Rekordsegeln: Coville mit vier Tagen Vorsprung am Kap Hoorn vorbei – körperliche Probleme

Mit Opas Kompass um die Welt

Bisher hat Thomas Coville auf seinem Maxi Trimaran vieles richtig gemacht bei seiner Rekordfahrt. Und nach einem ereignisreichen Ritt durch den Southern Ocean konnte er bisher im Atlantik neue Kraft sammeln. Doch das nächste Tief muss erwischt werden.

Wenn Thomas Coville das Pflichtprogramm aller französischen Hochleistungssportler und Abenteurer absolviert und vor Schulklassen referiert, dann erzählt er gerne diese Geschichte:

„In der Grundschule war ich immer der Kleinste in der Klasse. Und zwar mit großem Abstand. Im Sport haben mich alle aufgezogen, weil ich bei meinen größeren Kumpels einfach nicht mithalten konnte. Damals wäre ich beinahe verzweifelt – bis mein Großvater mich eines Tages beiseite nahm und mir prophezeite, dass ich mal was Besseres als Sportler werde, nämlich Abenteurer. Noch besser: Entdecker! Dafür schenkte er mir einen Kompass, den ich fortan immer, aber wirklich immer bei mir getragen habe. Und der mich tatsächlich zum Entdecker und Abenteurer gemacht hat!“

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Hat wieder gut lachen – Thomas Coville fühlt sich zurück im Atlantik “außer Lebensgefahr” © coville/sodebo

Ziemlich sicher schaute Thomas Coville mit einer gewissen Rührung und Dankbarkeit auf genau diesen Kompass, als er vor vier Tagen bei einer Geschwindigkeit von 25 Knoten auf seinem Ultim-Trimaran „Sodebo“ das Kap Hoorn rundete. Bei der Rekordjagd gegen seinen virtuellen Gegner Francis Joyon, hatte Coville im Moment der Kap-Rundung einen durchaus komfortablen Vorsprung von vier Tagen und 59 Minuten.

Bloß keinen Stecker fahren!

„Es war ein unglaubliches Gefühl,“ beschrieb Coville diesen Moment am Telefon. „Obwohl natürlich im Atlantik noch Unmengen Gefahren und Widrigkeiten auf mich lauern, war ich mir doch sicher, endlich außer Lebensgefahr zu sein. Wenn man mit so einem Monster wie einem Ultim-Trimaran durch den Southern Ocean und den Pazifik brettert, lauern immer und überall Gefahren, wie es sie sonst nirgendwo gibt.

Die Wellen waren teilweise immens hoch – über 10 Meter – und ich musste permanent aufpassen dass ich bei den starken achterlichen Winden keine Stecker fahre. Das heißt: Konzentration 24 Stunden, Tag für Tag. Zudem die Eisberg- und Growler-Gefahr, auch wenn man im angeblich sicheren Bereich segelt, kann es doch immer die berühmten Ausnahmen geben, an denen dann alles zerschellt!“

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Doch auch der Atlantik kann bekanntlich ungemütlich werden © sodebo

Coville nennt das unter Seeleuten mythische Kap Hoorn das „Kap der Befreiung“, wie er in zahlreichen Interviews vor seinem Start zur Rekordjagd erklärte. „Wenn du auf einer Weltumseglung in der klassischen Richtung bist, dann ist dieses schwerste und letzte aller zu rundenden Kaps auch das Tor in den Atlantik, dem letzten Etappenabschnitt. Von dort aus segelst du wieder zurück in Richtung Heimat, weiter oben schließt sich der Kreis und du hast nur noch die paar Tausend Seemeilen zurück nach Frankreich.“

Wenn das auch allzu lässig klingen mag, ist sich Coville jedoch bewusst, dass der Ritt zurück über den Atlantik kein Spaziergang sein wird. Er behauptet zwar, der Atlantik sei seine Spielwiese, auf der er immer trainiere und hart arbeite – es ist aber auch das Meer, auf dem der Rekordjäger schon einige Niederlagen in Form von Kollisionen und Kenterungen erlebte.

Chaotische See

Nein, an Gefahren und Herausforderungen mangelt es bestimmt nicht im Atlantik. Mit gutem Grund, wie beispielsweise sein gestriges Video von Bord deutlich macht. Auf Höhe der Rio de la Plata-Mündung macht sich selbst Hunderte Seemeilen weiter östlich mitten auf dem Ozean noch der Einfluss des gigantischen Flusses mit Strömungen und chaotischen Wellensystemen bemerkbar. „Alles kommt kreuz und quer, es ist keine Richtung erkennbar – zum Glück sind die Wellen eher niedrig, so dass kaum Gefahr für den Rumpf besteht. Doch bei zunehmendem Wind könnte sich das alles schlagartig ändern!“ sagt Coville.

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Nur noch das bisschen Atlantik und zu Silvester dann daheim © sodebo

Wie nahezu alle französischen Hochseesegler hält Coville auch auf See engen Kontakt zu den Medien, vor allem zu solchen, die ihn schon seit Jahrzehnten begleiten. So gab er gestern der Tageszeitung „Ouest-France“ ein Telefoninterview, in dem er ausführlich von den Strapazen der letzten Wochen berichtete.

„Auch wenn ich das bisher noch nicht so geäußert habe, waren es die intensivsten und schwersten Wochen meines Lebens. Ich musste drei Mal eine Wetterfront an der richtigen Stelle erwischen und mit ihr weiterziehen. Das hört sich immer so einfach an, ist aber knallharte körperliche Arbeit, da so ein Ritt vor einem Wettersystem mit enorm vielen Segelwechseln verbunden ist. Das bringt dich schnell an den Rand der Erschöpfung. Und Erschöpfung birgt immer Fehler!“

Andere mental Vorbereitung

Doch er habe sich für diese Rekordjagd einhand um die Welt diesmal mental ganz anders vorbereitet als bei den vorherigen Versuchen. „Mein Ziel ist es nun, in möglichst allen Situationen ruhig zu bleiben. Früher war ich der Draufgängertyp, der einerseits sehr viel Motivation aus Herausforderungen zog, andrerseits aber auch viel Energie damit verschwendete.

2014 kollidiert Covilles "Sodebo" bei der Route du Rhum mit Frachter © courcoux

2014 kollidiert Covilles “Sodebo” bei der Route du Rhum mit Frachter © courcoux

Und aus der Traum vom Sieg: Zoom auf den Steuerbordschwimmer von Covilles "Sodebo"! © courcoux

Und aus der Traum vom Sieg: Zoom auf den Steuerbordschwimmer von Covilles “Sodebo”! © courcoux

Nun habe ich mir einen festen Tagesplan aufgestellt. Früher bin ich teilweise tagelang nicht aus den Klamotten rausgekommen, habe mich nicht gewaschen und kaum auf meinen Körper geachtet. Jetzt mache ich das völlig anders: ich zwinge mich zur täglichen Körperpflege, behandle kleine Wunden und Risse, bevor sie sich entzünden. So bin ich übrigens knapp einer Aufgabe wegen physischer Probleme entkommen – ich werde darüber jetzt noch nichts Genaueres sagen, nur so weit: Es war richtig knapp!“

Dass er „anders“ an diese Rekordfahrt herangegangen ist, zeigt sich auch im Anspruch an sich selbst. „Ich akzeptiere erstmals, dass ich Fehler mache. Natürlich nur kleine Fehler, aber ich toleriere das. Früher hat mich der kleinste Faux-pas mental aufgewühlt, zum Wahnsinn getrieben. Jetzt erlaube ich mir die kleinen Fehler, um im Großen und Ganzen auf der Höhe zu bleiben und ausgeglichen zu sein!“

Zuversichtlich bleiben

Vier Tage Vorsprung auf seinen Widersacher Joyon bezeichnet Coville nur als „so lala“ – zwei Tage mehr wären ihm lieber. Vor allem im Atlantik ändern sich erfahrungsgemäß die Wetterlagen immer nach etwa 48 Stunden. „Dann sind die Tiefs durch und du musst Dich nach einem anderen umsehen, das dich weiter nach vorne schiebt,“ sagte Coville gegenüber „Ouest-France“. So wollte Coville am Kap Hoorn eigentlich ein Tiefdruckgebiet erwischen, mit dem er bis heute seinen Vorsprung auf sechs Tage ausgebaut hätte.

Hätte… denn die Front zog weiter nördlich durch und Coville verbrachte einen Samstag mit sehr wenig Wind – den langsamsten der bisherigen Tour bei 5 Knoten Geschwindigkeit. „Wenn mir das in Äquatornähe passiert, werden die Flauten länger als 24 Stunden dauern. Dann muss man zwei bis drei Tag rechnen, bis mich das nächste Tief wieder anschiebt. Womit ich nur noch einen Tag Vorsprung hätte…“

Coville ist schon an Buenos Aires vorbei, während der virtuelle Gegner am Kap Hoorn segelt.

Coville ist schon an Buenos Aires vorbei, während der virtuelle Gegner am Kap Hoorn segelt.

Doch Coville bleibt weiterhin zuversichtlich, was vielleicht auch eine Folge seiner mentalen Vorbereitung ist. Noch nie sei er seinem großen Traum vom Einhand-Weltumseglungs-Rekord so nahe gewesen, sagt er. Will er schneller als der bisherige Rekordhalter die Umrundung schaffen, muss er vor dem 3. Januar 2017 vor Brest ankommen. Sollte er es mit dem jetzigen Vorsprung zu Silvester schaffen, dürften einige Extra-Böller und -Raketen für den großen Abenteurer und Entdecker gezündet werden.

So hat sich Coville auf die harten Belastungen vorbereitet 🙂 :

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Michael Kunst

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Ein Kommentar „Rekordsegeln: Coville mit vier Tagen Vorsprung am Kap Hoorn vorbei – körperliche Probleme“

  1. Schön geschrieben Miku

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 5 Daumen runter 0

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