Havarie: Hallberg Rassy sinkt nach Wal-Kollision bei Flaute

Nur mal eben den Rücken gekratzt?

 

Kollision, Wal, Schiff sinkt

Die Hallberg Rassy bei erster Sichtung durch die portugiesische Küstenwache © solarpix

Nach rauen Sturmtagen erfreut sich die Crew an ruhigen Stunden unter Motor in der Flaute. Bis ein Wal ihren Weg kreuzt. 

Wie oft haben wir auf SR nicht schon von Kollisionen mit Walen berichtet? Auffallender gemeinsamer Nenner bei fast allen Unfällen mit den riesigen Meeressäugern: Die Crashs passierten immer bei verhältnismäßig hoher Geschwindigkeit der Boote. Ob es nun rasende IMOCA und Minis waren oder vergleichsweise gemächliche Fahrtenyachten auf der Barfußroute Richtung  Karibik… fast immer waren die Boote unter Segeln „in Fahrt“. (SR-Berichte).

Aber da es nur selten eine Regel ohne Ausnahmen gibt, ist das wahrscheinlich spektakulärste Aufeinandertreffen (was wörtlich zu nehmen ist) bei leichtem Wind und somit langsamer Yachtgeschwindigkeit passiert, als ein übermütiger Buckelwalbulle sich auf eine Yacht vor Südafrika stürzte. Das Video von dem Unglück ging seitdem millionenfach um die Welt. 

Trotz laufendem Motor

Vor den Azoren haben nun drei britische Segler auf ihrer Hallberg Rassy 48 ebenfalls eine fatale Begegnung mit einem Wal gehabt. Der Crash war zwar weniger spektakulär, im Resultat aber genauso desaströs wie viele andere Kollisionen auch. Interessant ist jedoch, dass der Unfall unter Umständen geschah, die von vielen Versicherungen als sichere Schutzmaßnahme nach Wal-Sichtungen gegen Wal-Kollisionen empfohlen wird: Unter Motor! 

Kollision, Wal, Schiff sinkt

Sprung aufs Schiff – doch diesmal wollte sich der Wal nur mal eben schnell kratzen?

Der 61-jährige David Bowes war mit zwei weiteren britischen Seglern auf einem Überführungstörn von der Karibik zurück in europäische Gefilde unterwegs. Die Drei segelten auf einer Hallberg Rassy 48 namens „Destiny of Scarborough“, ein Yacht-Typ, der in Fahrtenkreisen als eines der verlässlichsten Langfahrtschiffe gilt und besonders für seine Robustheit bekannt ist. Nach seinem Abenteuer mit für alle beteiligten glücklichem Ausgang erzählte Bowes mehreren britischen Medien die folgenden Geschehnisse. 

Die drei Segler hatten bei ihrer Atlantiküberquerung reichlich Wetterpech. Zwei Mal wurden sie von schweren Stürmen eingeholt und mussten 45- 55 Knoten-Böen über mehrere Tage und Nächte ertragen. Deshalb kam der Crew nun ein eher ruhiges, wenn nicht sogar flautenträchtiges Wetterfenster etwa 300 Seemeilen in NWW der Azoren mehr als gelegen. Die Segler konnten sich von den vergangenen Strapazen erholen, es gab kleine Reparaturen zu erledigen und die Batterien wurden mit laufendem Motor über Stunden hinweg aufgeladen. 

Stunden nach der Kollision fließt Wasser ins Schiff

Zwei der Segler verbrachten ihre Freiwache in der Koje und der Skipper checkte gerade an den Bildschirmen unter Deck die Batteriespannung, als das Schiff einen schweren Schlag auf der Steuerbordseite erhielt, „gefühlt“ angehoben wurde und sofort aus der geringen Fahrt heraus aufstoppte.

Der Skipper wurde quer durch die Kajüte geschleudert, landete aber auf weichen Sofakissen und konnte sogleich an Deck hasten. Von dort aus sah er, wie eine riesige Wal-Fluke – etwa so breit wie die Hallberg Rassy – nur Zentimeter neben dem Heck und somit dem Ruder abtauchte.

Bowes checkte sofort die Ruderanlage, die völlig in Ordnung geblieben war. Noch reichlich erschrocken, untersuchten alle drei Segler dann das gesamte Schiff und machten tatsächlich einige kleinere Risse aus, die wohl von dem Zusammenstoß herrührten. Auch floss wenig Wasser ins Boot, was jedoch nach Ansicht des Skippers zu vernachlässigen war. 

Kollision, Wal, Schiff sinkt

Die drei britischen Segler nach ihrer Rettung © solarpix

Die Drei gratulierten sich, mit dem Schrecken davon gekommen zu sein und setzten ihren Törn Richtung Großbritannien fort. Doch wenige Stunden später, offenbar nun wieder unter Segeln unterwegs, hörten die Segler alarmierende, knarzende und knackende Geräusche aus der Rumpfstruktur. Zudem hatten sich nun mehrere große Risse im Rumpf geöffnet, es floss bedrohlich viel Wasser ins Schiff. Schon kurz darauf war klar: Die Arbeit der Pumpen wird nicht ausreichen, um das Schiff über Wasser zu halten. 

Professionell durchgeführte Rettungsaktion

Skipper David Bowes setzte einen Notruf ab, dem rasch von der portugiesischen Küstenwache (stationiert auf den Azoren) Folge geleistet wurde. Da das havarierte Boot zu weit von der Inselgruppe  entfernt war um einen Hubschrauber einzusetzen, schickte man zwei C-295-Jets los, um das havarierte Boot zu orten und die Lage zu sondieren. 

Als die Jets kurz darauf bei der Yacht ankamen, wurde ihnen über Funk mitgeteilt, dass die Hallberg Rassy zu sinken beginne. Das nächste Schiff der portugiesischen Marine, die in solchen Fällen von den Rettungskräften bevorzugt um Hilfe gebeten werden, war ungefähr 24 Stunden Fahrtzeit von der sinkenden Yacht entfernt – zu weit für eine sichere Rettungsaktion. Zwar hätten die Segler in ihre Rettungsinsel umsteigen können, doch erfahrungsgemäß ist diese später nur sehr schwer auffindbar. 

Schließlich sichteten die Jet-Piloten unweit einen Frachter, den sie über Funk zu den havarierten Seglern dirigierten. Die ukrainische Besatzung des unter libanesischer Flagge fahrenden Schiffes rettete mit einer nach Beurteilung der Rettungskräfte perfekt ausgeführten Aktion die drei Segler. Kurz nach der erfolgreichen Rettung sank die Hallberg Rassy 48 vor den Augen der drei britischen Segler und ihrer Retter in den Fluten des Atlantiks. 

Kollision, Wal, Schiff sinkt

Die Begegnung mit einer Fluke ist nicht immer wildromantisch © wikipedia

Bleibt die Frage, wie es zu der Kollision kommen konnte. Zwei Theorien werden diskutiert: 1. Der Wal zog seine Bahn und rammte das Boot, ohne dass er dasselbe zuvor bemerkt hatte. 2. Der Wal wollte sich – wie schon oft von anderen Seglern beobachtet – am Kiel der Yacht „den Rücken kratzen“ und ging dabei zu unsanft mit dem Rumpf der Hallberg Rassy um. 

In beiden Fällen stellt sich allerdings die Frage: Warum hat der laufende Motor den Wal nicht abgeschreckt? Nahezu alle Versicherungen empfehlen nämlich, dass bei Wal-Sichtungen in unmittelbarer Nähe einer Yacht der Motor zur „Abschreckung“ anzustellen sei. 

Viele Walforscher zweifeln diese Methode mittlerweile jedoch an. Das empfindliche Gehör der Meeressäuger sei von der dauerhaften Beschallung durch Umweltgeräusche wie Motoren der großen Handels- und Containerschiffe, die von den Walen oft noch in Hundert Kilometern Entfernung wahrgenommen werden können, nachhaltig angegriffen. 

Warum es nun tatsächlich zu der Kollision unter diesen Umständen kommen konnte, wird wohl niemals geklärt werden. Bleibt nur zu hoffen, dass es bald schon „Frühwarnsysteme“ für sich nähernde Wale und UFOs (Unidentified Floating Objects) geben wird.

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Michael Kunst

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Ein Kommentar „Havarie: Hallberg Rassy sinkt nach Wal-Kollision bei Flaute“

  1. avatar alikatze sagt:

    spannender Bericht, Danke
    – kleine Anmerkung noch: Die HR ist im Laufe des Textes um 8 Fuß geschrumpft 😉

    Like or Dislike: Daumen hoch 1 Daumen runter 0

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