Ruhestand: Segellegende (94) beendet Regattakarriere – Bestseller-Autor und Soling-Champ

Die Pinne abgegeben

Eine Augenkrankheit zwingt den Amerikaner Dr. Stuart Walker, die Segel zu streichen. Nach achtzig Jahren Regattasegeln und zehn Büchern.

Es wird heutzutage ja immer leichtfertiger mit dem Begriff „lebende Legende“ umgegangen. Da ist es umso erfreulicher, wenn man über einen Mann schreiben darf, der diesen Status tatsächlich voll und ganz erfüllt: Dr. Stuart Walker, 94 Jahre jung, Olympiateilnehmer, Mitglied der „Sailing Hall of Fame“, 14-Fuß-Dinghy-Fanatiker und Soling-Champion.

Stuart Walker, 94 Jahre, Ruhestand

In jungen Jahren segelte Stuart Walker (stehend) auf dem 14-Fuß-Dinghy. © earwigo

Kennt Ihr nicht? Doch, doch, ganz bestimmt: Der Mann hat in den Sechziger- und Siebziger-Jahren wegweisende Bücher über Taktik, Strategie, Trimm und Segelstellung geschrieben. Wie etwa „Tactics of Small Boat Racing“ oder „Advanced Racing Tactics“ bis hin zu „Sailor’s Wind“, das Ende des letzten Jahrtausends erschien. Die Deutsche Übersetzung seines ersten Buches „Taktisch richtig segeln“ war eines der erfolgreichsten Regattabücher in deutscher Sprache und lag auf dem Nachtisch oder auf der Sofalehne eines jeden Regattaseglers. Oder solche, die es damals noch werden wollten.

Der Kinderarzt begann als Jugendlicher mit dem Segeln und hielt tatsächlich acht Dekaden lang dem Regattasport die Treue. In diesem unglaublich langen Zeitraum segelte Dr. Stuart Walker u.a. 5.5 (inkl. Teilnahme als Vorschoter bei den Olympischen Spielen 1968), er liebte das 14-Foot-Dinghi, mit dem er in den Sechzigern so ziemlich alles gewann, was in dieser Klasse möglich ist. Unterm Strich war Walker auf dem Star, Penguin, International 14, 5.5 Meterklasse, Soling, Yngling, International One Design, Etchells und auf dem Log Canoe unterwegs.

“War nie ein Überflieger”

Seit den Siebziger-Jahren bis heute mischte Walker die Soling-Klasse auf. „Ich war nicht gerade der Überflieger, aber immer für eine Überraschung gut,“ erklärte der betagte Regattacrack vor vier Jahren zu seinem 90igsten Geburtstag. „Irgendwo habe ich fast immer ein Schlupfloch gefunden, um mich wieder vorne einzureihen!“

Stuart Walker, 94 Jahre, Ruhestand

Nach einem “Blindflug” durch das Soling-Starterfeld empfand sich der 94-Jährige als “Gefahr für seine Mitsegler” © capitalgazette

Seine Begeisterung für den Soling brachte ihn Anfang der Neunziger-Jahre als Präsident an die Spitze der internationalen Klassenvereinigung. In diesem Zeitraum setzte er sich erfolgreich für einen Erhalt der Klasse bei den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta und für das gesegelte Flotten/Match-Race-Format ein.

In einem Alter, in dem die meisten anderen Segler längst das Ruder aus der Hand geben, lief Walker nochmals zur Höchstform auf. Der US-Amerikaner, der viele Jahre in Australien lebte, ging besonders gerne bei europäischen Soling-Regatten an den Start und verbrachte mitunter Monate „bei uns“, um von Regatta zu Regatta zu tingeln. In der Schweiz, Österreich, Niederlande, Ungarn und Schottland gewann er teils mehrfach die Nationalen Meisterschaften. Bei der Soling Europameisterschaft 2011 auf dem österreichischen Attersee mischte er noch als 88-jähriger ganz vorne mit (SR berichtete).

Fast blind durch das Starterfeld

„Doch jetzt ist es Zeit, die Pinne abzugeben,“ schrieb Walker kürzlich auf der Website der International Soling Class. Die Augenkrankheit Makula-Degeneration zwang ihn zu diesem Schritt, nachdem er während einer Clubregatta einen heftigen Schub erleiden musste und nahezu blind auf seinem Soling durch das Starterfeld rauschte.

„Es regnete und es war ziemlich dunstig. Als ich dann aber das Startschiff erst sah, als es sich riesig vor mir aufbaute und ich es beinahe gerammt hätte, war ich dann doch richtig geschockt. Ich konnte auch nicht mehr beurteilen, ob die Konkurrenten um mich herum auf mich zufuhren oder von mir weg segelten.“ Eine eher schlechte Ausgangssituation für einen Pin-End-Start, den Stuart eigentlich segeln wollte.

Stuart Walker, 94 Jahre, Ruhestand

Die “Old Glory”, Stuarts Soling, wie sie von vielen Konkurrenten immer wieder gesehen wurde… von hinten! © International Soling Assoc.

Später, im Verlauf der Regatta erschrak Stuart öfters, weil Konkurrenten plötzlich neben ihm segelten, die er zuvor nicht näher kommen sah. „Als wir dann auch noch richtig Probleme mit dem Spinnaker hatten, wurde mir klar, dass ich bei sowas nicht mehr mitmachen sollte. Ich war eine Gefahr für die anderen Segler!“

Stuart wollte immer mit einer „guten Regatta“ auf dem Konto aufhören, wie er mehrmals beteuerte. Und das war die Soling-EM 2016 am Traunsee, wo er immerhin im ersten Lauf das Regattafeld anführte. Clubregatten wie das beschriebene Desaster zählen dabei nicht.

„Ich werde also keine Soling-Regatten mehr bestreiten,“ schreibt der 94-Jährige weiter. „Außer natürlich den Ice-Bowl – bei dem mache ich auch mit, wenn ich bis dahin blind sein sollte!“

„Best wishes für alle, die ohne mich weitermachen“, schreibt er lapidar abschließend, und „vielen Dank für 47 Jahre Spaß auf dem Soling!“ Kann ein Rückzug aus dem Regattasport würdevoller sein?

Stuart Walker liegt bei der Soling EM mit seiner österreichischen Crew nach drei Rennen in Führung. © Gert Schmidleitner

Stuart Walker liegt bei der Soling EM mit seiner österreichischen Crew nach drei Rennen in Führung. © Gert Schmidleitner

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Michael Kunst

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3 Kommentare zu „Ruhestand: Segellegende (94) beendet Regattakarriere – Bestseller-Autor und Soling-Champ“

  1. avatar Der Daniel sagt:

    Die Soling EM am Traunsee hat erst jüngst vor einigen Wochen in 2016 stattgefunden! Da hat sich wohl der Fehlerteufel eingeschlichen…;-) !

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  2. avatar Marina sagt:

    Eine super-schöne Geschichte! Alles Gute und toi-toi-toi Stuart…

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