Kiel abgebrochen: “Polina Star” Skipper beschreibt den Unfall – Supergau für Oyster

"Plötzlich ein lautes Geräusch"

Nach der Bergung der nach einem Kielverlust gesunkenen 90 Fuß Oyster “Polina Star” wehrt sich der italienische Skipper gegen Vorwürfe und nennt Fakten.

Polina Star nach drei Monaten unter Wasser. Das Leck ist gut zu sehen. © La Taberna del Puerto

Polina Star nach drei Monaten unter Wasser. Das Leck ist gut zu sehen. © La Taberna del Puerto

Die britische Nobelwerft Oyster ist schwer unter Druck geraten, nachdem eine ihrer Yachten im Juli vor der spanischen Küste gesunken war. Der Vorfall mit der 90 Fuß Oyster ist erst spät bekannt geworden, und in ersten Stellungnahmen der Werft wurde eine Grundberührung als mögliche Ursache genannt. Es gab auch Spekulationen, dass “Polina Star” vor dem Unfall gekentert sein soll.

Aber inzwischen ist das Schiff geborgen worden, und dabei stellt sich heraus, dass es keine Grundberührung gegeben hat. Vielmehr führte offenbar eine massive Delamination des Rumpfes zum plötzlichen Kielverlust.

Das Laminat hat sich vom Kielbereich bis über die Wasserlinie gelöst. © La Taberna del Puerto

Das Laminat hat sich vom Kielbereich bis über die Wasserlinie gelöst. © La Taberna del Puerto

Der Skipper Alessio Cannoni nimmt selber Stellung. Er beschreibt die Hintergründe seines Engagements auf der Yacht. Der russische Eigner habe das Boot bauen lassen, um damit um die Welt zu segeln. Seit April 2014 habe Cassinari vor Ort den Bau des Schiffes verfolgt und dann im Juli 14 seinen Job als Skipper angetreten.

Dabei stellt er klar, dass die Oyster, die auf einer 825 Version basiert, nicht nachträglich verlängert wurde, wie in verschiedenen Berichten beschrieben. Sie sei für die 90 Fuß Länge konstruiert und gebaut worden.

Polonia Star, als es ihr noch besser ging. © ARC

Polonia Star, als es ihr noch besser ging. © ARC

Das Schiff war auch nicht neu. Cannoni hat mit “Polina Star” und einer zweiköpfigen professionellen Crew rund 10.000 Meilen zurückgelegt. Er segelte im Rahmen der ARC über den Atlantik, cruiste durch die Karibik und war auf dem Weg von Antigua zurück nach Alicante, als das Unglück passierte.

Dabei herrschten an einem sonnigen Tag perfekte 18 Knoten Wind mit 1,3 Metern Wellenhöhe. Das Schiff segelte raumschots mit dem gesetzten Stagsegel und 20 Prozent gerefftem Groß als plötzlich ein lautes Geräusch erfolgte und der Rumpf stark vibrierte.

Es gab einen starken Wassereinbruch im Maschinenraum, der die Batterien und damit alle Systeme lahm legte. Cannoni fiel sofort ab, ließ von der Crew die Not-Pumpe in Betrieb nehmen, die Rettungsinseln vorbereiten, das Vorsegel manuell einrollen und setzte einen Notruf per Funk ab.

Der Kiel liegt vor dem Schiff. © La Taberna del Puerto

Der Kiel liegt vor dem Schiff. © La Taberna del Puerto

“Ich stand am Kartentisch mit dem Wasser bis zu den Hüften und bediente das Funkgerät, als der Kiel komplett abbrach und das Schiff kenterte”, sagt der Skipper. Vom ersten Krachen bis zu diesem Moment waren nur 6,5 Minuten vergangen. Aber das Übersteigen zu den Rettungsinseln funktionierte ohne Probleme. Nach wenigen Stunden wurde die Crew von einem Fischerboot gerettet.

Blick aus der Rettungsinsel auf die durchgekenterte "Polina Star"

Blick aus der Rettungsinsel auf die durchgekenterte “Polina Star”

Einige von der Rettungsinsel gemachte Bilder zeigen, dass die Ruder der Oyster intakt waren. Allein der Kiel fehlte und das große Loch im Rumpf war sichtbar. Noch am Morgen nach dem Unfall schwamm das Wrack etwa 15 Meilen vom Ort der Kenterung entfernt. Zu diesem Zeitpunkt fehlte aber schon ein Ruder und das zweite war teilweise gebrochen. Danach sank das Wrack.

Schon am nächsten Tag schickte Oyster zwei Mitarbeiter zur Untersuchung des Vorfalls und das Schiff wurde schließlich im Oktober gehoben. Die zuständigen Versicherer haben ihre Arbeit aufgenommen, aber einen abschließenden Bericht gibt es noch nicht.

Das traurige Bild einer Traumyacht. © La Taberna del Puerto

Das traurige Bild einer Traumyacht. © La Taberna del Puerto

Für Oyster ist dieser Vorfall der Supergau. Drei Yachten der Basis-Version 825, die für rund acht Millionen Euro gehandelt wird, sind seit dem Unfall verkauft worden. Ein Schiff ist bei der aktuellen ARC auf dem Atlantik aktiv. Da mag jedes Knirsch-Geräusch ein ungutes Gefühl heraufbeschwören.

Baumängel liegen nahe

Auf den Bildern des Wracks ist zu erkennen, dass es Laminat-Ablösungen an der Rumpfschale gegeben hat. Baumängel liegen nahe. Aber der russische Eigner sieht diese Einsicht offenbar noch nicht bei der Werft. Er soll ziemlich sauer, weil Oyster bei den Verhandlungen um die Entschädigung nach vier Monaten noch kein vernünftiges Angebot gegeben habe.

Die Oyster im Travellift. © La Taberna del Puerto

Die Oyster im Travellift. © La Taberna del Puerto

So gewährte er dem russischen Yacht-Magazin Einblicke in den Fall. Ihr Autor stellt fest, dass schon zweimal vor dem Unfall eine Kiel-Reparatur bei Oyster angemahnt wurde als ein Spalt zwischen Ballast und Rumpf erschien. Einmal habe die Werft das Nachziehen der Kielbolzen veranlasst. Die Russen gehen davon aus, dass nicht ausreichende Laminatstärke zu dem Unglück geführt haben könnte.

Ein anderer Erklärungsversuch stellt fest, dass die 90 Fuß Version der 825 wegen des zusätzlichen Einbaus einer Heck-Garage notwendig war. Als Gegengewicht hat die Werft eine Tonne extra Ballast im Bugbereich platziert. Möglicherweise wurde die Kiel-Konstruktion den veränderten Schwerpunkt-Verhalten nicht angepasst.

Schwerer Image Schaden

Oyster trägt bisher wenig zur Diskussion bei. Die Werft verweist darauf, die internen Untersuchungen der Gutachter abwarten zu wollen. Sicher ist, dass die Edelmarke durch diesen Vorfall einen schweren Image-Verlust hinnehmen wird. Man entscheidet sich für ein Luxusprodukt, gerade damit so etwas nicht passiert.

Aber auch alle anderen Yacht-Seglern stockt der Atem, wenn sie an die Möglichkeit denken, dass der Kiel abfallen könnte. Sie wären beruhigt, wenn klar deutlich würde, wie es zum schlimmsten Alptraum kommen konnte. Der Abschlussbericht wird zeigen, wie offen die Werft mit dieser Krise umgeht.

Innenschale beim Bau einer Oyster 825. © La Taberna del Puerto

Innenschale beim Bau einer Oyster 825. © La Taberna del Puerto

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Carsten Kemmling

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Ein Kommentar „Kiel abgebrochen: “Polina Star” Skipper beschreibt den Unfall – Supergau für Oyster“

  1. avatar Mirko sagt:

    Es sieht schon lustig aus, wie die Stringer (nennt man die Längsrippen so?) im unteren Bild verlaufen: asymetrisch und irgendwie “frei-Schnauze”. Ist das so Standard beim Bootsbau?

    Like or Dislike: Daumen hoch 2 Daumen runter 0

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