Mikrosegeln: Amerikaner scheitert bei Rekordversuch mit Ein-Meter-Boot – Hüpfen wie ein Korken auf den Wellen

Fakir der See

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Matt Kent will auf einem Meter Schiffslänge über den Atlantik © kent

Matt Kent hält nichts von „weiter, länger, schneller“. Sein Traum ist der Rekord für die Einhand-Transatlantik-Überquerung im kürzesten Boot. Auf Ein-Meter Boot über den Teich – kann das gutgehen?

Zugegeben, aus aktuellen und durchaus naheliegenden Gründen berichten die SegelReporter derzeit reichlich von foilenden 15-Meter-Katamaranen und ihren zu Superheroes stilisierten Skippern, die mit teils unglaublichem Speed vor Bermuda ihre Kurse abrasen. Und damit Millionen auf der Welt begeistern.

Da könnte es durchaus spannend sein, auf das andere Ende der Größen-Skala zu schauen. Nein, wir meinen jetzt hier nicht die 100-Meter-Mega-Yachten sondern… ja, eher die ganz, ganz kleinen, sogenannten Micro-Boote. Diese drei, zwei und nun nur noch ein Meter kurzen Boote, deren Skipper bereits seit Jahrzehnten mit aberwitzigen Rekordversuchen auf sich aufmerksam machen. Und deren liebster Rekordspielplatz der Atlantik ist. Ausgerechnet! 

1965 segelte Robert Manry auf seiner 4,1 Meter „langen Tinkerbelle“ von Massachusetts nach England und eröffnete somit den modernen „Micro-Yacht“-Hype. Es folgten die 3,6 Meter „Nanoalca“ und die immerhin schon 2,4 Meter kurze „Bathtube“ (Badewanne). Schon 1968 stellte Hugo Vilhen mit der 1,8 Meter „April Fool” (Aprilscherz) von Casablanca nach Miami einen Atlantik-Rekord auf um später seiner 1,6 Meter „Father’s Day“ (Vatertag) den eigenen Rekord zu brechen. 1,6 Meter… kürzer ging es ganz offensichtlich nicht mehr, denn im Jahre 2002 wagte sich Tom McNally mit der Rekordkürze von 0,95 Meter an die Atlantiküberquerung und… scheiterte.

Auch wenn es in der Zwischenzeit einige weitere Atlantik-Überquerungen auf Mikro-Booten gab, wagte sich doch keiner an die „richtig kurzen Dinger“.

Ein-Meter-Yacht

Bis vor einem Jahr Matt Kent aus Oregon/USA den Mikrokosmos der Mikro-Boote für sich entdeckte. Der 28-jährige Amerikaner war zuvor acht Jahre lang auf einem 60-Meter-Großsegler als Crewmitglied unterwegs gewesen und entdeckte durch Zufall und Neugierde, auf welch kleinen Boote andere entweder um die Welt segeln oder – noch verrückter, noch kleiner – eben den Atlantik bezwangen.  

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Großer Vorteil: Mit einem Ein-Meter-Boot findet man überall Platz! © kent

Und da Kent sowieso ein Faible für all’ das hat, was irgendwie verrückt und unmöglich erscheint, begann der begabte Handwerker ein wirklich kleines Boot zu bauen. Länge: 1 Meter. Tiefgang: 1,5 Meter. Gewicht leer: 544 kg. Gewicht beladen 816 kg. Rumpfgeschwindigkeit: 2,5 Knoten. Segelfläche: 4,6 Quadratmeter. Nomen est omen: Das ganze Projekt nennt sich „Undauted“ – unerschrocken! 

Matt Kent beschreibt als wichtigsten Aspekt seiner Bootskonstruktion die Stabilität des Bootes. „Ich konnte es wegen des Rekords nicht länger machen, muss mich also mit dieser Rumpfgeschwindigkeit zufrieden geben. Wichtiger ist jedoch, dass die „Undauted“ im Wellengang eher auf und ab hüpft wie ein Korken, statt gegen die Wellen anzutreiben bzw. -segeln. Durch den vergleichsweise hohen Tiefgang und Ballast habe das Boot „eine Stabiltiät, für die andere Bootsarchitekten töten würden!“ schreibt Kent auf seiner Website. 

“Micro” ist wörtlich zu nehmen

Ausgerüstet wurde das Micro-Boot mit einer „Moitessier-Rundumsicht-Kapsel, die es dem Segler erlaubt, trocken bei Schwerwetter aus seiner Mini-Kajüte nach draußen zu peilen. Frischwasser holt sich Kent mit einer Entsalzungsanlage sozusagen direkt aus dem Meer, als Nahrung sollen Proteinpulver, Tütensuppen, Nüsse und Energieriegel reichen. Für die 4.500 Seemeilen lange Atlantiküberquerung auf der Barfußroute sieht Matt Kent etwa drei bis vier Monate vor.

Statt einer Rettungsinsel (die ja sowieso keinen Platz auf dem Boot gefunden hätte) installierte Kent aufblasbare „Schwimmringe“  um das Boot, die im Notfall von innen mit CO2-Kartuschen aufgeblasen werden sollen. Im Normalfall jedoch zusammengerollt an der Bordwand des Ein-Meter-Bootes hängen. Im Boot kann Matt Kent zwar gerade so aufrecht sitzen, für die notwendige Bewegung hat er ein Gurtsystem vorgesehen, an dem er sicher eingehängt hinter der „Undauted“ herschwimmen kann. Wie gesagt: Unerschrocken! 

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Gemütlich, oder? Und für drei bis vier Monate? © kent

Doch so so „mörderisch stabil“ das Boot auch sein mag – den ersten Rekordversuch auf seiner Ein-Meter-Rekordyacht musste Matt Kent bereits nach 12 Stunden abbrechen. Nachdem er auf Gomera gestartet war, geriet er in miserables Wetter mit 45-Knoten-Böen, vor allem aber in enorm kabbelige, kurze See. Und dabei zeigt sich mal wieder die Tücke im Detail: Denn die erwähnten Sicherheitsschwimmringe schlugen im Wellengang wie wild gegen den Rumpf, Aufhängungen lösten sich, ein Ruder der Doppelruderanlage wurde in Mitleidenschaft gezogen, ein dünner Rinnsal Wasser drang ins Boot. Zudem nahm es der Skipper einer Yacht, von der aus Fotos vom Start des Abenteuers gemacht werden sollten, etwas zu genau mit der Maxime „je näher dran, desto besser die Fotos“: Die Yacht touchierte den Mikrosegler Heck an Heck. 

Vernunft obsiegt

„Es waren keineswegs lebensgefährliche Schäden, die ich am Boot feststellte. Sie hätten aber fatal werden können, wenn ich noch ein paar Mal in so ein Wetter gekommen wäre,“ schreibt Matt Kent in seinem Blog. „Also entschied ich mich als vernünftig denkender Mensch für einen sofortigen Abbruch der Reise.“ 

Nachdem er wieder zurück auf La Gomera war, mottete er sein Boot ein – unbedingter Vorteil solcher Bootslängen: Man findet überall einen preiswerten Platz! – und begab sich zurück in die USA, wo er in der heimischen Werkstatt „noch ein par neue Teile für das Boot bauen“ will. 

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Nein, kein Container-Protoyp sondern ein Mikroboot der neuesten Generation! © kent

An einen erneuten Start noch in diesem Frühsommer sei nicht zu denken, da er so mitten in die Hurrikan-Saison auf der anderen Seite des Atlantiks hinein segeln würde, ließ Kent vernehmen. Doch im Herbst will er es wieder versuchen, denn der Rekord jucke zwar, als Micro-Segler müsse man jedoch Geduld haben.

Monatelang in einer Ein-Meter-Nussschale kauern, die wie ein Korken Spielball der Wellen ist… dafür muss man in der Tat reichlich Geduld, stoische Ruhe und echte Fakir-Qualitäten aufbringen. Klaustrophobie wird ja sowieso überschätzt! 

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Der kleine Prinz auf dem Meer? © kent

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Michael Kunst

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