Historie: Eric Tabarlys Nordatlantik-Rekordfahrt auf Flügel-Trimaran 1980

Der Zeit voraus

Tabarlys Alu-Trimaran war bereits mit Hydrofoils ausgestattet, aber noch zu schwer zum Abheben. Dennoch fiel ein 75 Jahre alter Rekord. Hardcore-Segeln vor 35 Jahren.

Es waren Zeiten des Aufbruchs. Eric Tabarly galt längst als Seeheld „par excellence“, und das nicht nur unter den Franzosen. Sein Tatendurst ging weit über schnöde Siege bei Hochseeregatten hinaus – was ihn wirklich interessierte, war die schiere Höchstgeschwindigkeit. Ende der 1970er-Jahre entwickelte er bereits Konzepte, um Rennyachten mit Hydrofoils auszustatten. Doch die größten Gegner auf dem Weg zu ultimativen Höchstgeschwindigkeiten waren damals Baumaterial und Gewicht.

Mit dem 16,50 Meter langen Aluminium-Trimaran „Paul Ricard“ wollte Tabarly schließlich eine neue Ära einläuten. Der revolutionäre Renner wurde mit Hydrofoils ausgestattet, kam aber aus Gewichtsgründen nur selten zum „Abheben“.

Zwei französische Superstars im Karriere-Zenit: Tabarly und Bardot © Cité de la voile

Zwei französische Superstars im Karriere-Zenit: Tabarly und Bardot © Cité de la voile

Dennoch wagte sich Tabarly gemeinsam mit Eric Boris und George Calvet im Juli 1980 an einen damals legendären Rekord. Die „Paul Ricard“ sollte schneller von Sandy Hook vor New York nach Lizard Point vor England segeln, als es der Schoner „America“ im Jahre 1905 während der ersten Transatlantik-Regatta unter Skipper Charlie Barr geschafft hatte. Es galt also, die Zeit von 12 Tagen und vier Stunden zu unterbieten.

 Unterhaltsam dokumentiert

Erstmals nahm Tabarly für eine Rekordfahrt einen professionellen Kameramann, Dominique Pipart, mit an Bord. Der lieferte noch nie gesehene Bilder vom Alltag auf den für damalige Verhältnisse unfassbar schnellen Yachten. Seine Arbeit wurde später mit mehreren Preisen honoriert.

In ruhigen Sequenzen zeigt Pipart die Highlights und eher trüben Momente der Rekordfahrt. Zum Beispiel als schon zwölf Stunden nach dem Start vor New York der Spi von oben kommt und sich am Backbordschwimmer verheddert. Tabarly kommt aufgeschreckt splitterfasernackt aus der Koje und versucht zu retten, was nicht mehr gerettet werden kann.

Tabarly auf Der "Paul Ricard", hier bei einem Seiner vergeblichen Route-du Rhum-Versuche © cité de la voile

Tabarly auf Der “Paul Ricard”, hier bei einem Seiner vergeblichen Route-du Rhum-Versuche © cité de la voile

Es werden epische Surfs auf der Atlantik-Dünung gezeigt und wie sich die Rudergänger vor 37 Jahren vor der Gischt schützten. Zwölf Flaschen St.Emilion-Rotwein hat Tabarly an Bord, für jeden vorgesehenen Tag eine. Die Crew bereitet dem Meister sein Lieblingsessen, als derselbe mitten auf dem Atlantik seinen Geburtstag feierte. Der Sturm-Spi  wird gesetzt und der Speedmesser blockiert im Sturm über Stunden hinweg auf 20 Knoten  – höhere Geschwindigkeiten waren auf dem Zifferblatt nicht vorgesehen.

Natürlich schaffen es die Trimaran-Segler, den Rekord von Charlie Barr zu unterbieten. Zehn Tage und fünf Stunden brauchte die „Paul Ricard“ damals (zwei Flaschen vom edlen Roten blieben also noch übrig) und beinahe wäre es dem Alu-Trimaran sogar gelungen, im einstelligen Bereich zu bleiben. Wenn nicht kurz vor dem Ziel, übrigens genau wie bei Charlie Barr 75 Jahre zuvor, vor Lizard Point eine Totenflaute geherrscht hätte.

Ein Rekord, der keiner war

Eric Tabarly reagierte wie gewohnt eher zurückhaltend auf seinen virtuellen Sieg über die “America”, den er übrigens offiziell nie anerkannt bekam. Denn das Rennen eines Mehrrumpfers gegen einen Einrumpfer galt damals als nicht regelkonform. Zudem sollten Rekorde während einer Regatta unterboten werden. Das schaffte erst der Zweimastschoner „Mari-Cha IV“ beim Transatlantic-Challenge 2005. Tabarly setzte dennoch eine absolute Geschwindigkeits-Rekordmarke, die jahrelang Bestand haben sollte.

 

Das Leben der Segellegende

Eric Tabarly war die wohl größte Segellegende der Neuzeit. Seine Rekordfahrten sind längst legendär, seine Schiffskonstruktionen gelten als wegweisend für den Hochsee-Yachtsport.

Tabarly wurde am 24.7. 1931 in Nantes geboren und starb am 13.6.1998 in der Irischen See, als er bei einem Überführungstörn zu einem Klassikertreffen nachts womöglich beim Pinkeln über Bord ging.

1964 nimmt er an der Einhand-Transatlantikregatta OSTAR von Plymouth nach Newport, teil, um völlig überraschend mit der neuen Ketsch PEN DUICK II als Erster die überwiegend britische Seglerelite zu besiegen. 1967/68 siegt er im Sydney-Hobart Race. Es folgen unzählige Rekorde bei Atlantik- und Pazifiküberquerungen. Spektakuläre Reisen und Regattateilnahmen haben Éric Tabarly als herausragenden Seesegler wie auch innovativen Tüftler und Konstrukteur weltweit bekannt gemacht. Ein Großteil seiner Schiffe, die er alle „Pen Duick“ taufte (bretonisch für „Tannenmeise“) segeln heute noch.

© cité de la voile

© cité de la voile

Die bretonische Stadt Lorient widmete dem „1. Ehrenmitglied der ISAF Sailing Hall of Fame“ ein faszinierendes Museum, vor dem auch einige der legendären „Pen Duicks“ segelfertig auf Mitsegler warten.

Tabarlys Yachten

  • Pen Duick (I), Baujahr 1898, Konstrukteur: William Fife III, Werft: Gridiron and Workers, Carrigaloe, Irland; 1958/59 neuer Rumpf aus Polyester

  • Pen Duick II, Baujahr 1964, Konstrukteur: Gilles Costantini, Werft: Costantini, Frankreich

  • Pen Duick III, Baujahr 1967, Konstrukteur: Eric Tabarly, Werft: La Perrière, Lorient, Frankreich

  • Pen Duick IV, Trimaran, Baujahr 1968, Konstrukteur: André Allègre, Werft: La Perrière, Lorient Frankreich

  • Pen Duick V, Baujahr 1968, Konstrukteur: Michel Bigoin and Daniel Duvergie, Werft: La Perrière, Lorient, Frankreich

  • Pen Duick VI, Baujahr 1974, Konstrukteur: André Mauric, Werft: L’arsenal, Brest, Frankreich

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4 Kommentare zu „Historie: Eric Tabarlys Nordatlantik-Rekordfahrt auf Flügel-Trimaran 1980“

  1. avatar stefan sagt:

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 5 Daumen runter 1

  2. avatar dubblebubble sagt:

    Tolles Zeitdokument aus analogen Tagen. 13 Bouteilles waren mit… sagt zumindest le Commentateur. 🙂

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  3. avatar Michael Kunst sagt:

    Mensch, dubblebubble – 1:35 min: “douze bouteilles de St. Emilion, douze, pas une de plus!” Completement inutile des commentaires de ce genre. miku

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