Kloake vor Rio: Superbakterien im Olympiarevier nachgewiesen – Keine Abwasserklärung

„Herr Bach, schlafen Sie noch gut?“

 

Olympische Spiele, Kloake, Müll, Superbakterium

Ablegen zum Kloakensegeln © heiko kröger

Die Presseagentur Reuters hatte Einblick in neue Testergebnisse und schlägt Alarm. Paralympics Segler Heiko Kröger richtet sich direkt an IOC-Präsident Bach, Windsurf-Coach Bruce Kendall sieht keine Besserung vor Ort.

Es stinkt gewaltig vor Rio de Janeiro. Was durchaus im doppelten Wortsinne zu verstehen ist, denn zu den offensichtlichen und bereits seit Jahren angeprangerten Verschmutzungen der Olympischen Segelreviere treten nun auch immer häufiger Verschleierungsversuche und haarsträubende Organisationsfehler seitens der brasilianischen Behörden ans Licht.

Die Presseagentur Reuters berichtet, dass sie Einblick in zwei bisher noch unveröffentlichte Studien erhalten habe, die erneut Superbakterien in den Gewässern vor Rio de Janeiro nachweisen.

Findet man das Superbakterium überall?

Die erste Studie, die bereits im letzten September von Forschern während der  Interscience Conference on Antimicrobial Agents and Chemotherapy in San Diego diskutiert und überprüft (aber offensichtlich nicht publik gemacht) wurde, weist die Superbakterien im Sand von fünf der populärsten Strände in Rio de Janeiro nach. Darunter befindet sich die weltberühmte Copacobana, von der aus die Triathlon- und Freiwasser-Langdistanz-Schwimmveranstaltungen gestartet werden.

Zehntausende Tonnen Müll und Millionen Liter Abwässer werden jeden Tag in die Bucht geschwemmt © Secretaria de Estado do Ambiente do Rio

Zehntausende Tonnen Müll und Millionen Liter Abwässer werden jeden Tag in die Bucht geschwemmt © Secretaria de Estado do Ambiente do Rio

Die zweite neue Studie wurde vom halbstaatlichen, brasilianischen Oswaldo Cruz Foundation-Labor durchgeführt, dessen Ergebnisse in einem Monat von der American Society for Microbiology veröffentlicht werden sollen. Demnach wurden die Superbakterien in der Rodrigo de Freitas-Lagune, mitten in Rio de Janeiro gefunden sowie in einem Fluss, der in die Guanabara Bucht mündet.

Eine erste Studie, die ausschließlich Wasserproben aus der Guanabara-Bucht untersuchte, wo die Olympischen Segler und Surfer u.a. um die Medaillen kämpfen sollen, fand die Antibiotika-resistente Superbakterie bereits vor mehr als einem Jahr (SR berichtete).

Die staatliche Umweltbehörde, die immer wieder auf ihre häufigen Wasserqualitätsproben in den Olympiarevieren hinwies, beteuerte, sie halte sich strikt an die Vorgaben der WHO. Die sieht jedoch in ihren Richtlinien keine Suche nach dem Superbakterium vor.

Es kommt auf das Immunsystem an

Das Superbakterium kann Harnwegs-, Nieren- und Darminfektionen verursachen, die medikamentös aufgrund der Antibiotika-Resistenz nur schwer zu behandeln sind. Weiterhin besteht ein hohes Risiko für Lungen- und Blutbahninfektionen, auch von Meningitis ist die Rede. Einige Wissenschaftler behaupten, dass mehr als die Hälfte aller mit dem Superbakterium infizierten Patienten gestorben sei.

Fünf Wissenschaftler, mit denen Reuters über die „neuen“ Studienergebnisse sprach, waren sich einig, dass es beim Kontakt mit dem Superbakterium vor allem auf den Zustand des jeweiligen Immunsystems ankomme. Das wiederum bei Hochleistungssportlern, die auf den Punkt respektive Wettkampftag genau trainieren, oft höchst labil und anfällig ist.

Kloake, Müll, Segelrevier, Rio de Janeiro

Nicht nur tote Fische werden im Olympischen Segelrevier gesichtet © voldema

Das Superbakterium gelang offensichtlich durch falsch entsorgte Krankenhausabfälle in die nur mangelhaft sicheren Abwassersysteme, die wiederum nur zu einem Bruchteil geklärt werden, schließlich in die offenen Gewässer vor Rio de Janeiro.

“Gute Nacht”

Der Deutsche Paralympics-Segler Heiko Kröger, der sich nach mehreren Testfahrten vor Ort bereits sehr kritisch über den Zustand der Olympischen Segelreviere geäußert hatte ( SR berichtete), machte nach Veröffentlichung der Reuters-Informationen sogleich seinem Unmut Luft. Er wandte sich an IOC-Präsident Thomas Bach und postete auf Facebook: „Lieber Thomas Bach, wie geht es Ihnen? Wäre ich IOC-Präsident, ich könnte nicht mehr schlafen…“

Auch der neuseeländische Windsurf-Gold- und Bronzemedaillen-Gewinner und heutige Hong-Kong-Coach Bruce Kendall engagiert sich seit Jahren im Kampf für eine bessere Wasserqualität vor Rio de Janeiro. Nach letzten Trainingseinheiten vor Ort berichtete er in mehreren neuseeländischen Medien von der „nach wie vor erschreckenden Wasserqualität“ in der Guanabara-Bucht. „Die einzigen beiden aktiven Müllboote sind viel zu klein und werden nur sporadisch eingesetzt. Es schwimmt weiterhin Unmengen Unrat in der dunklen Brühe, ich habe mehrere Tierkadaver und Ratten gesehen.“

Lediglich direkt bei der Olympischen Marina sei eine schwache Verbesserung der Wasserqualität zu bemerken, da offenbar ein neues Abwassersystem in direkter Umgebung angelegt wurde. Doch weiter draußen kollidieren die Segler und Surfer weiterhin mit Hausmüll wie alten Stühlen oder treibenden Sofas.

Kendall weiter: „Auch das letztjährige, große Fischsterben in der Bucht ist jetzt aufgeklärt. Es wurde durch einen Chemie-Unfall bei Petrobras ausgelöst!“ Doch zur Verantwortung wurde keiner gezogen – zu sehr beschäftigte der immense Korruptionssumpf und der Coup gegen die Präsidentin die brasilianische Regierung und Nation.

Heil/Plößel

Segeln im Müll vor Rio. © Thomas Rein

Sollten etwa die Wasser-Manager korrupt sein?

Seitens des IOC ist nach wie vor zum Thema Wasserverschmutzung in den Olympischen Revieren nur wenig Konkretes zu lesen oder zu hören. Bis auf Beteuerungen, „man werde die Entwicklung genau beobachten“ oder „rechtzeitig geeignete Maßnahmen ergreifen“ sind kaum Reaktionen auf die seit Jahren angeprangerten Verschmutzungen zu verzeichnen.

Dabei waren Abwasserklärung und Wasserqualität in der Guanabara-Bucht mit die wichtigsten Themen im Vorfeld der Vergabe der Olympischen Spiele nach Rio.

Doch alle Versprechungen und Verträge zu diesen Themenbereichen entpuppten sich als Lippenbekenntnisse. Von den zur Bedingung gemachten neuen Kläranlagen, Filter- und Abwassersystemen wurde – wenn überhaupt – nur ein Bruchteil realisiert. Obwohl offenbar die vereinbarten Gelder geflossen sind.

Offenbar ziemlich wirkungslos: Die Öko-Müllsammelboote in der Guanabara Bucht vor Rio de Janeiro © Bras. Umweltministerium

Offenbar ziemlich wirkungslos: Die Öko-Müllsammelboote in der Guanabara Bucht vor Rio de Janeiro © Bras. Umweltministerium

Noch ist allerdings nicht aller Tage Abend, Aufklärung in Sicht! Die brasilianische „Federal Police“ hat sich ins Geschehen eingeklinkt und untersucht nun – sechs Wochen vor Beginn der Spiele in Rio –in den zuständigen Behörden und bei den Wasserwerken von Rio de Janeiro, ob ein Umweltverbrechen vorliege.

Zunächst beschäftigt man sich mit der Frage, wo die Milliarden US-Dollar, die seit den Neunziger Jahren buchstäblich in die maroden Abwassersysteme und meist nicht vorhandenen Klärwerke des Molochs fließen, abgeblieben sind. Sollte etwa Korruption “im Spiel” sein?

Derweil verweist das IOC zum Thema Wasserqualität vor Rio de Janeiro weiterhin auf die örtlichen Behörden.

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Michael Kunst

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8 Kommentare zu „Kloake vor Rio: Superbakterien im Olympiarevier nachgewiesen – Keine Abwasserklärung“

  1. avatar alikatze sagt:

    Moin,

    muss es wirklich sein, dass “unsere” Funktionäre “unsere” Sportler Bedingungen aussetzen, die sie ihren eigenen Kindern nie zumuten würden (hoffe ich)?

    Liegt die Vermutung nahe, dass unsere Funktionäre – sofern sie nicht korrupt sind (was ich keinem unterstellen möchte) – entweder keinen blassen Schimmer oder keinen Arsch in der Hose haben, um solche Umstände zu verhindern. (Es hätte schon gereicht, mal ein größeres ingenieurbüro zufragen, wie lange man wohl braucht, um das Abwassersystem in Rio soweit zu sanieren, dass die Wasserqualität in der Bucht wenigstens halbwegs genießbar ist, um zu wissen, dass das nix wird.)

    Wundert es jemanden, wenn sich die Menschen z. B. die Hamburger mehrheitlich gegen das Ausrichten der Olympiade aussprechen, weil sie das Vertrauen in NOK und IOC verloren haben?

    Was geschieht mit unseren verantwortlichen Funktionären (Thomas Bach und Co), sollte doch ein Sportler sich mit einem Superbakterium infizieren und an den Folgeerkrankungen sterben? Stellt Euch vor, Ihr verabschiedet jemanden zur Olympiade, wie andere ihre Lieben in den Krieg? Man weiß nicht, ob sie/er heile wiederkommt…

    Was ist das für eine Perspektive für eine Athletin/einen Athleten, wenn sie in einen Wettkampf gehen – mit der Aussage “es kommt auf das Immunsystem an” ob man am Ende der Spiele noch gesund ist und dem Bewusstsein, dass gerade das Immunsystem am Ende eines Wettkampfes wehrlos ist, wie ein narkotisierter Wattwurm?

    Lasst die Spiele meinetwegen immer in Griechenland statt finden – das kann man wenigstens historisch begründen. Verbratet das Geld nicht für elendig teure Bauten, die nur wenigen nutzen und steckt die Kohle lieber in die Förderung des Sports, in saubere und transparente Strukturen und eine für alle zugängige Medienpräsenz.

    Vielleicht versteh ich das ja auch bloß nicht richtig… Kann ja sein.

    Mit besten Wünschen für alle Olympioniken

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  2. avatar dubblebubble sagt:

    Warum beharrt man nur auf dieser Schei**bucht? Segeln kann man überall. Das ganze Gedöns ist doch mobil und rund um Rio gibts sicher noch geeignetes…

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  3. avatar Backe sagt:

    Dass Heiko nicht mehr ruhig schlafen kann, habe ich schon lange vermutet. Er selber wird sich fragen: Will ich mir und meiner Familie das wirklich geben? Wirklich dieses Risiko eingehen, sich mit etwas zu infizieren, dass nicht mehr therapierbar ist? Für noch eine Medaille im Schrank?
    Heiko, ich sag dir was: das ist es nicht wert. Fahr nicht hin. Oder noch besser, fahr hin, aber segle nicht. Fahr hin und tritt in korrupte oder feige Funktionärsärsche.

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  4. avatar Jawohl sagt:

    WIe heisst das doch so schön . . .
    Stell Dir vor es ist Olympia und keiner geht hin!

    Vielleicht muss mann das von einer anderen Perspektive aus sehen. In Rio ist die Bevölkerung machtlos. Jetzt auf einmal ist dann Olympiade, die ganze Welt schaut auf Rio, Hups da wahr doch was, Wasser. Ach ja die Brühe in der Bucht, aber die wahr schon immer so, wer hat das damals für Gut befunden?

    Ja die wahren da, stellt euch vor alle die Team Käptens wahren da. Natürlich vor 2. Jahre wahr alles noch sauber, klar. Spätestens hätte jetzt jeder normal denkende, halbwegs bewusste Ing. Dir sagen können, nö nix besser, Scheisse, äh schlechter wirds.

    Jetzt fragt sich jeder, ist das gefährlich wenn ich da hingehe. Nö hat mein TeamArzt gesagt nimm einfach die Pillen etc. und noch da passiert nix. Oder wir haben euch 4.Jahre trainiert jetzt zeigt doch was, enteuscht uns nicht.

    Ein richtiger Durchscheisser hat noch nie geschadet. Prost.

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  5. avatar firehorse sagt:

    Milliarden für den Sport, anstatt für das menschliche Elend und gegen Umweltverschmutzung.
    Eure Kinder werden es Euch hoffentlich danken. Aber jene die so handeln, die scheißen ihre Brut ohnehin nur als Beweis ihrer kranken Potenz in diese, so eine Welt.

    Habe dieses Jahr schon ZWEI Hummeln gesehen aber noch keinen Schmetterling. Und ich bin viel draußen, da ich regelmäßig Rad fahre oder Inline-Skates und es dann durch Gebiete geht wo Erholungspark oder Naturschutzgebiet draufsteht.

    Wenn ich mir vorstelle dass ich als Kind noch Schmetterlinge und Bienen – habe ich auch noch nicht gesehen – zu hunderten sehen konnte, dann möchte ich heute kein Kind mehr sein. Zumal diejenigen die sich für Erwachsen halten ohnehin für meine Zukunft keine Verantwortung übernehmen können oder wollen und wenn sie es doch tun, die wirtschaftlichen Interessen immer überwiegen. Wie primitiv und asozial dies doch ist.

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  6. avatar Fakt sagt:

    Schaut euch bitte mal die folgenden Bilder an:

    https://www.getyourguide.de/rio-de-janeiro-l9/rundfahrt-guanabara-bucht-mit-mittagessen-ab-rio-de-janeiro-t6577/

    Die Einheimischen segeln auf der Guanabara-Bucht offenbar problemlos.

    Also die Panikmache bitte nicht zu sehr übertreiben.

    Vor einigen Jahren liefen die Kieler Abwässer bei Bülk auch noch vollkommen ungeklärt ins Wasser und niemand ist erkrankt !

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    • avatar Fakt sagt:

      1972, während der Olympischen Segelwettbewerbe in der Kieler Bucht, gab es ebenfalls kein Klärwerk. Stattdessen wurden die Abwässer lediglich mechanisch gereinigt:

      “Seit 1929 werden Abwässer aus der
      Stadt Kiel und den angeschlossenen
      Umlandgemeinden über lange Schmutzwassertransportkanäle
      – dem so genannten
      Bülker System – bis zum Bülker Leuchtturm in
      der Gemeinde Strande gepumpt und dort in
      die Ostsee geleitet. Im Jahr 1972 zu den
      Olympischen Spielen wurde hier das Klärwerk
      Bülk zunächst mit mechanischer Reinigung
      gebaut.”

      http://www.edur.com/pdf/presse/20130704PROC843.pdf

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