Seekrankheit: Studie bei Atlantic Rallye for Cruisers – Die Sache mit dem Würfelhusten

Es kann jeden treffen, basta!

Während der Atlantic Rallye for Cruisers (ARC) wurden mit einer relativ hohen Teilnehmer-Fallzahl unter gleichwertigen Bedingungen die Auswirkungen der Seekrankheit ausgewertet.

Zum Kotzen. © around world

Zum Kotzen. © around world

 

Wie schon mehrfach in der Vergangenheit bei großen Übersee-Events (SR berichtete), erstellte das britische Magazin „Yachting World“ auch 2015 eine Studie über die Häufigkeit von Seekrankheit, deren Auswirkungen und entsprechende therapeutische Maßnahmen. Diesmal dienten Teilnehmer der ARC Challenge als Probanden:

Direkt nach der Ankunft in St.Lucia wurden die Atlantiküberquerer gebeten, statistische Fragebögen zur Seekrankheit, vulgo Würfelhusten alias Geißel der Seefahrt auszufüllen. Dabei waren die Voraussetzungen für dieses Thema bestens, da die Teilnehmer der beliebten Flotten-Überfahrt insbesondere die ersten Tage nach dem Start bei anspruchsvollen Windbedingungen zwischen 25 und 40 Knoten durch teils ruppige See mussten. Oder anders formuliert: Vorbeugen war angesagt – weit über die Reling.

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Bitte nicht!

Seefahrers Geißel

Hand aufs Herz: Nahezu alle SR-Leser dürften irgendwann einmal mit Seekrankheit konfrontiert worden sein. Jeder kennt den Moment, wenn nach einer mehr oder weniger langen, aber meist ruppigen Schaukelei das Gleichgewichtssystem „aufgibt“ , der Körper rebelliert und entsprechend reagiert.

Was wiederum auf unterschiedliche Weise seinen Ausdruck findet: Manche Seekranke sind von einem Moment auf den anderen völlig erschöpft, hauen sich irgendwo horizontal aufs Ohr und verpennen ihre Seekrankheit (die Glücklichen!). Andere werden von heftigen Angstattacken befallen.

Immer präsent sind dabei die Geschichten von den Seekranken, die am Mast festgebunden werden mussten, weil sie sonst suizidal in die Fluten gehüpft wären. Lieber sterben, als so weiter zu leben.

Die meisten befällt jedoch ein mehr oder weniger stark ausgeprägtes Schwindelgefühl, das relativ rasch auch die Kontrolle über den Magen- und Darminhalt übernimmt. Die dann meist folgende, innige Umarmung der Pütz oder das weite Vorbeugen über die Reling muss hier nicht mehr näher beschrieben werden, weil längst geschehen.

Dass nun 456 Segler, die grosso modo unter den gleichen Wetterbedingungen, allerdings auf sehr unterschiedlichen Yachttypen unterwegs waren (Rumpfformen sind ebenfalls ein wichtiger Seekrankheitsaspekt) an der Studie teilnahmen, macht sie aufgrund einer sehr hohen Fallzahl besonders interessant.

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Da wird die Pütz schnell zur Bordschlampe, an die alle ran wollen! © draja

Nur ein Viertel wurde seekrank

Stellen wir eine allgemeine Zahl vorneweg: Mehr als 90% aller Seefahrer (Handelsschiffahrt, Marine und Yachting) haben bereits mindestens ein Mal Seekrankheit erdulden müssen.

Umso erstaunlicher, dass trotz der zu Beginn widrigen Segelkonditionen nur 119 Personen (26%) der ARC/Yachting World-Studie angaben, sie seien seekrank geworden. Unter diesen „Betroffenen“ waren 67 Personen (57%), die sich (leider erfolglos) mit präventiven Maßnahmen auf die Situation vorbereitet hatten. Die verbleibenden 43% unter den Würfelhustern hatten keine Vorsorgemaßnahmen getroffen.

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Sorry, muss mal eben schnell… © miku

Ein immer wieder unter Betroffenen diskutiertes Thema ist die Dauer der auftretenden Seekrankheit. Da gibt es die Mär „Wer einmal seekrank, der wird’s nie wieder“ (was sich erwiesenermaßen als totaler Quatsch herausstellte), weiterhin die berühmte Kotzregel „einmal die Fische gefüttert und gut is’“ (stimmt tatsächlich in Einzelfällen) und schließlich die häufig bestätigte Zeitangabe „spätestens nach 48 Stunden ist alles vorbei.“

Bei der ARC-Teilnehmerbefragung gaben 58% aller Seekranken an, dass sie nach einen oder spätestens zwei Tagen keine Beschwerden mehr hatten. 27% erlebten die Seekrankheits-Symptome drei bis vier Tage lang, 7% sogar länger als eine Woche.

Was tun?

Womit wir bei der Bekämpfung der Geißel der Seefahrt angelangt wären. SR berichtete bereits mehrfach über traditionelle und moderne Präventionsmethoden. Weltweit hat sich seit Jahrzehnten ein Trend festgesetzt, bei dem sich Seekrankheitsanfällige zu einem sehr großen Teil auf chemisch hergestellte, pharmazeutische Seekrankheitsmittel verlassen. Mit wissenschaftlich nachgewiesenen, relativ hohen Erfolgsquoten.

Unter ARC-Teilnehmern glaubten insgesamt 162 Personen an ihre ganz spezielle, präventive Maßnahme gegen Seekrankheit und nahmen sie entsprechend ein. Immerhin 78% bewerteten ihre Methode als wirksam oder zumindest hilfreich zur schnellstmöglichen Linderung der Seekrankheits-Symptome.

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War schon immer ein Thema zur See © maritime museum London

Medikamente

Vorbeugende ARC-Teilnehmer nahmen hauptsächlich Medikamente mit den Wirkstoffen Scopolamin (wirkt bei niedriger Dosierung leicht beruhigend und hemmend auf das Brechzentrum im Gehirn) sowie Antihistaminika (nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen sind hauptsächlich körpereigene Histamine verantwortlich für ein Auftreten der Seekrankheit). Die meisten vorbeugenden ARC-Teilnehmer verließen sich auf die Wirkstoffe Cinnarizine und auf Hyoscine-Pflaster. Hierbei wurde auch von teils starken Nebenwirkungen berichtet.

Naturprodukte

Interessanterweise sind natürliche Seekrankheits-Medikamente bzw. –„Vorbeuger“ in der modernen Wissenschaft derzeit zwar häufig in der Diskussion und werden entsprechend erforscht, bei den ARC-Seglern scheint das Thema aber nicht auf großes Vertrauen zu stoßen.

Nur eine schwindend geringe Anzahl Seekrankheits-Anfälliger hat sich mit dem Histamin-Killer Vitamin C beschäftigt bzw. entsprechende Dosen eingenommen noch das „andere“ alte Seekrankheitsmittel Ingwer genutzt. Obwohl (oder weil?) gerade Vitamin C in der Yachtie-Szene immer wieder propagiert und entsprechend heiß diskutiert wurde.

Kontrollierte Atmung wurde dagegen als Mittel gegen die allzu stark auftretende Symptome empfohlen , ebenso konzentriertes Rudergehen und meditativer Blick zum Horizont.

Fazit: Diese in statistischer und somit wissenschaftlicher Hinsicht durchaus wichtige Studie bringt kaum neue Erkenntnisse über eine etwaige Bekämpfung der Seekrankheit zutage. Was in erster Linie daran liegt, dass sich die meisten Probanden nur auf herkömmliche, bereits öfter getestete Mittel vertrauen. Und dabei ganz offensichtlich alle (negativen) Nebenwirkungen dieser Mittel in Kauf nehmen – Hauptsache kein „Würfelhusten“.

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Manch andere, vermeintlich effiziente Methode wie diese Brille mit künstlichem Horizont, wurde bei der ARC (wohlweislich) nicht getestet © boarding ring

Spannender wäre es, wenn die Teilnehmer der ARC bereits im Vorfeld kontaktiert werden könnten, um sie – neben den herkömmlichen chemischen Mitteln – mit „alternativen“, aber klassischen Methoden zu versorgen. Wie etwa hohe Zufuhr natürlichen Vitamin Cs als Histamin-Killer oder eben Ingwer als bereits im Altertum verwendete „Wurzel gegen die Seekotzerei“. So wäre endlich ein Vergleich der einzelnen Mittel im größeren Rahmen unter realistischen Bedingungen möglich.

Vitamin C gegen Seekrankheit?

  • Schon im Altertum (und auf einigen Fährstrecken noch heute) teilten griechische Seefahrer ihren Passagieren Zitronen aus.
  • Die Britische Marine schwört seit Jahrhunderten auf den Einsatz  von frischem Ingwer.
  • Bei vielen Seefahrern aus dem Mittelmeerraum war Rotwein verpönt.
  • In der Südsee werden seit Tausend Jahren bei langen Seefahrten Unmengen Mangos gegessen.
  • Schlafen bringt verlässliche Linderung
  • Eine aufgrund hoher Fallzahlen sehr glaubwürdige britische Seekrankheits-Studie, die während einer Weltumseglungsregatta für Amateure an 223 Probanden durchgeführt wurde, ergab eine besonders hohe Effizienz durch die Mittel Cinnarizine und Hyoscine (Pflaster).

Für den österreichischen Arzt Reinhard Jarisch haben diese Beispiele alle einen gemeinsamen Nenner: Histamin.

Als Gewebshormon und Botenstoff des Nervensystems ist Histamin auch für allergische Reaktionen im Körper verantwortlich. Und für Seekrankheit?

Jedenfalls konnte Jarisch vor 4 Jahren wissenschaftlich beweisen, dass Seekrankheit mit einem dramatisch ansteigenden Histamin-Spiegel einhergeht. Gleichzeitig wirken alle o.g. Mittel als Histamin-Killer: Vitamin C in hohen Dosen (Zitrone, Mango, Ingwer) ist Histamin-Feind No.1, gefolgt vom Schlaf (bei dem Histamin vollständig abgebaut wird) bis zu Cinnarizine und Hyoscine. Das Rotwein-Gelage am Abend vor dem Ablegen oder auf Fahrt baut überproportional viel Histamin auf, ebenso einige Nahrungsmittel.

Das ist übrigens der Grund, warum Schweine nicht seekrank werden: sie können Histamin abbauen. Und die Ratte entwickelt gar als einziges Tier eigenes Vitamin C zum raschen Histaminabbau.

Wissenschaftlich anerkannt? Jein!

Leider scheiterte Jarisch in einem wissenschaftlichen Versuch mit 70 Probanden an statistischen Werten. Zwar fühlten sich eindeutig mehr Versuchsseefahrer unter Vitamin C besser, aber nicht genug: Lediglich drei Personen mehr, und der wissenschaftliche Beweis wäre erbracht gewesen.

Entsprechend ist nach heutigem Wissensstand im Kampf gegen die Seekrankheit eine Mischung aus „alten Rezepten“ und möglichst hohen Vitamin-C-Dosen der Weisheit (vorläufig) letzter Schluss.

  • Aufbau eines hohen Vitamin-C-Spiegels, vor und während des Törns (vorzugsweise Lutschtabletten, wegen besserer Aufnahme)
  • Vermeidung von histaminreichen Nahrungsmitteln wie Thunfisch, Makrele, Sardelle, Emmentaler, Camembert, Roquefort, Salami, Schinken, Sauerkraut und Rotwein.
  • Weiterer Einsatz guter alter „Bordmittel“ wie etwa Rudergehen bei auftretenden Symptomen oder Schlafen. Auch eine Kombination aus Vitamin C und herkömmlichen Seekrankheitsmitteln wie Cinnarizine (=ebenfalls Histamin-Killer) und Hyoszine wäre möglich.

Und wenn doch nichts hilft? Vorbeugen! Möglichst über die Reling…

 

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier
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