Interview: Wie “Segelrebell” Marc Naumann Krankheiten per Törn lindern will

Segeln gegen den Krebs

Marc Naumann hatte einen Tumor. Und er segelt. Aus beiden Erfahrungen hat er eine Idee entwickelt, die an Krebs erkrankten Menschen durch das Segeln weiterhelfen soll. Ein Interview.

digger hamburg: Wir haben uns ja auf der Hanseboot kennengelernt. Ich fand Dein projekt sehr interessant. Erzähl mal kurz, was Du machst

marc.naumann: Ich möchte Segelreisen für Betroffene einer lebensverändernden Krankheit anbieten, sei es Krebs, Leukämie oder ähnliches. (Link zur Seite)

digger hamburg: Was heisst das in der Praxis?

marc.naumann: Konkret bedeutet es, dass ich mit einer Gruppe von bis zu vier Mitseglern (Betroffene und/oder Angehörige) jeweils Segeltörns von etwa 10 Tagen unternehmen möchte. Dabei soll es zu Zielen gehen, die eher abseits der Touristenpfade liegen. Denn Sinn des Angebots ist es nicht, nur einen x-beliebigen Urlaub anzubieten, sondern ein Erlebnis. Den Teilnehmern soll die Reise helfen, besser mit der Erkrankung und den Folgen umgehen zu können. Nicht Hinterfragen wieso es jetzt so ist, sondern an der Situation arbeiten, Lösungen und Perspektiven entwickeln.

digger hamburg: Wie kann Segeln bei so einer Erkrankung helfen?

Ein entspannter Marc @ Marc Naumann

Ein entspannter Marc @ Marc Naumann

marc.naumann: Berechtigte Frage, aber es ist eigentlich ganz einfach. Als Segler bist du auf dem Meer und musst dort deinen Job machen. Der Job ist bestenfalls entspannend und relaxed. Aber genau so kann das Wetter urplötzlich umschlagen. Dann hast du mit Wind, Welle, Regen oder Kälte zu kämpfen.

In dem Moment kannst du die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und dich in der Koje verkriechen, hoffen, dass alles gut geht. Wenn du aber aktiv den Sturm aussegelst, hältst du das Steuer in der Hand und hast Einfluss auf dein Schicksal.

Ich hab die Erfahrung selbst gemacht: als ich selbst an einem Tumor erkrankte, war das der schlimmste Sturm in meinem Leben. Ich bin aktiv geblieben, und heute habe ich wieder fest gemacht im Hafen. Daneben steht aber natürlich auch das Erleben der Natur aus einer anderen Perspektive, das Zusammengehörigkeitsgefühl in der Crew, dass jeder für jeden einsteht und die Sonnenaufgänge am Horizont.

digger hamburg: Also kann eine Änderung der Einstellung zum Leben auch helfen, die Krankheit zu besiegen?

marc.naumann: Ich glaube schon, will damit aber keine alternative Therapie anbieten. Die Behandlung der Krankheit selbst ist den Ärzten vorbehalten. Es steht aber fest, dass solch ein Segelerlebnis die psychosoziale Situation nachhaltig verbessert. Und eine positive Lebenseinstellung ist sicherlich eine große Hilfe, nicht wieder zu erkranken und gesund zu bleiben. Es wird ja teils auch die Frage einer “krebsfördernden Lebensweise” diskutiert. Ich will das nicht bewerten, die Dinge sind wie sind, ich kann nur einen Einfluss auf die Zukunft nehmen.

digger hamburg: Ich habe letztes Jahr mal ein Interview mit Martin Doller vom Plauer Hai Live e.V. geführt. Die setzen dort am Plauer See die Minis, 2.4mr ein, um Querschnittsgelähmten bei der Reha zu helfen. Die fallen nach der Diagnose oft in ein Loch. Nach 2 Stunden segeln kommen die als andere Menschen wieder und sehen: Hey – ich habe noch ein lebenswertes Leben, kann Dinge machen, von denen ich immer geträumt habe. Kann man das vergleichen?

Segerebellen Initiator Marc Naumann @ M. Naumann

Segerebellen Initiator Marc Naumann @ M. Naumann

marc.naumann: Absolut! Die meisten Krebsdiagnosen finden ja bei “äußerlich Gesunden” statt. Durch die Krebstherpaie leiden die Blutwerte extrem, damit sinkt auch die körperliche Belastbarkeit. Wenn du dann mal ein paar Treppenstufen hoch musst, kommst du richtig außer Atem, und fühlst dich erst richtig krank. Nach der Behandlung beginnt dann der Kampf, sich wieder aufzupeppeln. Da Segeln mehr mentale Stärke als körperliche Kraft erfordert, kannst du dennoch viel leisten. Und die Möglichkeit, wieder etwas leisten zu können ist eine unglaubliche Motivation.

digger hamburg: Wie organisierst Du diese Reisen? was brauchst Du dazu? Ich nehme an, dass Du nicht 5 eigene Schiffe besitzt…

marc.naumann: Ich hatte mal einen 470er, aber das wäre auch keine Hilfe 🙂
Das Projekt ist noch ganz jung. Die ersten Reisen werden mit Charterschiffen organisiert. Das kostet natürlich etwas Geld, und bei vielen Teilnehmern ist genau das das Problem. Also ist das Projekt und sind die Teilnehmer auf Spenden oder Sponsoring angewiesen, damit nicht nur Betroffene mit dicken Geldbeutel mitkommen können. Für einen Segeltörn mit vier Teilnehmern für 10 Tage sind es ca. 2500-3000 € plus Anreisekosten.

Meine Erfahrung aus Gesprächen mit anderen Segelreise-Anbietern war: “Mach das bloß nicht, hast nur Ärger mit den Kranken.” Als Betroffener nimmt dich also keiner mit, jedenfalls nicht, wenn du vorher ehrlich sagst, was los ist. Somit ist Segelrebellen wohl derzeit ein einzigartiges Angebot. Und da man vorher weiß, was los ist, kann man sich auch auf mögliche Risiken entsprechend vorbereiten.

So wie ich auf meiner Route auch Risiken analysiere und vorbeuge. Im Fall der Fälle, wäre natürlich stets funkärztliche Beratung o.ä. möglich. Die Öffentlichkeit scheut das Thema Krebs und hat auch Angst, damit konfrontiert zu werden. Mit Segelrebellen will ich das beeinflussen. Krebs ist ein Lebensereignis, vor dem man sich nicht verstecken kann. Also lieber offen darüber reden, als später schockiert sein

Nun versuche ich das also, auf eigene Faust zu organisieren. Und kann Unterstützung aus allen möglichen Bereichen gebrauchen.

digger hamburg: Wann willst Du die erste Reise organisieren?

marc.naumann: So bald wie möglich. Es gibt aber keine fixen Termine. Aktuell sind Reisen über Neujahr von 27.12. bis 06.01.15 zwischen 11.01. und 27.01. oder ab 14.03.2015 möglich. Die Reisen sind dabei als erweiterte Mitsegeltörn organisiert, d.h. die Yacht kann auch erst gebucht werden, wenn vier Mitsegler zusammenfinden und die Finanzen passen.

digger hamburg: Wie, womit und wer kann Dich dabei unterstützen?

marc.naumann: An vorderster Stelle stehen natürlich Geldspenden. Dafür steht auf der Webseite www.segelrebellen.com eine Spendenfunktion bereit bzw. die Kontodaten. Falls sich aber ein Yachteigner findet, der statt nur Liegegebühren zu zahlen seine Yacht für einen guten Zweck zur Verfügung stellen will, würde das richtig helfen. Und zu guter letzt, ist Segelausrüstung auch ein wichtiger Punkt: Segelbekleidung und Sicherheitsausrüstung.

Falls sich ein Sponsor für eine eigene Yacht findet, dann wäre das große Ziel erreicht. Denn damit könnten dann dauerhaft und zu reinen Selbstkosten Segeltörns angeboten werden, zudem auch in den wirklich spannenden Gegenden der Welt und auch für längere Zeiträume. Also es gibt viele Möglichkeiten, von ganz klein bis ganz groß hilft alles weiter.

digger hamburg: Wie bist Du auf den Namen “Segelrebellen” gekommen. Rebellieren gegen die Erkrankung?

marc.naumann: Segelrebellen. Das war ein langer Prozess. Erste Ideen waren sail4life oder so. Rebellen, weil man sich nicht von der Krankheit bestimmen lässt, sich auflehnt um etwas (für sich) zu bewirken.

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Digger Hamburg

Kleiner segeln - größer leben. Filmemacher und Autor Stephan Boden verbringt jeden Sommer auf dem Wasser. Früher auf seiner VA18 "Digger" jetzt auf der Bente24, die er selbst initiiert hat. "Auf See habe ich Zeit, das schärft den Blick für Details." Zu seinem Blog geht es hier
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2 Kommentare zu „Interview: Wie “Segelrebell” Marc Naumann Krankheiten per Törn lindern will“

  1. avatar Henk08 sagt:

    Ich werde mir dieses Projekt jedenfalls genauer ansehen. Die Idee ist sicher gut und hilfreich für die Betroffenen, aber die insbesondere auch rechtliche Umsetzung ist nicht ganz ohne…

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    • avatar Marc sagt:

      Schön, dass du auch von der Idee begeistert bist. Würde mich freuen, wenn du dich mal meldest und wir besprechen, wo du Probleme siehst. Wir sind gerade fleißig am planen der nächsten Reisen. Viele Grüße

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