Seenot: Eltern des kranken Kindes werden heftig kritisiert

Nach der Rettung, vor dem Sturm

Abbergen auf hoher See © US Navy

Abbergen auf hoher See © US Navy

Die Besatzung der „Rebel Heart“ ist an Bord eines Kriegsschiffes auf dem Rückweg nach San Diego. An Land erwarten sie entrüstete Artikel in der Tagespresse, Beschimpfungen im Internet, mediales Unverständnis.

„Das könnte das Dämlichste sein, was wir je gemacht haben!“ Ein Satz, den Mutter Charlotte Kaufman auf ihrem Blog schrieb – nein, nicht zu dem Zeitpunkt, als ihre jüngste Tochter Lyra (1) fieberte oder als sie sich gemeinsam mit ihrem Mann Eric dazu entschied, mitten auf See um Hilfe zu bitten… sondern zwei Wochen zuvor. Hatte sie also so etwas wie eine Vorahnung?

Damals dümpelten die Kaufmans noch vor der mexikanischen Küste und waren auf dem „Sprung“ zum Trip ihres Lebens quer über den Pazifik. Minutiös und detailliert beschrieb Charlotte nahezu täglich ihr Leben an Bord der 36-Fuß-Yacht „Rebel Heart“, auf der sie und Eric immerhin schon seit sieben Jahren leb(t)en; mehrere davon in und vor Mexiko, wo auch ihre beiden Töchter Cora (3) und Lyra(1) zur Welt kamen.

Geheilt?

Zwei Wochen nach dem Blog-Eintrag, etwa 900 Seemeilen westlich von Mexiko, funkten die Kaufmans SOS. Ihre jüngste Tochter war krank geworden, litt unter sehr hohem Fieber. Wochen vor dem Start zu ihrer Pazifik-Querung war die kleine Lyra offenbar an Salmonellen erkrankt aber von Ärzten schließlich als „geheilt“ auf See entlassen worden.

Als sich nach dem Notruf Mediziner der Küstenwache mit Charlotte und Eric über den Gesundheitszustand ihrer Tochter unterhielten und diese Info hörten, schlugen sie Alarm. Das Kind müsse innerhalb von zwei Tagen ärztlich behandelt werden – ein Abbergen des kranken Kindes sei unabdingbar.

Happy Family oder unverantwortliche Eltern mit bedauernswerten Kindern? © kaufman

Happy Family oder unverantwortliche Eltern mit bedauernswerten Kindern? © kaufman

Was folgte, war eine der größeren Rettungsaktionen im Pazifik. Dirigiert von der „California Air National Guard“, unter tatkräftigem Einsatz der „United States Navy“ und der US-Küstenwache wurde die Familie von der „Rebel Heart“ abgeborgen und das Schiff  – hier gibt es unterschiedliche Statements – versenkt bzw. dem Meer überlassen.

Ihre Retter an Bord des Kriegsschiffes, das sie derzeit Richtung Kalifornien schippert (Ankunft wird heute erwartet), kümmerten sich sogleich medizinisch um die kleine Lyra, deren Zustand mittlerweile als stabil und nicht mehr bedrohlich bezeichnet wird.

Doch kaum wurde die Rettungsaktion rund um die Kaufman-Familie bekannt, begann in vielen US-Medien eine zum Teil aggressiv geführte Diskussion rund um die Sorgepflicht der Eltern gegenüber ihrer Kinder.

Fall für das Jugendamt

Losgetreten wurde alles ausgerechnet von Lesern des „Rebel-Heart-Blogs“, die sogleich forderten, die Kinder müssen vor diesen Eltern gerettet und in staatliche Obhut übernommen werden. Auslöser für diese Reaktionen waren Blog-Einträge von Mutter Charlotte, die detailliert beschrieb, wie die „Kinder durch die Kajüte rollten, weil das Boot (offenbar mit einem Steuerungsproblem) in den Wellen unkontrolliert rollte.“

Gemixt mit Äußerungen wie „das Dümmste, das wir…“ und vielen weiteren schonungslos und ehrlich beschriebenen, aber typischen Hochsee-Erfahrungen, ergab dies vor allem für Menschen, die sich noch nie länger als ein paar Stunden auf einem Segelschiff aufgehalten haben, einen typischen Fall fürs Jugendamt.

„Unverantwortlich, herzlos, egoistisch, die Grenze sei überschritten, die armen Kinder, das Baby wird ein Leben lang psychische Schäden behalten und und und… solche und weitaus emotionalere Statements sind seit zwei Tagen allgegenwärtig in vielen kalifornischen Tageszeitungen, in Internet-Nachrichten-Blogs und sogar bei der NY Times!

Mut und Freiheitsdrang

Mittlerweile melden sich allerdings auch andere Familien, die mit kleinen Kindern ähnliche Strecken gesegelt sind und dabei nur gute Erfahrungen gemacht haben. Sie verteidigen die Kaufmans („gut, dass Ihr euren Traum gemeinsam mit den Kindern lebt!“) und gratulieren ihnen zu ihrem Mut und Freiheitsdrang.

Und als wüsste, sie , was sie erwarten wird, postet Mutter Charlotte noch auf hoher See, vom Rettungsschiff: „Bedenkt bitte, dass wir uns darüber im Klaren waren, auf was wir uns da einlassen, schließlich segeln und leben wir seit über sieben Jahren auf der „Rebel Heart“.

Doch die hitzig geführt Diskussion an Land geht weiter. In einigen, im Tonfall eher puritanisch anmutenden Artikeln und Berichten, bedienen sich die Journalisten gnadenlos, mit völlig aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten aus Charlottes und Erics Blog-Einträgen.

Gerettet, aber auch glücklich? © US Navy

Gerettet, aber auch glücklich? © US Navy

Schonungslos?

Beide legten ihr Leben der letzten Jahre auf den Blogs der „Rebel Heart“ schonungslos offen. Sie beschreiben, berichten, erzählen und… schwätzen. Wie etwa Eric, der sich erfreut darüber äußert, dass sie es auf hoher See endlich mal geschafft haben, wieder Sex zu haben, nachdem die Kinder dann doch eingeschlafen sind. Oder Charlotte, die emotional bewegend, aber doch irgendwie schonungslos über den sexuellen Missbrauch berichtet, den ihr Vater ihrer Schwester antat.

Es sei doch jetzt ein bisschen wie „die Geister, die ich rief!“ schreibt ein Leser einer kalifornischen Tageszeitung auf deren Website. „Sowas nennt man die Kehrseite der Medaille: wer sich allen und jedem offenbart, muss auch damit rechnen, dass sich die Menschen mit diesen Informationen gegen einen wenden!“

Ganz egal, ob und wie die Kaufmans auf solche Äußerungen reagieren werden – ihre Ankunft in Kalifornien wird, trotz ihrer Rettung und der Gesundung ihrer Tochter, keine glückliche sein. Sie haben ihr Zuhause verloren und müssen vielleicht sogar um ihre Kinder kämpfen. Und das, weil sie ihren Traum vom Segeln verwirklichen wollten.

Blog “Rebel Heart”

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Michael Kunst

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2 Kommentare zu „Seenot: Eltern des kranken Kindes werden heftig kritisiert“

  1. avatar Alex sagt:

    Stellt sich die Frage, sind es die Medien, die sich immer öfter Opfer suchen, um diese regelrecht zu zerlegen oder sind es wir, die nach solcher Berichterstattung verlangen, um schonungslos über Andere zu richten und um möglicherweise auch von unserer eigenen Unzulänglichkeit abzulenken?

    Ob die einschätzen konnten, auf was sie da einließen, das kann ich nicht beurteilen.
    7 Jahre auf einem Boot zu leben, heißt noch lange nicht, sich sicher auf Hochsee zu bewegen.

    Ob sie verantwortungslos waren? Offensichtlich nicht. Sie haben Ihr Heim zum Wohle ihrer Kinder aufgegeben, das macht sicher keine Verantwortungsloser.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 26 Daumen runter 0

  2. avatar Kluchschieter sagt:

    Ich kenne ein paar Menschen die quasi auf einem Boot aufgewachsen sind, oder zumindest bis zur Einschulung auf einem Boot lebten da deren Eltern genau den oben beschriebenen Traum ausgelebt haben. Diese Leute empfinde ich durch die Bank weg als sozial sehr kompetente und offene Menschen.

    Dass ausgerechnet die Leute am lautesten brüllen die am wenigsten Ahnung von der Materie habe ist auch typisch und (leider) fast normal.

    Und dass die Journaille gerne mal Zitate verdreht und aus dem Kontext reisst ist leider auch normal. Weniger Fachpresse, aber ‘normale’ leider schon. Schon allen wenn ich höre das irgendjemand etwas ‘nicht ausschliessen’ kann oder will. Das wird immer wieder so dargestellt als hätte die Person gemeint es ‘sei so’ anstelle dass man nur nicht garantieren kann dass es nicht so ist.

    Fairerweise muss man aber dazusagen dass der Blog (jetzt wo ich ein wenig gestöbert habe) vielleicht tatsächlich etwas zu schonungslos ist.

    Aber mal ehrlich: Ist es verantwortungslos etwas zu tun wozu die Ärzte grünes Licht geben?

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 19 Daumen runter 0

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