Kollisionen: Wal-Ramming – Wie sich Segler und Säuger gegenseitig gefährden

Seglers Alptraum

Dokumentierte Wal-Kollision:

Ein Segelprofi und Naturschützer weist nach, dass viele Unfälle mit so genannten UFOs Wal-Kollisionen sind. Besonders schlimm war es bei einer Atlantik-Regatta.

Es ist des Seglers erklärter Alptraum: Ein Großteil aller Hochseeskipper gibt in Gesprächen und Befragungen an, dass sie nichts so sehr fürchten, wie die Kollision mit einem sogenannten UFO, dem viel zitierten „Unidentified Floating Object“.

Schaden an der Achterkante bei der Transat-Regatta. Das Foil ist mit einem wichen Objekt kollidiert, und hinten in den Schwertkasten gedrückt worden. © Hillary Kotoun

Schaden an der Achterkante bei der Transat-Regatta. Das Foil ist mit einem weichen Objekt kollidiert, und hinten in den Schwertkasten gedrückt worden. © Hillary Kotoun

Gemeinhin wird die zunehmende Verschmutzung der Meere für das Gros der elf Ausfälle bei der aktuellen Vendée Globe angenommen. Aber nach wie vor sind auch Meerestiere eine große Gefahr. Walen, Riesenhaie oder tonnenschweren Mondfische können schwere Schäden am Boot verursachen, insbesondere weil sich die Geschwindigkeit der Rennyachten immer mehr erhöht.

Camper weicht einem Wal im letzten Moment aus:

Vor allem Wale sind eine gefährdete Spezies. Die Meeressäuger verbringen einen Großteil ihres Lebens an der Wasseroberfläche, wo sie Luft holen und wieder ausstoßen (blasen).

Schlafen unter der Wasseroberfläche

Entsprechend verhält es sich auch mit dem Schlafverhalten der meisten Wale. Obwohl nur zu einem Teil erforscht, ist man sich aufgrund von Beobachtungen durch Seefahrer sicher, dass vor allem die großen Wale wie Finn-, Buckel- oder gar Blauwal ihre „Schläfchen“ direkt unter oder auf der Wasseroberfläche treibend verrichten.

Dabei ist wie bei den meisten schlafenden Spezies jeweils eine Gehirnhälfte inaktiv, das Tier also äußerst unaufmerksam. Von Pottwalen gibt es Fotografien, wie ganze Schulen in wenigen Metern Tiefe senkrecht im Wasser „stehen“ und so ihren Schlummer abhalten.

Pottwal-Schule in Schlafstellung. © Wildlife

Pottwal-Schule in Schlafstellung. © Wildlife

Viele Wissenschaftler behaupten zudem, dass Wale gar nicht erst ins Land der Träume entschwinden müssen, um sich in Kollisionsgefahr zu bringen. Zwar entspricht es der landläufigen Meinung, Wale seien aufgrund ihrer großen Intelligenz in der Lage, sich vor der Menschheit und deren Maschinen zu schützen. Aber Forscher sind sich einig, dass die Meeressäuger wegen des hohen Lärmpegels durch Schiffsmotoren und aufgrund einer eher nach vorne ausgerichteten Hörfähigkeit orientierungsgestört und nahezu taub durch die Meere bewegen.

Von einigen Jungtieren, darunter auffällig häufig Pottwale (Moby Dick lässt grüßen), wurde zudem bereits ein gewisser Übermut bis hin zu aggressivem Verhalten dokumentiert. (SR-Bericht über die Häufigkeit und Ursachen von Kollisionen mit Walen und Yachten.)

Sorgen um die Wale

Umwelt- und Tierschützer, aber auch Wassersportler und ihre Verbände auf der ganzen Welt sorgen sich mittlerweile auch um das Schicksal der vermeintlichen „Unfallgegner“ bei Kollisionen auf hoher See. Es mehren sich die Stimmen, dass weitaus häufiger Wale für Schiffskollisionen verantwortlich waren, als bisher angenommen.

Verletzter Wal nach einer Schiffskollision. © Ed Lyman

Verletzter Wal nach einer Schiffskollision. © Ed Lyman

Denn eine eindeutige Identifizierung des Kollisions“gegners“ ist auf dem Meer nur selten möglich. Ist das gerammte Tier schwer verletzt, taucht es instinktiv ab. Einen Container, der einen Meter unter der Wasseroberfläche treibt, kann man ebenfalls weder vor noch nach einem Ramming als solchen identifizieren.

In Kanada und den USA sind mittlerweile einige Naturschutzgruppen aktiv, in denen Segler oder Segelvereine eine tonangebende Rolle spielen. Auf deren Agenda steht unter anderem: Sensibilisierung von Seeseglern und Regatta-Organisatoren in Bezug auf Walsichtungen, vor allem aber Vermeidung von Kollisionen mit denselben.

IMOCA rammten Wale

Der Volvo-Ocean-Race-Veteran Damian Foxall engagiert sich bei der kanadischen Wildlife Federation und ist seit Jahren auf das Thema „Yacht versus Wal“ spezialisiert. Foxall setzt vor allem auf verbesserte Dokumentation von Walsichtungen und Unfällen mit Walen, um Walrouten besser zu lokalisieren. Nach dem Prinzip „Gefahr erkannt, Gefahr gebannt“ will er so zumindest das Kollisionsrisiko mit Walen deutlich mindern.

Die Bewegung der Wale. Aus einer Segelanweisung zum Atlantic Cup. © Atlantic Cup

Die Bewegung der Wale. Aus einer Segelanweisung zum Atlantic Cup. © Atlantic Cup

Foxall führt als Beispiel für vermehrte Kollisionen mit Walen die IMOCA-Regatta New York-Vendée auf, die im Mai 2016 vom Big Apple nach Les Sables d’Olonnes führte. Die Regatta wurde als IMOCA-Rückregatta nach „The Transat“ und als eines der letzten Qualifikationsrennen vor der Vendée Globe von einigen der erfahrensten Hochseeregattaseglern der Welt genutzt. 14 einhand gesegelte IMOCA starteten  zu der Nonstop-Atlantiküberquerung.

Bereits nach 24 Stunden waren in der noch relativ dicht aufeinander segelnden Flotte die ersten Ausfälle zu beobachten. Yann Elies kollidierte als Erster mit einem UFO, kurz darauf traf es Armel Le Cleac’h. Insgesamt berichteten acht Boote aus dem Feld von 15 Kollisionen, sechs Boote mussten zur Reparatur in den Hafen von New York zurückkehren, um danach ihren Kontrahenten hinterher zu segeln. Darunter Armel le Cleac’h auf seiner “Banque Populaire”, dessen Boot zu schwere Schäden für eine weitere Teilnahme aufwies und eine längere Reparaturzeit benötigte.

Wale wohl verendet

Nach ausführlicher Befragung der Skipper und eingehender Untersuchung der jeweiligen Schäden kam der Kanadier Foxall zu dem Schluss, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit alle Unfälle während dieser Regatta mit Walen passierten. „Angesichts der Geschwindigkeit, mit denen die IMOCA unterwegs sind, kann davon ausgegangen werden, dass die gerammten Wale jeweils lebensgefährlich verletzt wurden und wohl später verendeten”, berichtet Foxall weiter.

Verletzter Buckelwal vor Maui. © Ed Lyman

Verletzter Buckelwal vor Maui. © Ed Lyman

Die kanadische Umweltgruppe verschickte nach dieser Unfallserie dringliche Mahnungen an die Organisatoren großer Hochseeregatten, bei ihrer Routenwahl und bei Festlegung ihrer Startzeiten auf etwaige querende Walwanderrouten zu achten. Foxall weiter: „Alle Unfälle passierten in der Nacht, in einem relativ kleinen Seegebiet!“ Es sei naheliegend, dass in dem Gebiet, wo häufig Walsichtungen gemacht wurden, nachts viele Tiere schliefen oder schwimmende Wale von den Skippern nicht gesichtet werden konnten.

Wie ernst dies die Organisatoren dieser IMOCA-Regatta New York – Vendée genommen haben, zeigt ihre prompte Reaktion mit einem Entschuldigungsschreiben, in dem man versprach, sich in Zukunft mit Wissenschaftlern und Umweltschützern besser zu verständigen und abzusprechen, um derartige Unfälle in Zukunft zu vermeiden.

Foxall rief zudem alle Seesegler auf , etwaige Unfälle mit Walen unbedingt der International Whaling Commission zu melden. Deren Statistiken seien eine besonders wichtige Grundlage bei der Erforschung von Wal-Wanderungen.

Mit Material von Sailors for the Sea

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Michael Kunst

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3 Kommentare zu „Kollisionen: Wal-Ramming – Wie sich Segler und Säuger gegenseitig gefährden“

  1. avatar Henry sagt:

    Aus dem Teaser auf der SR-Startseite: “Besonders schlimm war es bei einer Atlantik-Regatta.”

    Ist SR nun also auf Click-Bait-Niveau angekommen…

    Traurig.

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 5 Daumen runter 8

  2. avatar Axel Strauss sagt:

    Das ist schon lange bekannt und allen bewusst. Man müsste als Offshore Segler schon ziemlich realitätsentrückt sein wenn man das nicht schon lange erkannt hätte. Es ist halt eine sehr unschöne Begleiterscheinung des schnellen Segelns. Die Wahrscheinlichkeit der “road kills” steigt mit der Geschwindigkeit.
    Bei NY-Les Sables liess es sich halt einfach nicht mehr unter den Tisch kehren.
    Wohlgemerkt…keiner hat diese Kollisionen genossen, aber sie wurden als Risiko akzeptiert.
    Aber der Wal sieht einfach uralt aus noch solch einem Crash. Da ist nix zu machen mit Harz und Carbon und ein paar Euro.
    Guter Artikel Miku!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 9 Daumen runter 0

  3. avatar Dynamiker sagt:

    Wäre es nicht möglich, ein Echolot am Unterwasserschiff zu installieren, welches in Vorausrichtung mögliche Gefahren erkennen kann? Wenn ja, sollte das auf Hochseeregatten mit schnellen Boote zur allgemeinen Verpflichtung, ggf. mit Einheitsgeräten werden.

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