Kenterung: Nach zehn Tagen alleine auf See – „Prince de Bretagne“ bis Rio geschleppt

„Es war langweilig!“

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Der Prinz vor der Karnevalshochburg Rio © lemanchois

Nach zehn Tagen alleine auf dem gekenterten 80-Fuß-Trimaran und weiteren fünf Tagen im Schlepp erreichten Lionel Lemonchois und sein Team gestern den Zuckerhut – ohne Mast, aber aufgerichtet!

„Endlich!“ Mehr soll der Skipper des riesigen Trimarans „Prince de Bretagne“ nicht gesagt haben, als er gestern – endlich – in die Bucht von Rio einlief.

Lionel Lemanchois hat allen Grund zum Aufatmen: Was er in den letzten zwei Wochen durchgemacht hatte, wird mit dem Sinnspruch „auf Messers Schneide“ wohl am besten beschrieben.

Der Skipper war am 17. Januar auf seinem 80-Fuß-Trimaran vor Lorient/Bretagne aufgebrochen, um den Einhand-Streckenrekord nach Mauritius bzw. der Maskarenen-Inselgruppe zu unterbieten, der 2009 (mal wieder) von Francis Joyon gesetzt wurde.

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So war Lemanchois auf dem Prinzen vor der Kenterung unterwegs © prince de bretagne

Damals waren drei Franzosen auf ihren riesigen „Vögeln“ gleichzeitig unterwegs, um irgendwelche Rekorde zu massakrieren – Armel Le Cleac’h gelang dies vorbildlich mit neuem „Einhand-24-Stunden-Etmal“ und Streckenrekord für die Entdeckerroute, Thomas Coville musste auf der „Sodebo“ seinen Traum von der Nonstop-Einhand-Rekordweltumseglung jedoch in einer gigantischen Flaute nordwestlich der Tristan da Chuna-Inselgruppe aufgeben und  Lionel Lemonchois überschlug sich förmlich mit dem „Prinzen“, 800 Seemeilen östlich von Rio de Janeiro, 11 Tage nach dem Start seines Törns

“Ich bleibe an Bord!”

Doch der Franzose verletzte sich nur leicht an der Hand und meldete seinem Team in der Bretagne, dass der Mast zwar verloren sei, das Schiff aber stabil „auf dem Kopf“ liege und im Prinzip keine größere Schäden am Rumpf zu verzeichnen sind. „Ich hab’s mir gemütlich im mittleren Rumpf eingerichtet,“ sagte er damals via Satelliten-Telefon. „Alles ein bisschen verrückt hier, weil verkehrt herum. Aber erträglich. Holt Ihr mich bitte ab?“

Dieser freundlichen Aufforderung kam Lionels Technikteam gerne nach: Vier Mann flogen nach Brasilien, charterten dort einen hochseegängigen 24m-Schlepper und stachen bald darauf in See.

Lachen kann er auch wieder © prince de Bretagne

Lachen kann er auch wieder © prince de Bretagne

Doch erst am 6. Februar erreichten sie den treibenden Trimaran – Lionel Lemanchois war also 10 lange Tage allein auf hoher See in dem havarierten Schiff. „Um ganz ehrlich zu sein: Es war sch… langweilig!“ sagte er nach Ankunft seiner Retter. „Und ich begann mir langsam Sorgen zu machen, ob die Nahrungsmittelvorräte an Bord reichen würden!“

Er habe noch nicht einmal ein Buch an Bord gehabt. „Ich war schließlich zum Rekordsegeln unterwegs und nicht zum Abhängen!“

“Erstmal ein Steak!”

Entsprechend groß dürfte seine Erleichterung gewesen sein, als er im Licht der untergehenden Sonne den Schlepper „Agil“ am Horizont erblickte. Funkkontakt war schon seit ein paar Stunden hergestellt worden, und entsprechend konnte der brasilianische Smutje schon mal den Grill anwerfen – Lemonchois hatte sich zur Feier ihrer Ankunft Steak gewünscht. „Möglichst ein paar davon!“

Noch im letzten Tageslicht begann die Technik-Crew einen „Pendeldienst“ per Zodiac zwischen dem Schlepper und dem gekenterten Trimaran einzurichten. Es wurden Segel und sonstige beweglichen Materialien vom Schiff geborgen; am nächsten Morgen wurden die verbliebenen Reste des Riggs abgeschnitten und auf dem Schlepper verstaut, kurz darauf begann die diffizile Operation des Aufrichtens.

Skizze von der Operation des Wiederaufrichtens © Technikteam PdB

Skizze von der Operation des Wiederaufrichtens © Technikteam PdB

Physische Arbeit mit dem Eimer!

Bei glücklicherweise ruhigem Seegang fluteten die Franzosen einen der Schwimmer und ließen – befestigt am gegenüberliegenden Schwimmer – fünf Tonnen Kette als Zuggewicht auf der Seite des gefluteten Schwimmers ins Wasser hängen (siehe Zeichnung).

Doch der erste Versuch am Morgen scheiterte, weil der „Haken“, an dem das Kettengewicht zog, zu brechen drohte. Erst am späten Nachmittag gelang die operation und der Trimaran fiel „ganz sanft“ in die richtige Position auf das Wasser zurück.

„So richtete sich der Tri nach dem gleichen Prinzip auf, als würde man sich an seinen gekenterten Strandkat hängen!“ berichteten die Techniker nach der Operation.

Die freilich erst in den späten Abendstunden vollständig beendet war. „Der geflutete Schwimmer musste leegepumpt werden,“ so Lemonchois weiter, „das war richtig physisch, zuletzt arbeiteten wir mit dem Eimer!“

Prinzen-Technik © PdB

Prinzen-Technik © PdB

Am nächsten Morgen hing der Trimaran „Prince de Bretagne“ auf hoher See am Schlepperhaken und der Schleppzug nahm Kurs Richtung Rio de Janeiro.

„Wir hatten vor allem Glück mit dem Wetter!“ berichtete Lemanchois nach seiner Ankunft in der Karnevalshochburg. „Und dennoch brauchten wir volle fünf Tage und Nächte für den Schlepp. Zuletzt wurde der Seegang etwas rauer, so dass wir stundenlang nicht mehr als 5-6 Knoten Geschwindigkeit fahren konnten, ohne Schäden am Trimaran zu riskieren!“

Prinz beim Karneval

Gestern machte der „gerupfte Prinz“ wie die Franzosen ihn derzeit „liebevoll“ nennen in Rio fest, bereits heute wird der Trimaran auseinander gebaut, damit er auf einem Cargo-Schiff zurück nach Frankreich gebracht werden kann.

„Die Zeit läuft uns davon,“ drängelt Lemonchois. „Ich habe noch viel Training für die Route du Rhum zu absolvieren.“ Ein neuer Mast ist wohl schon bestellt, wann er ausgeliefert wird, steht allerdings noch nicht fest.

Ob er ein wenig vom Karneval in Rio profitieren wolle, wird er noch auf dem Steg gefragt. Der Skipper winkt ab: „Ich tanze, wenn ich die Route du Rhum gewonnen habe. Und bis dahin gibt es noch eine Menge Arbeit!“

Kenterung, Schlepp

Jetzt muss das Monster noch auseinander genommen und abtransportiert werden © PdB

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Michael Kunst

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4 Kommentare zu „Kenterung: Nach zehn Tagen alleine auf See – „Prince de Bretagne“ bis Rio geschleppt“

  1. avatar Andreas Ju sagt:

    Häh? 5 Tonnen Kette auf der einen Seite und der gegenüberliegende Schwimmer mit ein paar Tonnen Wasser vollgepumpt? Gleicht sich doch eher aus, als dass sich da etwas aufrichtet. Irgendwas verstehe ich da nicht.

    Meine Vermutung: Zugrichtung Kette ging in Richtung des gefluteten Schwimmers.

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 3 Daumen runter 5

    • avatar Andi.B sagt:

      @Andreas Ju: Guckst Du bei Bild! 😉

      @MiKu: Beim Trimaran ist der “mittlere Rumpf” nicht ganz außen (Zitat: “Bei glücklicherweise ruhigem Seegang fluteten die Franzosen einen der Schwimmer und ließen – befestigt am mittleren Rumpf – fünf Tonnen Ketten als Gegengewicht ins Wasser hängen (siehe Zeichnung).”) – und die Kette war am gegenüberliegenden Rumpf befestigt – zumindest meine ich das auf der Zeichnung zu erkennen. 😉

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      • avatar x-claim sagt:

        Der Mittlere Rumpf beim Trimaran ist meist in der Mitte zumindest kenne ich es so 🙂 – Der Rest ergibt sich aus der Skizze…

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    • avatar coist sagt:

      http://www.voile.princedebretagne.com/fr/multimedia/videos.html
      So wurds gemacht.

      Auf den ersten Blick sieht das Boot gar nicht so zerstört aus, aber innendrin darf er wohl renovieren. Die Elektronik wird größtenteils komplett kaputt sein, da isses mit zwei neuen Lampen nicht getan. Und die Teile, die 10 Tage im Wasser lagen, könnten ja noch brauchbar sein. Ob das Wasser jetzt während den Rennen von oben oder von unten kommt…

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