Steuern mit dem Mund: Britin durchquert den Ärmelkanal auf Mini 6.50

"Segeln? Mach ich mündlich!"

Die 18jährige Natascha Lambert steuert ihre Mini-Renner mit dem Mund. Inkl. Wenden, Halsen und Segeltrimm. Lebensmutig!

Mini 6.50, schwerbehindert

Sie segelt und Steuert ihren Mini mit dem Mund – die Schwerbehinderte Natascha Lambert © Lambert

Warum sind es immer wieder behinderte Menschen, die uns zeigen, zu was der menschliche Wille fähig ist? Weil sie in den Extremen zuhause sind? Oder weil sie intensiver leben und deshalb genau dieses oftmals so schwere Leben viel mehr zu schätzen wissen?

Natascha Lambert ist 18 Jahre jung, lebt auf der Isle of Wight vor der Südküste Englands und ist schwerbehindert. Sie leidet unter Cerebral-Parese, auch Hirnlähmung genannt. Die damit verbundenen Handicaps äußern sich vor allem durch Störungen des Nerven- und Muskelsystems (häufig spastisch), vor allem bei der Bewegungskoordination. Oder um es mit den Worten Nataschas zu sagen: „Mein Körper hört nicht auf mich, macht einfach, was er will!“

segeln, Mini 6.50, behindert

So viel wie möglich wie die anderen machen: gehen, segeln… © lambert

Menschen mit dieser Form der Behinderung leben meistens ein extrem schwieriges Dasein in völliger Abhängigkeit von anderen, „man muss sich um mich eigentlich 24 Stunden lang jeden Tag meines Lebens kümmern“, schreibt Natascha auf ihrem Blog. Eigentlich.

Raus aus der Abhängigkeit

Grund genug für viele Betroffene, sich genau in diese Abhängigkeit fallen zu lassen, eingehüllt in ihrem Kokon der Fürsorge förmlich abzuschalten. Nicht so Natascha. Schon als kleines Kind forderte sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten so viel Eigenständigkeit wie nur irgend möglich. Sie wollte laufen wie die anderen und kann sich heute in einem komplizierten Gehapparat zumindest im Ansatz nahezu ohne Unterstützung fortbewegen.

Doch an einem Sommertag vor neun Jahren sollte sich ihr Leben und auch ihre Lebensplanung von Grund auf ändern: An  diesem Tag durfte Natascha zum ersten Mal mit auf ein Segelboot.

Das war eine speziell für behinderte Menschen umgebaute Artemis 20 vom örtlichen Verein, „ich war zwar nur Passagier, durfte und konnte mich nicht einbringen, aber es hatte mich gepackt!“

Alleine segeln, endlich etwas ganz alleine machen! © lambert

Alleine segeln, endlich etwas ganz alleine machen! © lambert

Natascha wollte fortan so oft wie nur möglich aufs Wasser, durfte mitunter an Manövern teilhaben – „irgendwie, ich weiß gar nicht mehr, was ich gemacht habe, aber ich war dabei!“ – und interessierte sich mehr und mehr für die Fortbewegung unter Segeln.

Spätestens jetzt kommt Papa Lambert ins Spiel. Denn der ist Elektriker von Beruf, aber auch erklärter Bastel-Freak, Computer-Nerd und kann „eigentlich alles verwirklichen, was ich mir so ausdenke!“, behauptet jedenfalls seine Tochter.

Zunächst baute er für seine Tochter eine Mikro-Modellyacht mit einem besonderen Steuerungssystem, das es Natascha ermöglichte, ihr Spielzeug von Land aus mit dem Mund zu steuern. „Das war für mich schon ein ganz großes Stück Freiheit,“ erinnert sich Natascha heute. Doch das Thema „Segeln“ sollte sie noch viel freier machen, freier, als sie sich jemals zu erträumen wagte.

„Ich bin frei!“

Die Familie kaufte eine gebrauchte Artemis 20 und Daddy baute das Teil vollständig um, brachte Computer an Bord, verband die unmöglichsten Dinge miteinander und sechs Monate später konnte Natascha auf ihrem eigenen Boot selbst steuern. Dank des vom Vater erfundenen „sipp-puff-Systems  konnte sie nun wenden, halsen, anluven, abfallen…

Freiheit, die ich mir nehme! © Lambert

Freiheit, die ich mir nehme! © Lambert

Zwei Jahre segelte sie vor ihrer Heimatinsel zusammen mit der Familie oder mit Freunden, sie war dabei physisch niemals alleine, aber in Gedanken der Freiheit schon ganz nahe. „Was noch fehlte: ich konnte zwar steuern, aber nichts mit den Segeln machen, weder dicht holen, noch fieren oder sonst wie trimmen!“

Die dafür notwendige Elektronik sprengte den Rahmen der relativ schmalen Artemis 20 – etwas Breiteres, möglichst Schnelleres, aber dennoch Gutmütiges musste her. Ein gebrauchter Mini 6.50 wurde gekauft – übrigens mit finanzieller Unterstützung von Artemis Investments, die sich stark im Behindertensport engagieren.

Wieder musste sich Natascha einige Monate gedulden, bis der Vater alles ein- und umgebaut hatte. Und tatsächlich „ich war frei, konnte alleine auf meinem Schiff segeln, brauchte keinen mehr bei meinen Schlägen raus aufs Meer!“

Natürlich war sie nie wirklich allein, Vater und andere Begleiter blieben auf Schlauchbooten immer in unmittelbarer Nähe. Aber sie blieben und bleiben diskret hinter dem Boot, so dass Natascha immer den freien Blick  nach vorne hat. Alleine sein, selbst bestimmt etwas zu machen, das war und ist ihr Traum, den sie sich nun auf ihrem Mini 6.50 „Miss Isle too“ Tag für Tag erfüllt.

„I’ve done it!“

Letztes Jahr umsegelte sie alleine ihre Heimatinsel Wight, nun schaffte sie die Querung des Kanals von Frankreich nach Dover. Viereinhalb Stunden brauchte Natascha Lambert für dieses Abenteuer, bei Windstärke zwei bis vier war ihr Mini 6.50 auch mündlich locker zu steuern. Ihren Vater und den ebenfalls begleitenden Trainer brauchte sie nicht ein einziges Mal um Rat oder Hilfe zu bitten. „I’ve done it!“ twitterte sie nach der Ankunft. „Ich bin wieder ein Stück selbständiger geworden! Das Leben kann so schön sein!“

Einfach mit dem Mini über den Kanal! © lambert

Einfach mit dem Mini über den Kanal! © lambert

Ganz nebenbei sammelte Natascha mit dieser Aktion 13. 000 Pfund für den „Ellen MacArthur Cancer Trust“. Ja, das Leben kann schön sein!

Die Website “Miss Isle” von Natascha Lambert

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

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2 Kommentare zu „Steuern mit dem Mund: Britin durchquert den Ärmelkanal auf Mini 6.50“

  1. avatar Digger sagt:

    Danke für diesen Artikel, der mich zwischen Bewunderung und Gänsehaut pendeln lässt.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 6 Daumen runter 0

  2. avatar Sven sagt:

    Sehr Beeindruckend und Berührend! Ich bin voller Bewunderung für Natascha und auch den Vater, der sich so engagiert, um das alles seiner Tochter zu ermöglichen.
    EINFACH TOLL!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

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