Segelabenteuer: Kieler Studenten dokumentieren ihren Traumtörn nach Antigua

"Einfach losfahren"

Am 28.08. 2012 laufen die beiden Kieler Studenten Lasse Hochfeldt und Tim Stülten, gerade 21 und 20 Jahre alt, zum Segelabenteuer ihres Lebens aus: Von Kiel aus segeln sie über ein halbes Jahr durch Nordsee, Biskaya und Atlantik bis nach Antigua. Das Besondere: Ihr Boot, eine Jeanneau Poker, ist nur 8,95 m lang und dabei so alt wie beide zusammen.

Hochfeldt/Stülten

Die Kieler Studenten Lasse Hochfeldt (20) und Tim Stülten (21) haben ihren Traumtörn bewältigt. © Hochfeldt/Stülten

Aus dem unkonventionellen Törn, der sie unter anderem über Amsterdam, Brest, Porto, Lissabon, Marokko und Las Palmas bis in die Karibik führte, ist jetzt ein ebenso unkonventioneller Segel-Film entstanden. Fernab von üblichen Lehrvideos gestandener Seebären, begeistert „180 Tage Welle“ durch außergewöhnliche Aufnahmen und eine unkompliziert-sympathische Herangehensweise an solch einen Törn.

Zur SR BilderStory Hinnerk Stumm traf für SegelReporter einen der beiden auf der Film-Premiere in Kiel zum Gespräch.

SR: Lasse, wie kamst Du auf die Idee, eine Transatlantik-Querung auf so einem kleinen Schiff zu machen?

Eigentlich war das eine Art spontane Eingebung: Als ich mit ein paar Kumpels in der Schlei vor Anker lag und in das braune Wasser sah, bekam ich Lust, einmal in warmen Gefilden mit türkisblauem Wasser zu segeln. Um so länger ich darüber nachdachte, desto sicherer wurde ich mir, dass ich in die Karibik segeln muss.

SR: Und dann begann die Suche nach einem geeigneten Boot?

Nee, „Kati“, eine Jeanneau Poker von meinem Opa, bot sich an. Er wollte sie sowieso loswerden und ich war schon viel mit ihr gesegelt und kannte sie gut. Dass sie nur 8,25 m lang ist, hat mich gar nicht gestresst. Ich wusste, dass ich mich auf sie verlassen kann.

SR: Nachdem Du Deinen Freund Tim für den Törn begeistern konntest, begann die Vorbereitung. Was war da rückblickend wichtig?

Das Boot war ja zum entspannten Ostseesegeln gedacht, also haben wir „Kati“ zunächst entsprechend umgerüstet und überprüft. Für die Navigation wurde ein Plotter und ein AIS-fähiges Funkgerät installiert; als Back up haben wir für die komplette Route Papierkarten besorgt. Ein Hand-GPS, ein Sextant und Bücher, in denen steht, wie man den überhaupt benutzt, hatten wir auch ein Bord.

Zur Sicherheit: eine Rettungsinsel, eine Epirb Boje, eine Handfunke und ohne Ende Seenotrettungsraketen. Und auf Langstrecke wohl das Wichtigste: Einen Windpiloten (Atlantik II) und einen Elektrischen Autopiloten. Ohne diese beiden Freunde wäre solch eine Reise mit kleiner Crew deutlich unkomfortabler.

SR: In dem zur Reise gerade veröffentlichten Film, der im Kieler Metro vor ausverkauftem Hause Premiere feierte, sagst Du, dass es den richtigen Zeitpunkt im Leben für solch eine Reise gar nicht gibt. Wie meinst Du das?

Viele träumen und planen ihr Leben lang. Je länger man wartet, desto größer wird der Berg. Fertig wird man nie, deshalb: einfach losfahren. Ich bin mit dem Segeln auf der Ostsee aufgewachsen. Warum soll ich nicht auch woanders segeln können. Wenn man ein hochseetaugliches Schiff hat, vernünftige Navigationssysteme und sich über die Reiseroute entsprechend informiert hat, kann man letztlich los.

SR: Ihr habt ja verschiedene Zwischenstopps gemacht, bevor Ihr über den Teich seid. War das dem kleinen Boot geschuldet oder wolltet Ihr bewusst Häfen wie Amsterdam und Lissabon anlaufen?

Beides: Am Anfang galt es ordentlich Strecke zu machen, denn es war schon recht spät in der Saison und wir wollten noch vor den Herbststürmen über die Biskaya. Aber schon Nordsee und Ärmelkanal machten uns einen Strich durch die Rechnung: Wind immer von vorn und das auch nicht zu knapp. Das Kreuzen auf 8,95 m Länge ist ziemlich anstrengend; wir haben deshalb oft auf passenderen Wind gewartet. Mit einem größeren Schiff wäre es sicher angenehmer gewesen, aber wirklich Spaß macht kreuzen ja nie.

Aber klar wollten wir auch Land und Leuten begegnen, Erfahrungen machen. Auch das ist ja Abenteuer…

SR: Was waren für Dich besondere oder Momente auf der Reise?

Einer der spannendsten Momente war die Riesenwelle vor Portugal: Wir verlassen Porto gegen Mittag auf dem Weg nach Lissabon. Bei 4 Bft. von achtern laufen wir mit ausgebaumter Genua und vollem Groß richtig gut. Ziel: Die Nacht durchsegeln und morgen Nachmittag, bevor es wieder dunkel wird, Lissabon erreichen. Aber kurz nach Sonnenuntergang nimmt der Wind auf 5 – 6 Bft zu. Ich nehme das Großsegel runter. Nur mit Genua läuft Kati sehr stabil.

Um gegen meine Müdigkeit anzugehen steuere ich von Hand. Mir fallen die Augen zu, während ich warte, dass Tim mich ablöst. Schon das Gefühl habend, mit offenen Augen zu schlafen, schaue ich auf den Kompass, um Kati auf Kurs zu halten, bin aber eigentlich gar nicht richtig da. Plötzlich fühlt sich das Boot merkwürdig an.

Ich schaue auf den Plotter und sehe, dass Kati immer schneller wird. Von 5 Knoten geht es plötzlich hoch auf 10 Knoten. Kati surft mit einem Affenzahn die Welle runter. Ich sehe wie rechts und links die Gischt wegspritzt, schaue wieder auf den Plotter, 17 Knoten geigt „Kati“ im Surf. Das Problem: Sie hat mit ihrem schmalen Heck beim besten Willen keine Rumpfform, die zum Gleiten einlädt. Das muss eine extrem steile Welle gewesen sein.

Voller Adrenalin schaue ich mich um. Da kommt noch so ein Ding. Unmittelbar hinter „Katis“ Heck, eine riesige Welle, vier, fünf mal so hoch wie alle anderen, und steil, ein richtiger Brecher. Ich wusste, es geht wieder los. Voll konzentriert versuche ich „Kati“ gerade in der Welle zu halten. Die Geschwindigkeit geht wieder Hoch. 10 Knoten, 14 Knoten, 16 Knoten! Dann rollt die Welle unter Kati durch und es ist wieder Ruhe. Wir segeln weiter bis Lissabon. Der Wind und die Wellen ganz gleichmäßig, als wäre nichts gewesen.

SR: Gab es Momente, wo Ihr das Unterfangen bereut habt? Oder Momente, wo das Ganze anstrengend und fragwürdig war?

Eigentlich nicht: das tagelange Gekreuze auf der Nordsee und im Ärmelkanal bei dem starken Wind war schon sehr anstrengend und auch die Schlaflosigkeit hat teilweise sehr an einem gezerrt. Aber wir hatten ja ein klares Ziel vor Augen.

SR: Im Video ist erkennbar, dass Ihr mit einem Boot umgehen könnt. Um die klassischerweise geforderte Seemannschaft aber habt Ihr Euch nicht immer geschert. Beispielsweise Baden im offenen Atlantik. Was macht für Dich gute Seemannschaft aus?

In der Klassischen Seemannschaft steht auch, dass man zu jeder Zeit an Deck ein langärmeliges Hemd zu tragen hat. Ich glaube jeder ist schon mal in T-shirt gesegelt.

Man ist beim Segeln auf sich allein gestellt und den Naturgewalten ausgeliefert. Man muss sie respektieren, da man sie nicht ändern kann. Beim Segeln in schwerem Wetter auf der Nordsee und der Biskaya haben wir Schwimmwesten getragen und uns auch mit einem Lifebelt eingepickt. Der Situation angemessen eben. Bei Flaute und Sonnenschein auf dem Atlantik sind wir ins Wasser gesprungen und neben dem Boot geschwommen, aber einer ist immer an Bord geblieben. Auch dabei haben wir uns sicher gefühlt. Gute Seemannschaft meint vorbereitet sein.

SR: Was hast Du als junger Mensch aus dieser Reise für Dich rausgezogen?

Die Zeit auf dem Atlantik hat mich begeistert: 24 Tage durchgehend auf dem Wasser sein, ­– man könnte meinen, dass das langweilig wird. Aber nein: Egal was man tut, ob eine kleine Reparatur am Boot oder Frühstück-Machen, es wird auf jeden Fall richtig gut. Man kann sich auf das, was man tut, richtig einlassen und sich die Zeit, die man braucht, dafür nehmen. Außerdem muss man nicht die ganze Zeit sein Handy überwachen, um zu schauen, ob eine neue Whatsapp reingekommen ist. Statt eines Tages voller Termine pure Entspannung: mit der einzigen Aufgabe, das Schiff auf Kurs zu halten.

SR: Was würdest Du Seglern raten, bei solch einem Projekt zu bedenken?

Wichtig finde ich, dass man neben ausreichend Segelerfahrungen auch ein gutes technisches Verständnis hat. Gerade, wenn man mit einem älteren Schiff unterwegs ist, können immer technische Probleme auftreten. Man ist auf dem Wasser komplett auf sich gestellt. Wenn da etwas zu Bruch geht, muss man wissen wie man es repariert.

SR: Was ist das Besondere am Blauwassersegeln mit solch einem kleinen und zudem alten Boot wie der Jeanneau Poker?

Man fällt auf, grade in der Karibik. Kati ist kleiner, als die meisten Beiboote der Yachten, die dort unterwegs sind. Als wir auf Antigua ankamen, fragten wir den Hafenmeister nach einem Platz am Steg. Als wir ihm sagten, dass unser Boot 27 Fuß lang ist, lachte er. Seine Preisliste fing erst bei 120 Fuß an. Wir durften dann um sonst im Hafen liegen.

In Antigua endete das Segel-Abenteuer der beiden Kieler Studenten. Zu einem symbolischen Preis haben sie „Kati“ dem Hafenmeister vermacht. Allerdings mit der Auflage, jeder Zeit wieder mit ihr segeln zu dürfen. Lasse Hochfeldt nimmt das jetzt im Frühjahr wieder wahr.

Vorführung in Kiel

Die Video-Premiere zu „180 Tage Welle“ fand am 18.1.2015 statt und stieß auf großes Interesse. Am 22.02.2015 um 11:00 Uhr läuft der Film daher im Studio Kieler Filmtheater „Metro“ am Dreiecksplatz noch einmal (Eintritt 5 €). Karten können direkt beim Kino reserviert werden Tel: 0431 98 28 101.

 

 

 

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Hinnerk Stumm

... segelt seit Kindertagen, von Jolle bis Dickschiff. Sein Motto: „Segeln ist letztlich völlig überbewertet!“ Weiteres ...
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6 Kommentare zu „Segelabenteuer: Kieler Studenten dokumentieren ihren Traumtörn nach Antigua“

  1. avatar Firstler sagt:

    Könnt Ihr bitte nochmal den Videolink kontrollieren? Danke

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  2. avatar christian sagt:

    Tolle Kiste!
    Wenn ich überlege wie manche Segler ihr Marketing vorbereiten um den nötigen groschen in der Kasse zu haben, sind mir diese zwei doch sehr viel lieber! Das schliesst auch die ein, die die Reparatur ihres Bootes zum Werbewirksamen event werden lassen.
    Nicht quaken, machen!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 9 Daumen runter 2

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