Justizskandal: Eindringling über Bord geschubst – Segler auf St. Lucia seit 2,5 Jahren in U-Haft

Martyrium für Weltumsegler

Eric Sommer, der Weltenbummler, zu glücklicheren Zeiten © Sommer

Eric Sommer, der Weltenbummler, zu glücklicheren Zeiten © Sommer

Eric Sommer soll wegen Mordes angeklagt werden. Doch die Behörden des Antillenstaates finden keine Beweise für hinreichenden Tatverdacht. Das Martyrium geht weiter.

Seine Geschichte liest sich wie das Drehbuch einer drittklassigen Reality-TV-Serie. Nur dass diese tatsächlich „aus dem Leben“ gegriffen ist.

Der 49-jährige Eric Sommer aus Cagnes sur Mer an der französischen Cote d’Azur war einer dieser lässigen Weltenbummler und Müßiggänger, die polarisieren. Ein Mann, der im Prinzip für und vom Segeln lebte, dessen Outfit und Aussehen viele Klischees bediente, und der das Leben eher gelassen sah, solange man ihn in Ruhe über die Ozeane bummeln ließ.

Bereits mit 18 Jahren soll er auf einer Kieljolle den Atlantik überquert haben, danach verschrieb er sich der Freiheit auf dem Meer. Vier Weltumseglungen will er in den vergangenen 20 jahren geschafft haben. Zuletzt war Sommer auf der enormen, 30 Meter langen „Le Protinus“ zusammen mit seinem Hund „Idefix“ unterwegs. Sein liebstes Fahrtgebiet war die Karibik.

Bis zum 12. Mai 2012. Eric liegt auf Mooring vor der Hauptstadt des Inselstaates St. Lucia, etwa 150-200 Meter von der Küste entfernt. Abends soll ein Jazz-Festival beginnen…

Über das, was an diesem Tag geschah, gibt es keine eindeutigen oder offiziellen Aussagen. Nur Dutzende Zeitungsartikel mit Mutmaßungen, Gespräche mit vermeintlichen Augenzeugen und Gerüchte über mögliche Hintergründe.

Belegt ist, dass ein Mann, stadtbekannt als Drogenkonsument und Streithahn, zu Sommer an Bord kletterte, nachdem er zuvor mit einem kleinen Boot längsseits gekommen war.

Im Internet wird eric als Martyrer und Opfer einer Justiz-Willkür heroisiert © sommer

Im Internet wird Eric als Martyrer und Opfer einer Justiz-Willkür heroisiert © sommer

„Runter von meinem Schiff!“

Eric Sommer, der offenbar einen Überfall befürchtete, schubste oder warf den Eindringling, anscheinend nach einem Handgemenge, wieder von Bord. Dies kann offenbar eine Frau bezeugen, die sich zum Zeitpunkt des Vorfalls mit Sommer an Bord befand, die aber bisher noch nicht als Zeugin vernommen wurde.

Sommer maß dem Geschehen keine weitere Bedeutung mehr bei und tauchte in seiner Kajüte ab.

Über das weitere Geschehen gibt es verschiedene Versionen: Augenzeugen behaupten, der Eindringling sei nicht zu seinem Boot zurück geschwommen, sondern in Richtung eines Fischerbootes, von dem er aufgenommen worden sei und das ihn unversehrt an Land zurückgebracht habe, wo der Schwimmer jedoch bereits von Polizisten erwartet und mitgenommen wurde.

Die andere, häufiger zitierte Version: Zurück im Wasser schwamm der verhinderte Eindringling kraftlos Richtung Strand, an den er ohnmächtig, aber lebend gespült wurde. Dort verabreichten ihm Rettungskräfte eine Herzmassage zur Reanimation, die erfolglos abgebrochen wurde.

Ob ihm dabei neun Rippen gebrochen wurden (wie eine spätere Obduktion ergab) oder bei einer Schlägerei an Bord des Sommer’schen Schiffes, ist bisher nicht geklärt. Nach dieser Version der Vorgänge starb der Mann kurz darauf auf dem Weg ins Krankenhaus.

Erstmal ab in den Knast

Eric vor "Le Protinus" im Trockendock © sommer

Eric vor “Le Protinus” im Trockendock © sommer

Eric Sommer, der keinerlei Fluchtversuche unternommen hatte und offensichtlich keine Ahnung vom Drama am nahegelegenen Strand hatte, wurde kurz darauf von der örtlichen Polizei verhaftet. Man warf ihm versuchten Mord und unterlassene Hilfeleistung vor und brachte ihn in das Gefängnis von Castries, der Hauptstadt von St. Lucia.

Seitdem wartet der Franzose, dass ihm der Prozess gemacht wird. Die Zelle ist hoffnungslos überbelegt. Für 24 Häftlinge gibt es nur ein Loch im Boden als sanitäre Einrichtung. Sommer muss ohne Pritsche auf dem blanken Boden schlafen.

Doch Justiz und Exekutive des Inselstaates schafften es bisher nicht, die für einen Prozess notwendigen Beweise oder Indizien zusammen zu tragen. Zudem scheint die dortige Gerichtsbarkeit besonders beschäftigt zu sein: Sage und schreibe 27 Mal ließ sie Eric Sommer zu angekündigten Prozessterminen vorführen, nur um ihm jeweils mitzuteilen, dass sein Fall ein anderes Mal behandelt werde. Grund: Überlastung des Gerichts, in einigen wenigen Fällen wurde auch „noch nicht abgeschlossene Beweisführung“ genannt.

Novum bei der 27. Absage vor zwei Tagen: Diesmal wurde noch nicht einmal der nächste Termin benannt. Eric Sommer bleibt weiter im Ungewissen.

Offen angefeindet

„Zwischenzeitlich hat sich seine Lage extrem verschlimmert,“ klagt Erics Vater, der sich seit der Inhaftierung mehr und mehr verzweifelnd um das Schicksal seines Sohnes kümmert. Sommer senior engagierte zwischenzeitlich mehrere teure Anwälte vor Ort, die sich aber offenbar der für einen hohen Korruptionsgrad bekannten Justiz hervorragend anpassten. Westliche bzw. französische Anwälte dürfen in dem autonomen Inselstaat und Steuerparadies nicht tätig werden.

„Die ersten Monate war Eric noch unter den Mitgefangenen geduldet, mittlerweile scheint er offenen Anfeindungen ausgesetzt zu sein,“ erklärt der Vater weiter. „Er wurde mehrfach geschlagen, zuletzt fügte man ihm mit kochendem Wasser Verbrennungen ersten und zweiten Grades zu!“

Sommer senior verstand es zudem, die französische Öffentlichkeit für den Fall seines Sohnes zu sensibilisieren. Mittlerweile wurden bereits mehrere Petitionen eingereicht, die eine Freilassung oder den längst fälligen Prozess forderten. Französische Tageszeitungen und Magazine berichteten mehrfach über den Fall, TV-Sender recherchierten vor Ort, sogar Besuche des Vaters bei seinem Sohn im Gefängnis wurden mit versteckter Kamera gefilmt. Zuletzt schaltete sich auch der französische Staatschef Francois Hollande ein.

Der Vater des Inhaftierten kämpft seit Jahren für die Freilassung oder zumindest für den Prozessbeginn seines Sohnes © sommer

Der Vater des Inhaftierten kämpft seit Jahren für die Freilassung oder zumindest für den Prozessbeginn seines Sohnes © sommer

Wie lange hält Eric Sommer noch durch?

Doch nichts von alledem zeigte die geringste Wirkung. Vor zwei Tagen hieß es seitens der Richter erneut: „Keine Zeit, überlastet, der Prozess wird auf einen anderen Termin verlegt.“

Mittlerweile verdichten sich Gerüchte, dass der Getötete verwandtschaftliche Beziehungen in höchste Polizeikreise gehabt habe und wohl auch deshalb die Schikane weiter gehe.

Vater Sommer macht sich mittlerweile jedoch ernsthafte Sorgen: „Bisher vertraute ich immer auf die mentale Stärke meines Sohnes. Seitdem er jedoch im Gefängnis angegriffen wurde, sinkt sein Überlebenswillen spürbar. Ich weiß nicht, wie lange er noch durchhalten wird.“

Tipp: SR Leser Andre Mayer

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Michael Kunst

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Ein Kommentar „Justizskandal: Eindringling über Bord geschubst – Segler auf St. Lucia seit 2,5 Jahren in U-Haft“

  1. avatar Klaus sagt:

    Da wäre mal Solidarität unter Seglern gefragt: einfach St. Lucia meiden, bis Eric wieder frei ist oder einen fairen Prozess erhält. Diese Empfehlung geht insbesondere an die ARC.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 30 Daumen runter 0

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