Holzboot: Zwei Französinnen machen einen 6,50-Meter-Belouga-Klassiker wieder fit

Mädchen-Projekt

Belouga, Holzboot, Restaurierung, Frauencrew

Die beiden Belougirls vor ihrem Schmuckstück © launay

Zwei Frauen, ein Boot. Und nicht irgendeines, sondern eine „Belouga“, Klassiker aus dem Jahre 1943. Ein sympathisches, typisch französisches Refit-Projekt.

Dass die Franzosen ausgesprochen stolz auf ihre Hochsee-Regattaerfolge und -Rekorde sind und dazu auch wirklich allen Grund haben, dürfte mittlerweile bei jedem Segler angekommen sein. Weniger bekannt ist, dass sie seit jeher ihre seemännischen Traditionen pflegen, hegen und bewahren. Was sich in Hunderten maritimer Museen, in unzähligen Büchern und Bildbänden, aber auch in der Restaurierung und Erhalt alter, längst vergessener Bootsklassen äußert.

Wer in den Häfen der französischen Atlantik- und Mittelmeerküsten müßig geht, trifft immer wieder auf traditionelle Boote und Yachten, von denen man als (deutscher) Normalo-Segler eigentlich noch nie gehört hat. Die in der „Grande Nation“ jedoch mittlerweile schon längst wieder Kultcharakter erreicht haben.

Vorläufer der Mini 6.50

Die „Muscadets“ sind so eine Klasse. Als im vergangenen Jahr die französische Meisterschaft dieser Sperrholzboote (6,40 m) vor Lorient gesegelt wurde, waren weit über 70 Teams am Start. Darunter jede Menge Hochsee-Profis, die sonst auf riesigen Karbonrennern ihr Glück suchen oder im Mini 6.50 über den Atlantik heizen, und ebenso Olympiasegler, die sonst eher auf dem 470er und Nacra anzutreffen sind.

Die Gründe für das Aufblühen der gar nicht mal so alten Klasse – erste Boote wurden 1963 gebaut – sind diese unergründlichen Fügungen des Schicksals, bei denen Kult, Nostalgie und die Reduktion auf das Wesentliche ihre Rolle spielen. Und vielleicht auch, weil die “Muscadets” als Vorläufer der heutigen Mini 6.50-Hochseerenner gelten.

Doch stimmt das tatsächlich? Gab es nicht längst vor dem “Muscadet” bereits einen ähnlich kurzen, seegängigen Bootstyp, mit dem die Franzosen die Meere unsicher machen wollten?

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Es gibt immer was zu tun, auch auf 6,50 Metern Länge © launay

Kenner der französischen Traditions-Szene sagen jedenfalls einem weiteren Boot dieser Größenordnung ein rasantes Revival voraus. Die „Belouga“-Klasse wurde bereits 1943 von dem legendären Eugène Cornu ins Leben gerufen, der mit dem 6,50 m langen „Spaßboot“ (Verkaufsprospekt der damaligen Zeit) seinen ersten großen Design-Wurf landete. Das Boot erinnert tatsächlich, vor allem beim Blick von schräg oben, an den knuffigen Beluga-Wal, was die Segler kurz nach dem Zweiten Weltkrieg offenbar vertrauenerweckend fanden und der Klasse zu einer ersten „Hausse“ verhalfen.

Hoher Party-Faktor

Insgesamt wurden knapp Tausend dieser Holzboote gebaut und verkauft, von denen derzeit noch 175 schwimmen und schätzungsweise 300 restaurationsbedürftig (aber noch zu retten) irgendwo auf dem Land liegen. Vor allem unter jungen Leuten macht das Boot Furore: Die relativ einfach auszuführenden Restaurationsarbeiten wirken meist nicht abschreckend, das Boot eignet sich hervorragend für ausgedehnte Küstentörns und die „Szene“, die sich unter den Enthusiasten längst gebildet hat, ist bekannt für ihren hohen Party-Faktor.

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Schöne, kleine Details werden herausgearbeitet © belougirls

Ein kultiger Klassiker, ein Aufleben der Klasse, jede Menge sympathische Leute… nur eines fehlte noch in der beschaulichen Szenerie: Eine reine Belouga-Frauencrew mit Vorbildcharakter, die weitere Damenmannschaften inspirieren soll.

Dem Thema nahmen sich Èléonore Poncelin de Raucourt und Delphine Prat an. Die beiden „Anfang-Dreißiger“innen kamen über gemeinsame Freunde, durch Wochenendtörns entlang der französischen Atlantikküste zu den „Belougas“ und machten kurzerhand ein Mädchen-Projekt draus. Sie erstanden einen preiswerten „Belouga“ in England, wo die Bootsklasse seinerzeit schätzungsweise 150 Käufer gefunden hatte, dessen Rigg, Segel, Rumpf und Interieur in gutem Zustand waren. Lediglich das Äußere war selbst den Französinnen etwas allzu britisch-lässig, sprich: heruntergekommen.

Acht Schichten Lack

Also schliff das Frauenduo einen Winter lang alle Farb- und Lackschichten von ihrem neuen, alten Schiff und begann mit der langwierigen Lack-Aufbauarbeit. Acht Schichten  trugen sie auf, dazwischen immer wieder schleifen, schleifen, schleifen…

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Das Logo der Belougirls © belougirls

Mit dem Resultat, dass selbst den männlichen „Belouga“-Freunden „das Blech wegflog“, als sie das fertige Boot sahen. Und vielleicht hat auch ein klitzekleines Bisschen geholfen, dass ausgerechnet der bekannte Segelfotograf Christophe Launay ab und an vorbei schaute, um Fotos vom Werdegang der Restaurierung zu machen.

In der Zwischenzeit nannten sich Èléonore und Delphine sowieso nur noch die „Belougirls“ und frau fragte sich, ob man nicht mehr als „nur“ ein Bauprojekt draus machen sollte. Also wurde eine kleine „Association“ gegründet, ein eigenes Logo entwickelt und als erklärtes Ziel für die nahe Zukunft „mehr Frauen auf Belougas“ angegeben. Und mindestens einen „Belouga Day“ soll es jährlich in Frankreich geben. Ehrensache, dass an dem nicht nur gesegelt wird.

Hauptsache Eimer dabei

Nun wird das Boot der „Belouga-Girls“ in Lorient auf den Namen „Zephyr“ getauft, eine Windgottheit aus der Griechischen Mythologie, die (nicht nur) den milden Westwind verkörpert. Es prickle schon ziemlich und ein wenig Herzklopfen hätten sie schon, ließen die Belougirls verlauten.

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Merke: Man kann sich Arbeit auch angenehm machen © belougirls

Schließlich sei die hölzerne „Zephyr“ seit Jahren auf dem Trockenen gestanden und keiner wisse, ob die Pumpen in den ersten Stunden zu Wasser wirklich ausreichen werden.

Aber was soll’s, es werden ja genügend Belouga-Kumpel bei der kleinen Zeremonie dabei sein, die dann eben alle einen Eimer in die Hand bekommen. Schließlich kann man sich hinterher dann ja bei einem Konzert zu Ehren der „Belougirls“ wieder erholen.

Das erste Fahrtziel der beiden steht auch schon fest: Zum Apéro auf die Insel Groix, ein paar Seemeilen vor Lorient. Auf eigenem Kiel, natürlich. Und ohne Männer!

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Michael Kunst

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Ein Kommentar „Holzboot: Zwei Französinnen machen einen 6,50-Meter-Belouga-Klassiker wieder fit“

  1. avatar x sagt:

    Um das mal überspitzt zu formulieren. 2 Mittdreißigerinnern kaufen ein Holzboot, schleifen das Holz, bessern es aus und knallen 8 Schichten Lack drauf? Denn “Rigg, Segel, Rumpf und Interieur (waren) in gutem Zustand”.

    Ja, ohne Frage cool, aber das sollte jeder Segler im Jugendalter einmal mitgemacht haben! Und dann das ganze “Refit Projekt” zu nennen ist auch ein bisschen übertrieben.

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