Großes Wilts Interview von Röttgering

Heide und Erich Wilts in Japan "im Land der Stürme"

Die Wilts platt vor dem Laken vor Japan © Erich Wilts

Heide und Erich Wilts haben sich vor über 40 Jahren beim Segeln kennengelernt und sind seitdem zusammen auf allen Meeren unterwegs. Nun hat sie ihr Kurs mit der Stahlyacht „Freydis“ erstmals nach Ostasien geführt. Uwe Röttgering hat die beiden zu der aktuellen Reise befragt.

Warum hat es so lange gedauert, bis Ihr nach Japan gesegelt seid?

Japan liegt aus europäischer Perspektive nicht gerade vor der Haustür und wir hatten all die Jahre andere Prioritäten gesetzt: Nordatlantik, rund Südamerika, rund Afrika, das Nordpolarmeer, rund Antarktis, Umsegelung der Erde auf der Passatroute.

Nachdem wir zuletzt mehrere Jahre in den Küstengewässern Alaskas und Britisch-Kolumbiens gesegelt sind, einschließlich Beringmeer und Tschuktschensee, erreichten wir im letzten Jahr (2009) wieder Kalifornien. Schon auf dem Wege dahin sehnten wir uns beide zurück in die Wildnis Alaskas und beschlossen zurückzukehren. Doch diesmal wollten wir uns für den Weg dorthin mehr Zeit nehmen und planten die Reise über Japan, gespannt auf das, was uns dort erwartet.

Fahrtensegler kommen nur selten nach Japan. Was sind die Gründe?

Im Wesentlichen gibt es zwei Gründe: Japan liegt im westlichen Teil des Nordpazifik und damit abseits aller Hauptstrecken der Weltumsegler. Somit ist sein Segelrevier von der durch den Südpazifik führenden Barfußroute nur durch einen längeren Umweg zu erreichen. Von Suva/Fidji beispielsweise sind es je nach Kurs 4 – 5000 Seemeilen. Deshalb unterbrechen tausende von Yachties ihre Weltumsegelung während der Hurrikansaison im Südpazifik von November bis April lieber auf Neuseeland, wohin die Anreise kürzer ist (1000 – 1200 sm) und bei weitem nicht so beschwerlich. Außerdem ist in dieser Zeit in Neuseeland Süd-Sommer, in Japan aber Nord-Winter. Auch wenn man, wie wir, nicht von der Barfußroute aus nach Japan (Tokio) segelt, sondern quer über den Nordpazifik von San Diego aus, ist die Entfernung gewaltig, nämlich annähernd 7000 Seemeilen.

Doch der wichtigere Grund scheinen uns die schwierigen Wetterverhältnisse: Japan ist eine besonders ausgeprägte, berüchtigte Wetterküche. Vor seinen Küsten treffen zwei Strömungen aufeinander, der kalte OYA SHIO, der von den Kurilen kommt, und der warme KURO SHIO, der sich aus dem Nordäquatorialstrom bildet. Außerdem treffen hier durch die Nähe zum asiatischen Festland Meeres- und kontinentales Klima aufeinander. Im Winterhalbjahr zwischen Ende Oktober und Anfang Mai dominieren schwere Stürme das Meer. Z.B. weist das deutsche „Handbuch des Pazifischen Ozeans“ im Januar für das Seegebiet östlich von Honshu und Hokkaido eine Starkwind- und Sturmhäufigkeit von 40 bis 60% aller Windbeobachtungen aus. Im Sommerhalbjahr beruhigt sich zwar das Meer – der SW-Monsun setzt sich durch – aber man muß zwischen Juni und Dezember verstärkt mit Taifunen aus Asien rechnen. Die halbwegs sichere Segelsaison ist deshalb auch nur kurz.

Ihr seid von Hawaii aus nach Japan gekommen. Eine empfehlenswerte Route?

Mehrere Routen werden nach Japan empfohlen: Von Süden über die Philippinen, Honkong, Taiwan oder Guam, von Osten über Hawaii. Über Hawaii allerdings nur, wenn der Kurs in weit südlichem Bogen unter Ausnutzung des NE-Passats nach Japan führt und wenn man sich an die beiden engen Zeitfenster zwischen Winterstürmen und Taifunsaison hält: Ende April/Anfang Mai oder Ende Oktober/Anfang November.

Wir sind zwar über Hawaii nach Japan gesegelt, konnten uns aber nicht an diese empfohlene Route im NE-Passat halten, weil wir auf dem Wege nach Japan noch einmal das einzigartige Naturreservat Midway-Atoll besuchen wollten. Die Folge war, daß wir die Passatregion in nördlicher Richtung verlassen und damit viele, z.T. schwere Stürme, die noch dazu von vorne kamen, abwettern mußten.

Wie ist die Taifungefahr dort einzuschätzen?

Im NW-Pazifik können Taifune ganzjährig auftreten. Während ihrer Kernzeit, also von Juli bis Oktober, würden wir unter keinen Umständen übers offene Meer anreisen, denn eine Segelyacht ist nicht schnell genug, um einem Taifun auszuweichen. Etwas Anderes ist es, wenn man an der japanischen Küste entlang schippert und dabei über genaue Wetterinformationen verfügt. Dann kann man jederzeit einen sicheren Hafen aufsuchen, bevor es brenzlig wird. Die Häfen, die wir kennengelernt haben, bieten Schutz, manche sind wahre Festungen.

Wie ist Japan im Vergleich zu anderen Fahrtenseglerrevieren einzuschätzen?

Das japanische Revier erstreckt sich über circa 26 Breitengrade, von der Insel Okino Tori Shima (20°N) im äußersten Süden bis zur Nordspitze von Hokkaido (46°N). Es reicht also von den Tropen bis in die Region der stürmischen Westwinde und das Klima in Japan ist dadurch so unterschiedlich ausgeprägt, dass man 6 Klimazonen unterscheidet. Am ehesten kann man es mit Neuseeland vergleichen, ein Segelrevier von den Inseln Raoul im Norden (29°S) bis Campbell im Süden (53°S) –  ebenfalls rund 1500 Seemeilen. So, wie man keinen gemeinsamen Nenner für die Bay of Islands mit der Foveauxstraße finden kann, so wenig kann man Okinawa mit Hokkaido vergleichen.

Allgemein läßt sich für Japan sagen: Je weiter nördlich das Revier, desto höhere Anforderungen werden an den Segler gestellt, was auch für Neuseeland gilt: je weiter südlich, desto anspruchsvoller das Segeln.

Gibt es eine japanische Fahrtensegler- oder gar Weltumseglerszene?

Ja, die gibt es, wenn auch noch nicht lange, denn Japan hat keine lange Segeltradition. Erst seit 1990 entwickelt sich der Segelsport. Aber wir haben die Szene aufgrund unseres unkonventionellen Kurses noch nicht kennengelernt. Während der 6 Wochen, die wir über die Nanpo Shoto, die südlichen Inseln, nach Honshu segelten, begegnete uns nur ein einziger japanischer Fahrtensegler. In diesem Revier treffen die oben genannten Meeresströmungen aufeinander, entsprechend schwierig und unberechenbar ist dieses Seegebiet. Erst auf der Insel O-Shima, die wenige Meilen vor der Bucht von Tokio liegt, trafen wir auf ein paar Jollensegler in der geschützten Bucht von Habu-Port.

Wie ist die Infrastruktur für Segler, insbesondere die Ersatzteilversorgung?

Wir haben eine Kette einsamer Inseln besucht, auf denen es nur kleine Fischereihäfen gibt, und an der Küste von Honshu erst zwei Marinas kennengelernt. Beide sind vorbildlich, mit einer Einschränkung: Weil die Japaner kleinere und leichtere Yachten als Europäer oder Amerikaner unterhalten, beträgt  das Limit bei den Travellifts in den Marinas 20 to – ein Problem für unsere 28-Tonnen-Freydis.

Und was die Ersatzteilversorgung angeht: Es gibt einen japanischen Ausrüster, der mit einem Versandkatalog arbeitet, ähnlich wie die Firma SVB in Deutschland oder West Marine in den USA.

Wie ist der Umgang mit den Behörden? Wie ist die Verständigung?

Wir haben im Hafen Futami auf Chichi-Shima einklariert – problemlos. Schwierig wurde es, als wir den Beamten eröffneten, daß wir auf dem Wege zur Hauptinsel Honshu etliche der Izu Shoto, der Sieben Inseln, mit der Freydis aufsuchen wollten. Auf diesen Inseln gibt es zwar Häfen, das sind aber sogenannte „Closed Ports“: Ausländische Schiffe, auch Yachten, sind dort nicht erwünscht. Es sah nicht so aus, als würden wir eine Genehmigung erhalten. Dann aber half uns eine Bekannte, die in Deutschland studiert hatte und jetzt als Professorin in Tokio arbeitet. Über sie wurde der ganze mündliche und schriftliche Verkehr mit den Behörden – Customs und Coast Guard – in Tokio und Chichi-Shima abgewickelt. Nach einer Woche hatten wir ein ganzes Bündel von Genehmigungen. Die Beamten in Chichi-Shima sprachen kein einziges Wort Englisch, entsprechend schwierig war die Verständigung trotz ihrer elektronischen Lexika. Auf der anderen Seite waren alle Offiziellen, mit denen wir zutun hatten, außerordentlich freundlich und hilfsbereit und irgendwie klappte es dann doch immer.

Was ist der Hintergrund der „geschlossenen Häfen“?

Wir nehmen an, dass dieses System noch ein Relikt aus der Vergangenheit ist, schließlich war Japan über Jahrhunderte mit Ausnahme des Hafens von Nagasaki für ausländische Schiffe gesperrt.

Es ist abzusehen, daß diese strengen Bestimmungen in „offen“ und „geschlossen“ zumindest für die ausländischen Segler gelockert werden, denn sie machen keinen Sinn und verursachen – je mehr Yachten Japan besuchen – umso mehr unnötigen Kontrollaufwand bei den Behörden.

Wie einfach war es doch für uns in den USA: Von Mexiko kommend, klarierten wir ein, erhielten ein „sailing permit“, das von Jahr zu Jahr – gegen eine geringe Gebühr-  automatisch verlängert wurde und damit stand es uns frei, jeden Hafen und jede Bucht zu besuchen. Außer einigen Hafenmeistern sahen wir jahrelang keine Beamten mehr, weder in Alaska, noch in Kalifornien. In Japan ist das noch undenkbar.

Kann man sich mit einer Yacht frei an Japans Küsten bewegen?

Ganz klar: Nein! Denn es gibt – wie schon erwähnt – neben „Offenen“ auch die „Geschlossenen“ Häfen. Mit Nachdruck wurden wir sowohl von den Behörden als auch von unserer Bekannten in Tokio darauf hingewiesen, dass wir uns unbedingt an die Vorgaben und Genehmigungen halten sollen. Falls uns das z.B. aus Wettergründen nicht möglich sei, müßten wir umgehend unsere Bekannte über unser Iridium Handy informieren und die wiederum die Behörden. Ob diese strengen Regeln nur für unser „Inselhopping“ bis zur Hauptinsel galten oder auch noch auf der Hauptroute an der Küste Honshus, auf der auch andere ausländische Yachten segeln, wissen wir noch nicht. Wir werden es bald erfahren, denn im Oktober wollen wir in kleinen Etappen nach Hokkaido segeln. Über diese Erfahrungen werden wir gerne berichten.

Braucht man japanische Seekarten?

Japanische Seekarten sind zwar gut, aber sie nützen dem nicht viel, der weder japanisch lesen noch schreiben kann. Besser eignen sich englische oder amerikanische. Doch wichtig sind die japanischen Hafenhandbücher. Obwohl für uns die Erklärungen zu den Plänen nicht lesbar waren, konnten wir uns doch anhand der Hafenskizzen gut orientieren. Man findet leichter zu den Häfen, vor allem nachts oder im Nebel, und in den Häfen findet man sich besser zurecht.

Was kostet ein Liegeplatz?

Die Liegegelder sind im Schnitt viel höher als beispielsweise in Britisch Kolumbien oder der Westküste der USA. Verständlich, wenn man sieht, welchen Aufwand die Erbauer der Marinas betreiben müssen, damit diese den Stürmen standhalten. Etliche Marinas bieten aber Spezialtarife für ausländische Besucher. Viele sind  bereits im Internet, auch auf englisch, so daß man sich vorher informieren kann.

Wie ist das Preisniveau allgemein?

Auch auf der kleinsten Insel gab es Supermärkte, die gut sortiert sind. Es dauerte allerdings eine Weile, bis wir wußten, was in den Packungen drinsteckte, manche wurden zum Überraschungsei. Lebensmittel sind durchschnittlich mindestens 30 – 50% teurer als in Europa oder USA.

Das Vorurteil gegenüber Japanern ist ja oft, dass Sie freundlich, aber distanziert sind. Kommt man in Kontakt zur normalen Bevölkerung?

Daß die Japaner zu Fremden freundlich, aber distanziert seien, ist tatsächlich vollkommen richtig, wobei diese Distanziertheit nicht mit Vorurteil oder abweisender Haltung gleichzusetzen ist. Für uns war es überraschend, wie viel Hilfsbereitschaft und echtes Interesse uns entgegengebracht wurde.

Sind China oder Taiwan auch Ziele, die Euch reizen?

Ob uns China oder Taiwan reizen?  Natürlich! Aber das Leben ist kurz. Wir werden nicht mehr alles sehen und erleben können – auch wenn wir noch ein paar Jahre so weitermachen können wie bisher. Aber man soll die Hoffnung nie aufgeben: Vielleicht werden wir ja wiedergeboren – vielleicht sogar als Seglerpaar?

Wie geht Eure Reise voraussichtlich weiter?

Japan und seine Menschen haben uns so gut gefallen, daß wir noch in diesem Jahr unsere Eindrücke vertiefen möchten: Mit dem Leihwagen, auf Schusters Rappen und mit der Freydis werden wir 10 Wochen den Norden Honshus und die Insel Hokkaido erkunden. Überwintern soll die Freydis auf Hokkaido. Nächstes Jahr (2011) geht es mit der Freydis weiter über Sibirien nach Alaska. Schaun wir mal!

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Uwe Röttgering

... der, der das Blauwasser Segeln liebt, aber zu immer schnelleren Schiffen tendiert - ob das am Einfluss von SR liegt ? ;o) Mehr findest Du hier.
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