Knarrblog: Familientörn in Italien – entspannt cruisen, schöner ankern, gepflegt parken

Insel-Hopping vor Neapel

Neapel Törn

Salto vom Heck. © SegelReporter

Amalfi-Küste – da schnellen bei vielen Skippern die Augenbrauen bewundernd nach oben! Stimmt, der Urlaubstörn der Familie Kemmling mit Start und Ziel Neapel war vom Allerfeinsten.

Neapel – Mafia, Verbrechen, Müll, Hitze. Der Ort am italienischen Stiefelschaft hat ein Image Problem. Urlaub machen will man da eigentlich nicht. Da kann Sophia Loren so viel von den kleinen Italienern in Napoli singen, wie sie will. Schnee von gestern.

Aber Mark Rosendahl lobt auf der Messe in Düsseldorf seinen neuen Sun Charter-Stützpunkt in höchsten Tönen. Er vermeidet auch, zu viel über Neapel zu sprechen sondern sagt, Amalfi-Küste. Und dabei klingelt es. Wen auch immer man fragt, Amalfi erzeugt ein bewunderndes Augenbrauenhochziehen. Tolles Revier.

Wir wollen es versuchen. Der jährliche Familientörn mit den 15- und 17-Jährigen Jungs soll dort stattfinden. 42 Fuß Sun Odyssee, zwei Wochen Zeit und jede Menge blaues, quallenarmes Wasser vor dem Bug.

Der Hafen in Castellammare di Stabia in der südöstlichsten Ecke der Bucht von Neapel macht Sinn. Easy Jet fliegt die Stadt an und hält die Anreisekosten im Rahmen. Die halbstündige Taxifahrt für 80 Euro kommt noch obendrauf, dann liegt die Marina voraus.

Ausparken? Nix für Touris!

Hübsch ist sie nicht. Eine Werft mit grauen Hallen und alten Kränen versperrt den Blick nach Süden. Die Boxen sind doppelt und dreifach belegt. Gummi- und Motorboote aller Art versperren die Hafen-Gassen. “Easy Living” heißt unser Luxusdampfer, aber so leicht ist das Leben nicht, wenn wir hier rauskommen wollen.

Grübelnd stehe ich an Land. Vom entfernten Steg winkt jemand freundlich herüber. Nett die Menschen hier. Schon das Einchecken lief freundlich und kompetent. Ich winke zurück. Der etwas abgerissen wirkende Mann setzt sich in Bewegung, kommt herüber und macht mit Gebärdensprache deutlich, dass er das Ruder übernehmen möchte. Wie jetzt? Er lässt keine Widerrede zu, klettert ins Cockpit und bedeutet uns, die Leinen zu lösen.

Etwas unschlüssig stehe ich noch herum, dann lässt er den Motor aufheulen – volle Kraft zurück – reißt ein paar Dinghis mit, die uns den Weg versperren, quetscht sich eine Rinne frei, haarscharf an Bug- und Heckkörben vorbei, und zack ist unser Daheim für die nächsten zwei Wochen im freien Wasser.

Neapel, Familie, Törn, Amalfi-Küste

Masten ohne Ende  © segelreporter

Der Mann, der so etwas wie ein Hafenmeister sein mag, winkt ein Motorboot heran, grüßt noch freundlich, dann steigt er über und ist weg. Wow, was für ein Auftritt. Ich stehe zwar da wie ein deutscher Touri-Trottel, dem der Italiener nicht einmal das gepflegte Ausparken zutraut, aber es wäre auch wirklich schwierig geworden. Dieser Mut zur Schramme hätte einfach gefehlt.

Endlich auf dem Wasser. Eine ordentliche Vier, die zu Schaumkämmen neigt, schiebt uns aus der Bucht. Sehr angenehm, der Hitze zu entfliehen. Das ist die Exklusivität des Segelurlaubs. Die armen Italien-Touristen müssen im August an Land braten, wir zerren die Badeklamotten raus und genießen den Wind am Körper.

Erst am Ende des Urlaubs wird dieses Privileg noch einmal richtig bewusst, weil wir uns unbedingt noch Pompeji ansehen wollen. Mit tausenden Touristen bei ü30-Temperaturen durch die staubige Römerstadt hetzen – das perfekte Kontrastprogramm um das Privileg des Segelns vor der italienischen Küste noch einmal richtig sacken lassen zu können.

Vesuv zur Rechten – Urlaubsfeeling!

Der Wind ist besonders zu Beginn des Törns perfekt. Jeweils nachmittags kommt die Thermik wie auf Bestellung. Dieses Gebläse war eines der Hauptargumente, mit denen Neapel es 2007 bis unter die letzten vier Bewerber für die Austragung des America’s Cups schaffte. Schließlich gewann Valencia, aber dafür rasten 2013 die AC45 Katamarane bei der World Series vor der Stadt hin und her.

Wir erreichen nicht ganz diesen Speed, aber die Rauschefahrt und der starke Ausblick auf den mächtigen Vesuv zur Rechten bringt das Urlaubsfeeling so schnell aufs Boot wie bei noch keinem Ostsee-Törn. Das Klima hat einfach etwas für sich. Bimini hochgeklappt und zwei Wochen lang das Dauergrinsen eingeschaltet.

Dann das Herantasten an die erste Nacht. Man macht hier nicht in Häfen fest, hatte der Stützpunktleiter erklärt und uns am Plotter zahlreiche Geheimtipps zum Ankern markiert.

Schon der erste Spot hält, was Gian Luca verspricht. Procida, ein hübsches buntes Dorf, das an hohen Felsen klebt und mit einer geschützten halbsichelförmigen Bucht lockt. Einfach Anker fallen lassen und die Füße hochlegen. Der warme Föhn schaltet sich ohnehin meistens während der nächtlichen Ruhezeit ab, und so fühlen wir uns in Abrahams Schoß.

Am Morgen ein Ausflug mit dem Dinghi in das Dörfchen, Cappucino mit Gebäck im Café, ein wenig Einkaufen für den Tag und so fließen die Tage dahin.

Das Ankern bringt ein Stück Freiheit, das manchmal im überfüllten Ostsee- oder IJsselmeer-Hafen fehlt. Man muss nicht früh aufstehen, um noch einen Platz im Innenpäckchen zu bekommen. Einfach die Seekarte studieren, Windrichtung checken und nach geeigneten Plätzen suchen. Oft legen wir das Eisen auf fünf Meter Wassertiefe. Der Sandgrund hält perfekt.

Es pfeift aus der Düse

Die ersten Nächte sind noch etwas unruhig. Trotz des schwachen Windes steht ein rätselhafter Schwell in den Buchten von Ischia und Procida. Wir sind uns nicht einig, ob es die Ausläufer eines entfernten Sturms oder die Auswirkungen einer nahen Schifffahrtsoute sind. Aber je mehr wir uns Insel für Insel nach Westen hangeln, umso ruhiger wird das Wasser in der Nacht.

Neapel, Familie, Törn, Amalfi-Küste

Allerfeinste Ankerbuchten mit noch feineren Nachbarn © segelreporter

Einmal gönnen wir uns einen Hafen-Liegeplatz, Casamicciola auf Ischia. 110 Euro für die Nacht. Ein stolzer Preis, wenn man das Mittelmeer nicht gewohnt ist. Entsprechend leer sind die Stege und so besteht wohl auch wenig Bedarf für funktionierende Sanitär-Anlagen. Aber wir füllen die Wassertanks auf und sind wieder einige Tage unabhängig.

Über einen Abstecher zu den heißen Quellen auf Ischia, rauschen wir über Ventotene bis zu den Pontinischen Inseln Ponza und schließlich Palmarola dem westlichsten Ziel unseres Törns. Hier pfeift es mächtig in der Nacht, weil wir zwar eigentlich im Wind- und Wellenschatten einer imposanten Steilküste liegen, aber der auffrischende Wind durch einen Einschnitt im Fels verstärkt wird. Es pfeift im wahrsten Sinne des Wortes durch eine Düse und rüttelt im Rigg.

Aber das ist dann auch das einzige unruhige Starkwind-Erlebnis für den Törn. Für den Rückweg bleibt der nötige Druck überwiegend aus. Der Diesel muss gequält werden. Und der geplante Capri-Besuch samt Amalfi weiter im Osten bleibt aus. Die Zeit reicht einfach nicht mehr.

Riesige Delfinschule – und wir mittendrin!

Dafür wartet noch das absolute Highlight-Erlebnis vor Ventontene. Eine riesige Delfin-Schule kreuzt den Weg. Der Streifendelfin mit seiner schwarzweiß-Kennzeichnung ist mal was anderes als der eher untalentierte Ostsee-Vetter mit der platten Schnauze. Drei, vier, fünf Exemplare surfen auf der Bugwelle und in unmittelbarer Nähe springen sie so weit aus dem Wasser, dass einzelne Spritzer bis zum Cockpit reichen.

Das Wasser ist aufgewühlt. Hunderte Wassersäuger haben sich zur gemeinsamen Jagd versammelt. Gut 20 Minuten lassen sie uns in ihrer Mitte fahren. Ein Hochgenuss, den eleganten Gleitern so lange beim Schwimmen zusehen zu dürfen.

Nach zwei Wochen Badehosen-Segeln und Schnorchel-Ausflügen an traumhaften Ankerplätzen hinter hohen Steilküsten in einsamen Buchten fällt es schwer, die letzten Meilen zum Heimathafen einzuschlagen. Wir müssen auf die Tube drücken und wegen des zum Ende dann doch ausbleibenden Windes die Maschine ordentlich knechten, um das verabredete Abgabedatum einzuhalten.

Neapel, Familie, Törn, Amalfi-Küste

Relax, just relax © segelreporter

Kurz vor der Marina Castelladimare hält ein Motorboot mit Vollgas auf uns zu. So müssen Piraten-Attacken aussehen. Haben wir etwas falsch gemacht? Aber nein, der verkappte Hafenmeister mit dem gleichen schmierigen Shirt wie vor zwei Wochen klettert an Bord.

Ohne große Worte übernimmt er das Steuer und legt den Hebel auf den Tisch. “Stopp!” rufen wir, “erst tanken”. Nach einigen Gesten versteht er, reißt das Steuer herum, braust zur Tanke, lässt literweise Diesel ins Cockpit kleckern und bahnt sich dann erneut auf beeindruckende Weise seinen Weg durch die vollgepfropften Boxengassen zum Liegeplatz.

Willkommen daheim im pulsierenden Land-Leben. Die Uhren ticken wieder schneller. Aber diese traumhafte Zeit in einem der schönsten Segelreviere des Mittelmeers wird noch für einige Zeit vorhalten.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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4 Kommentare zu „Knarrblog: Familientörn in Italien – entspannt cruisen, schöner ankern, gepflegt parken“

  1. avatar steehl sagt:

    Gerade war ich am Überlegen, mein abgelaufenes Test-Abo in eine richtige Mitgliedschaft umzuwandeln. Und dann verbrauche ich meinen letzten kostenlosen View für einen Artikel, der einfach die Geschichte vom letzten Jahr noch mal erzählt. Seid Ihr mitten in der Hauptsaison so phantasie- und kontaktlos, dass Ihr den Kram vom letzten Jahr wieder aufwärmen müsst, um Inhalt zu haben?
    Irgendwas läuft hier falsch…

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 13 Daumen runter 5

    • avatar Advokat sagt:

      Hauptsaison ?

      Jetzt ist Ferienzeit und da dürfen auch die Kemmlings einmal Urlaub machen !

      Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 6 Daumen runter 4

      • avatar steehl sagt:

        Natürlich dürfen die Kemmlings Urlaub machen, auch wenn Hauptsaison ist. Wobei Bauern wären der Ernte und Buchhalter zum Jahresabschluss auch selten Urlaub machen. Es scheint ja auch nicht so, als sei keine Zeit etwas zu schreiben, denn es wurde ja was geschrieben. Nur eben dummerweise eine Geschichte, die hier letztes Jahr schon deutlich breiter erzählt wurde. Und dank der unterhaltsamen Details auch einen ausreichenden Erinnerungswert hat, um es sofort zu merken.
        Wenn sie von dem diesjährigen Urlaub berichten würden, wäre es ja auch ok.

        Ich finde SR ja durchaus unterstützenswert, aber ich habe halt auch deutliche Zweifel an der Qualität der journalistischen Leistung hier. Und das war halt mal wieder so ein Punkt, bei dem aus meiner Sicht mit Gewalt versucht wurde, einen Inhalt zu generieren, der eigentlich keiner ist.

        Like or Dislike: Daumen hoch 3 Daumen runter 3

    • avatar Carsten Kemmling sagt:

      da hast du etwas falsch verstanden. im vergangenen jahr waren das kurze aktuelle blog beiträge vor Ort. den abschluss-bericht musste ich schuldig bleiben, weil die internet-verbindung dort nicht mehr funktionierte. also habe ich die ganze story jetzt noch einmal zusammengefasst, damit man sich ein gesamtbild zu dem revier machen kann und hier nun erstmals veröffentlich. war jede menge arbeit, wie du an der länge siehst. wollte auch den cruiser spezialisten hier etwas bieten. schade, wenn ich dich damit nicht erreicht habe.

      Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 3 Daumen runter 5

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