Spinnaker: Nach 150 Jahren vom Aussterben bedroht – wo das symmetrische Tuch herkommt

Die große Blase

2016 feiert ein Segel einen ziemlich runden Geburtstag. Der altehrwürdige Spinnaker wird 150. Das glauben jedenfalls die Engländer, die sich auch als Erfinder sehen. So geht die Geschichte, dass 1866 erstmals eine Yacht das Ballon-Segel beim Albert Cup auf dem Solent vor Cowes gesetzt hat.

Cowes Week Spinnaker

Spinnaker-Flotte bei der Cowes Week. © Rick Tomlinson

Im Buch Maximal Sailpower wird darauf verwiesen, dass der 47 Tonner “Sphinx” ein revolutionäres Vorwind-Segel gesetzt hat, und damit die Regatta gewann. Daher könnte auch der Name “Spinnaker” kommen. Das Segel sei unter den Seglern “spinx-acre” genannt worden, wobei Acre das Flächenmaß für etwa 1400 Quadratmeter, also schiere Größe ist.

Historische Kutter

NIOBE, SPHINX, VINDEX im Wettkampf beim Royal London Y.C.. Holzstich 1866.

Eine zweite Theorie zu Herkunft und Namen des Segels datiert aus dem Jahr 1865. Demnach gewann diesmal gewann der 40 Tonnen Kutter “Niobe” den Albert Cup. Und die Crew soll auf Anweisung des Schiffseigners William Conway Gordon das bauchige Vorwind-Segel erstmals ausprobiert haben: “Now there’s a sail to maker her spin”. Nun gibt es ein Segel, um sie zu drehen, was wohl eher im Sinne von beschleunigen gemeint war.  Daraus wurde “spin-maker” und schließlich Spinnaker. William Gordon soll jedenfalls Spinnaker-Gordon gennant worden sein.

Die wahre Geschichte hinter der Erfindung des Segels ist wohl schwer zu verifizieren. Aber das Tuch, das gerne auch in bunten Farben verwendet wurde, hat die Entwicklung des Segelsports sehr geprägt.

Die Kunst des Spi-Segelns

Seine exakte Beherrschung gilt unter Seglern als Kunst. Denn die Handhabe mit dem Setzen am Spinnaker-Baum ist für viele Freizeit-Kapitäne eine große Herausforderung. Das Berge- und Setz-Manöver birgt Probleme, beim Segeln müssen beide Schoten exakt bedient werden und das Boot muss ausbalanciert vor dem Wind gesteuert werden. Raumschots ist die Handhabe oft noch kritischer.

Mariquita

“Mariquita” setzt den Spinnaker in seiner ursprünglichen Form. © Mariquita

So kommt die große Blase auf Fahrtenyachten immer weniger zum Einsatz. Sie ist vom Aussterben bedroht. Selbst auf höchster Ebene bei den Olympischen Spielen wird es nur noch bei der 470er Klasse eingesetzt. Der Spinnaker scheint immer mehr ausgedient zu haben.

18 Footer in Sydney fliegt seinem Gennaker hinterher. © 18 Footer League

18 Footer in Sydney fliegt seinem Gennaker hinterher. © 18 Footer League

Denn es gibt eine Alternative. Der asymmetrische Gennaker kommt immer mehr zum Einsatz. Er wird am Bugspriet gesetzt und benötigt deshalb keinen kompliziert zu handhabenden Spibaum. Bei den hohen Geschwindigkeiten moderner Skiffs und Katamarane kann er dicht geschotet und trotzdem durch den spitz einfallenden scheinbaren Wind sehr tief gesteuert werden.

Langsamere Kielyachten werden mit tiefer geschnittenen Gennakern ausgerüstet, die sich mit ihrem Luv-Liek so weit auf die Luvseite drehen, dass auch sie eine große projizierte Fläche wie beim Spinnaker erzeugen können.

Das bunte symmetrische Tuch scheint 150 Jahre nach seinem ersten Einsatz immer weniger in die heutige Zeit zu passen. Aber wir werden es in Ehren halten.

Moderner Gennaker auf einer Kielyacht vom Typ J/111 mit großer projezierter Fläche. © blur

Moderner Gennaker auf einer Kielyacht vom Typ J/111 mit großer projizierter Fläche. © blur

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Carsten Kemmling

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2 Kommentare zu „Spinnaker: Nach 150 Jahren vom Aussterben bedroht – wo das symmetrische Tuch herkommt“

  1. avatar 123Spi sagt:

    In einem Feld mittelschwerer Verdränger ist ein Spi immer das bessere Segel. Vom taktischen Spielraum will ich gar nicht erst anfangen.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 9 Daumen runter 0

  2. avatar Olli Schmidt-Rybandt sagt:

    Kann man so nicht stehen lassen. In einem Feld von langsamen und mittelmäßig schnellen Verdrängen ist er bei up&Downs im Vorteil, mag sein. Aber eben auch nur bei up&downs.

    Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 1

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