Porträt: Thierry Schmitter – Kite-Foil-Pionier trotz Lähmung

Im Kitefoilstuhl

Extremsport kennt auch nach einem Lawinenunglück keine Grenzen: Der zweimalige Paralympics-Medaillengewinner auf dem 2.4mR foilt heute auf dem Kiteboard was das Zeug hält.

Großenbrode auf Fehmarn, Anfang September. Beim „1. German Handi Sit Kite Camp“, einem zehntägigen Kite-Workshop für Rolli- und Nichtrollifahrer, sind zur Überraschung der Organisatoren Rollifahrer aus aller Welt dabei. Das im wahrsten Sinne des Wortes „inklusive“ Camp, bei dem Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam lehren und lernen, wurde zu einem vollen Erfolg.

Alle Teilnehmer sprachen von einem völlig neuen Gefühl der Freiheit, als sie erstmals auf einem Sit-Kite auf dem Wasser glitten. Zunächst von einem Motorboot gezogen, später selbständig am Kite durch die Bucht von Großenbrode bretternd (siehe Video oben)

Mit dabei, sozusagen als Vorzeige-Extremsportler, Nik Lanquetin, Markus Pfister und Thierry Schmitter, allesamt behinderte Pioniere des Handi Sit Kitens und verblüffend versiert auf ihrem Extremsport-Gerät. Sie engagierten sich sozusagen als Vorzeige-Handi-Kiter, griffen tief in ihre Trickkiste, segelten verblüffende Perfomances und zeigten, dass „auch für uns alles, aber auch wirklich alles möglich sein kann!“ (Schmitter)

Kitesurfen, Foil, Sitkite, Thierry Schmitter

Extremsport im Sitzen – there’s no limit! © Sander van der Borch/Schmitter

Moment mal, Thierry Schmitter? Das war doch der Niederländer, der es Heiko Kröger auf dem 2,4mR mitunter ziemlich schwer gemacht hat. Er konnte immerhin schon zwei paralympische Bronzemedaillen sowie drei Weltmeistertitel gewinnen. Was macht so einer hier beim Kitesurfen?

Weiter, immer weiter

Schmitter hat dem Paralympics-Segeln Adieu gesagt und fehlte in Rio. „Weil ich weiter kommen wollte, weil ich die Nase voll hatte vom Paralympischen Zirkus und weil ich endlich auch foilen wollte,“ antwortet Thierry Schmitter (48) auf solche Fragen.

Tatsächlich hatte sich der Niederländer mit französischen Wurzeln nach seiner letzten Bronzemedaille mit deutlichen Worten aus der paralympischen Szene verabschiedet. „Erneut eine Medaille in der Hand zu halten, war natürlich eine große Freude, aber auch eine enorme Erleichterung. Ich habe abgeliefert, was man von mir erwartete. Aber ich habe den Druck seitens der Medien und des NOK als sehr belastend empfunden. Ich hatte den Eindruck, dass ich eigentlich nicht mehr für mich selbst segelte!“

Genau einen Tag nach dem dritten Rang bei den Paralympics in London kontaktierte Schmitter einige Franzosen, die bereits seit geraumer Zeit mit „Sit-Kite-Surfing“ experimentierten. „Wenn die das können, dann kann ich das auch!“ dachte sich Schmitter damals.

Seitdem avancierte der Hochleistungssegler zum Extremsportler. Der diplomierte Schiffbauingenieur konzipierte nach drei Jahren Entwicklung und Hunderten von Ausritten auf „nicht ganz so optimalen Boards“ ein eigenes Sitz-Kiteboard, das derzeit als Referenz auf dem Markt gilt.

Der Patentprüfer baut sein eigenes Board

Schmitter, der hauptberuflich als Patentprüfer arbeitet und auf dessen Schreibtisch alle Patente landen, die mit Kite- oder Windsurfen zu tun haben, sah bei der Board-Entwicklung die größte Herausforderung im Auftrieb. Kunststück: gelähmte Kiter sind auf dem Sitz-Board festgeschnallt. Wenn sie ein Manöver versauen, können sie nicht mal eben eine Runde ums Board schwimmen, sich neu positionieren um dann erneut zu starten. Es geht darum, nicht seitlich wegzukippen und jämmerlich zu ersaufen…

Im Prinzip war Thierry Schmitter, der in Frankreich geboren wurde aber als Kind mit seinen Eltern nach den Niederlanden umsiedelte, schon immer ein Extremsportler. Als Youngster lernte er Windsurfen und Katamaransegeln am Strand von Scheveningen, als 14-Jähriger nahm er erstmals bei der „Ronde om Texel“ teil.

Kitesurfen, Foil, Sitkite, Thierry Schmitter

Bitte Platz nehmen und anschnallen, before Take Off © schmitter

Später hatten es ihm vor allem die Bergsportarten angetan. Das ging immerhin so weit, dass er nach seinem Studium alles „hinwerfen“ wollte, um als Bergführer seine Passion zum (neuen) Beruf zu machen. Er kletterte auf so ziemlich alles, was die Alpen zu bieten hatten, war im Himalaya und Kaukasus unterwegs und Mitglied der Niederländischen K2-Expedition.

1998 wurde Schmitter beim Eisklettern von einer Lawine mitgerissen, fiel 60 Meter in die Tiefe und brach sich den Rücken. Was für viele in ähnlicher Situation der sprichwörtliche Anfang vom Ende gewesen wäre, war für Schmitter der Beginn neuer Abenteuer.

Kitesurfen, Foil, Sitkite, Thierry Schmitter

Handi-Extremsport © Schmitter

Foilt sich besser als im Stehen!

Dass sich so einer nicht mit dem normalen Kitesurfen, wenn auch im Sitzen, zufrieden geben würde, war vorauszusehen. Im Prinzip sei der Schritt zum Foilen eine eher leichte Übung gewesen, sagt Schmitter in Interviews mit bescheidenem Unterton. Er habe lediglich die optimale Position für seinen Sitz – der übrigens aus dem Skisport von Schmitter weiterentwickelt wurde – finden müssen.

Es sei eine Sache von ein paar Zentimetern und nur wenigen Versuchen hinterm Motorboot gewesen, bis er stabil über der Wasseroberfläche foilte. Hierbei erwies sich der feste Sitz sogar als Vorteil, da er sich nicht wie ein aufrechter Körper nach vorne oder hinten bewege. Die Balance hält Schmitter über ein Vor- und Zurückbeugen des Armes.

Was ihm – wie das zweite Video zeigt – hervorragend gelingt. Und vielleicht kommt Schmitter als Sit-Kite-Foil-Pionier ja eines Tages wieder zurück zu den Paralympics – auch wenn die alles, was Segel hat, schmählich aus ihrem Programm gestrichen haben. Merke: Sag niemals nie!

Website Schmitter (sehenswert, mit vielen zusätzlichen Info)

Website “Sail United”

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier
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