Rekordsegeln: Yo Wiebel und Simon Koster üben in Scharbeutz für Foil-Nacra-Mittelmeer-Projekt

Auf Foils nach Karthago

Yo foilte als erster Segler gemeinsam mit Franck Cammas auf einem offenen Katamaran rund Kap Hoorn, Simon gilt als einer der talentiertesten Mini-Transat-Segler. Gemeinsam wollen sie auf einem Nacra 20 von Frankreich nach Tunesien „fliegen“.

Wirklich spannend und faszinierend ist Segelsport immer dann, wenn sich Enthusiasten zusammensetzen, über die Zukunft hirnen und das eine oder andere gemeinsame Projekt beschließen. So entstehen die wildesten Törnplanungen in entlegene Meeresecken, so werden Techniken weiter entwickelt, die zuvor noch in Kinderschuhen steckten, so wird scheinbar Unmögliches dann doch realisiert und von allen Beteiligten Großes geleistet.

Der Züricher Segelprofi Simon Koster (27) und der gebürtige Münchner, mittlerweile aber „eingeschwytzte“ Züricher Architekt Yo Wiebel (36) zählen jedenfalls beide zu der Kategorie Segler, die sich einerseits als echte „Macher“ bezeichnen dürfen, dabei aber immer auch eine „Vision“ verfolgen. Treffen solche Typen aufeinander und sind sich auch noch sympathisch, kann man fast schon Wetten darauf abschließen, dass daraus spannende Projekte entstehen. Wie etwa das Langstreckenprojekt Marseille-Karthago.

Marseille-Karthago, Simon Koster, Yo Wiebel

Auf Wings, statt im Trapez: Die beiden angehenden Offshore-Foiler vor Scharbeutz © orsini

Potential ist vorhanden

Simon Koster profilierte sich in den letzten Jahren vor allem als Mini-6.50-Profi. In der rasanten Einhand Hochsee-Klasse schaffte er bei seiner ersten Mini-Transat 2013 einen höchst respektablen dritten Rang in der konkurrenzstarken Serien-Wertung. Letztes Jahr ging er mit einem völlig neu konzipierten, ungleich teureren Mini-Protoypen in der Proto-Wertung an den Transat-Start.

Nach schwierigen Bauphasen, die seine Trainingszeit auf dem kompliziert zu segelnden Renner deutlich verkürzten, wurden Simon und sein vielfach bestauntes, an einen Frosch erinnerndes Plattbug-Design siebte in der Protowertung. Was Simons Spaß an großen Herausforderungen aber keinen Abbruch tat.

Marseille-Karthago, Simon Koster, Yo Wiebel

Zwei Typen, ein Traum © orsini

Yo Wiebel wurde im vergangenen Jahr einem größeren Publikum bekannt, als er nach einer anspruchsvollen Qualifikation von Franck Cammas und weiteren Juroren als Mitsegler für die Foil-Premiere rund Kap Hoorn ausgewählt wurde. Yo hatte bei SR von dem Wettbewerb des Brillen-Hersteller Julbo erfahren, der jedes Jahr ein spektakuläres Abenteuer-Projekunterstützt und damit einem Segler einen Traum erfüllt.

Schneller mit Foils?

Auf dem selben Boot, einem Nacra 20 mit Foils, wollen Koster und Wiebel nun im nächsten Jahr eine spektakuläre Rekordfahrt über das Mittelmeer unternehmen. Auf der mittlerweile schon klassischen Rekordstrecke zwischen Marseille/Frankreich und Karthago/Tunesien wollen die beiden als erste Segler in einem foilenden, offenen Strandkatamaran den bestehenden Rekord von Yvan Bourgnon unterbieten.

Der berühmte Segelabenteurer – u.a. die erste Einhand-Weltumseglung auf einem offenen Katamaran – hatte die theoretisch 458 Seemeilen lange Strecke im Jahr 2010 auf einem Hobie Fox Katamaran gemeinsam mit Jeremie Lagarrigue in 2:04:53 Tagen bewältigt.

Marseille-Karthago, Simon Koster, Yo Wiebel

© foil langfahrt projekt

Wiebel, der auch Teamleiter des Liga-Teams vom Zürcher Segel Club ist, und Koster möchten den Rekord zeitgemäß auf L-Foils knacken. Was sich nach all’ den Meldungen der letzten Jahre zu Rekordfahrten allerorten auf Foils zumindest theoretisch schlüssig und folgerichtig liest, ist in der Realität ein ziemlich gewagtes Unternehmen. Denn offene Foil-Katamarane haben sich mittlerweile zwar längst als Kurzstreckenrenner bewährt, sind aber auf langen Routen bis dato noch nicht eingesetzt worden.

Auch auf langen Strecken optimal?

Dass der „Flug“ über kleinere Wellen die filigranen Renner rasend schnell macht, hat sich ja durchaus rumgesprochen. Wie anfällig und nur schwer beherrschbar die Foil-Nacra allerdings in rauer See und bei schwerem Wetter reagieren, ist auf Strecken, die Hunderte Seemeilen lang sind, noch nicht getestet worden.

Genau hier sehen die beiden Foil-Segler auch ihre größte Herausforderung. Sie schreiben auf ihrer Website:

„Wir hoffen, so viel wie möglich direkt über dem Wasser zu fliegen, um maximales Tempo rauszuholen. Das wird nicht immer einfach, denn beim Foilen müssen wir viel konzentrierter steuern. Mit wenig Schlaf wird das auf Dauer ziemlich anspruchsvoll. Dazu kommt, dass der Nacra 20 FCS für Kurzstrecken auf geschütztem Gewässer konzipiert wurde, nicht fürs offene Meer mit hohen Wellen und viel Wind. Aber wir sind entschlossen und planen unser Ziel minutiös!“

Marseille-Karthago, Simon Koster, Yo Wiebel

Frühjahrstraining vor Schweizer Kulisse © Koster/wiebel

Derzeit trainieren die beiden Züricher nach ersten Ausfahrten „vor der Haustüre“ auf dem Züricher See auf der Ostsee vor Scharbeutz, wo auch das obige Video gedreht wurde. Einige technische Modifikationen haben sie dort an ihrem Nacra 20 bereits durchgeführt, darunter die Anbringung von Wings als Ersatz für die Trapeze.

Sie kommentieren: „Da es unser Ziel ist ca. 48h am Stück zu segeln, sind wir der Meinung, dass wir sitzend mit mehr Konzentration durchhalten als im Trapez stehend. Daher haben wir nun Wings konstruiert. Aktuell noch im Prototypen-Test-Status, wir werden jetzt den richtigen Winkel und die genauen Abstände alle austesten, bevor die finale Version dann entsteht.“

Franzosen scheiterten

Die beiden sind also mit viel Innovationsgeist zugange und sehen ihrem großen Abenteuer im nächsten Jahr mit Zuversicht und Enthusiasmus entgegen.

Dass sie beides auch wirklich brauchen werden, haben ihnen letzte Woche die beiden französischen Segler Bertrand Vialle und Anthony Streinberg deutlich gezeigt. Die beiden machten sich nach monatelanger Vorbereitung auf einem herkömmlichen Nacra 20-Katamaran, also ohne Foils, auf den Weg, um den berühmt-berüchtigten Marseille-Karthago-Rekord zu brechen.

Sie kamen zwar ins Ziel, lagen aber Stunden hinter der sechs Jahre alten Rekordmarke zurück. Schwachwindphasen und erneut einige technische Probleme an Bord hatten das Team, nach anfänglichem, virtuellem Vorsprung deutlich zurückfallen lassen.

Vergebliche Anläufe

Zuvor hatten sich schon die Franzosen Dominique Tamalat und Jean Louis Jeannen in drei Versuchen die Zähne an dem Rekord ausgebissen. Ihre Nerven wurden in Flautenlöchern und nächtlichen Gewittern strapaziert, das Schlafmanagement schlug völlig fehl. Als einer der beiden am Ruder einschlief, fuhr er einen sauberen Stecker samt Überschlag. Aufgrund des teils heftigen Seeganges gab es viele Schäden an Bord, die notdürftig repariert werden mussten. Schließlich brach auf ihrer Nacra 20 der Karbonmast – ein etwas unrühmliches Ende der Rekordfahrt.

Marseille-Karthago, Simon Koster, Yo Wiebel

Da geht’s lang © Koster/Wiebel

 

Der etwas ernüchtert wirkende Kommentar der Gescheiterten: „Jetzt wissen wir auch, warum Rekordhalter Yvan Bourgnon als einer der besten Segler Frankreich gilt!“

Bleibt für die beiden Foil-Segler Koster und Wiebel nur zu hoffen, dass sie nächstes Jahr ein besseres Wetterfenster erwischen, mit stabilerem Material unterwegs sein werden und ihre L-Foils genau das leisten werden, was von ihnen erwartet wird: Mehr Speed und ruhige „Flüge“ – über den Wellen muss die Freiheit wohl grenzenlos sein!

Marseille-Karthago, Simon Koster, Yo Wiebel

Die beiden Franzosen scheiterten an zu leichten Winden © defi carthage

 

Website Langstrecken Katamaran Projekt

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Französisches Defi-Carthage-Projekt

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Michael Kunst

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Ein Kommentar „Rekordsegeln: Yo Wiebel und Simon Koster üben in Scharbeutz für Foil-Nacra-Mittelmeer-Projekt“

  1. avatar Stefano Trentini sagt:

    Wen jemand aus Zürich stammt oder in Zürich wohnt ist er Zürcher, nicht Züricher. Ich hoffe ihr verzeiht einem Zürcher Segler diese Besserwisserei.

    Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 1

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