Langfahrtsegeln: Kein Gericht auf der Weihnachtsinsel – aber ein Gefängnis!

Warten auf den Richter

Joao Goncalves hatte Pech: Erst legt ihm ein Sturm das Schiff lahm, dann entdecken Polizisten Marihuana und nicht deklariertes Bargeld. Doch das nächste Gericht ist 3.300 Kilometer entfernt.

Wer wissen will, wie’s hinterm Horizont weitergeht, der verbindet mit diesem Fernweh auch ganz oft die „Lust auf mehr Freiheit“, die Hoffnung auf eine andere, zumeist lockerere Lebensweise, vielleicht auch entspanntere Behörden und eine etwas weniger strenge Exekutive.

Dass sich vermeintliche Paradiese, etwa die in der entlegenen Südsee, mitunter als die genauen Gegenteile dieser hehren Träume entpuppen, hat sich besonders in der Segel-Langfahrtszene längst rumgesprochen.

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Könnte bald wieder hinter dem Zaun untergebracht sein: Goncalves vor dem Knast der Weihnachtsinsel © feast

Und dennoch geistern durch die Medien immer wieder Fälle von Seglern, die in die Mühlen einer (nun tatsächlich) exotischen Justiz geraten – und das mitunter nur aufgrund eines fatalen Gemischs aus Blauäugigkeit, Naivität und simplem Pech.

Havarie vor der Weihnachtsinsel

Wie der Portugiese Joao Goncalves (41), der bereits seit Jahren auf seiner Segelyacht um die Welt tingelt und der Anfang des Jahres sein erklärtes Lieblingsziel erreichte: Die fernab touristischer Dampferrouten liegenden Line Islands im Zentralpazifik.

Der Surfer und Hotelbesitzer aus dem portugiesischen Peniche geriet allerdings auf seinem Weg von Tahiti Richtung Kiritimati – den meisten Weltenbummlern eher als „Weihnachtsinsel“ bekannt – in einen ziemlich verheerenden Sturm, bei dem sein Schiff reichlich Bruch erlitt. Entsprechend erleichtert war er, als er schließlich in der schützenden Lagune von Kiritimati festmachte.

Doch kurz nachdem Goncalves seine Zolldeklaration abgegeben hatte, kam eine Gruppe Polizisten an Bord und filzte das Schiff. „Reine Routinesache“ beruhigte man den Portugiesen. Und fand prompt eine „geringe Menge Marihuana“ – manche Medien im Internet sprechen von einem Joint – und etwa 20.000$, die allerdings nicht in den Zollpapieren aufgeführt waren.

Zwei Vergehen, die im Staat Kiribati-Island keineswegs als Gentleman’s-Delikt abgetan werden, sondern für einen Aufenthalt in den örtlichen Gefängnis-Lokalitäten ausreichen.

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Auch im Paradies wird Recht gesprochen. Nur muss man manchmal lange drauf warten © feast

Verseuchtes Trinkwasser im Knast

Dort wiederum geht es eher rustikal zu. Goncalves musste sich hüttenähnliche Zellen und eine einzige Latrine mit fünfzig Männern, einer Frau und einem Kind teilen. Entsprechend katastrophal die hygienischen Zustände im Gefängnis – sogar das Trinkwasser soll verseucht gewesen sein.

Als der Portugiese den in solchen Situationen dringend ratsamen Wunsch nach einem Anwalt äußerte, erntete er bei den gar nicht mal so unfreundlichen Beamten nur Schulterzucken. Lächelnd wurde ihm gesagt, es gebe überhaupt keinen Rechtbeistand auf der Insel. Aber mindestens ein Mal im Jahr käme das Hohe Gericht von der Hauptstadt hier auf die Insel herüber, um zumindest in den härtesten Fällen Recht zu sprechen. Irgendwann, im Juni, Juli oder vielleicht doch erst im September?

Nun musste Goncalves lediglich drei Wochen in dem Gefängnis ausharren, danach stellte man ihn unter Hausarrest in einem schäbigen Hotel. Es sei eben eine Art Vorgeschmack auf die spätere Bestrafung gewesen, sagte man ihm. Damit er schon mal wisse, was auf ihn zukommt. Yacht und Geld waren mittlerweile unter Verschluss genommen – die Chance auf eine Flucht gleicht Null.

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Im Osten die Linien-Inseln © google

3.300 Kilometer zur Hauptstadt

Kiritimati, also die frühere Weihnachtsinsel, ist übrigens die erste der Linien-Inseln, die von James Cook entdeckt wurden. Heute ist sie lediglich so etwas wie ein entlegener Außenposten des Staates Kiribati, der das längste Korallen-Atoll der Welt umfasst. Immerhin fliegt ein Mal in der Woche ein Flugzeug entweder nach Hawaii oder nach Fiji, allerdings wurden die Flüge in den letzten Monaten öfter gestrichen als durchgeführt.

Ansonsten gibt es nur wenige Verbindungen zur Außenwelt. Auch nicht innerhalb des Staates – das letzte Versorgungsschiff landete im Oktober an.

Tarawa, die Hauptstadt von Kiribati (wird Ki-ri-bahs ausgesprochen) liegt sage und schreibe 3.300 Kilometer westlich. Dort leben auch die wenigen Rechtsanwälte, die sich um die Gefangenen des Staates kümmern… könnten. Auf den 33 Inseln von Kiribati kommt nach einer Zählung aus dem Jahre 2011 ein Anwalt auf 12.593 Bewohner. Zum Vergleich: In Deutschland ist rein statistisch betrachtet ein Rechtsanwalt für 495 Personen zuständig.

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Die Gefängnishütte der Weihnachtsinsel © feast

“Ich will endlich verurteilt werden!”

Während seines Aufenthaltes im Gefängnis erfuhr Goncalves von „Zellen“-Kollegen, wie drakonisch und drastisch das Strafsystem in Kiribati doch sei. Für Vergehen, die bei uns als Kleinkriminalität behandelt werden, verhängen die Richter der Linien-Inseln offenbar lange Haftstrafen. Die dann tatsächlich auf der Insel abgesessen werden müssen, auf der die Tat begangen wurde.
Derzeit bemüht sich Joao Goncalves deshalb um eine Verlegung seiner Gerichtsverhandlung in die Hauptstadt. Schon allein deshalb, weil er sich dort von einem Rechtsanwalt vertreten lassen kann. Seine Freundin wartet mittlerweile mit ihm auf der Weihnachtsinsel auf all’ die Dinge, die nicht so richtig in die Gänge kommen wollen. „Ich will endlich ein Gerichtsverfahren, will verurteilt werden,“ soll der Portugiese gesagt haben. „Diese Warterei macht mich wahnsinnig!“

Mit Info von Lincoln Feast

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