Naturphänomene: Erfahrungen mit Freak-Waves – Hochseesegler berichten

Vor der Wand lauert der Abgrund

Kaventsmann, Monsterwelle

Mit dem Wind kommen die Wellen. Mit den Wellen… der Kaventsmann © borlenghi

Sie sind immer öfter in den Schlagzeilen als Gefahr für die Handelsschifffahrt, doch sind Monsterwellen und Kaventsmänner auch ein Risiko für Hochseesegler? 

Monsterwellen und Kaventsmänner faszinieren – sowieso alle, die sie knapp überlebt haben und solche, die sie sich nur mit Mühe zuhause im Trockenen vorstellen können. Seitdem sich die Menschheit mit ihren mehr oder weniger fragilen Schiffen auf die Hohe See wagt, berichten die Seefahrer immer wieder von extrem hohen Wellen, die Schiff und Besatzung in Gefahr brachten. Was jedoch über die Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg vor allem von den Landratten als Seemannsgarn abgetan wurde, ist mittlerweile längst wissenschaftlich bewiesen: 1995 wurden Kaventsmänner erstmals von Satelliten aus vermessen und mit stetiger Verbesserung der Satelliten-Optiken häufen sich die Sichtungen von Monsterwellen, Freak- oder Rogue-Waves und Kaventsmännern auf nahezu allen Ozeanen unseres Planeten.    

Vormals unerklärliche Katastrophen

Die „außergewöhnlich hohen, einzelnen marinen Wasserwellen“ wie sie wissenschaftlich trocken umschrieben werden, sind aufgrund ihrer Höhe und ihrer Geschwindigkeit mit enormen Aufprallkräften gewappnet, die durchaus kleinere wie größere Schiffe schlicht „verschlucken“. Größere Schiffe können aufgrund von Schäden am Rumpf oder Aufbauten manövrierunfähig werden – einige bis heute „unerklärliche“ Schiffskatastrophen, bei denen große Überseeschiffe spurlos verschwanden, führt man nun auf die unglückliche Begegnung mit Monsterwellen zurück. 

Kaventsmann, Monsterwelle

Raue See © Carlo Borlenghi

Auch moderne Hochseesegler erleben immer wieder Begegnungen mit Monsterwellen. So wurden Alex Thomson und Guillermo Altadill während der Transat Jacques Vabre 2015 nur 82 Meilen westlich der spanischen Küste von „einer enormen, mindestens doppelt so hohen Welle wie der restliche, sowieso schon beunruhigend hohe Seegang“ getroffen. Ihre 60-Fuß-IMOCA „Hugo Boss“ kenterte und verlor den Mast – alles innerhalb von wenigen Sekunden. 

Sebastien Josse und Jean Francois Cuzon segelten 2010 auf „BT“ etwa 210 Seemeilen nordwestlich der Azoren in einem Sturm mit 30 – 50 Knoten Windstärke, als eine „außergewöhnlich hohe und schnell heranrasende Welle“ die beiden anhob, drehte und dann das Kajütdach zerschmetterte. Das Schiff lief innerhalb kürzester Zeit voll, konnte aber noch in den nächsten Hafen gebracht werden. Technische Untersuchungen ergaben, dass die Wucht, mit der die Kajüte zerschmettert wurde, ungefähr den dreifachen Kräften entsprach, die man bis dato rein rechnerisch in Wellen vermutet hatte. 

Segler und die Kaventsmänner

Die britische Fachzeitschrift Yachting World hat kürzlich in einem Artikel einige Erfahrungsberichte von Begegnungen meist britischer Segler mit Kaventsmännern zusammengefasst. Einige Auszüge: 

Der legendäre Einhandsegler Robin Knox-Johnston erzählt, wie er 1968 auf seiner „Suhaili“ im Southern Ocean von einer Welle getroffen wurde, die seiner Einschätzung nach mindestens 80 Fuß hoch gewesen sein muss: „Ich sah dieses Monster heranrasen und wusste gleich, dass ich keine Zeit haben würde, um mich unter Deck zu verbarrikadieren. An Deck wäre ich weggespült worden, also sprang ich in den Mast, kletterte einige Meter nach oben und sah, wie das gesamte Boot von der Welle überspült wurde. Sekunden später tauchte mein Schiff mehr oder weniger unbeschadet, aber im Inneren vollständig geflutet, wieder auf.“ 

Kaventsmann, Monsterwelle

Robin Knox Johnston auf seiner Suaili © Bill Rowntree/PPL Photo Agency

Der Einhand-Abenteurer Roger Taylor, der immerhin bereits ein Buch über Freak-Waves vom Französischen ins Englische übersetzte, ist von dem Thema fasziniert, seitdem ihn 1974 erstmals eine Freak- oder Rogue-Wave umwarf. „Beim Trans Tasman Race wurde er auf seiner 19-Fuß (!) Sloop „Roc“ während eines schweren Sturms getroffen. „Das Boot wurde wie eine Nussschale zunächst angehoben, dann seitlich gedreht und rollte schließlich zu Seite. Ob wir uns nur um 180 Grad absenkten oder um 360 Grad durchdrehten, weiß ich nicht mehr. Ich war glücklicherweise angeleint und weiß nur noch, wie laut und chaotisch alles in dieser ungeheuerlichen Waschmaschine war.“ Dass sein Boot ohne Mastbruch oder sonstigen größeren Schäden davon kam, erstaunt den Einhandsegler wenig. Die „Roc“ sei eben robust gebaut gewesen… 

Kaventsmann, Monsterwelle

Die Roc überstand eine Monsterwelle © Taylor

Taylor berichtet von einer zweiten Freakwave-Begegnung einige Jahre später, diesmal auf einem ähnlich kurzen Boot, aber mit Dschunken-Rigg. Die „Mingming“ segelte unter Windpilot vor Grönland in schwerer See, als Taylor eine riesige Wellenwand auf sich und sein Boot zurasen sah. Der Segler machte später deutlich, dass wohl das Gefährlichste an diesen Freakwaves der vom üblichen Seegang abweichende Winkel sei.

Vor der Wand lauert der Abgrund

So werde der Steuermann respektive der Autopilot von der regelrecht quer laufenden Welle überrascht und das Boot würde leichter kentern. Die „Mingming“ schlug quer, kenterte, aber wurde wohl nicht um 360 Grad gedreht. Jedenfalls überlebten das Dschunkenrigg genauso wie der Segler nahezu unversehrt. 

Kaventsmann, Monsterwelle

Auch mit diesem Dschunken-Rigg-Böotchen überlebte Taylor eine Freakwave © Taylor

Katastrophal war dagegen die Begegnung der südafrikanischen 40-Fuß-Yacht „Vyndi“ mit einer Monsterwelle vor der südafrikanischen Küste. Die Ketsch mit Vier-Mann-Crew an Bord, darunter drei sehr erfahrene Hochseesegler, geriet in einen nicht vorhergesagten Sturm mit bis zu 75 Knoten Windstärke. Die Wellenberge türmten sich nachts zu 60-Fuß-Giganten auf, doch die Crew schien ihre Yacht vorerst noch gut zu beherrschen. Zwei blieben „oben“ und steuerten, zwei Segler versuchten sich so gut es ging unter Deck auszuruhen. 

Dann geschah etwa, das sich die Küstenwache, Meeresforscher und erfahrene Seeleute später so erklärten: Ein Kaventsmann von schätzungsweise 100 Fuß Höhe baute sich hinter der Yacht steil auf. Der Abstand zur vorherigen Welle muss sehr kurz gewesen sein. So sog die Monster-Welle regelrecht Wasser unter der Yacht weg, so dass diese wie in einen tiefen Abgrund fiel. Sekundenbruchteile später brach die riesige Welle über dem Schiff zusammen. Als die beiden Freiwache-Segler an Deck kamen, erkannten sie gerade noch den Kopf eines davon treibenden Kameraden, der andere Mitsegler war ebenfalls von Bord gespült worden und schon nicht mehr sichtbar.

Kaventsmann, Monsterwelle

Auszug aus dem Artikel einer südafrikanischen Lokalzeitung, in dem die verunglückten Segler von ihrer dramatischen Begegnung mit einem Kaventsmann berichten © Yachting World

Einer der beiden Masten war gebrochen, ein Großteil der Decksaufbauten zerstört. Die beiden über Bord gegangenen Seglern wurden, trotz Stunden später eingeleiteter Suche, nie wieder gefunden. 

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