SR Interview: Max Lessners Ostsee-Langfahrt – Auszeit nach dem Jurastudium

"Ich könnte ewig so weiterfahren"

Bereits seit März ist Jurastudent Max Lessner (23) mit seiner Sirius 26 “Nonsuch” auf der Ostsee unterwegs. Im SR-Interview erzählt er von den Gründen und Auswirkungen der Reise.

Moin Max. Wo bist Du gerade?

Hi Stephan, ich bin grad in Motala am Vättern See.

Ah, im Götakanal. Bist Du gewissermaßen auf dem Rückweg?

Genau. Das klingt zwar etwas schräg wenn man in einem solchen Traumrevier wie dem Götakanal unterwegs ist, aber ich bin auf dem Rückweg. Seit dem 05 Juli.

Wie war Deine bisherige Route?

Hafenromantik in Estland ©Max Lessner

Hafenromantik in Estland ©Max Lessner

Nachdem ich in Deutschland aufgebrochen bin ging es über Bornholm und Christiansø nach Polen und Kaliningrad. Übrigens ein total geniales Törnziel. Echtes Abenteuer. Denn entlang dem Baltikum nach Tallinn und Helsinki. Von da aus ein kurzer Abstecher nach St. Petersburg, dann die finnische Küste hoch nach Haparanda und Töre. Damit war dann der sportliche Anreiz erfüllt. Ab da ging es entlang der schwedischen Küste heim-/südwärts. Und über die Ålands und Stockholm bin ich jetzt hier gelandet. War mir zwar am Anfang etwas unsicher, ob so ein Kanal nach 4 Monaten Seesegeln Spaß macht. Ist aber echt super!

Warum bist Du los gesegelt? Irgendwas sucht man doch immer, wenn man auf eine solche Langfahrt geht, oder?

Skandinavische Bordstimmung ©Max Lessner

Skandinavische Bordstimmung
©Max Lessner

Das stimmt wohl. Aber ich komme erst jetzt so langsam dahinter was es eigentlich ist. Aber das Gefühl kennst du bestimmt auch. Ich glaube ich wollte nach einem kompletten Jurastudium einfach mal raus. Was erleben, rumkommen, den Kopf frei bekommen.

Bist Du derselbe Max wie vorher, wenn Du zurück kommst?

Haha, ich glaube das müssen mir andere beantworten. Vielleicht hab ich nun etwas mehr Bootsroutine.

Ich werde Dich mal genau ansehen, wenn Du zurück bist. Dennoch muss ich nachhaken: Ich gehe zum Beispiel immer langsamer, je länger ich unterwegs bin. Stellst Du bei Dir so etwas auch fest?

Hmm, auch schwer zu sagen. Bei mir war es so, dass wenn ich mir ein Ziel in den Kopf gesetzt habe, wird das auch verfolgt. Nachdem ist das erreicht habe bin ich immer für eine kurze Zeit entspannt dahingetingelt, bis dann das nächste kam. Hier im Kanal ist das natürlich ganz anders. Da wird man zum rumdiggern erzogen. Außerdem war, den Kanal vorm Ende der Hochsaison in der man frei umherfahren kann zu erreichen, mein letztes Ziel. Ab jetzt gehts nur noch dahin wo es mir morgens passt.

Du bist nach Törehamn, dem nördlichsten Punkt der Ostsee, mehr oder weniger fast durch motort. Wieso?

Sie haben das Ziel erreicht ©Max Lessner

Sie haben das Ziel erreicht
©Max Lessner

Ganz so schlimm war es zum Glück am Ende doch nicht. Aber ja, ich hatte zu der Zeit mieses Wetter. Da stand es so 50/50. Aber wochenlanger arktischer Nordwind hat Finnland auch das kälteste Mittsommerfest seit 30 Jahren beschert. Mit nach Norden fahren war da also nix. Mir ging der ewige Stillstand irgendwann auch auf den Zeiger und es hat sich so eine “Jetzt erst recht!” Mentalität durchgesetzt. Das war glaube ich für die Zukunft außerhalb des Segelns auch eine ganz gute Erfahrung. Ganz davon abgesehen hat man ja nicht zu oft die Chance so einen Punkt überhaupt zu erreichen.

Welche Erfahrungen machst Du wegen der doch recht geringen Bootsgröße?

Überhaupt nicht negativ. Man bekommt irgendwie immer einen Platz und kommt in viele kleine versteckte Ecken. Bin ja auch überhaupt froh in meinem Alter ein tolles Schiff zu haben! Nur etwas schneller wäre ich manchmal gern gewesen. Aber dann legt man eben einen Hafentag weniger ein, und dann passt das auch wieder. Ich konnte immer über mehrere Tage mit größeren Schiffen auf demselben Streckenabschnitt mithalten. Mein Schiff würde ich echt nicht mehr eintauschen wollen!

Wir müssen noch ein ernstes Wort reden. Du bist mit einer Motorbratze nach St. Petersburg gefahren…. Du kannst das jetzt hier erklären! 

Mit der Motorbratze nach St. Petersburg ©Max Lessner
Mit der Motorbratze nach St. Petersburg
©Max Lessner

Hehe, ja das stimmt. Als der Trip nach St. Peter anstand war der Wind das erste mal so richtig gegen mich. Die Vorhersage sah mindestens 2 Wochen starke Ostlage, und so kam es dann auch. Da werden aus den 150 Meilen von Estland aus auch mal eben ganz schnell 400. Das muss mit dem kleinen Schiff in der Ecke nicht sein.

Dann wollte ich eigentlich erst mit dem Zug hin fahren, schließlich steht meine Tour unter dem Anspruch auch was von der Ostsee zu sehen und nicht nur blind Meilen zu kloppen. In Helsinki hab ich dann ganz nette Motorbootfahrer kennengelernt, die auf einem Törn waren, den sich selbst mancher Segler nicht zutraut: Über die Barentssee ums Nordkap.

Wir haben uns super verstanden, die beiden waren froh über etwas Unterstützung auf dem langen Schlag nach St. Peter, und ich hab die Stadt noch mit einer Yacht und nicht mit dem Zug erreicht. Nur Gewinner 😉 Ich verbuche das unter: Über den Tellerrand rausschauen. War nämlich echt auch mal spannend.

Hm, okay. Was war dein allerschönstes Erlebnis?

Ich glaube tatsächlich Töre, weil es ein Moment war, auf den man 3 Monate lang hingearbeitet hat und der alles andere als selbstverständlich ist. Aber knapp hinter Töre dann ganz viel: Frühstück im Hotel in Ulvön, Kaliningrad, Hafenleben in Mariehamn, Christiansö, und der Segeltag von Tallin nach Helsinki

Na, die schönsten Erlebnisse wirst Du ja noch auf dem Kanal in Form von den Studentinnen, die an den Schleusen arbeiten, vor Dir haben…Wann kehrst Du zurück?

Spätestens Ende September. Ich werde mich ab jetzt treiben lassen. Mal gucken was das Wetter macht und worauf ich noch Lust habe. Alle meine Ziele hab ich jetzt erreicht

Freust Du Dich auf zuhause, auf das geregelte Leben an Land?

Stockholm "Capital of Scandinavia".  © Max Lessner
Stockholm “Capital of Scandinavia”.
© Max Lessner

Im Moment: Nö. Ich könnte ewig so weiterfahren. Stockholm hat mir letzte Woche gezeigt, dass eine Stadt mit viel Kultur, exquisiter Gastronomie und Nachtleben lange nicht so cool ist wie Schären und Dosenbier. Aber irgendwann geht der Ernst des Lebens ja wieder los…

Du wärst nicht der Erste, den so etwas packt. Der danach immer wieder los will, bzw. muss.

Glaube ich sofort. Die Zeit vergeht auch unheimlich schnell. Ob es jetzt 2 Wochen Sommerurlaub oder 6 Monate Sommersegeln sind. Mir kommt vor, als ob ich letzte Woche losgefahren ist. Von daher gibt’s da gefühlt wohl nur eine Richtung.

Max, ich wünsche Dir noch eine wundervolle Zeit. Genieße es! Vielen Dank für den Schnack.

Jau danke! Dir viel Erfolg bei deinen neuen Projekten!

Video aus Kaliningrad:

[youtube https://www.youtube.com/watch?v=MEKgul20-9Q]

Zum Blog von Max geht es hier

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Digger Hamburg

Kleiner segeln - größer leben. Filmemacher und Autor Stephan Boden verbringt jeden Sommer auf dem Wasser. Früher auf seiner VA18 "Digger" jetzt auf der Bente24, die er selbst initiiert hat. "Auf See habe ich Zeit, das schärft den Blick für Details." Zu seinem Blog geht es hier
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Ein Kommentar „SR Interview: Max Lessners Ostsee-Langfahrt – Auszeit nach dem Jurastudium“

  1. avatar Thomas W. sagt:

    Schönes Video, hat Spaß gemacht.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 7 Daumen runter 0

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