Langfahrt: Zwei 26-jährige US-Girls auf der „Großen Runde“ – pure Lebenslust

Die Reifeprüfung

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7.000 Seemeilen zu zweit mit Hund durch Amerika auf der „liebenswerten Louise“. Eine Geschichte von der Lust am Leben, tiefer Freundschaft und vom Erwachsenwerden auf einem Boot.

Kaum zu glauben, aber es war doch tatsächlich Jessies Vater, der seinem „allerliebsten Mädchen, dem Besten, was er hat auf dieser Welt hat“ den Floh ins Ohr setzte, ein Boot zu kaufen, um gemeinsam mit Freundin Katie einfach loszusegeln.

Wohlgemerkt, keines der beiden damals 23-jährigen Girls aus Michigan hatte was anderes als Flausen im Kopf, geschweige denn eine Ahnung vom Segeln über längere Strecken.

Und doch schien Jessies Daddy, der übrigens gestandener Skipper ist, geahnt zu haben, dass genau so ein Trip aus den beiden Mädchen junge Frauen machen würde. Getreu dem Motto: Es gibt keine bessere Lehrerin fürs Leben als ein altes, zickiges Segelboot.

Wenn nicht jetzt, wann sonst?

Aber Jessie und Katie ahnten davon noch längst nichts. Die Idee brodelte in ihrem Kopf über Wochen hinweg. Brodelte und brodelte, nahm mehr und mehr Konsistenz an. Und irgendwann wussten die beiden: Wenn nicht jetzt sofort, dann wohl nie mehr.

Also musste ein geeignetes Boot her. Nun war es so, dass weder Daddy ihnen einen fetten Performance-Cruiser zum Geburtstag schenkte, noch dass ihr Gespartes nach zweijährigem Tingeln durch Kalifornien, nach häufig wechselnden Jobs und Beziehungen, für die Option: „Boot besorgen und gleich lossegeln“ reichte.

Great Loop

Der “Great Loop” Törn variiert zwischen 5000 und 7500 Meilen Länge und ist für Boote mit 1,5 Meter Tiefgang beschränkt

Irgendwann standen sie vor „Louise“, eine „Cal 27“, Jahrgang 1979. Sie machten Nägel mit Köpfen – „sah auch nicht schlimmer aus als die anderen Boote, die in unser Budget passten“ – und machten sich ans Werk einer grundlegenden Renovierung.

Tagsüber jobbten die beiden, nachmittags und abends bastelten sie an „Louise“. Dort war alles Neuland: Sie nahmen mit Hilfe von Freunden den Motor vollständig auseinander und setzten ihn wieder zusammen – wonach er allerdings schon wieder nicht ansprang.

Bis zu den Oberarmen in der Sch…

Bei Klempnerarbeiten an der Toilette steckten sie buchstäblich bis zu den Oberarmen in der Sch… . Sie versuchten aus dem Schiff ein Heim zu machen, das sie sicher über mindestens 7.000 Seemeilen hinweg auf Wasserstraßen und längeren Seepassagen durch die östliche Hälfte Nordamerikas bringen würde. Dreizehn US-Staaten plus die Bahamas und Kanada lagen auf ihrem Weg.

Jessie und Katie lernten schon vor ihrem Start ausschließlich aus ihren eigenen Fehlern und schworen sich, dass ihnen dieselben nicht ein zweites Mal passieren durften. Sie lernten einen Sommer lang alles über Mechanik, Elektrik, dichte und undichte Stellen in einem Schiff und begriffen, dass auch ölverschmierte Hände irgendwie sexy sein können.

Was Jessie zwischendurch aber nicht davon abhielt, ihrem gar nicht mehr so heiß geliebten Daddy mit Vatermord zu drohen.

Langfahrt, Freundschaft, Cruising,

Lohn monatelanger Kellnerei: Die “Louise” © twogirlsonaboat

Wir machten uns in die Hosen vor Angst

Im September 2012 segelten die beiden und Hund „Reggie“ los. Falsch, sie legten ab und fuhren erstmal unter Motor auf langen Wasserstraßen. Sie motorten durch Illinois, Mississippie und Tennessee bis zum Golf von Mexiko.

Also sie dort ankamen, hatten sie sich zwar endlich an das Leben auf einem Schiff gewöhnt, aber kein Geld mehr dafür. Also folgten drei Monate Kellnerinnen-Jobs, bis sie genug zusammen hatten, um nach Florida zu segeln. Dort mussten sie nochmals Essen jonglieren zwischen urlaubenden Charter-Seglern in Marina-Restaurants –und Bars , bis sie monetär ausreichend gefestigt waren, um zu ihrem erklärt wichtigsten Ziel der Reise zu gelangen: der Karibik.

„Furchtlos segelten wir aufs offene Meer und trotzten den Elementen… Alles Quatsch: Wir machten uns in die Hosen vor Angst!“ schrieb Jessie damals auf ihrem Blog. Der zählt übrigens zu den unterhaltsamsten und talentiertesten der weltweiten Langfahrtszene.

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Auch ölverschmierte Hände können sexy sein © twogirlsonaboat

Sie steuerten vorsichtig, schafften Spitzengeschwindigkeiten von fünf Knoten. „Könnte ich auf dem Wasser joggen, wäre ich schneller gewesen!“ meinte Katie lapidar. Sie waren extrem nervös, hatten Visionen von all den Dingen, die auf See schiefgehen können, redeten stundenlang mit ihrem Hund, aber bekamen auch – ohne es zunächst zu merken – mehr und mehr Vertrauen in ihr Schiff.

An einem Nachmittag fing Katie ihren ersten Thunfisch, und „irgendwie fühlten wir uns ab diesem Moment vom Meer akzeptiert. Die Angst fiel von uns ab, wir hatten ein gesundes Maß an Selbstvertrauen aufgebaut!“ schreibt Jessie weiter.

Als sie schließlich die ersten Bahamas-Inseln sichteten, heulten beide vor Glück. „Es gibt nichts Schöneres, als ein Ziel zu erreichen, für das man stur und hart über ein Jahr gearbeitet hat!“

Nicht immer paradiesisch

Es folgten Wochen, Monate des typisch-karibischen Inselhüpfens. Eine Zeit, die alles andere als permanent glanzvoll oder immerwährend problemlos war. Doch später, nachdem sie die „Große Runde“ oben im Norden längst geschlossen hatten und mit einem lachenden und einem weinenden Auge auf die Zeit in der Karibik zurück blickten, erkannten sie, dass sie diese „paar Wochen“ im wahrsten Sinne des Wortes „reifen“ ließen.

„Wir waren von einer Natur umgeben, die uns mal wohlgesonnen und manchmal richtig feindlich gegenüber stand. Wir konnten noch so oft die rosarote Brille aufsetzen – das Leben meinte es nicht immer supergut mit uns!“

Wenn die Maschine kaputt ging, wehte kein Wind. Oder zuviel. Wenn sie Hilfe brauchten, war das Handy leer. Doch wenn sie sich sicher waren, dass sie die nächste massive Welle nun endgültig erwischen und zum Kentern bringen würde, ging es trotzdem immer weiter.

Wenn sie vor lauter Hitze keinen Schlaf fanden, gab es unverschämterweise weit und breit kein Air Conditioning. In der Morgenkühle drehte keiner die Heizung auf , weil es keine gab. Wenn es regnete, wurden sie eben nass. Und wenn es heftiger wehte, zitterten sie vor Angst, segelten aber weiter.

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Jeder machte so seine Bekanntschaften während der Reise © twogirlsonaboat

„Wir haben in den paar Wochen und Monaten mehr fürs Leben gelernt, als andere ihr Leben lang!“ schreibt Jessie weiter. „Diese Reise hat uns verändert, auf den richtigen Kurs gebracht. Wir haben gelernt, dass Mut nichts mit Härte oder Unbesiegbarkeit zu tun hat. Dass man auch als Mutige weinen darf, dass es okay ist, um Hilfe zu bitten, dass alles ein Geben und Nehmen ist. Katie und ich haben so viel über den Wert einer tiefen Freundschaft gelernt, übers Zusammenhalten, aber auch übers Zanken und Zicken. Ach ja, und in Sachen Segeln sind wir auch ein großes Stück weiter gekommen.“

Mittlerweile ist der Törn längst vorbei. Katie und Jessie sind immer noch ziemlich beste Freundinnen. Beide tingeln, gemeinsam oder getrennt, weiter durch die Weltgeschichte und segeln so oft wie möglich zusammen auf „Louise“. Immer mit „Reggie, Ehrensache.

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Immer in Bewegung © twogirlsonaboat

Jessie will als Fotografin Fuß fassen, entdeckte aber auch ihr Talent zum Schreiben. In Kürze soll ein Buch über die Abenteuer der beiden erscheinen.

Bis dahin werden Fahrtensegler von der Lektüre ihres Blogs begeistert sein: Feine Texte und wohlfeile Fotografien – was kann man als Couch-Skipper im Winter mehr erwarten?

Website 

Fotografien Jessie Zevalkink

 

 

 

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier
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Ein Kommentar „Langfahrt: Zwei 26-jährige US-Girls auf der „Großen Runde“ – pure Lebenslust“

  1. avatar Frank Schernikau sagt:

    als seriöse segel news seite um zahlende kunden werben – und dann sex-sells-artikel von sailinganarchy kopieren und mit mehrtägiger verspätung von piraterievorfällen berichten? sorry, so wird das nichts.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 10 Daumen runter 5

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