Gezeiten: Antwort auf Sonnenfinsternis – „Jahrhundert-Flut“ mit 14,5 Meter Tide

Springtide mit Rekordwerten

 

So leer wie nie zuvor: Am Mont St. Michel wurden mehr als 14 Meter Tidenhub gemessen © berenguier

So leer wie nie zuvor: Am Mont St. Michel wurden mehr als 14 Meter Tidenhub gemessen © berenguier

Die Rekord-Springflut im Atlantik richtete nur geringe Schäden an. Zehntausende bestaunten 14,5-Meter-Tide am Mont St. Michel.

Der Hafen von Lorient in der Bretagne ist bekannt dafür, dass hier die schärfsten Hochseerenner zu bewundern sind. Ein paar IMOCA sind immer an den Stegen festgemacht, derzeit zieht vor allem der Trimaran „Lending Group“ (ex “Banque Populaire” im neuen Look) die Blicke der Segelfans in der Cité de la Voile auf sich. Ein großer Vorteil des Hafens: Hier ist normalerweise bei Ebbe immer genug Wasser unterm Kiel, auch wenn derselbe noch so tief nach unten reichen.

Aber am Wochenende werden einige Mini 6.50 Eigner früher als gewollt aus dem Winterschlaf geweckt. Sie basteln emsig an den Stegen in der Nähe des Krans, um ihre Boote schnell segelfertig zu bekommen. Einige friemeln besonders am Echolot: Das Teil bleibt permanent auf 0,00 stehen.

Zunächst verhaltenes, spätes lautes Fluchen. Warum muss die Elektronik eigentlich dauernd nach dem Winter rumzicken? Hier sind eigentlich immer mindestens knappe drei Meter Wasser unterm Kiel.

Bis einer von der Mole ganz oben herunter ruft: „Hey, das hat es ja wohl noch nie gegeben – die Minis sitzen auf!“ Zum ersten Mal in der Geschichte des Hafens ist nicht genug Wasser im Becken. Die Boote in der Nähe der Hafenmauern kippen in unnatürlichem Winkel seitlich weg. Und wenn auch nur für zwei Stündchen…

Zumindest in St. Malo wurde es zwischendurch mal ungemütlich © Ouest France

Zumindest in St. Malo wurde es zwischendurch mal ungemütlich © Ouest France

119 von 120 möglichen Punkten

Schuld ist die Springtide, gerne auch „Jahrhundert-Flut“ genannt, die am Wochenende auf die Atlantikküste traf. Das Naturphänomen wird stur so genannt, obwohl es mit astronomischer Genauigkeit immer im Abstand von 18 Jahren auftritt. Doch diesmal machte die immer wieder mit Spannung erwartete Flut ihrem Namen tatsächlich alle Ehre.

Wie die französische Meeresbehörde SHOM berichtete, wurde mit dem Wert 119 der höchste, jemals gemessene Koeffizient erreicht. Dieser „Mittelwert“ wird aus der Differenz der aufeinander folgenden Fluten und Ebben gemessen. Als theoretischen Höchstwert gibt SHOM den Koeffizienten 120 an.

In Metern bedeutete das am Wochenende einen Tidenhub von 14,4 Metern rund um die Insel Mont St. Michel und in der kanadischen Bucht Fundy, das Gebiet mit der wohl höchsten Differenz zwischen Ebbe und Flut auf unserem Planeten, wurden sogar 16,3 Meter erreicht.

Es gibt reichlich zu sammeln… packen wir's an! © tourisme bretagne

Es gibt reichlich zu sammeln… packen wir’s an! © tourisme bretagne

Wissenschaftler sind sich übrigens noch nicht vollständig darüber im Klaren, welchen Einfluß die Sonnenfinsternis am vergangenen Freitag auf die außergewöhnlich hohe Jahrhundertflut tatsächlich hatte.

Nicolas Pouvreau vom SHOM gilt in Frankreich als „der“ Gezeitenexperte und ist sich zumindest sicher, dass es einen Zusammenhang gibt: „Die Flut ist ein Ausdruck der Gesetze der Schwerkraft in dem von Erde, Sonne und Mond gebildeten System. Das Meer antwortet im gewissen Sinne auf die sich ständig verändernden Schwerkraft-Bedingungen, also auch auf die besondere Konstellation einer Sonnenfinsternis.“

Hunderttausende an die Küsten

Wie nahezu immer bei derartigen Naturphänomenen, versammelten sich auch am vergangenen Wochenende wieder Hunderttausende Schaulustige an den markanten Punkten der Atlantikküste und am Ärmelkanal. Allein rund um die Klosterberginsel Mont St. Michel zählte die Polizei 14.000 Menschen, die sich bereits Monate im Voraus für dieses Wochenende ihre Hotelzimmer und Camping-Car-Plätze reservieren ließen.

Spektakulär war es am Mont St. Michel © SHOM

Spektakulär war es am Mont St. Michel © SHOM

Weiter südlich wanderten an den langen Stränden der französischen Atlantikküste wahre Heerscharen bei kühlem, aber meist klarem Wetter. Tausende sammelten die in Frankreich so beliebten Muscheln, Krebse und sonstigen Schalengetier bei der extremen Ebbe, die der Flut voraus ging, an sonst unzugänglichen Stellen.

Da die meteorologischen Bedingungen allerorten eher ruhig waren, kam es nicht zum allseits gefürchteten Mix aus einer Sturm- und Jahrhundert-Flut. Wer riesige Wellenberge erwartete, die ganze Häuserzeilen einreißen würden, wurde (glücklicherweise) enttäuscht.

Nicolas Pouvreau: „Zuletzt ist es der Mix aus Wetter und Gezeiten, der das Ausmaß dieses Naturphänomens bestimmt.

Schon 1957 war die Jahrhundert-Springtide, hier in Granville, ein Foto wert © tourisme bretagne

Schon 1957 war die Jahrhundert-Springtide, hier in Granville, ein Foto wert © tourisme bretagne

So kam es, dass etwa mit dem Sturm „Xynthia“ im Jahre 2010 der Wasserstand in La Rochelle bei einem Koeffizienten 102 noch um 1,50 Meter höher war als bei der Flut am Wochenende mit einem Koeffizienten von 119.“

Ein Phänomen, das weiter zu beobachten sein wird und das die Wissenschaftler durchweg beunruhigt: Mit der Klimaerwärmung steigen die Meersspiegel weiterhin rasant an. Geht man davon aus, dass seit 1915 der Spiegel entlang der Atlantikkküsten um satte 20 cm kletterte, könnte es gegen Ende unseres Jahrhunderts zu massiven Schwierigkeiten mit den Jahrhundertfluten kommen. Ein Mix aus Sturm und hohem Flut-Koeffizienten könnte sich da fatal auswirken. Nächstes Jahrhundert-Rendez-vous am 3. 3. 2033…

Höher, aber nicht wilder als sonst © tourisme Bretagne

Höher, aber nicht wilder als sonst. Hier eine Aufnahme nach dem Sturm Xynthia © tourisme Bretagne

avatar

Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier
Spenden
https://northsails.com/sailing/3di-nordac

Ein Kommentar „Gezeiten: Antwort auf Sonnenfinsternis – „Jahrhundert-Flut“ mit 14,5 Meter Tide“

  1. avatar Marina sagt:

    Interessanter Beitrag! Vielen Dank für’s Recherchieren!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *