Strandkat-Langfahrt: Mit Topcat K1 rund Usedom – 150 Seemeilen in vier Tagen

Abenteuer vor der Haustür

Ostsee, Topcat, Langfahrt, Usedom

Und abends wird ein lauschiger Anlegeplatz gesucht © palz

Frank und Ludger auf rasanter „Langfahrt“: Ein wilder Viertagesritt über Ostsee und Bodden. Sympathischer Bericht von einem nicht ganz alltäglichen Törn auf zwei Rümpfen.

Leser-Story von Ludger Palz:

Am Donnerstagmorgen ging es endlich los. Wir kamen schon um 09:00h in Altefähr an, um das Boot, einen Topcat K1, bei Sail & Surf Rügen zu übernehmen. Das Wetter versprach viel Wind, zu viel für unsere Tour über die “offene” Ostsee? Egal, erstmal startklar machen und wir hatten ja noch Plan B und C im Reisegepäck. Nachdem wir alles in wasserdichten Säcken verstaut hatten, bot uns Knut von Sail & Surf Rügen an, den Cat gekentert unter der Ziegelgrabenbrücke zu schleppen, denn so mussten wir nicht auf die Brückenöffnungszeit um 12:20h warten.

Mit rund einer Stunde Vorsprung starteten wir dann also im Strelasund bei frischer Brise bis starken NW-Wind, der uns rasch in Richtung Greifswalder Bodden trieb. Nach rund einer Stunde hatten wir den Bodden erreicht und die Wellen wurden merklich höher. Da die Sicht hervorragend war, konnten wir auf Sicht navigieren, der große Stubber wurde großzügig nördlich umfahren und wir hielten zunächst auf Thiessow zu. Der K1 war schnell, oft deutlich schneller als die mitlaufenden Wellen, so dass der ein oder andere Stecker nicht zu vermeiden war. Zum Glück blieben wir nie vollständig stecken und konnten durch schnelles Fieren und Gewichtsverlagerung ein Kentern vermeiden.

Ostsee, Topcat, Langfahrt, Usedom

Mehr Abenteuer-Romantik geht wohl nicht © palz

Gerade bei so toller Sicht ist es immer wieder beeindruckend, wie zunächst am Horizont nur ganz schwach und dann immer deutlicher die Küstenlinien auftauchen, erst die drei „Berge“ vom Südperd und dann auch schon der Ruden, dessen nördlich Spitze unser nächstes Ansteuerungsziel war. Auch die Greifswalder Oie war gut auszumachen. Da es etwas kühl wurde und die Blase drückte, planten wir am Usedomer Strand anzulaufen. Zunächst musste noch das Sperrgebiet nördlich Peenemünde umfahren werden, was uns nur teilweise gelang. Ein vermeintliches Anglerboot entpuppte sich dann schnell als eines (der vielen) dort versenkten Boote, die als Wracks dem Zielschiessen zu NVA-Zeiten dienten.

Küste mit Kliffkanten

Nach einer deutlichen Kurskorrektur liefen wir dann den sonnigen und gut gefüllten Strand bei Zinnowitz an. Dort kamen wir uns in unserer warmen Segelkleidung vor wie Astronauten, denn die Badegäste trugen maximal Badeshorts. Nach kurzem Aufwärmen ging es weiter, denn Swinemünde war unser Tagesziel.

Dank des immer noch starken Nordwest-Windes könnten wir im „Schmetterlingsflug“ parallel zur Küstenlinie fahren. Schon nach kurzer Zeit waren auch schon die Silhouetten der Hafenkräne von Swinemünde zu erkennen. Es dauerte aber noch eine Weile bis wir da waren, obwohl das Surfen vor von den Wellen ein rasches Segeln ermöglichte. Es war ein tolles Segeln, schnell, beeindruckend hohe Wellen und eine abwechslungsreiche Küste mit Kliffkanten, langen Stränden und mondänen (und auch weniger mondänen) Bauten der Seebäder. Koserow, Bansin, Heringsdorf und Ahlbeck flogen nur so an uns vorbei.

Vor der Einfahrt von Swinemünde war die See recht kraus und unser kleines Boot tanzte nur so auf den Wellen. Auch die ein- und ausfahrenden Skandinavien-Fähren beeindruckten uns und wir passten einen günstigen Moment ab, um diese Windschatten-Monster zu meiden. Flott ging es dann bis zum Stadthafen, wo wir dann allerdings auf den dringend benötigten Wind, um den kreuzenden Fähren ausweichen zu können, verzichten mussten. Nahezu manövrierunfähig trieben wir eine Weile ratlos und staunend ob der großen Schiffe dahin, bis uns mit einem lauten Tüten eine nochmals größere Fähre von hinten kommend, aufscheuchte. Mit dem Paddel in der Hand flüchteten wir zum nächsten Traktorreifen an der Kaimauer und ließen dann gleich drei große Fähren passieren.

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Irgendjemand schleppt immer  © palz

Trotz gelegentlicher Böen war an ein Segeln in diesem Bereich nicht mehr zu denken, also: Schleppleine und Daumen raus und ein Motorboot finden, das uns hier durchschleppt. Zum Glück kam uns auch bald ein kleines Boot mit großem Motor entgegen, das wir überreden konnten, uns ein bis zwei Meilen durch den Hafen zu schleppen. Obwohl zunächst nicht von unserem Wunsch begeistert, verzichteten sie freizügig und freundlich auf unser Spritgeld-Angebot! Sehr freundlich, die beiden Polen!

Weiteste Punkt erreicht

Der Magen knurrte und nach mehr als acht Stunden bzw. nach mehr als 70 Meilen auf See und daher musste jetzt dringend ein guter Platz für ein Nachtlager her. Doch woher nehmen in einem Kanal, der rechts und links mit groben Steinen begrenzt ist? Wie durch ein Wunder tauchte plötzlich am westlichen Ufer ein Schilfsaum auf, wo sich auch noch ein kleiner Sandstrand für unseren Cat befand. Also wenden und ran ans Ufer, denn es wurde auch schon langsam dunkel.

Eigentlich war es ein perfekter Platz, die Einfahrt zu einem Seitenarm der Swine, am Rande der Hafenstadt Świnoujście. Das Boot konnte sicher angelandet werden und gleich oberhalb befand sich ein Feldweg mit einem flachen Bereich für unser Zelt. Die Sonne verschwand und wir genossen unsere Brotzeit mit Hering und Bier. Todmüde, aber glücklich über unsere weite Fahrt bis hierher, fielen wir ins Zelt. Nun gab es keinen Plan B mehr, der weiteste Punkt unserer Tour war erreicht und wir hatten noch drei Tage, um gegen den Westwind zurückzukreuzen.

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Ziemlich glückliches Händchen für immer gute Zeltplätze © palz

Nachdem wir am nächsten morgen ausgiebig gefrühstückt und gepackt hatten, wollten wir den weiterhin vorhergesagten Westwind nutzen, um durch die Kaiserfahrt in das Stettiner Haff zu segeln, doch Pustekuchen, denn a) war der Kanal von hohen Bäumen gesäumt, die den b) nicht vorhandenen Westwind abgehalten hätten. Und c) (wie wir erst später erfuhren) war das Segeln dort ohnehin nicht erlaubt. Also: wieder Schleppleine und Daumen raus und auf ein stark motorisiertes Boot warten. Und was kam? Eine GFK-Wanne mit Segel und lautem Zweitakt-Motor, quasi ein Trabi ohne Räder …

Dafür aber mit drei sehr netten Polen an Bord, die uns dann in einem gemächlichen Tempo durch den windstillen Kanal schleppten. Ab und an überholten uns riesige Frachter, die Stettin anlaufen wollten oder es kamen uns welche aus Richtung Stettin entgegen. Nach1,5 Stunden hatten wir dann das Haff erreicht und die drei Polen verabschiedeten sich in Richtung Stettin.

Schon wieder Glück gehabt

Wir mussten scharf rechts abbiegen, um die im Westen gelegene Karniner Brücke anzusteuern. Doch mit steuern war nicht viel, da Flaute! Nach rund zwei Stunden rumdümpeln kamen langsam Zweifel an der Fähigkeit der Meteorologen und an unserem Zeitplan. Würden wir es bis Sonntag zurück nach Altefähr schaffen? Schließlich kam dann doch noch der Westwind auf und wir kreuzten mit langen Schlägen in Richtung Karnin. Die Brücke tauchte irgendwann dann langsam im Dunst auf, doch es dauerte, bis wir sie schließlich passierten.

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Einfach rauf auf den Strand © palz

Zunächst aber passierten wir noch den vielen Stellnetze der Fischer im Haff, die Einfahrt zur Stadt Usedom und dann kam schließlich die große, seit 1945 stillgelegte Eisenbahnbrücke. Dann noch Kamp, Anklamer Fähre (hier gings vor der Eisenbahnbrücken-Zeit rüber nach Usedom) und endlich die Zecheriner Brücke. Diese wollten wir ursprünglich zum Brückenzug um 16:45 h passieren, hatten dies aber aufgrund der Flaute im Haff schon längst aufgegeben. Nun sahen wir sie tatsächlich noch von weitem hochgeklappt und es fehlten nur 10 Minuten.

Hätte, hätte, … Und schon wieder hatten wir unglaubliches Glück: wir entschieden uns, erst einmal was Ordentliches im Restaurant Peene-Idyll zu essen und legten direkt unterhalb der Terrasse an. Gerade als wir saßen, fing es plötzlich wie aus Eimern an zu regnen, doch der Wind blieb aus. Hätten wir die Brücke rechtzeitig erwischt, lägen wir nass und dümpelnd im Peenestrom. Stattdessen hatten wir alles richtig gemacht und genossen gebratenen Zander, frisch aus unserem Segelrevier gezogen. Da der Regen nicht aufhörte freundeten wir uns immer mehr mit dem Gedanken an, nicht das Zelt aufzuschlagen, sondern in der Pension zu übernachten, wo wir das letzte Zimmer mit heißer Dusche belegen konnten.

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Erstmal Klamotten trocknen © palz

Mit Herzklopfen unter die Brücke

Nach einem netten Spontanbesuch und zwei Weizen fielen wir todmüde in die Federn und bekamen von dem durchziehenden Tiefdruckgebiet mit steifen Wind in der Nacht nicht viel mit. Am nächsten Morgen wehte es immer noch ordentlich mit 5-6 Beaufort und wir mussten uns sputen, um die Brückenöffnung um 08:45h nicht zu verpassen. Mit einem Wahnsinnstempo schossen wir durch die schmale Durchfahrt der Brücke und hatten in kürzester Zeit die anderen Segler, die auch die Brücke passierten, weit hinter uns gelassen. Raumschots dann vorbei an Rankwitz und Lassan ging es dann auf am Wind Kurs in Richtung Achterwasser. Eigentlich wollten wir Michael am Bauerberg noch einen Besuch abstatten, aber der nächste Brückenzug in Wolgast saß uns im Nacken.

Früher und schneller als gedacht, erreichten wir dann schon Wolgast, wo wir noch ausgiebig am Ostufer der Peene picknicken konnten. Der Wind war immer noch kräftig und böig zwischen den Hallen der Werft und des Hafens, kam aber passend, um auch hier wieder segelnd durch die Brücke zu kommen. Und wieder die gleiche Szene: mit Herzklopfen (hoffentlich passt es mit dem Wind) durch die Brücke, andere Segler schnell hinter uns lassend, das nächste Ziel ansteuern. Hoch am Wind, mit etlichen Wenden, erreichten wir Peenemünde. Dort wollten wir eigentlich übernachten.

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Später ging dann das Weißbier aus und es musste “trocken” navigiert werden © palz

Da wir einen guten Lauf hatten, und uns das Segeln bei Starkwind viel Spaßund wenig Probleme machte, entschlossen wir uns, mal die Nase in den Greifswalder Boden zu stecken. Bei zu viel Welle wären wir einfach zurück nach Peenemünde gesegelt. Aber es lief! Besser als gedacht! Also Rücken durchgedrückt, den Freesendorfer Haken samt Leuchtturm-Ruine umsegelt, um Lubmin anzulaufen. Es ging gegenan, die Wellen waren hoch, aber segelbar mit unserem K1.

Und so flog -mal wieder- die Küstenlinie nur so dahin. Lubmin war schnell achteraus und der Greifswalder Dom schon zu sehen. Dank der sehr guten Ortskenntnisse von einem Teil der Besatzung, liefen wir den Wamper Strand an. Heller Sand gesäumt vom Schilf, ideal eigentlich, um hier unser Nachtlager aufzuschlagen.

Die Sonne schien und wir waren stolz auf unser Tagesetmal. Nur ein kühles Bier fehlte zum perfekten Glück.

Kleines Paradies

Wir stellten aber mal wieder fest, dass Denken hilft. Das letzte Stück bis zum Ufer mussten wir den Cat ziehen, da es sehr flach war. Und was passiert bei kräftigen Westwind im Bodden? Es wird noch flacher. Da wir keine Lust hatten, am nächsten morgen einen Kanal zu graben, um das Boot wieder schwimmfähig zu machen, entschlossen wir uns, das tolles Segeln fortzuführen und bis rüber nach Rügen, Palmer Ort zu segeln.

Gesagt, getan und schon da. Es dauerte nicht mehr als 30 Minuten, um mit halben Wind die sechs Meilen rüberzuschiessen, vorbei an der geschützten Insel Koos und der Insel Riems mit der ältesten und gleichzeitig modernsten virologischen Forschungsstätte.

Palmer Ort, der südlichste Zipfel Rügens, ist traumhaft. Einsam gelegen, weißer Sand, Schilf, Strandhafer und ein geschützter, alte Küstenkiefernwald. Ein kleines Paradies! Aber wie jeder weiß, hat jedes Paradies seine Schattenseiten. Unser Schatten war immer noch das fehlende Bier und die unerreichbare  Weinflasche, die im Rumpf bei den Wellen auf Wanderschaft gegangen ist. Schade. Aber wir hatten eigentlich genügend körpereigene Drogen, um im Hochgefühl zu schwelgen: rasantes Segeln, viel Sonne und Wind, einsamer Strand und sauberes Meer, braucht man sonst noch was ?

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Zelten direkt neben dem Kat © palz

Beim späteren Spaziergang über die Halbinsel kamen wir dann noch an einem Wohnmobil aus Tschechien vorbei. Da die Mobilisten gerade genussvoll ihren Rotwein schlürften, kam bei uns dann auch wieder der Durst und wir fragten, mit Händen und Füßen, ob sie nicht eine Flasche Wein für uns hätten. Wie selbstverständlich boten Sie uns erstmal ein Glas an, aber das war ja eigentlich nicht das was wir wollten. Das „Missverständnis“ konnte dann noch aufgeklärt werden und für ein paar Euro erstanden wir eine Flasche chilenischen Rotweins von den Tschechen. Das ist der wahre Segen der Globalisierung!

Und so wurde das Paradies dann doch noch perfekt: Lagerfeuer, Rotwein und später seliger Schlaf mit plätschernden Wellen.

Falsche Zeit im Kopf

Sonntag, 7 Uhr, der Wecker klingelt. Irgendwas passt eigentlich bei den Worten nicht zusammen, eigentlich. Aber hier und jetzt fällt mir das Aufstehen leicht, obwohl es leicht am Nieseln ist. Schnell gefrühstückt, Zelt, abbauen und das Boot packen, 09:30 h und wir sind wieder in bzw. auf unserem Element. Was gibt es Schöneres,

als Sonntags morgens -bei inzwischen Sonne- und vier Windstärken zu segeln? Da der Wind über Nacht auf Südwest gedreht hatte, schafften wir es fast ohne Wende zurück nach Stralsund. Dort sind wir mal wieder viel zu rasch angekommen und müssen noch auf die Öffnung der Ziegelgrabenbrücke warten. Zeit für ein weiteres Picknick. Beinahe verpassen wir dann trotz ausreichender Zeit die Brücke, denn wir haben die falsche Zeit im Kopf. Als letztes Boot passieren wir dann die mächtige, hochgeklappte Stahlbrücke und haben es geschafft. Wir sind zurück in Altefähr. Boot und Mannschaft sind sicher und wohlbehalten nach vier Tagen feinstem und schnellstem Segeln wieder daheim.

Im Doppelkiel-Wasser liegen mehr als 150 Meilen, davon viele nasse. Eine tolle Tour, die Mannschaft ist begeistert und voller Tatendrang für neue Segelabenteuer.

Text: Ludger Palz

Boot: Topcat K1

Crew: Frank und Ludger

150 Seemeilen

4 Tage

Ausrüstung

Seekarten

Hand-GPS

VHF-Handfunkgerät (zum Glück nicht benötigt)

Zelt, Isomatte, Schlafsack

Wasserdichte Säcke

15m Schleppleine

 

 

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3 Kommentare zu „Strandkat-Langfahrt: Mit Topcat K1 rund Usedom – 150 Seemeilen in vier Tagen“

  1. avatar Falko Chrost sagt:

    Danke für den Bericht, hat viel Spaß gemacht den zu lesen. Schaut Euch mal in der “Yacht” den Artikel an, von Rügen Rund.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

  2. avatar Ole sagt:

    Super Bericht.
    Aber Schmetterling mit einem Cat? Niemals!

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  3. avatar Hugo sagt:

    Hallo,

    ein schöner Bericht der beiden Segler und tolle Idee mit dem Topcat um Usedom!
    Beste Grüße Hugo vom Team MVnow

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