Musik: John Lennons Segeltörn zu den Bermudas – Ende einer musikalischen Blockade

„Segle nach Südost, die Wolken werden sich lichten"

Vor 35 Jahren wurde John Lennon ermordet. Kurz zuvor erlebte er nach fünfjähriger „Schaffenskrise“ eine seiner musikalisch produktivsten Phasen – ausgelöst durch einen legendären Segeltörn zu den Bermudas.

Es war eine jener Krisen, die seit jeher zum „guten Ton“ unter Künstlern gehören. John Lennon galt längst als Weltstar, die Beatles waren schon Geschichte… aber John’s Solo-Karriere fehlte der Drive. Mitte bis Ende der Siebziger-Jahre waren – zumindest was sein musikalisches Werk anbelangt – nicht gerade Lennons fruchtbarste Zeit.

„Seit zwanzig Jahren stehe ich unter dem dauernden Druck, produzieren, produzieren und nochmals produzieren zu müssen. Ich brauche eine Pause, und zwar eine richtige!“ gab der Superstar 1974 in einem Interview mit der New York Times zu. Und machte schließlich Nägel mit Köpfen.

John Lennon, Bermudas, Double Fantasy

John Lennon steuert, kurz vor der Ankunft auf den Bermudas. Da hatte er seinen Sturm-Trip schon hinter sich und die Seekranken sind auch wieder an der frischen Luft © Tyler Coney

Er zog sich in sein mittlerweile berühmtes „Dakota Appartement“ in New York zurück, kümmerte sich um die Erziehung seines Sohnes Sean, las Hunderte Bücher, hörte pausenlos Musik, handelte ein wenig an der Börse, kaufte eher gelangweilt Grundstücke in der Umgebung des Big Apple und überließ das Geldverdienen seiner Frau Yoko Ono, die dafür „sowieso mehr Talent“ besaß (John über Yoko). „Let it be“ gelebt, sozusagen.

Er wollte nur segeln lernen

In fünf Jahren produzierte John musikalisch nur „dürftigen Kleinkram“, mit dem er alles andere als zufrieden war. „Es war, als hätte sich über Jahre hinweg eine Wolke über mein Hirn gelegt, die keine Gedanken mehr frei ließ.“

Im Frühjahr 1980 erwarb er auf Long Island ein Haus mit Meerblick und nur wenige Wochen später bat er seinen Assistenten Fred Seaman (kein Kalauer!), ihm ein kleines Segelboot zu kaufen. Es sollte die Erfüllung eines Kindheitstraums werden: Segeln lernen.

John Lennon, Bermudas, Double Fantasy

Die “Megan Jay” segelt immer noch – hier mit dem derzeitigen Eigner Fuller. Er hat über der Koje, in der Lennon schlief, eine Gedenkplakette angebracht © fuller

Tatsächlich war John Lennon schon als kleiner Junge ein verträumter Typ. Sein Vater war Seemann, und immer, wenn der unterwegs auf den Sieben Meeren war, lungerte little John in den Hafenanlagen seiner Heimatstadt Liverpool herum. Er stellte sich vor, in welchen exotischen Häfen sein Vater gerade anlegen würde oder überlegte sich, wie es wohl wäre, wenn er auf einer dieser Yachten hinaus aufs Meer segeln könnte.

Doch jahrzehntelang blieben solche Gedanken nichts als Träume, bis Seaman schließlich ein 14-Fuß-Dinghy für seinen Boss kaufte. Damit lernte der Engländer an der US-Ostküste mehr schlecht als recht segeln.

Aber Lennon spürte, dass hier etwas „Außerordentliches“ mit ihm geschah. Trotz eines Heidenrespekts vor dem Meer, fühlte er sich relativ sicher. Und bei kleinen Schlägen entlang der Küste machte der Superstar mutterseelenallein die klassische Erfahrung aller Seefahrer: Auf dem unendlichen Ozean bist du ein Nichts. Aber es fühlt sich fantastisch an!

John Lennon, Bermudas, Double Fantasy

John Lennon mit Sohn Sean © Yoko Ono

 

“Und die Wolken werden sich lichten!”

Lennon wollte mehr davon, wollte weiter weg, längere Törns mitmachen. In den Werften und in den Clubs ließ er diskret Zettel aushängen, allerdings ohne seinen Namen darauf zu nennen. Gleichzeitig befragte er Takashi Yoshikawa, den Qi-Berater der Familie Ono, ob das Orakel seinen Traum vom Meer gutheiße. Die Antwort lautete: „Segle nach Südost und die Wolken, die deinen Geist vernebeln, werden sich lichten!“

Na bestens, also auf zu den Bermudas! Kurze Zeit danach ließ sich der Ex-Beatle mit einer gemieteten Cessna nach Newport fliegen. Dort gab es offenbar genügend Skipper, die solche Trips drauf“ hatten.

John Lennon, Bermudas, Double Fantasy

Schon 1964 war Lennon gemeinsam mit George Harrison vor Tahiti bei einem Tagestörn unterwegs © yoko ono

So trat schließlich Hank Halsted in Lennons Leben. Der Skipper war gerade von einem ausgedehnten Trip in der Karibik zurück, als er über seinen Charter-Agenten erfuhr, dass er und seine „Megan Jaye“ schon wieder neue Gäste für einen Törn zu den Bermudas hätten, darunter auch einen „Musiker aus New York“.

Hank hatte ebenfalls bereits ein „buntes Leben“ hinter sich. Der Profi-Skipper war zuvor als Manager mit der erfolgreichen US-Band Allman Brothers unterwegs, hatte gewisse eigene Erfahrungen „mit so ziemlich allen psychedelischen Drogen der damaligen Zeit“ gemacht und war sowieso ein Musik-Maniac. Kurz: Er verstand sich auf Anhieb prächtig mit John Lennon.

“Wer soviel Lustiges konsumierte, dem wird nie wieder schlecht!”

„Wir waren kaum auf See, da redeten wir schon über Gott und die Welt. Es war so, als wären die anderen drei Mitsegler gar nicht dabei!“ Ein Gefühl, das bald schon Realität werden sollte: Nach zwei Tagen auf See brach das obligatorische schwere Wetter über die „Megan Jaye“ herein und die Mitsegler verweigerten wegen übelster Seekrankheit jegliche Teilnahme am Bordgeschehen.

Hank und John blieben vom Würfelhusten jedoch verschont. „Wer so viele lustige Tüten wie John und ich im Leben geraucht hat, dem wird nie, nie wieder schwindelig oder übel!“ berichtete Hank Jahre später.

Und erinnert sich weiter: „Ich stand 48 Stunden am Ruder, es krachte wirklich fürchterlich, Autopiloten hatten wir damals noch keine, und irgendwann musste ich einfach abgelöst werden. Die anderen lagen über Eimer gebeugt in ihren Kojen, nur John schmierte mir fröhlich pfeifend Sandwiches.“

John Lennon, Bermudas, Double Fantasy

Eine Reise, die bis heute inspiriert: Eine App zu den Bermudas-Tapes © bermuda tapes

Also musste letztendlich der unerfahrene Superstar ran. Obwohl er sich zunächst weigerte, sah John Lennon irgendwann die Notwendigkeit für einen Wachwechsel. Hank schlief immer häufiger ein und die Yacht lief dann völlig aus dem Ruder U.nd so stand dann irgendwann „Imagine“-John auf hoher See im Sturm am Steuerrad und erlebte das Abenteuer seines Lebens.

„Ich war völlig erstaunt darüber, wie schnell ich das kapierte”, erzählte Lennon später im „Playboy“. “Hank gab mir nur ein paar Anweisungen, und schon war er in seiner Koje verschwunden. Und ich allein mit der See! Die Welle brachen über das Deck, ich war trotz Ölzeug im Nu klatschnass, aber alles war so unglaublich, so irreal. Ich stand manchmal bis zu den Knien im Wasser und schrie dabei Shantys in den Wind, die mein Vater früher für uns gesungen hatte, und an die ich mich plötzlich wieder erinnerte. Ich fühlte mich wie ein Wikinger!“

Eins mit dem Kosmos

Der Rest ist Musikgeschichte. John Lennon kam bestens gelaunt auf den Bermudas an, hatte in Hank für den (kurzen) Rest seines Lebens einen neuen guten Freund gefunden, war „beseelt vom Segeln auf dem Meer“ und „eins mit dem Kosmos“.

Fred Seaman erwartete John Lennon sozusagen mit der Gitarre am Steg. Und in den darauf folgenden Wochen entstanden auf den Inseln die „Bermuda Tapes“. Es waren endlich wieder typische Lennon-Songs, die sein musikalisches Genie voll zum Ausdruck brachten. Sie bildeten die Basis für Lennons letztes Album „Double Fantasy“ .

Freunde, Mitarbeiter und nicht zuletzt Yoko Ono waren mehr als verblüfft, wie ein einziger Segeltörn, zudem unter miserabelsten Wetterbedingungen, einen Mann wie John Lennon wieder derart aufblühen ließ.

John Lennon, Bermudas, Double Fantasy

Logbuch: “there’s no place like nowhere” © hank

Dann passierte der Mord…

Lennon kam Ende Juli 1980 zurück nach New York, nahm in kürzester Zeit mit handverlesenen Studiomusikern das Album auf. Er veröffentlichte „Double Fantasy“ (benannt nach einer Blume, die nur auf den Bahamas wächst) Mitte November – zweieinhalb Wochen, bevor John Lennon ermordet wurde.

Hank Halsted erinnerte sich Jahrzehnte später in einem Interview mit dem Magazin „Rolling Stone“ an die Zeit mit Lennon. „Nein, damals wurde keine Rockgeschichte geschrieben. Es war etwas ganz anderes, viel Feinsinnigeres: Ich war Zeuge, wie längst verloren geglaubte, geniale Kreativität durchs Segeln wieder zum Leben erweckt wurde!“

John Lennon schrieb, immer noch berauscht vom Meer und dem Wind, nach dem Törn ins Logbuch der „Megan Jaye“: „There’s no place like nowhere“. Im gewissen Sinne sollte er Recht behalten…

 

Yoko Ono Lennon ließ 2013 und 2014 eine künstlerische App produzieren, die u.a. Lennons Abenteuer zur See in einem interaktiven Zeichentrickfilm wiedergeben. Der Erlös dieser App geht, ganz im Sinne John Lennons, vollständig an die Stiftungen „WhyHunger“ und „Imagine there’s no hunger“ .

 

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Michael Kunst

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4 Kommentare zu „Musik: John Lennons Segeltörn zu den Bermudas – Ende einer musikalischen Blockade“

  1. avatar Torsten sagt:

    Eine schöne Geschichte!

    Bei den Fotos interessiert mich natürlich noch, was für ein Bootstyp die “Megan Jay” ist. Die gezeigte Seitenansicht erinnert an eine Hinckley (mit den Dorade-Lüfterboxen vor dem Mast), auf dem Foto mit dem Steuerrad sieht es nach einem Langkieler aus, mit der Ruderwelle nach Achtern, und sehr “hölzern”.

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  2. avatar MNQ sagt:

    Danke für diese hübsche Geschichte, hatte ich noch überhaupt nicht von gehört! Kaum auszumalen, welche Segellyrik wir von JL hätten, wenn er nicht ermordet worden wäre.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 5 Daumen runter 0

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