Karibik Racing: Rennschaluppen der Bahamas – Traditionssegeln mit Niveau

Auf der hohen (Brett)Kante

Tolle Drohnen-Aufnahmen vom Training auf der Class B “Tari Ann”

Zum 65. Mal sorgte die „National Family Island Regatta“ auf den Bahamas mit ihren „Bahamian Racing Sloops“ für Emotionen und so manchen stolzen Moment. Fokus auf eine One Design Klasse, die eigentlich keine ist.

Mit traditionellen respektive klassischen Booten ist das ja so eine Sache. Sie berühren die Sinne wie es nur wenige moderne schwimmende Untersätze schaffen. Sie lassen meist alte Erinnerungen wach werden und verjüngen die Träumenden (gefühlt) um Jahrzehnte. Das hat nur selten etwas mit „früher war alles besser“ zu tun, sondern vereinigt die von Vielen gelebte Erfahrung in einem Boot. Frei nach dem berühmten Fliegen-Motto: „Segelt dieses Boot, denn Tausende Skipper können im Laufe von Jahrzehnten nicht irren!“ 

In Europa zählen dazu Boote wie das Nordische Folkeboot, Drachen, 420er oder Pirat– um nur wenige dieser Klassen zu nennen, die nicht klein zu kriegen sind. In Australien sind es Sharpies oder die 18-Fuß-Skiffs und in den USA wohl die Hobie-Katamarane, Sailing Fish, A-Scows, Blue Jays und und und… 

Ritt auf der Kante © Jan Pehrson/National Family Island Regatta

Auffallend dabei: Es handelt sich in fast allen Fällen um Einheitsklassen. Die wiederum den Spaß am Wettbewerb auf dem Wasser fördern und die Bastelei an Land zu Nebensache degradieren. 

Sollte also selbst in Zeiten der Jedermann-Foiler das vermeintlich Einfache, Einheitliche die wahre Exotik in unserem Sport ausmachen?

Einfach, exotisch und dennoch wild – das sind Schlagworte, die auf eine traditionsreiche „Einheitsklasse“ zutreffen, deren Ursprünge ebenfalls auf der anderen Seite des Atlantiks zu finden sind: auf den Bahamas. 

Kürzlich wurde dort immerhin schon die 65. Ausgabe der „National Family Island Regatta“ zelebriert, die seit 1954 ausschließlich auf den „Bahamian Racing Sloops“ (in unterschiedlichen Größenklassen) gesegelt wird. 

One Design?

Zugegeben, diese Bootsklasse entspricht nicht ganz den von der ISAF ausgegebenen One Design Rules. Was den Eignern der Schaluppen allerdings ziemlich schnuppe ist, da sie sich seit jeher an ihre eigenen Regeln halten, im Leben wie beim Regattieren. Und diese Regeln dafür umso konsequenter einhalten. Meistens jedenfalls…  

Fotograf Ole van der Wal hat vor Jahren einen kurzen Trailer für eine Dokumentation online gestellt. 

„One Design“ wird eher so verstanden, dass die teilnehmenden Boote von einem Bootsbauer gefertigt oder später repariert und restauriert werden müssen, der auch auf den Bahamas lebt und dortselbst seinem Handwerk nachgeht. Import von ausländischem Hightech-Gedöns? Fehlanzeige! 

Ursprünglich als Fischerboote eingesetzt, werden die Racing Sloops heute fast nur noch auf Regatten und beim Training für dieselben gesegelt. Zu aufwändig ist ihr Bau und Unterhalt, zu groß der Stolz ihrer Eigner auf die Schmuckstücke, als dass man sie beim schnöden Tagewerk verhunzen möchte. 

Holz-Renner mit reichlich Tradition

Fünf Längenklassen gibt es seit jeher: Von den max. 28 Fuß-A-Klasse-Rennern bis zur maximal 11 Fuß kurzen E-Klasse. Jede Klasse hat eine maximale erlaubte Quadratmeterzahl Segelfläche – womit dann aber auch schon die wichtigsten Regeln dieser „Einheitsklasse“ genannt wären. Tatsächlich gab es bis vor vier Jahren lediglich so etwas wie ein „Gentleman agreement“ unter den Seglern und Eignern.

Mittlerweile hat man sich auch auf eine schriftliche Fassung dieser Regeln geeinigt, die jedoch bis dato kaum jemand einsehen wollte. Denn letztendlich kommt es sowieso auf die Laune, das Gespür, die Erfahrung und natürlich auf das handwerkliche Geschick des Bootsbauers an, wenn eine neue „Bahamian Racing Sloop“ stilgerecht meist irgendwo an einem Strand gebaut werden soll. 

Die Boote sind vollständig aus Holz gefertigt und ihr Rumpf kraweel-geplankt. Flush-Decks geben ihnen in allen Größen ein schnittiges Aussehen, das durch eine sportliche Übertakelung noch unterstrichen wird. Die Segel müssen aus ägyptischer Baumwolle sein, Mast und Baum aus Holz. Klemmen und Winschen sind moderner Schnickschnack, der in den Regeln nicht mal erwähnt wird, also verboten ist. Vorsegel gibt es nur bei Längenversion A und B, alle anderen sind Kat-getakelt.

Was diese Schaluppen jedoch seit jeher zu spektakulären Racern macht, ist die Ausreittechnik, die von der Crew mehr oder weniger akrobatisch ausgeführt wird: Die Trimmer und Trimmerinnen sitzen, kauern, hängen, knien und stehen auf Brettern, die in Luv außenbords gezogen werden, um so der Krängung am Wind entgegen zu wirken.  Für jede Längenklasse gibt es eine bestimmte Anzahl Segler, die auf den Planken gleichzeitig ausreiten dürfen (A zehn, B sechs Personen). Wer MOB nicht wieder einsammelt, wird disqualifiziert!

Alleinstellungsmerkmal Start: erstmal Anker hieven © Jan Pehrson/National Family Island Regatta

Eine weitere Besonderheit bei Regatten der „Bahamian Racing Sloops“ ist das Startverfahren. Alle Teilnehmer liegen gleichauf hinter der Startlinie vor Anker im Wind. Erst nach dem Startschuss darf mit dem Ankerholen und Segelsetzen begonnen werden. Wehe, wenn da ein Handgriff nicht „sitzt“! 

Status- und Nationalsymbol

So sind die Rennschaluppen der Bahamas zu so etwas wie einem Nationalsymbol der westindischen Inselwelt geworden. Sie gehören Einheimischen, werden von Einheimischen gesegelt und wenn sich doch mal einer dieser Ausländer vordrängelt und mitmachen will, wird er eben mal schnell auf dem Wasser cool versägt. Selbst wahre Segelgrößen sind dabei schon in ihre Schranken gewiesen worden. Andere haben sich peinlich berührt aus dem ganzen Geschehen zurück gezogen, wie etwa die Star-Segler Polgar, Szabo und Canfield, die sich bei einer Jugendregatta mit dem lokalen Nachwuchs in den Rennschaluppen messen wollten. 

So richtig einsam fühlt man sich auf den Booten allerdings selten © Jan Pehrson/National Family Island Regatta

Nach anfänglichen Schwierigkeiten setzte schließlich die internationale Crew auf dem Vorwindkurs gegen den Willen des lokalen Taktikers zu einer Halse an. Aber die Segler ahnten nicht, dass der Einwand deshalb kam, weil bahamesische Sloops offenbar gar nicht halsen können. So geriet das Boot während des Manövers unter Wasser und versank binnen fünf Minuten. (SR berichtete)

Die Boote können nicht halsen? Alles Quatsch, sagen die Locals grinsend und weisen auf einen kleinen, aber feinen Unterschied hin: „Nur wir können damit halsen! Und manchmal gelingt das sogar ohne Bruch!“

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Michael Kunst

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