Historie: Einhand-Weltumseglung im offenen Einrumpf-Boot – 1992-1993

+++ Mad-Man's-Trip +++

Die Weltumseglung von Anthony Ant Steward in Bildern.  Reportage aus Zeiten, als es noch keine “GoPro”-Kameras gab:

Der Südafrikaner Anthony „Ant“ Steward segelte vor 21 Jahren in mehreren Etappen alleine um die Welt  – in einem 5,80 m kurzen Boot ohne Kajüte oder Unterschlupf. Video über ein unglaubliches Abenteuer.

Ohne Yves Bourgnons aktuelles  „Alleine-rund-um-die Welt-im offenen-Katamaran“-Abenteuer schmälern zu wollen – einer hat vor ihm bereits die Einhand-Weltumseglung in einem offenen Boot geschafft. Und das unter weitaus schwierigeren Bedingungen, ohne (weit entferntes!) Medien-Begleitschiff, ohne Sponsor, ohne Facebook-Likes und Twitter-Applaus.

weltumseglung, einhand

Ruhige Tage auf See gab’s nur selten © dixdesign

Vom Finn-Meister zum Weltumsegler

Ant Steward war einer dieser südafrikanischen Draufgänger-Sportskanonen, bei denen keiner so richtig wusste, wo das Sportliche aufhörte und der Wahnsinn begann; ein Mann mit fließendem Übergang zwischen  Langeweile und Exzess. Warum ausgerechnet so einer beim Segeln landete und nicht etwa Rugby bei den „Springbocks“ spielte, wird wohl für immer (s)ein Geheimnis bleiben.

Und wie er segelte! Der große, eher kräftig gebaute 28-Jährige schaffte es seinerzeit immerhin zum südafrikanischen Meister im Finn Dinghy, segelte erfolgreich auf internationalen Finn-Regatten. Ant war ein gefragter Grinder auf den großen Regatta-Pötten und wurde immer wieder als Steuermann zu den Clubregatten in der Bucht vor Kapstadt verpflichtet. Doch irgendwann hatte er die ewige Bojenrunderei satt und wollte weiter raus.

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Klar, er hätte jetzt einen Kredit aufnehmen, ein Schiff vom Steg wegklauen oder vielleicht auch einen Hochseedampfer selbst bauen können. Nur, das hätte alles zu lange gedauert, wäre mittelfristig wahrscheinlich langweilig geworden und überhaupt keine echte Herausforderung.

Als er mit einem Kollegen auf einem 9m-Boot rund Kap Horn segelte und dort sein Deck von den Brechern besenrein gefegt wurde, begann eine Idee in ihm zu reifen: Er wollte der Erste sein, der alleine in einem offenen Boot um die Welt segelt. Das entsprach in etwa seinem Verständnis von abenteuerlichem Segeln – „alles andere war lächerlich einfach, konnte ja jeder!“ sagte er später in einem Interview.

Weltumseglung, offenes Boot, einhand

Die “Challenge”, ein 19-Fuss-Boot ohne Kajüte © dixdesign

Auf 5,80 m alleine rundum

Ant kaufte die TLC „Zulu Dawn“, Protoyp eines 5,80 m Serien-Kajütbootes, das auch heute noch häufig vor den südafrikanischen Küsten gesegelt wird und taufte sie für den Törn in „NCS Challenge“ um. Die Proto-Version sollte eigentlich ein Daysailor für 3-4 Mann im Trapez werden – entsprechend leicht fiel das Gewicht des Rumpfes aus.

Doch der angehende Solo-Segler baute sich den Rumpf (nach seinem Verständnis) zu einem seegängigen, offenen One-Off um und aus – da er keine Werkstatt finden konnte, wurde ein Großteil der Arbeiten zuhause im Appartement erledigt.

Kurz: Alles, aber auch wirklich alles, was man vor 20 Jahren übers Seesegeln wusste, wurde von Ant Steward geflissentlich ignoriert. Er wollte alles anders machen – bis auf einen Punkt: Wohl wissend, dass ihn schwerste Seebedingungen erwarten, sollte sein Boot in jeder Wetterlage selbst aufrichtend reagieren. Und, man weiß ja nie: Auf die Unterseite des Rumpfes pinselte er in riesigen Buchstaben SOS.

 Nach fünf Tagen: Erste Kenterung

Fünf Tage nach seinem Start in Kapstadt (1992) konnte Ant gleich mal ausprobieren, wie das mit dem Aufrichten klappt: Nach der ersten Kenterung wurde der Solosegler ins Wasser geworfen, doch er hing noch an der langen Lifeline am Boot. Das richtete sich tatsächlich Sekunden später wieder auf und fuhr weiter – mit Ant im Schlepp, kurz vor dem Ersaufen.

Doch mit seinem Gewicht konnte er das Boot tatsächlich in den Wind ziehen. „Ich war kaum losgesegelt und hatte schon mein ganzes Glückskontingent verbaucht,“ erinnert er sich später. „Weil: dies war bis dahin das erste Mal in meinem Leben, dass ich überhaupt eine Lifeline trug!“

Bei Ankunft gefeiert © dixdesign

Bei Ankunft gefeiert © dixdesign

Ant Steward folgte der klassischen Handelsroute im südlichen Atlantik: Kapstadt, St. Helena, Karibik, Panama. Er verlor noch vor St. Helena einen Großteil seiner Karten bei der nächsten Kenterung, trieb mehrere Tage unkontrolliert durch die See, weil er nach einer Vergiftung (roher Fisch) von einer Ohnmacht in die andere fiel. Er verpasste die Insel Ascension, weil er seinen Sextanten beschädigt hatte und musst den über ihm fliegenden Tölpeln folgen, die ihn zur „Himmelfahrtsinsel“ führten.

In einer Flaute wurde er beinahe von einem Schiff auf offener See gerammt, das 20 m an ihm vorbei rauschte. Auf Barbados war er als Südafrikaner ganz und gar nicht willkommen, wegen der Sanktionen gegen den Apartheidstaat musste Ant zwei Tage und zwei Nächte nach Ankunft „auf Reede“ verbringen, bevor er an Land durfte.

Von St. Maarten aus flog Ant Steward mal schnell nach Newport zur Preisverleihung des BOC Challenge, an dem er 91/92 teilgenommen hatte…

Weltumseglung, offenes Boot, einhand

Die See ging nicht gerade sorgsam mit der Nussschale um © dixdesign

“Die Wellen werfen Dich über die Schiffe!”

Zwischen der Karibik und Panama erlebte er dann die haarsträubendsten Abenteuer (genau dort, wo derzeit Yves Bourgnon unterwegs ist). „Die Wellen waren so hoch und kamen von allen Richtungen, dass ich erstmals um das Boot fürchtete,“ gab Ant später zu Protokoll. Ein Fischer hatte ihn gewarnt: „Du brauchst keine Angst davor haben, dass dich andere Schiffe rammen. Die Wellen sind so hoch, dass sich dich und dein Boot einfach über die Schiffe drüberwerfen!“

In der sprichwörtlichen Ruhe nach einem Sturm, nur 30 sm vor Panama, wird der schlummernde Ant von der Bugwelle eines Tankers geweckt, die sein Boot zur Seite fegte. „Eine Minute lang starrte ich auf die haushohen Stahlwände des Tankers, der in ein paar Metern Entfernung an mir vorbei rauschte!“

Den südlichen Pazifik empfand Ant weniger aufregend. Er segelte zunächst über Galapagos nach Bora-Bora.  Zwar verlor er dabei einmal fast seinen Kiel, als er mit einem treibenden Baumstamm kollidierte. Und nach Mastbruch in einem „mittelstarken Sturm“ landete er schließlich mit Notrigg auf Samoa. Doch die Hurrikan-Saison nahte, und der Mast wurde wochenlang nicht geliefert. Also startete er mit einer ungewöhnlich Konstruktion: er verband Baum und Spinnakerbaum, Schnitt seine Genua zu einem Groß zurecht und segelte so kurz vor dem Hurrikan „Cleo“ davon.

 Zwischen Haien und Riffen

Der Mast wurde schließlich nach Brisbane geliefert, dort das Boot „refitted“ und Ant segelte die „NCS-Challenger“  zunächst von Hafen zu Hafen nach Darwin, dann zu den Weihnachtsinseln. Am 13. Juli 1992 erwischte ihn auf der nächsten Etappe ein Sturm. Kenterung, Mastbruch, es kam, wie es kommen musste. Nach einer Horrornacht auf dem Wasser, trieb er manövrierunfähig auf ein Korallenriff.

Der Rumpf der „NCS-Challenger“ wurde stark beschädigt und auf das Riff geworfen. Ant schwamm, blutend, ein paar Hundert Meter rüber zu einer Insel, eine Schwimmstrecke, die zum Schlimmsten zählte, was er je erlebt hatte. „Ich war von Haien umgeben, die schon an mir knabberten. Es war verdammt knapp!“

Weltumseglung, offenes Boot, einhand

Eigentlich nur noch ein Wrack © dixdesign

Auf der Insel (Cerf Island der Seychellen) verbrachte er neun Tage ohne Süßwasser, ernährte sich nur von Kokosnüssen, bis ein Fischerboot auf seine Notsignalraketen reagierte. Die Fischer brachten Ant in ein Hospital und holten sogar noch den Rumpf der NCS Challenge vom Riff weg.

Bootsrumpf und Skipper wurden an Bord eines Handelsschiffes nach Südafrika zurück gebracht, wo Ant das Boot während seiner Flitterwochen mit seiner Frau Sue reparierte.

Wochen später brachte ein Frachter Mann und Boot unentgeltlich wieder zurück nach Cerf island – Ants Abenteuer hatten sich mittlerweile in Südafrika herumgesprochen, er war bekannt wie der sprichwörtliche „bunte Hund“.

Hafen-hüpfend zurück nach Kapstadt

Der Rest ist Geschichte. Ant durchstand sieben weitere Stürme, „hüpfte“ schließlich von Hafen zu Hafen entlang der südafrikanischen Küste, musste in einem Hafen drei volle Wochen wegen Sturm abwarten, er rammte einen Wal und wäre beinahe abgesoffen, er erlitt körperliche Zusammenbrüche und hielt dennoch verbissen an seinem Plan fest, diese Weltumrundung zu vollenden.

Was ihm 1993 schließlich gelang. Als er in die Bucht von Kapstadt einlief, warteten Dutzende Segelschiffe auf ihn und geleiteten ihn zum Pier, wo tausende seine Ankunft feierten. Mehr als zwei Jahre in der südlichen Hemispäre auf einem Mini-Boot unterwegs – Ant Steward hatte unmöglich gewagt. Und (knapp) gewonnen!

Eigentlich die Form eines 505er © dixdesign

Eigentlich die Form eines 505er © dixdesign

Epilog. Wenige Jahre später startete Ant Steward in einem 20 Fuß-Kajütboot zu einer Einhand-Nonstop-Weltumseglung, die mitten auf dem Atlantik aufgrund eines Kabinenbrandes endete. Mit schweren Verbrennungen wurde Ant ins Krankenhaus eingeliefert.

Später wurde Ant Manager des Royal Yacht Clubs in Kapstadt, steuerte ein Schiff beim Kapstadt-Rio-Race und arbeitet heute bei einer Katamaran-Werft. Freunde behaupten, das sei ein gutes Zeichen – bald gibt es bestimmt den nächsten „Madman-Trip“ à la Ant Steward.

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Michael Kunst

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