Langfahrtsegeln: Warum aus Steffi und Tomy doch keine Weltumsegler werden

„Hoffentlich wird’s langweilig!“

Langfahrtsegeln, Kritik

So viele schöne Momente! Aber hält man das für immer aus? © yemanja

Warum die Karibik doch nicht so toll ist, was an langen Überfahrten nervt, weshalb das Paradies nicht zwingend in der Ferne liegt – Steffi gibt Antworten von Bord der „Yemanja“. 

Klar, Langfahrtsegeln ist irre schön und eine Weltumseglung noch besser!  Rüber über den Großen Teich, Island-Hopping in der Karibik, an den mittel- und südamerikanischen Küsten entlang bummeln, durch den P.-Kanal in den Pazifik schippern, ein paar Wöchelchen durch den achso Stillen Ozean, schon sind man/frau in der Südsee. Und da geht ja eigentlich des Blauwasserseglers Traum überhaupt erst in Erfüllung: Von einer Traumbucht in die andere, einsame, offenbar nur für dich bestimmte Atolle entdecken, in kristallklare Wasser abtauchen oder an weißen Stränden lümmeln. Einfach mal das Leben genießen – ach, wie wir euch Langfahrtsegler beneiden. Immer und immer wieder… 

Nun, dass dem nicht immer so ist, dürfte sich herumgesprochen haben. Und ebenso die Tatsache, dass es mittlerweile Unmengen weltenbummelnder Aussteiger gibt, die sich genau diesen Traum erfüllen (wollen). 

Perlen finden

Für alle Couch-Potatoes, Daheimgebliebenen, noch-nicht-Entschlossenen, noch-im Traummodus-Verharrenden gibt es glücklicherweise die digitalen Medien, mit denen wir uns sozusagen in das beneidenswerte Leben dieser Blauwasser-Helden hinein klicken können. Auf Websites, in den sog. Sozialen Medien, via Videos und Fotografien sind wir mittendrin im Geschehen. Können von einem Abenteuer zum anderen surfen, mal eben schnell checken, was in der Karibik so abgeht, die virtuellen Freunde in der Südsee „besuchen“ oder ein paar Landausflüge ins Inselinnere „mitmachen“. 

Langfahrtsegeln, Kritik

Steffi und Tomy wollen nicht das Segeln aufgeben, aber die Route ändern © yemanja

Doch nicht alle dieser hunderte, tausende Links sind so richtig spannend. Man muss sich um die Kleinode bemühen, die Spreu vom Weizen trennen. 

Eine dieser Perlen unter den Langfahrt-Blogs ist die Website „Segeln mit Yemanja“. Dort bloggt Steffi, Nicht-Seglerin, über ihre Segelreise um die Welt mit ihrem Mann Tomy und die Kunst, Schätze zu finden, die frau nicht sucht. 

Wer ihr folge, schreibt Steffi in ihrem Blog, erhalte Tipps, Info und Inspiration für „deine Schatzsuche, deinen (Segel)-Reisetraum!

Denn im Leben gehe es nicht darum, Probleme zu lösen, sondern Wunder zu erfahren.

Zugegeben, das mit dem Wunder und den Problemen… solche oder ähnliche Sprüche findet man auf jeder zweiten Facebook-Seite zum Thema. Nur dass Autorin Steffi genau dieses Versprechen mit einer journalistischen, erzählerischen Akribie tatsächlich hält und mit tollem Wortwitz und klasse Texten ihre Leser ungewohnt lebendig an ihrem Leben in der Ferne (und in der Nähe) teilhaben lässt – mit allen Höhen und Tiefen. Ein Blog, den man man rundum empfehlen konnte und kann: gestern, heute und hoffentlich auch… morgen. 

„ Es ist soweit“

Und dann dieser Eintrag vom 25. April. Zu einem Zeitpunkt, als viele ihrer treuen Fans eigentlich damit rechneten, dass die „Yemanja“ und ihre Crew bald den Pazifik in Angriff nehmen werden.

„Es ist soweit. Wir müssen uns endgültig outen: Aus uns werden keine Weltumsegler. Auch keine Karibikhängenbleiber. Wir segeln zurück nach Europa.

Dafür gibt es in etwa drei Gründe: Die langen Überfahrten mögen wir gar nicht, mit der Karibik werden wir nicht so warm, dass wir bereit sind den Preis zu zahlen und unsere Engel rufen nach Oma und Opa.“

Langfahrtsegeln, Kritik

Nach ein paar Tagen wird’s öde und langweilig auf den großen Strecken. Hoffentlich wird es langweilig!!! © yemanja

Liest sich das ein wenig undurchsichtig? Stimmt, und Steffi ist sich dessen wohl bewusst und gibt eine umfassende Erklärung, warum sie und ihr Mann den Traum von der Weltumseglung ad acta legen, warum sie umkehren, ohne dabei aber einen Schritt zurück zu machen. Offen, entwaffnend ehrlich und umso sympathischer:

„Im Grunde fiel die Entscheidung gegen den Pazifik schon bei der Fahrt von Surinam in die Karibik: Selbst fünf Tage auf dem Schiff empfinden wir beide als Qual. Es ist langweilig, was ja auch gut ist, denn Aufregung jeglicher Art brauche ich auf See nun wirklich nicht. Nach drei Tagen weiß ich nicht mehr, wie ich sitzen oder liegen soll, es fehlt die Bewegung. Der Lärm des Windes und des Schiffes sind allerhöchster Stress für mich, ich bin innerlich ständig in Alarmbereitschaft, werde dabei aber nicht richtig wach. Tomy kann im Schiff nicht schlafen. Wir sind permanent dösig, irgendwie nicht ganz da. Und das mindestens vier Wochen lang? Und dann erst knapp halb herum sein? Nein, nicht mit uns.

Ja, die Südsee muss ein Paradies sein. Ich würde auch gerne nach Hawaii segeln, bei Vancouver, nach Neuseeland und Thailand und Sansibar – aber wir haben das Zeug dazu nicht. Punkt.

Langfahrtsegeln, Kritik

Seufz! © yemanja

Was mir fehlen wird, ist das Unterwegs sein. Denn obwohl wir ja immer wieder lange Perioden zu Hause waren, hatte ich doch immer das Gefühl weiter zu segeln, eben unterwegs und fort von daheim zu sein. Und ja, da gäbe es in der Karibik noch viel zu sehen: DomRep, BVI, Bahamas, Kuba, Mexiko, Kolumbien, ABC, ja vielleicht hinauf durch die Inland Waterways bis in die großen Seen – Möglichkeiten für viele Jahre! Nur gibt es da diese Stürme. Dass mit denen nicht zu spaßen ist, weiß seit Irmaria wohl jeder. Also müssten wir immer wieder das Schiff für sechs Monate für viel, sehr viel Geld an Land stellen, immer wieder mit dem Risiko, dass es doch schief geht: Gegen die Gewalt von Irmaria helfen auch keine Craddles und Strapse, keine Betonanker, kein Vertäuen in den Mangroven der Hurricane Holes.

Also uns ist es das Geld nicht wert, die Versicherung kommt ja auch noch hinzu. Dafür kann ich auch so direkt nach Kuba, Kolumbien oder Mexiko fliegen. Oder in Vancouver chartern. Und der Liegeplatz in Europa ist auch noch drin.

„Aus uns werden keine Weltumsegler“

Hinzu kommt: Wir können uns nicht so recht für die Karibik begeistern. Die Segler hier sind oft Charter-Segler, die jeden Preis bezahlen und damit die Latte für die Langfahrtsegler und die, die hier auf den Schiffen leben, hoch legen. Die nordamerikanischen und britischen Lebensabendsegler bleiben unter sich. Der typische Langfahrtzusammenhalt kommt kaum zustande, man grüßt sich nicht, spricht einander kaum an, man weiß ja nie, wen man vor sich hat. Den Zusammenhalt den wir seit Camaret-sur-Mer, A Coruna, von den Kanaren und Kap Verden, erst recht aus Brasilien und Surinam kennen, ist hier nicht ganz einfach zu finden. Ja, man trifft sich wieder, das ist ganz wunderbar, aber kaum jemand Neuen, es sein denn man kennt sich schon aus Facebook. Oder man segelt zurück, dann kommen die Langfahrer wieder aus den Buchten und rotten sich zusammen. Die Inseln sehen irgendwie alle gleich aus – viel Raum für neue Entdeckungen ist da nicht. Nein, ich möchte keinen Moment missen, es war toll und ja, es gibt märchenhaft schöne Ecken: Carriacou und Sandy Island, die Tobago Cays, Dominica, Iles des Saintes, auch Guadeloupe hat was. Aber nochmal müssen wir da erst mal nicht hin. Gerade auf den ärmeren Inseln wird für alles und jedes Geld verlangt, unverhältnismäßig viel Geld. Mir fehlt mein Enthusiasmus, die bunte Vielfalt dieser Welt, mich lockt Anderes – die Luft ist raus. Vielleicht liegt es an uns und du machst hier andere Erfahrungen: Ich wünsche es dir von Herzen!“

Langfahrtsegeln, Kritik

Adieu Karibik-Idyll wie hier auf Antigua, wo sie sogar ein Erdbeben auf dem Wasser erlebten © yemanja

Nicht dass die obigen Zeilen falsch verstanden werden. Steffi und Tom wollen sich nicht vom Segeln abwenden. Nein, es gebe Unmengen zu erkunden, aber warum eben nicht in Europa? Näher an den „Lieben daheim“. Portugal, Spanien, Mittelmeer, Schwarzes Meer, die Ostsee… 

Gestern sind die beiden zu ihrem großen Törn auf der Nordatlantik-Route Richtung Azoren losgesegelt. Steffi schließt auf ihrem Blog mit den Worten: „Drückt mir die Daumen, dass es sehr, sehr langweilig wird.“ Das wollen wir gerne machen… 

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Michael Kunst

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