Streiflicht: Bavaria übernimmt Grand Soleil und Dufour

"Gerade so genesen" und "halbtot" ergibt selten "gesund"

Von Uwe Röttgering

Bavaria Vision 44. © Bavaria Yachtbau

Die Firma Bavaria Yachtbau übernimmt die Werften Dufour und Grand Soleil. Kritische Worte in der Berichterstattung: Fehlanzeige. Dabei ist dieser Deal vor dem Hintergrund der Ereignisse um Bavaria höchst bemerkenswert.

Wir erinnern uns: Im Jahr 2007 wechselte die Werft für angebliche 1,1 Milliarden Euro die Eigentümer. Für eine Firma mit gerade mal 270 Millionen Umsatz ein höchst erstaunlicher Kaufpreis. Dies vor allem vor dem Hintergrund, dass der Kauf so gestrickt war, dass Bavaria selbst letztendlich den eigenen Verkauf finanzieren sollte (Hintergründe).

Jeder, der schon einmal eine Hausfinanzierung durchgerechnet hat, würde ein solches Geschäft als Irrsinn bezeichnen, aber in einer Welt, in der man sich die Realität mittels Powerpoint-Präsentationen so lange zurechtbiegt, bis es passt, gelten die Maßstäbe gesunden Menschenverstandes bekanntlich nicht.

Zumal die handelnden Personen ohne großes persönliches Risiko agieren. So war es nicht überraschend, dass Bavaria wohl unter der Schuldenlast zusammen gebrochen wäre, wenn die Gläubiger nicht auf einige hundert Millionen Euro verzichtet hätten. Dass sich in kurzer Zeit gleich drei Geschäftsführer das Ruder in die Hand gaben, kann man als Indiz für den Ernst der Lage deuten.

Gerade dem Pleitetod entronnen, gibt man nun Geld für zwei Werften aus, die mit einem Bein schon im Grabe stehen und erst einmal eine ordentliche Finanzspritze brauchen, um das Jahr 2011 noch erleben zu können. Dieses Geschäft wird von den Beteiligten erwartungsgemäß bejubelt: Mehrmarkenstrategie, Erweiterung des Händlernetzes, Synergieeffekte usw..

Man kennt dieses Gerede aus der Automobilindustrie. Aber pure Größe und ein Auftritt unter mehreren Marken sind keine Erfolgsgaranten. Addiert man in einem schwächelnden Markt „gerade so genesen“ und „halbtot“, kommt selten „gesund“ dabei heraus.

Der Kauf von Rover durch BMW ist ein Beispiel, wo Milliarden verpulvert wurden, bis man diese Lektion gelernt hat.

Mich würde jedenfalls nicht wundern, wenn für Bavaria mit diesem Geschäft der Anfang von Ende eingeläutet worden ist.

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Carsten Kemmling

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10 Kommentare zu „Streiflicht: Bavaria übernimmt Grand Soleil und Dufour“

  1. avatar Christian sagt:

    Letzteres wäre unter ästhetischen Gesichtspunkten ein echter Fortschritt… es gibt aber leider einige Werften, die Bavaria in Sachen hässliche Yachten gerne beerben würden.

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  2. avatar T.K. sagt:

    “Mich würde jedenfalls nicht wundern, wenn für Bavaria mit diesem Geschäft der Anfang von Ende eingeläutet worden ist.”

    Sehe ich genauso! Alleine mal folgende Überlegung: 1,1 – 1,2 Mrd hatte Bavaria für seinen eigenen Verkauf (ohne Zinsen) zurückzuzahlen. Nehmen wir einmal an, auf die Hälfte des Geldes haben die Gläubiger verzichtet. Bleiben immer noch rund 600.000.000,- € Bei derzeit 1200 verkauften Schiffen/anno (siehe aktuelle Yacht) müsste man alleine 10 Jahre lang aus JEDEM verkauften Schiff 50000,- € reinen Gewinn machen um überhaupt aus den roten Zahlen zu kommen! Und jetzt muss man nochmal 150 Mio für Dufour und grand Soleil draufpacken….. Und alles gerechnet ohne Zinsen und Zinseszinsen!
    Wie bescheuert muss man sein um da ein Licht am Ende des Tunnels zu sehen?

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  3. avatar Tommy sagt:

    Soweit ich das verfolgt habe, steht Bavaria seit der Übernahme sogar recht satt da, da die ehemaligen Eigner gewaltig Federn lassen musste. http://www.main-netz.de/nachrichten/wirtschaft/regionale_wirtschaft/-kurz/art15687,943073

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  4. avatar T.K. sagt:

    75 Mio Restschulden wäre natürlich eine ganz andere Hausnummer… Aber hat schon ein Geschmäckle… mal so eben 885 Mio abschreiben. um dann kurze Zeit später 150 Mio in andere Werften zu investieren…

    Schade das ich meine Schulden nicht einfach abschreiben kann…um dann anschliessend mit wieder neu aufgenommenen Geld eine Villa zu kaufen

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  5. avatar Uwe sagt:

    Mal ein Gedankenspiel:

    Angenommen die Werft hat 75 Mio. Schulden. Die Verbindlichkeit läuft über 10 Jahre und wird mit 4% verzinst. Dann müssen in den 10 Jahren 91,5 Mio. für Zins und Tilgung ausgegeben werden. Jetzt noch angenommen, dass die Werft in den 10 Jahren 15.000 Boote baut. Dann wird jedes Boot durch diese Verbindlichkeit mit 6.100 Euro belastet. D.h. um diesen Betrag muss es teurer sein, als ein Boot von der schuldenfreien Konkurrenz (wenn bei der Konkurrenz ansonsten die gleichen Kostenstruktur herrscht, steuerliche Aspekte bleiben unberücksichtigt). Der Kostennachteil pro Boot würde bei diesem Beispiel pi Mal Daumen bei 5% liegen. In einem Markt, in dem an jeder Winsch und jedem Beschlag gespart wird, schon ein erheblicher Kostenfaktor.

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  6. avatar O.H. sagt:

    War doch schon immer so, dass die, die die Fusion einfädeln, das grosse Geld machen. Von all den Fusionen der letzten Jahrzehnte, haben nur ein kleiner Teil der Firmen profitiert, selbst bei so grossen Dingern wie Daimler-Chrysler oder BMW-Rover.

    Bei Bavaria stehen ja auch noch die Sachwerte. Aber Risikoreich ist die Aktion auf jeden Fall.

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  7. avatar Swan sagt:

    ++ Die Firma Bavaria Yachtbau übernimmt die Werften Dufour und Grand Soleil. Kritische Worte in der Berichterstattung: Fehlanzeige. Dabei ist dieser Deal vor dem Hintergrund der Ereignisse um Bavaria höchst bemerkenswert. ++

    Von Schnackern und seichten Gewässern…
    „Kritische Worte“ sind sicher gerechtfertigt, wenn sie auf Sachverstand basieren und differenziert gewählt werden. Beides lassen dieser Artikel und einige Kommentare leider vermissen. Es reicht nicht, richtige Zahlen und Schätzungen falsch zu deuten, wenn man die Zusammenhänge nicht versteht. Außerdem lässt sich als „Unternehmensoutsider“ immer schön (falsch) spekulieren. Es wundert, dass sich SR und die Leser auf ein Themenfeld begeben, auf dem sie offensichtlich keine Expertise haben. Im Folgenden nun die Begründung und der Versuch einer differenzierten, kritischen Betrachtung… oje immer diese Besserwisser….

    ++ Wir erinnern uns: Im Jahr 2007 wechselte die Werft für angebliche 1,1 Milliarden Euro die Eigentümer. Für eine Firma mit gerade mal 270 Millionen Umsatz ein höchst erstaunlicher Kaufpreis. Dies vor allem vor dem Hintergrund, dass der Kauf so gestrickt war, dass Bavaria selbst letztendlich den eigenen Verkauf finanzieren sollte (Hintergründe).
    Jeder, der schon einmal eine Hausfinanzierung durchgerechnet hat, würde ein solches Geschäft als Irrsinn bezeichnen, aber in einer Welt, in der man sich die Realität mittels Powerpoint-Präsentationen so lange zurechtbiegt, bis es passt, gelten die Maßstäbe gesunden Menschenverstandes bekanntlich nicht. ++

    Von Äpfeln und Birnen…
    Zur Richtigstellung: Eine Hausfinanzierung basiert auf einer vergleichsweise risikoarmen Investition (insbesondere, wenn man selbst darin wohnt). Dementsprechend kann man Renditen von „nur“ 3-6% pro Jahr im Durchschnitt (Durchschnittsbetrachtungen sind bekanntlich seit dem Fall Sarazin sehr umstritten, da der Einzelfall immer so schön abweicht) erwarten. Wenig Risiko, geringe Ertragsmöglichkeiten. Viel Risiko, hohe Ertragsmöglichkeiten. Wenn man z.B. eine Immobilie als Kapitalanlage kauft (und man bewohnt sie z.B. nicht) wird üblicherweise eine Nettorendite von 7-10% verlangt, je nachdem wie riskant (Mieterstruktur, Bausubstanz, Lage etc.) ist. Der Anleger verlangt mehr Rendite aufgrund des höheren Risikos. D.h. der Kaufpreis muss so hoch sein, dass die Nettomieterträge pro Jahr die geforderte Rendite ergeben. Das heisst, es hängt von dem Risiko ab, was der Investor/Eigentümer eingehen will, und welche Erträge er erwartet. Soweit zumindest theoretisch (!) die Arithmetik.
    Üblicherweise suchen Private Equity Firmen (PEs) wie die Investoren von Bavaria nach Anlageobjekten, die eine Rendite auf das eingesetzte Eigenkapital (EK) von 25% pro Jahr erwirtschaften. Es gibt Stimmen, die das für ausufernden Kapitalismus halten. Andere (auch keine Brancheninsider) sehen das eher so: Es gibt Menschen die es dauerhaft schaffen, weit überdurchschnittliche Renditen über einen sehr langen Zeitraum auf ethische Weise (keine Öl-/Tabakkonzerne etc) zu erwirtschaften (siehe z.B. Warren Buffet), indem sie Unternehmen mit guter Substanz (Finanzen, Management etc.) UNTER ihrem tatsächlichen/langfristigen Wert kaufen, weil sie sich besser als andere damit auskennen. Interessanterweise schaffen es auch die viel gescholtenen PEs („Heuschrecken“) im Durchschnitt zwischen 7 und 30% p.a. (1983 bis 1997), inkl. Krisenjahre (siehe wissenschaftlichen Artikel: http://www.chicagobooth.edu/news/2004-11-12kaplan/pereturns-1.pdf) zu erwirtschaften. Das hat mit kaufen-zum-richtigen-Zeitpunkt-in-der-richtigen-Höhe und Umsetzung von Wertsteigerungsmaßnahmen jenseits von Stellenkürzungen zu tun (z.B. Lagerbestände reduzieren).

    ++ Zumal die handelnden Personen ohne großes persönliches Risiko agieren. ++

    Die alte Mär vom „Wir-verbrennen-das-Geld-anderer-Leute“…

    Da es gute und schlechte Investoren gibt, kann es auch zu Negativbeispielen kommen. Es kann also z.B. sein, dass die Investoren von Bain (a) damals zu teuer gekauft haben oder (b) realistische Planungen hatten, aber der Konjunktureinbruch diese Planungen durchkreuzt hat oder (c) beides. Zur Klarstellung, dass auch (b) und (c) wahrscheinliche Varianten sein können: Die Investoren von Bain haben laut Presse mehrere hundert Millionen an Eigenkapital in die Transaktion eingebracht. Davon ist ein Großteil in der Regel von institutionellen Anlegern (Pensionsfonds, Versicherungen, Banken etc.); ein kleiner Teil mit (in diesem Fall üblichen) kleinen zweistelligen Millionenbeträgen, die die Mitarbeiter des Fonds aus ihrem PRIVATEN Vermögen mit einbringen. D.h. es kann nicht die Rede sein von „Zumal die handelnden Personen ohne großes persönliches Risiko agieren“. Das Geld war nach der Insolvenz weg! Das ist übrigens der Grund dafür, dass die Banken überhaupt so hohe dreistellige Kreditbeträge für derartige Transaktionen gewähren: Die Investoren sind pro Person mit sehr hohen eigenen Millionenbeträgen involviert und haben das Risiko des Totalverlustes. Die Manager/Geschäftsführer sind in der Regel ebenfalls mit für sie persönlich sehr hohen Eigenkapitalanteilen beteiligt und stehen ebenfalls voll im Risiko.

    ++ So war es nicht überraschend, dass Bavaria wohl unter der Schuldenlast zusammen gebrochen wäre, wenn die Gläubiger nicht auf einige hundert Millionen Euro verzichtet hätten. ++

    Nicht alle Eier in einen Korb legen, dann ist alles halb so schlimm…
    Dass Gläubiger auf einen Teil ihrer Kreditsummen verzichten müssen, ist ein Risiko, dass in den überdurchschnittlichen hohen Zinszahlungen (idR 6-8% je nach Rang) über das gesamte Kreditportfolio der jeweiligen Bank abgedeckt ist; genauso wie die Totalausfälle bei den Eigenkapitalgebern (s.o.) durch Streuung über Regionen, Branchen, Vermögensarten etc. in den Renditekalkulationen enthalten sind, so dass sich „Liesschen Müller“ keine Sorge um ihre Pensionsgelder machen muss.

    ++ Dass sich in kurzer Zeit gleich drei Geschäftsführer das Ruder in die Hand gaben, kann man als Indiz für den Ernst der Lage deuten. ++

    …oder eben auch nicht
    Nach einem Unternehmensübergang (Hr. Hermann hat sich aus dem Unternehmen zurückgezogen) ist es generell sehr schwer, geeignete Nachfolger von außen zu finden. Das ist der Grund, warum es mit 17% aller Nachfolgen (siehe http://www.ifm-bonn.org/index.php?id=111) sehr selten vorkommt. Es gibt in der Branche vermutlich wenige Manager mit Erfahrung gegenüber Finanzinvestoren (was nicht zu unterschätzen ist) und branchenfremde mit großer Branchenerfahrung sind vielleicht auch schwierig zu finden. Außerdem weiss man nie, ob nicht auch private Gründe eine Rolle spielen…

    ++ Gerade dem Pleitetod entronnen, gibt man nun Geld für zwei Werften aus, die mit einem Bein schon im Grabe stehen und erst einmal eine ordentliche Finanzspritze brauchen, um das Jahr 2011 noch erleben zu können. Dieses Geschäft wird von den Beteiligten erwartungsgemäß bejubelt: Mehrmarkenstrategie, Erweiterung des Händlernetzes, Synergieeffekte usw. Man kennt dieses Gerede aus der Automobilindustrie. Aber pure Größe und ein Auftritt unter mehreren Marken sind keine Erfolgsgaranten. Addiert man in einem schwächelnden Markt „gerade so genesen“ und „halbtot“, kommt selten „gesund“ dabei heraus. ++

    Wenn eine Pleite durch operative Verluste in normalen Konjunkturzyklen erreicht wird, ist es idR schwierig, das Unternehmen zu retten. Wenn man der Presse trauen kann, handelt es sich bei Dufour und Grand Soleil allerdings um konjunkturbedingt temporär verlustbringende Unternehmen (Hinweis: Bei Konjunkturkrisen machen fast alle Unternehmen „operativ“ Verlust, da die deutlich reduzierte Stückzahl idR nicht die Fixkosten deckt). Ähnlich wie bei Bavaria vor der Umschuldung deutet auch bei Dufour & GS vieles darauf hin, dass die Zins- und Tilgungszahlungen über einen gewissen Zeitraum aufgrund (vorübergehender) operativer Verluste nicht bedient werden konnten. Wenn der Investor (hier: ISB, auch PE) nicht solvent genug oder willens ist Eigenkapital nachzuschießen, folgt gezwungenermaßen die Insolvenz und Abwicklung (was Jobverluste für mehr als 500 Menschen bedeutet hätte) oder alternativ der Verkauf an einen solventen Käufer.
    Auch wenn Synergieeffekte für strategische Investoren (z.B. Industriebetriebe oder Wettbewerber wie in diesem Fall) branchenübergreifend meist nur durch Stellenabbau (was hier lt. Yacht ja offensichtlich nicht geplant ist) in signifikanter Höhe realisiert werden können, lassen sich sicher auf Synergien in abgeschwächter Form in Einkauf und Vertrieb realisieren. Da es sich bei Bavarias Eigentümern aber in erster Linie um Finanzinvestoren handelt, kann es sein, dass ein vergleichsweise geringer Kaufpreis deutlich unterhalb des eigentlichen Wertes (siehe Warren Buffet Bsp. oben) schon einen Großteil der Rendite ausmacht. Damit besteht keine Notwendigkeit große Synergien realisieren zu müssen. Wenn es keine kartellrechtlichen Bedenken gäbe, wäre die Beneteau Gruppe (Familienunternehmen) sicher auch sehr interessiert gewesen

    ++Der Kauf von Rover durch BMW ist ein Beispiel, wo Milliarden verpulvert wurden, bis man diese Lektion gelernt hat. Mich würde jedenfalls nicht wundern, wenn für Bavaria mit diesem Geschäft der Anfang von Ende eingeläutet worden ist.+++

    Schön, dass sich die Menschen immer nur die Negativbeispiele raussuchen. Hier ein Buch mit Positivbeispielen (http://www.flipkart.com/successful-mergers-marion-devine-getting-book-1861973608)

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  8. avatar Uwe sagt:

    @Swan

    Richtig ist, dass es ohne genaue Kenntnis der Zahlen schwierig ist, zu einer seriösen Bewertung des Vorgangs zu kommen. Dies gilt aber in beide Richtungen, also sowohl für eine positive (Swan), wie auch für eine negative Bewertung (ich). Natürlich sind eine Hausfinanzierung und der Bavaria Deal nicht eins zu eins vergleichbar. Beiden gemeinsam ist, dass die Kredite, die aufgenommen werden bedient werden müssen. Und dieses Geld muss irgend jemand verdienen (so banal es ist, so wenig scheinen manche Kreditnehmer daran zu denken). Schon vor der “Wirtschaftkrise” war in der Wirtschaftpresse nachzulesen, dass der Bavaria Kaufpreis als zu hoch eingeschätzt wird. Also schon bei normaler Konjunktur gab es Fachleute, die der Meinung waren, dass Bavaria die Kredite nicht wird bedienen können. Die zugrunde gelegten Wachstumsraten bei Bavaria waren offenbar viel zu optimistisch. Wie der Gang der Ereignisse gezeigt hat, hat man sich bei der Beurteilung der wirtschaftlichen Lage schlicht verspekuliert. Mich würde, lieber “Swan” einmal interessieren, nach welchem Unternehmensbewertungsmodell (http://de.wikipedia.org/wiki/Unternehmensbewertung) ein Kaufpreis von über 1 Milliarde Euro für Bavaria gerechtfertig gewesen sein soll. Siehe auch Handelsblatt: http://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/hedge-fonds-hilft-bavaria-yachtbau-aus-der-patsche;2449010
    Du schreibst von der ” alten Mär vom „Wir-verbrennen-das-Geld-anderer-Leute”. Lustig. Also die vom Staat (uns!) gerettete Commerzbank hat einige hundert Millionen Euro an Forderungen aus dem Bavaria Deal abgeschrieben. Das alte Lied: Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren. Die Allgemeinheit hat die Verluste aus Risiken getragen, die andere eingegangen sind. Natürlich ist das Geld anderer Leute verbrannt worden. Wer ist denn bei dem Bavaria Deal ein persönliches Risiko eingegangen? Vielleicht hat man Geld in dem Bewusstsein investiert, dass es komplett verloren gehen kann. Aber wer bitte haftet für den wirtschaftlichen Misserfolg des gesamten Geschäfts? In diesem Fall der Staat.
    Schön in diesem Zusammenhang zu lesen auch dies hier: http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/ex-daimlerchrysler-chef-schrempp-millionen-euro-fuer-den-gescheiterten-1.810784
    Und was den Zukauf von Grand Soleil und Dufour betrifft: wer sagt, dass sich die Branche in einem temporären Tief befindet, aus dem es bald ein Erwachen gibt? Wer soll all die Schiffe kaufen, für die Produktionskapazitäten da sind? Inder? Chinesen? Muss man nicht davon ausgehen, dass irgendwann eine gewisse Marktsättigung da ist, zumal Segelyachten äußerst langlebig sind und (bislang jedenfalls) kaum je verschrottet werden.
    Hier noch einmal eine Analogie zur Automobilindustrie: Warum hat sich letztendlich kein potenter Käufer für Opel gefunden? Weil niemand in eine schwache Marke in einem von Überkapazitäten geprägten Markt investieren wollte. Die Lage bei Grand Soleil und Dufour kann man ähnlich beurteilen, nur mit dem Unterschied, dass sich eben doch ein Käufer gefunden hat.
    Wenn Grand Soleil und Dufour zum Verkauf standen, dann kann ein Grund darin zu sehen sein (ich weiß, dass ich nicht zwingend), dass die bisherigen Eigentümer die Hoffnung aufgegeben haben, mit diesen Firmen in absehbarer Zeit Geld zu verdienen. Wie viel Geld hat Bavaria, um die Durstrecke bis zur Rentabilität der beiden Werften zu überwinden?
    Lieber “Swan”, ich bin sicher kein Wirtschaftsexperte, möchte mir aber einen gesunden Menschenverstand zugute halten. Und der sagt, dass hier ein Risiko eingegangen wurde, das kaum ein inhabergeführtes Unternehmen je eingegangen wäre.
    Mein Vorschlag: wir sprechen uns in drei, vier Jahren noch einmal.

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  9. avatar Dirk sagt:

    Mehrere Seiten sind sie lang, die Disclaimer und Haftungsbeschränkungen, Verschwiegenheits- und Datenweitergabevereinbarungen. Wenn der Kreis der Akteure um Firmenkäufer und –verkäufer, die Wirtschaftsprüfer und Banker, die Steuerberater und Anwälte, nicht so herrlich verschwiegen wären, dann gäbe es an dieser Stelle keine so erfrischende Diskussion. So gehört die Bavaria Yachtbau GmbH – zu welchem Teil auch immer – zum Finanzinvestor Oaktree und irgendwo in diesem Geflecht gibt es noch die Skipper 1 GmbH und die Skipper 2 GmbH und die Skipper 3 GmbH und die Skipper Topco S.A.R.L. in Luxemburg. Undurchsichtig, verschwiegen – zunächst sympathisch.

    Wie „O.H.“ in diesem Post bereits anführte „war [es] doch schon immer so, dass die, die die Fusion einfädeln, dass große Geld machen“. Sollen sie auch ihr Geld verdienen, denke ich, denn es sind auch diese Akteure, die in den Hotels den Platinstatus zusammenschlafen, am Premium Schalter bei Sixt ihren Schlüssel holen und die schwarze HON Karte von der Lufthansa in der Hand halten. Über – scheinbare – Statusfragen möchte ich gar nicht diskutieren, Diese vermeidlichen Profiteure bringen Geld durch Konsum in den Umlauf und, machen wir uns nichts vor, wenn wir über mEUR 1.000 Darlehen sprechen, wen interessieren da die mEUR 5 für die Berater? Unwesentlich, Kleinkram, Rundungsdifferenzen.

    Bavaria wird von einem Finanzinvestor übernommen, der lässt die Gesellschaft an sich selbst (als Gesellschafter) Geld ausschütten und refinanziert sich so die teure Übernahme (dem Vernehmen nach mEUR 1.300, welche er mit der Hilfe von Goldman Sachs und der Deutschen Bank in Höhe von knapp mEUR 1.100 fremdfinanzierte). Dieses als Rekapitalisierung bekannte Vorgehen war lange Usus bei den später als Heuschrecken verschrienen Finanzinvestoren und zwang Unternehmen wie Hans Grohe, ATU, Hugo Boss und auch Bavaria in die Knie, oder zwang sie zumindest zu einem Knicks. Dieses Verfahren kann man gut finden, muss man aber nicht. Im Zweifel kommt es hier auf den Betrachtungswinkel an: Wäre ich Angestellter in einem dieser Unternehmen würde ich meinen kritischen Blick aufsetzen, als Partner einer der Investmenthäuser eher die Preisliste von Baltic Yachts wälzen oder einen Werftslot bei Lürssen bestellen.

    „Uwe“ fragt in seinem Kommentar nach dem angewandten Verfahren der Unternehmensbewertung. Ich würde vermuten, dass es am Ende auf ein – sich von den Grundlagen und Theorien der Unternehmensbewertung vollkommen freischwimmendes, wenngleich praktisch durchaus relevantes – Multiple Verfahren hinausgelaufen ist. Hier werden vergleichbare Deals analysiert und beispielsweise der 6-fache Umsatz als Kaufpreis gezahlt. Oder das 12-fache EBITDA. Vergessen darf man dabei nicht, dass die originäre Investition Bains zur Hochzeit der damaligen PE Blase getätigt wurde und sich Kaufpreise vor allem durch Multiple-Verfahren gerne einmal hochschaukeln; Geld war zu der Zeit ja eh genug vorhanden.

    Nun ist die Lage anders, nun kann Bavaria den Kapitaldienst nicht mehr leisten und auch die Absatzzahlen gehen zurück, Krise eben. Die Banken, selbst gebeutelt vom Bärenmarkt, müssen die Notbremse ziehen, können ihre Kredite nicht mehr in den Büchern rechtfertigen. Gerade ein Kandidat unter dem staatlichen Rettungsschirm wird – hoffentlich – auch „gezwungen“ dies einmal zu tun. Im Jahr 2008 verkaufte die Investmentbank Goldman Sachs ihren Teil am Kreditpaket für 65 bzw. 35 Cent je Euro Darlehen, die Commerzbank zog erst wesentlich später nach, 30 Cent pro Euro. Die Nutznießer sind die neuen Investoren, Oaktree und Anchorage. Sicher, die Milliarde Darlehen wird abgeschrieben (siehe Bavaria Pressemeldung vom 3. Oktober 2009), aber das hat den Finanzinvestor „nur“ mEUR 300 gekostet. Sie haben nun ein wesentlich schlanker finanziertes Unternehmen, drücken noch einmal mEUR 55 nach.

    Was nun? Pressemitteilungen und Zeitungsberichten Glauben schenkend und es selbst nicht besser wissend ist Bavaria ein operativ profitables Unternehmen, produziert nur auf Bestellung und gegen Anzahlung. Große Halden mit Neuschiffen wird man daher nicht vermuten. Die Beschäftigten sind in Kurzarbeit oder wurden freigesetzt, Aufwendungen für Material und Verbrauchsstoffe fallen nicht an, wenn nichts produziert wird. Theoretisch kann so eine Durststrecke durch eine Krise klappen, wenn eine Kapitaldecke vorhanden und ist notwendige Reserven zur Verfügung stehen. So können auch die Arbeitsplätze gesichert werden. Der Schuldenerlass muss für Bavaria ein Befreiungsschlag gewesen sein, ein profitables operatives Geschäft wartet auf die Markterholung und mEUR 55 der Eigentümer hilft durch die Krise hindurch.

    Weiter im Gedankenspiel: Früher als erwartet zieht die Konjunktur in Deutschland wieder an. Nicht nur Frau Dr. Merkel ist überrascht, die ganze Welt feiert Europas Wachstumslokomotive Deutschland. Die Yacht-Nachfrage zieht (eventuell, Informationen hierfür liegen mir nicht vor) an aber die Kapazitäten sind noch nicht ausgelastet. Eine Investition in Grand Soleil und Dufour (GS & D) bietet sich an. Also warum nicht zuschlagen, nicht selbst auch von der Krise anderer profitieren? Das gleiche Spiel von vorne: Bavaria geht zu GS & Ds Banken, bietet an Liquidität in das Unternehmen zu geben, wenn die Banken auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten. Zack: Ein Zukauf, fast schuldenfrei. Nun können die beiden anderen Marken eventuell auch in Deutschland produziert werden, eine Baugruppenfertigung nach Prosche-Cayenne-und-VW-Tuareg Vorbild erscheint möglich. In Bavarias Pressemittleilung ist nicht zu lesen, dass eine drastische Reduktion der Produktionskapazitäten bei den „Neuen“ ausgeschlossen ist.

    Vielleicht ist es nur noch ein Aufbocken eines eh totgesagten, ein so genannter „Dead-cat-bounce“.

    Oder es funktioniert nicht und die Bavaria Gruppe stellt einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens. Die verbliebenen Gläubiger bekommen dann in der Regel wenig mehr als einen feuchten Händedruck vom Insolvenzverwalter und ein neuer Investor kommt ins Spiel, kauft nur einen operativ gesunden Kern und lässt die Schulden in der alten Gesellschaftshülle.

    „Lügenborg & Münchhausen Investments“ stehen sich schon in den Startlöchern und gierend nach einer Expedition auf den Spuren der Entdecker des Unternehmertums.

    Fakt ist, wir wissen nicht, ob „gerade so genesen“ und „halbtot“ in diesem seltenen Fall „gesund“ ergibt, aber es sind stets die unternehmerisch Mutigen, die entweder auf die Nase fallen oder einen großen Geldschein machen (darüber inwieweit man Finanzinvestoren als Unternehmer bezeichnen mag möchte ich hier auch besser nicht diskutieren).

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  10. avatar Uwe R. sagt:

    Und nach zwei Jahren soll das Abenteuer Grand Soleil nun ein Ende finden. Hier die mit schönem Manager -Sprech garnierte Meldung zu diesem Fehlkauf: http://www.yachtrevue.at/news-segelyachten/bavaria-gs-23013.html

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

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