlegt, zu einem
    aktuellem Thema die Weltpolitik betreffend. Mit Wasser und Booten hat das ganze auch zu tun. Alles hängt mit Allem zusammen. Schonmal in der Grundschule gehört?
    Ansonsten empfehle ich ihnen die Ponyhof-Netzseiten von Hanni & Nanni oder eben der AfD zu lesen. Oder kaufen Sie sich eine Bravo. Diese Empfehlung geht auch an den 30ft Wurstwagen segelnden Darmstädter und den deutschen Busführerschein innehabenden Jakobi

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    • avatar Asero sagt:

      Selten solch eine Eigenoffenbarung im Netz gesehen 😉

      1. In so einem Forum kann(!) Eure/Ihre auch groß geschrieben werden (ebenso bei Brief, SMS, E-Mail, …)
      2. Ihre “Webside” ist kein Musical sondern eine Websi(t)e. Netzseite ist ja putzig, ne Eigenkreation?
      3. Der Rest ist “Meinung” … und zwar Ihre! Ebenso wie der Beitrag von Herrn Leimkühler seine ist. Beides sollte möglich sein, in einer “freien Demokratie”, wie wir sie vor uns hertragen.

      Wir können uns mangels inhaltlicher Kritik natürlich auch die Rechtschreibfehler um die Ohren werfen. Bin mir allerdings nicht sicher, ob Sie dafür prädestiniert wären …

      VG

      (soviel auch von mir ohne Inhalt)

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  3. avatar Gambo sagt:

    Für die erhoffte, lebenslange Rundum-Alimentierung in Deutschland setzten diese Menschen ihr Leben und das ihrer Kinder leichtsinnig aufs Spiel. Für jeden, den wir ins Land lassen werden sich 10 Weitere auf den Weg machen.

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  4. avatar dubblebubble sagt:

    Das Thema Flüchtlinge bei SR führt zu nichts und vergiftet leider nur die Atmosphäre hier.

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  5. avatar pjotr sagt:

    hab mich schon die ganze zeit gefragt wo die schlauchboote hergestellt werden und wer daran verdient. kann verstehn dass dieses und damit zusammenhängende ernste themen gerne ausgeblendet wird. ist schmerzlich, ich weiß. wenn man aber in den entsprechenden seegebieten unterwegs ist kommt man seit 10- 15 jahren an dem thema nicht vorbei. die alex-v-humboldt 2 z.b. läuft die östlichen kanareninseln aus dem grund nicht an und bleibt nördlich von lampedusa/malta. ich find da sollte sich noch viel mehr aus skipperperspektive mit beschäftigt werden. ist “wichtiger” als der boss-skywalk o.ä., das hat zwar für manche seine berechtigung als unterhaltung… aber nur? verdängen ist da die falsche strategie und zurückdrängen wird wahrscheinlich nicht funktionieren bzw. noch mehr ertrunkene verursachen. hat man in westafrika gesehen: marokko, mauretanien, senegal. die “reise” wurde dank EU-einflussnahme immer länger und tödlicher. nix neues unter sonne. hab den eindruck die meisten hier haben angst um ihre parkplätze in stegnähe…

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  6. avatar Müller sagt:

    Auch von mir mal wieder ein DANKE! für solche Artikel. Eine Seite über Wassersport muss sich auch mit diesen Themen beschäftigen.
    Allerdings würde ich es sehr begrüßen, wenn die SR Redaktion den (bei Beiträgen die SR kritisieren, äußerst empfindlichen) Löschfinger nicht so tief in der Tasche vergraben würde. Auch wenn ihr es für wahnsinnig liberal haltet, Meinungen stehen zu lassem, Ihr seid verantwortlich für das was hier verbreitet wird. Bei etlichen Beiträgen, die hier zum Thema Flüchtlinge gepostet werden, und vor allem dem wunderbar anonymen Daumenspielchen darunter kann man die braune Soße schon recht deutlich schmecken. Eine klare Ansage schützt auch vor der Gefahr, dass man am Ende Euch die gleiche Meinungen zutraut.

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  7. avatar Müller sagt:

    …da fehlte noch was: Ich würde Euch raten, die Kommentarfunktion bei diesen Artikeln einfach abzustellen. Dann muss sich niemand streiten und die schwierige Frage, was darf und was nicht ist auch erledigt. Eine diplomatische und gängige Lösung.

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  8. avatar bordreporter sagt:

    Absolut korrekter Artikel und an dieser Stelle, hier unser Beitrag darueber, wie diese menschlichen Schicksale, im Mittelmeer erlebt werden … https://www.youtube.com/watch?v=CgIuc9QHDUo

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  9. avatar dubblebubble sagt:

    Hier noch ein Link der nicht von der Asyl-Lobby kommt. Backe richte dein Gepöbel und deine Beleidigungen diesmal an die dortige Redaktion.

    http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/afrika/das-sichere-geschaeftsmodell-der-schlepper-13564253.html

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    • avatar pjotr sagt:

      tja, um was gehts eigentlich? hab den faz-artikel gelesen, vielen dank. berlusconi hat gaddafi damals schon 3.5 milliarden gezahlt damit er das problem in den “griff” kriegt. jetzt ist gaddafi weg und nun kommen die menschen wieder an die küste. dass sie nach dem langen weg durch die wüste und ohne zu wissen was sie erwartet in ein “festrumpfschlauchboot” (welch ein quatsch, das sind schlauchboote in denen ein paar marinemultiplexplatten auf dem boden liegen) steigen bzw. gedrängt werden fällt mir schwer nachzuvollziehen, ist aber so. sie dann ertrinken zu lassen ist ja wohl schon mehr als zynisch. ich hab für ein paar damit zusammenhängende probleme auch keine lösung aber wenn die leute soweit gekommen sind bleibt einem garnix anderes übrig als sie zu retten. oder will hier ernsthaft jemand die frauen und kinder unter deck schicken und dann auf gegenkurs gehen wenn er mit so einer situation konfrontiert wird?

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