Logbuch eines Fast-Untergangs. Teil eins

„Irgendwo muss Wasser ins Schiff kommen…“

Von Oliver Schmidt Rybandt

Die Ausrüstung ist auf der Archambault 35 für den langen Überführungsschlag nach Luv gestaut . © Schmidt Rybandt

Klingt doch ganz nett: eine Yacht ist von der Karibik nach Europa zu überführen und ein wenig Geld soll es auch dafür geben. Solcherart Überführungen sind ja Traumjobs für professionelle Skipper oder solche, die es gern wären. Wir wurden gefragt, als das Jahr erst wenige Tage alt war. In der zweiten Februarhälfte sollte es losgehen.

Ein erster Blick auf die Monatskarten offerierte eine Starkwind- und Sturmhäufigkeit im zweistelligen Prozentbereich. Sportlich sollte es also werden, zumal das Boot eine IRC Rennyacht vom Typ A35 aus der bekannten französischen Werft Archambault ist.

Profi-Skipper Oliver Schmidt Rybandt macht sich sein gefriergetrocknetes Mittagessen warm. © O. Schmidt Rybandt

Es handelt sich um die Rücküberführung von der Transquadra, einer beliebten Transatlantikregatta für Teilnehmer mit einem Mindestalter von 40 Jahren einhand oder zu zweit gesegelt.

Das Rennen führt von der französischen Atlantikküste über Madeira im Passat nach Martinique. Unsere Rücküberführung ginge nordwärts aus dem Passat und mit den Westwinden, die für die Jahreszeit typisch sind in die Bretagne. Da die Azoren genau auf dem Weg liegen, würde dort Station gemacht werden.

Der Auftraggeber ist Patrice Carpentier, Frankreichs Segeljournalistenguru. Der Mann hat unter anderem zwei Whitbread-Rennen und drei Vendee Globes gesegelt. Wie oft er schon über den Atlantik gesegelt ist, weiß er selbst gar nicht mehr.

Mein Freund Matze Beilken wird von Patrice gefragt und er fragt mich, ob ich mit ihm segeln würde. Ich sage zu, schon allein, um die französische Einhandszene ein wenig kennenzulernen. So treffen wir im Februar in Paris Orly Patrice und fliegen mit ihm nach Martinique.

Der Anblick des Hafens ist herrlich. Unter einem Meer von Flaggen liegt eine Flotte aus gut dreißig Yachten, die gerade das Rennen absolviert haben. Die Bootstypen, die hier das Bild dominieren wären in Deutschland Exoten. Bongo, JPK, Archambault und Pogo steht auf Rümpfen und Aufbauten. Gut sehen sie aus. Schnell und seetüchtig wirken sie alle wie sie da liegen.

Unser Boot heißt „Jonathan“ und ist von den sechs Exemplaren der A35 im Feld die einzige mit Radsteuerung. Ein gewaltiges Carbonrad mit drei Speichen in Y-Form dominiert das geräumige Cockpit. Unter Deck liegen eine Unmenge von Segeln und Ausrüstung. Bei der Auswahl wurde recht hoch ins Regal gegriffen. Das Unterwasserschiff ist blitzsauber und kaum etwas deutet darauf hin, dass das Boot gerade unter Regattabedingungen eine Ozeanüberquerung absolviert hat.

So sortieren wir gut gelaunt die unzähligen Kisten mit Expeditionsverpflegung, Ersatzteilen, Werkzeug und Sicherheitsausrüstung. Alles wird auf der Steuerbordseite deponiert. Das wird für die ersten Tage die Luvseite.

Wir freuen uns nur sehr verhalten auf die ersten 600 Meilen. Es sieht nämlich etwas starkwindig aus. Gegen 25 Knoten Wind anzubolzen gehört nicht gerade zu unseren Lieblingsdisziplinen.

Wir lassen uns vom Eigner in das Boot einweisen, sortieren Gepäck und Ausrüstung bis alles seinen Platz hat und verholen zur Nachbarinsel Dominika. Hier gibt es Diesel, der auf Martinique wegen eines Generalstreiks nicht mehr zu bekommen war.

Dann der endgültige Start. Guadeloupe lassen wir noch an Steuerbord, um es den ersten Tag über noch etwas ruhiger zugehen zu lassen. Dann geht es mit der Abenddämmerung auf den offenen Ozean. Voll und bei am Wind ziehen uns Groß und Fock mit je einem Reff gut sieben Knoten schnell die Wellen rauf und runter.

So lange der Motor intakt ist und die Batterie laden kann hält die Selbststeueranlage das Schiff verlässlich auf Kurs. © O. Schmidt Rybandtge

Drei Meter hoch steht die Dünung, das Leben an Bord ist unbequem. Meine Seekrankheit ist aber schon am nächsten Tag überwunden und ich freue mich über die schnelle Fahrt am Wind.

Drei Tage später wird es etwas ruhiger und wechselhaft. Aber die Maschine will nicht mehr. Der Anlasser schafft es noch, die Maschine etwa zehn Grad weit zu drehen, dann scheint die Kraft zu fehlen. Die Symptome sind mir völlig rätselhaft. Die Starterbatterie ist vom Verbrauchernetz getrennt und demnach voll.

Wir wickeln eine Leine um die Kiemenscheibe der Kurbelwelle, lenken sie zum Großbaum um und versuchen mit Großsegelkraft plus Anlasser die Maschine zu drehen. Es klappt nicht. Nichts hilft. Dabei wurde uns vom Eigner noch gesagt, er habe auf Martinique einen Servicecheck mit Ölwechsel machen lassen.

Eine der wenigen Ausrüstungslücken in diesem herrlichen Boot ist eine alternative Lademöglichkeit. Kein Solarpaneel oder Generator steht zur Verfügung, so dass wir nun ohne Strom sind. Klasse: abwechselnd ans Ruder gefesselt haben wir nun noch über 2000 Meilen bis zu den Azoren vor uns.

Von den Westwinden, die hier jahreszeitentypisch sind, fehlt jede Spur. Das Azorenhoch steht sehr weit nördlich und beschert uns Gegenwind. Immerhin steuert sich das Boot wie so viele mit festgesetztem Ruder selbst, solange es bergauf geht. So bleiben die Etmale zwar auf rund 160 Meilen beschränkt, dafür hat der Wachhabende aber auch mal eine Hand frei.

Nachts ist es unangenehm, wenn Wolken die Sterne verdecken. Dann fehlt jede Orientierung und wir merken, wie grob unser Empfinden für Wind und Krängung doch eigentlich ist. Die letzten verbliebenen Amperestunden lassen wir für den Bordrechner, mit dem wir einmal am Tag über Iridium Mails und Gribdaten laden.

Somit wissen wir, was uns wettermäßig erwartet und können einige Tage später einem Tief ausweichen. Für das Gebiet ist ein lang anhaltender Sturm von vorn prognostiziert. Trotzdem erwischt es uns mit nächtlichen 35 Knoten. Immerhin befinden wir uns auf Anliegekurs.

Nur mit der dicht geschoteten Fock, in der auch noch ein Reff gesteckt ist, versuchen wir Höhe zu laufen, so gut es eben noch geht. Das Boot steuert sich nicht sehr schön mit der vorlichen Flächenverteilung. Aber das Überführungsgroßsegel, das ursprünglich mal für Dreiecksregatten gedacht war, hat leider nur zwei Reffs. Ein Trysegel fehlt gänzlich.

Es ist eine Wohltat, bei nachlassendem Sturm wieder das durchgereffte Groß setzen zu können. Zwei Tage später segeln wir zwar nach wie vor am Wind, können aber in mäßiger Briese die Genua tragen und haben recht komfortable Bedingungen.

Irgendwo muss etwas Wasser ins Schiff kommen. An allen diesen Tagen war das Ösfaß in Aktion. Durch die Vorschiffsluke, die Mastdurchführung und auch den Niedergang kam immer etwas Wasser, was durch das nasse Gegenansegeln natürlich begünstigt wurde.

Nun aber hole ich schon die zweite Pütz in dieser Nacht aus der Zentralbilge unter dem Salontisch am Mast. Auf der Suche nach der Ursache werfe ich einen Blick unter die Vorschiffskoje. Hier gibt es einen flexiblen Wassertank und dahinter die Geber für Logge und Lot.

Mir stockt der Atem: wir haben an Backbord einen Riss in der Außenhaut…. Morgen geht es weiter im zweiten Teil danach im dritten Teil

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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