Signalfeuer: “Verfluchter” bretonischer Leuchtturm wieder mit „Wärter“ besetzt

Die Hölle auf Felsen

Symbolischer Akt zur Rettung der Leuchttürme Frankreichs: Zwei einsame Monate auf dem legendären Felsen vor dem Point du Raz – danach könnte „Tevennec“ eine Künstlerkolonie werden.

Es war ein kleines, aber für die Teilnehmer durchaus anrührendes Spektakel, als Marc Pointud vom „Point du Raz“ aus mit einem Helikopter in Richtung Westen startete. Der Vorsitzende des Vereins zur Rettung der Leuchttürme Frankreichs (SNBP) hatte zuvor einige „seiner“ Leuchtturmenthusiasten um sich versammelt. Darunter waren aber auch die Nachfahren jener legendären Leuchtturmwärter, die bis Anfang des letzten Jahrhunderts oft jahrelang in der „Hölle der Höllen“, den Leuchttürmen vor der bretonischen Küste, den Elementen trotzten.

Leuchtturm, Signalfeuer, Leuchtturmwärter, Bretagne

Tevennec im Sturm © stichelbault

Es gab eine Ansprache, in der Pointud vor allem auf die Schwierigkeiten verwies, Geldgeber für seine Leuchtturmschützer zu finden. Ein paar Witze darüber, wieviel einfacher es doch heute sei, zur Arbeitsstelle im Leuchtturm zu gelangen. Und natürlich die Aufzählung all der Dinge, die er für sein einsames Abenteuer mitnahm: Wasser, haltbare Nahrungsmittel, ein paar Bücher, Laptop für den Internet-Anschluss… und, natürlich, die Bibel! Also im Prinzip das, was Einhandsegler auch so mit auf ihre langen Reisen nehmen.

Dann noch ein medienwirksames Abschiedswinken vor den laufenden Kameras der lokalen TV-Sender und weg war er.

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Tevennec, unweit der Ile de Sein, in der “Chaussée de Sein” © wikipedia

Künstler suchen spektakuläre Einsamkeit

Nun ist das nicht gerade spektakulär, was sich Pointud da vorgenommen hat. Und das weiß er auch. Es gehe ihm eher um die Symbolkraft des Ganzen und natürlich um einen Test, wie man die alten Leuchttürme der französischen Atlantikküste wieder mit Leben füllen könne, erklärte er. „Wir haben oft Anfragen von Schriftstellern, Malern oder Bildhauern aus der ganzen Welt, die sich eine Art spektakuläre Einsamkeit für ihre Arbeit wünschen. Vielleicht ist dies ja der Schlüssel für die Zukunft der alten, ausgemusterten Leuchttürme?“

Zwei Monate will Pointud auf „Tevennec“ nun aushalten. Fast, wie in den Guten Alten Zeiten, wenn man mal von Internet, Laptop und dem Anflug absieht. „Ich freue mich jedenfalls drauf, werde aber jeden Tag die Bitte in mein Abendgebet einbringen, dass die Spätwinterstürme dieses Mal nicht ganz so heftig werden.“ Ob ihn die Wettergötter erhören werden?

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Marc Pointud winkt zum Abschied. Zwei Monate will er alleine auf dem Felsen bleiben © SNBP

Verflucht oder angedichtet?

Mit „Tevennec“ hat sich Pointud einen in Frankreich legendären Leuchtturm ausgesucht. Er hat zwar nicht die Popularität des berühmten „ArMen“ weit draußen im Meer, kann dafür aber mit weitaus mehr menschlichen Schicksalen aufwarten.

Für eine sichere Durchfahrt durch das navigatorisch sehr anspruchsvolle Gebiet des Point du Raz – fieserweise passieren genau dort viele Regatten wie etwa das Mini-Fastnet oder manche Figaro-Etappen – wurde Mitte des 19. Jahrhunderts der Bau eines Leuchtturms auf dem Felsen „Tevennec“ beschlossen. Fünf Jahre dauerte seine Errichtung, was ihm prompt den Titel „eines der kühnsten Bauwerke Frankreichs“ einbrachte.

Das Feuer wurde am 15. Mai 1875 entzündet und einer der Arbeiter, der schon am Bau von „ArMen“ und eben an „Tevennec“ mitgewirkt hatte, übernahm als Erster den Job des Leuchtturmwärters. Ein paar Monate später gab er resigniert auf, genau wie zwei seiner direkten Nachfolger: Die Einsamkeit in den Gewalten des Meeres sei unerträglich!

Also ernannte man im August 1876 zwei Leuchtturmwärter für „Tevennec“, um mit häufigen Rotationen den Job erträglicher zu machen. Was die Arbeitsbedingungen zwar verbesserte, aber nicht die Fluktuation. „Es war ein Kommen und Gehen bei dieser Arbeit,“ heißt es in alten Logbüchern (die in Frankreich auch für Leuchttürme geführt wurden).

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Eine der ersten Fotografien von “Tevennec” © musée maritime

1881 fand man schließlich in Corentin Coquet einen Mann mit dem notwendigen stoischen Durchhaltevermögen: Er blieb sage und schreibe 15 Jahre auf dem Felsen und unterhielt das Feuer. Seine Nachfahren winkten übrigens auch Pointud im Hubschrauber zum Abschied…

Milch, frisch vom Felsen

Nach dem „Standhaften“ schickten die Behörden nur noch Paare oder Familien auf den Felsen, die es jeweils einige Jahre, teils mit Kind und Kegel auf dem „Vorposten gegen den Ansturm der Meere“ aushielten. Eine Familie hatte sogar ihre Kuh mitgebracht, um Milch für die Kinder das ganze Jahr über sicher zu stellen.

1910 wurde „Tevennec“ automatisiert, was nur noch gelegentliche technische Inspektionen nötig machte. Der Leuchtturm von „Tevennec“ ging jedoch als „Menschenverschleißer“ in die Geschichte ein. In 35 Jahren lebten auf dem Felsen 19 Wärter und vier Wärterinnen. Ohne die „Ersatzwärter“ zu zählen… ein Rekord, auch für die anspruchsvolle bretonische Küste.

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Fels unter © SNBP

Dass „Tevennec“ zur Legende wurde, verdankte der Leuchtturm allerdings eher der damals aufblühenden Abenteuer-Schriftstellerei. Aufgrund der hohen Fluktuation auf dem Felsen, wurde er bald für verflucht erklärt. Es wurden geheimnisvolle Gräber hinzu gedichtet und drei eingemauerte oder einzementierte Kreuze, die das Eiland schützen sollten, wurden im Laufe der Jahrzehnte von den Elementen davon getragen. Wenn das mal kein Stoff für schaurige Geschichten ist…

SNBP errichtet übrigens 2011 ein weiteres Kreuz auf „Tevennec“. Mal sehen, ob es den neuen Leuchtturmwärter Pointud während seiner zweimonatigen, einsamen Arbeitszeit auf diesem außergewöhnlichen Felsen schützen wird.

Tipp: André Mayer

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Michael Kunst

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Ein Kommentar „Signalfeuer: “Verfluchter” bretonischer Leuchtturm wieder mit „Wärter“ besetzt“

  1. avatar Marina sagt:

    Was für eine schöne Geschichte und vor allem – schöne alte und neue Bilder!

    Like or Dislike: Daumen hoch 1 Daumen runter 0

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