Klassiker: 19MR-Gaffel-Rennkutter „Mariquita“ steht zum Verkauf

Wahre Schönheit

Sie ist die Letzte ihrer Klasse und lehrt seit 1911 ihren Konkurrenten bei Regatten das Fürchten: „Mariquita“ ist nicht nur die „Grande Dame“ unter den Klassikern, sondern segelt auch noch „verdammt schnell!“

Schönheit. Ein abstrakter Begriff, der die Menschheit seit jeher beschäftigt und der wohl niemals aus unserem Bewusstsein verschwinden wird. Schönheit. Eine Wertung, die immer abhängig ist von den Vorstellungen unserer Gesellschaft, aber auch wie kaum eine andere Idee Raum für eigene, individuelle Empfindungen lässt. Wobei es übrigens kaum eine Rolle spielt, ob man von einem Menschen oder einem Objekt schwärmt – Schönheiten rufen große Emotionen hervor. Und können durch ihren bloßen Anblick viel bewegen.

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Glänzt vor jeder Kulisse © Mariquita

Jeder Segler weiß, dass dies genau so auch bei Yachten ist. So liegt im Tiefschnee aller Segler-Herzen verborgen, dass grundsätzlich die eigene Yacht – ganz egal ob aus Gummi, Karbon oder edlem, alten Gehölz – immer die schönste ist. Weiterhin gibt es Boote, über deren Aussehen man sich herrlich streiten kann, die aber dennoch als Schönheiten empfunden werden, weil sie etwas Außergewöhnliches bewirkt haben. Wie etwa die AC72-Katamarane des letzten America’s Cup vor San Francisco.

Und dann sind da noch die Schönheiten, die als solche nur von den Anhängern ihrer Kategorie bezeichnet werden. Geschwindigkeitsfanatiker lieben nun mal filigrane Rennkonstruktionen, Fahrtensegler sind eher fürs Praktische und Robuste.

Womit wir bei der wahren Schönheit, die über allem steht, angekommen wären. Zeitlos, ehrlich, unantastbar. Im Yachtbau waren dies seit jeher große America’s Cupper oder die Spielzeuge der Mächtigen und Reichen aus den Anfängen des letzten Jahrhunderts. Als große Namen unter den Yachtdesignern Schiffe entwickelten und bauten, die das Maß aller Dinge waren und noch heute der Inbegriff bootsbauerischer Ästhetik sind.

Es kann nur Eine geben

Man kann noch so Karbonhöhlen-affin sein, der Anblick einer J-Class auf raumem Kurs unter Spi ist tief bewegend und kann (heute) eigentlich nur noch von der wahren Schönheit einer anderen Yacht getoppt werden: Der „Mariquita“, 19MR-Gaffel-Rennkutter aus dem Jahre 1911, gezeichnet von William Fife III.

Wer sich bereits für das Genie des William Fife III interessierte, wird festgestellt haben, dass die „Mariquita“ nur selten in der „Best-of-Liste“ des schottischen Konstrukteurs genannt wird. Offenbar eigneten sich Yachten, die in erster Linie Regattasilber gewinnen sollten (Shamrock I und II, Moonbeam, Dragon, Tuiga etc.) , hierfür besser.

Doch William Fife III soll einmal gesagt haben, dass er auf 19 MR-Gaffel-Rennkutter „Mariquita“ (spanisch: Marienkäfer) besonders stolz sei.

Bei einer Länge über alles von 38,1 Metern (Länge Wasserlinie: 19,2 Meter), unter einer Segelfläche von 582 qm und einer Verdrängung von 69 Tonnen segelte der Gaffel-Rennkutter „verdammt schnell“, wie sich sein erster Eigner, der Industriebaron Arthur Stothert, gleich nach den ersten Törns begeisterte.

Die „Mariquita“ läutete gemeinsam mit ihren nahezu zeitgleich gebauten Schwesterschiffen Corona, Octavia und Norada unter der neu geschaffenen 19 MR-Formel das Zeitalter des Big Class-Segelns ein.

Vor dem 1. Weltkrieg waren die „Great 19s“ auf fast allen (damals) großen Regattabahnen unterwegs: vor Kiel, le Havre, Dartmouth, Cork, Cowes, Harwich… überall wo die 19 MR-Yachten auftauchten, wurde es spektakulär.

Nach nur drei Saisons war dann Schluss mit lustig – im ersten Weltkriegsjahr wurde die „Mariquita“ nach Norwegen verkauft, wo sie in den Gewässern des neutralen Staates fünf Jahre buchstäblich friedlich segelte.

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Die Mariquita wird noch “wie damals” bewegt – ohne Winschen und sonstige kräftesparende Hilfsmittel © mariquita

Schönster Marienkäfer auf den Meeren

In den 1950iger-Jahren galten alle 19 MR-Yachten als „verschwunden“, nur wenige Eingeweihte wussten, dass die „Mariquita“ zumindest noch zum Teil überlebt hatte.

Die Yacht war mittlerweile wieder nach Großbritannien veräußert worden und hegte drei Jahrzehnte lang ein eher trauriges Dasein als… Hausboot. Ohne Mast, ohne Kiel, fest verankert in den Tidengewässern des Flusses Orwell bei Pinmill, nahe Suffolk verkamen die ästhetischen Linien der „Mariquita“ zu denen eines x-beliebigen Flusskahns.

Bis William Collier und Albert Obrist 1991 nach langer Recherche herausfanden, welch ein Schatz da im Schlamm des Orwell vor sich hinmoderte.

Die beiden Klassiker-Fanatiker initiierten ein Restaurations-Projekt, das bis heute als eines der professionellsten überhaupt bezeichnet wird. Bei „Fairlie Restorations“ wurden die Reste der Yacht vollständig zerlegt, um daraufhin von 2001 bis 2004 nach den Original-Plänen, mit größtenteils Original-Hölzern exakt so wieder aufgebaut zu werden, wie es William Fife III mit einem seufzenden „Well done!“ gefallen hätte.

Die Eigner der „Mariquita“ wollten mit diesem Projekt nicht nur eine alte Schönheit vor dem sicheren Untergang retten, sondern auch den Ethos alter Bootsbaukunst aufrecht erhalten.

Was nach einhelliger Meinung meisterhaft gelungen ist.

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Schöner geht’s kaum noch © mariquita

“Verdammt schnell”

Seit 2004 wurde die „Mariquita“ Jahr für Jahr bei allen wichtigen und großen Klassiker-Regatten im Mittelmeer, Atlantik und im Solent gesegelt. Dabei machte der Gaffel-Rennkutter seinem Ruf alle Ehre und ersegelte zumindest Podiumsplätze, schaffte aber auch legendäre Siege gegen Erzrivalen wie „Moonbeam“ und „Cambria“. Ausgerechnet bei ihrer vorerst letzten Regatta vor Cowes, schaffte die „Mariquita“-Crew, die den Klassiker übrigens ohne moderne Hilfsmittel wie Winschen etc. im alten Stil bewegt, nochmals spektakuläre Siege.

„Die Mariquita ist die wahre Schönheit unter allen Klassikern“ schrieben neulich die Fachjournalisten die britischen Magazins „Wooden Boats“. Und die müssen es schließlich wissen…

Für 3,5 Millionen Euro steht die „Mariquita“ jetzt zum Verkauf. Ein erstaunlich niedriger Preis für eine Yacht dieser Bauqualität und Schönheit, behaupten Kenner der Szene.

Doch wir alle wissen ja: Wahre Schönheit hat sowieso keinen Preis!

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Michael Kunst

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Ein Kommentar „Klassiker: 19MR-Gaffel-Rennkutter „Mariquita“ steht zum Verkauf“

  1. avatar tastrophe sagt:

    > die den Klassiker übrigens ohne moderne Hilfsmittel wie Winschen etc. im alten Stil bewegt,

    … auf Bild 17 sind aber recht deutlich zwei große Winschen zu sehen … ?

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