Streiflicht: Uwe Röttgering über die vorgetäuschte Weltumsegelung von Wolfgang Vandeck

"Objektive Realität ist für Schwächlinge"

Die "abenteuerliche Weltumsegelung" von Wolfgang Vandeck ist wohl ausgedacht.

Im Jahr 1999 erschien ein Buch mit dem Titel „Ennoia mit Kurs auf die Sonne“. Beschrieben wird darin die Weltumsegelung des Einhandseglers Wolfgang Vandeck mit einem kleinen Katamaran. Schon damals hatte ich den Verdacht, dass die Reisebeschreibung ein Fake ist.

Es erschien mir mehr als ungewöhnlich, dass eine solche Fahrt ohne von der übrigen Seglerwelt und der Presse zur Kenntnis genommen worden zu sein, stattgefunden haben soll. In 57 Tagen von Rio de Janeiro einhand rund Kap Hoorn zur Osterinsel mit einem 9 Meter langen Katamaran und keiner bekommt etwas davon mit?

Es gab nicht ein Indiz, geschweige denn einen Beweis dafür, dass diese Reise stattgefunden hat. Kein Foto – nicht einmal im Buch selber, keine zweite Quelle. Nichts. Und dass der zweite Teil der Weltumsegelung, also der Weg von der Südsee bis ins Mittelmeer, auf gerade einmal fünf (!) Seiten abgehandelt wird, machte den Bericht für mich nicht glaubhafter.

Mein Versuch mit Herrn Vandeck Kontakt aufzunehmen, wurde damals vom Verleger des Buches, einem gewissen Nils Lahrmann, mit der Begründung abgeblockt, dass Vandeck eine menschenscheue Waise sei. So, so…

Jahre später, ich hatte das Buch schon fast vergessen, legte SeglerpapstTM und Blauwasser-Oberchecker Bobby Schenk das Buch seiner Jüngerschaft als „empfehlenswert“ und „etwas anderen Einblick in die Welt der Weltumsegler” mit dem “viele glücklich sein werden“ ans Herz.

Dies war für mich Anlass, abermals Kontakt Herrn Lahrmann aufzunehmen. Mit Lahrmann, der seine erste Mail an mich mit „Nils Lahrmann alias Wolfgang Vandeck“ unterschrieben hat, hatte ich im Folgenden ein aufschlussreiches Telefonat.

Lahrmann räumte mir gegenüber ein, Autor des Buches zu sein. Die Weltumsegelung eines Wolfgang Vandeck habe es nie gegeben. Das Buch, Auflage angeblich 1.000 Stück, sei eine Melange aus eigenen Reiserfahrungen, Phantasie und dem aus anderen Weltumseglerbüchern angelesenen Detailwissen. Lahrmann sagte mir damals, dass Chiffren im Buch andeuten würden, dass das Werk Fiktion sei.

Und in der Tat kann man dort folgendes lesen: 

„Wie viel Wahrheit kann eine virtuelle Realität haben? Ich denke, es kommt auf ihre Qualität an. Ist man, wenn man es mit der Authentizität nicht so genau nimmt, ein betrügerischer Träumer?“ 
An anderer Stelle ist zu lesen: „Geht man davon aus, dass nur eine kleine Spitze des sprichwörtlichen Eisbergs sichtbar ist, sind geträumte Geschichten vielleicht gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt?“ und „Die bloß objektive Realität ist etwas für Schwächlinge.“

Ja, so kann man das sehen. Vielleicht ist es altbacken, von einem als Tatsachenbericht verkauften Buch zu erwarten, dass es Tatsachen enthält. Für manche ist das Borderline Journalismus. Vielleicht sogar unter dem Gesichtspunkt der Dekonstruktion überkommener Wirklichkeitsvorstellungen Kunst.

Für mich aber ist es eine Sauerei und für einen Staatsanwalt wäre es vielleicht sogar Betrug.

Bei aller Kritik muss man dem Buch aber zugute halten, dass es alle Elemente des Genres recht ordentlich bedient. Plus eine Prise Selbstreflektion, Gesellschaftskritik und – genreuntypisch – Sex. Fast wünscht man sich, dass es wirklich einen Wolfgang Vandeck gäbe.

Ich habe im Jahr 2008 einen Eintrag auf meiner Homepage gemacht, in dem ich auf den fiktionalen Charakter des Buches hingewiesen habe. Jeder, der sich für die angebliche Reise von Herrn Vandeck interessiert, und mit Google umgehen kann, würde schnell mit meinen Zweifeln an der Fahrt konfrontiert werden. Dachte ich jedenfalls.

Doch leider war mein aufklärerischer Eifer nicht von Erfolg gekrönt. In der Zeitschrift “Yacht”, Ausgabe 17/2011 Seite 44, wird aus Wolfgang Vandecks Reisebericht in Zusammenhang mit den Navigationsmethoden der Polynesier zitiert. Dabei soll das in der “Yacht” abgedruckte Zitat aus dem Buch als Beleg für die Navigationskünste der Polynesier dienen.

Liest man die Stelle im Buch komplett, wird allerdings ersichtlich, dass die beschriebene Person als Hochstapler in Sachen Navigation dargestellt wird. Es wurde also nicht nur der unzutreffende Anschein der Authentizität der Reise und des Erlebten erweckt, sondern auch völlig sinnentstellend zitiert.

Dass in der “Yacht” – immerhin seit über 100 Jahren die wichtigste Chronistin des Segelsports in Deutschland – Bezug auf dieses Phantasieprodukt genommen wird, ist natürlich misslich, da diese Bezugnahme als Glaubwürdigkeitskatalysator der erfundenen Reiseschilderung wirkt. Immerhin will man sich des Vorgangs auf meinen Hinweis hin annehmen und die Sache richtig stellen.

Auf meine abermalige Nachfrage hin bestreitet Herr Lahrmann inzwischen, Autor des Buches „Ennoia mit Kurs auf die Sonne“ zu sein und vertreibt das Werk unter www.vandeck.net und über Amazon im Internet.


avatar

Uwe Röttgering

... der, der das Blauwasser Segeln liebt, aber zu immer schnelleren Schiffen tendiert - ob das am Einfluss von SR liegt ? ;o) Mehr findest Du hier.
Spenden
https://yachtservice-sb.com

22 Kommentare zu „Streiflicht: Uwe Röttgering über die vorgetäuschte Weltumsegelung von Wolfgang Vandeck“

  1. avatar John sagt:

    Interessante Sache. Dass Reiseberichte nicht immer selbsterlebt sein müssen, ist seit Karl May ja nichts Neues.

    🙂

    Like or Dislike: Daumen hoch 3 Daumen runter 1

    • avatar Uwe sagt:

      Hallo John,

      das ist hier aber nicht der Punkt. Ich habe kein Problem mit erfundenen Geschichten (und auch nicht mit unter Pseudonym schreibenden Autoren). Aber mit erfundenen Geschichten, die als wahr verkauft werden. Wäre das Buch mit “Roman” überschrieben, wäre alles ok.

      Gruß Uwe

      Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 20 Daumen runter 0

  2. avatar John sagt:

    Sorry, habe mich missverständlich ausgedrückt. Also nochmal:

    “Interessante Sache und gut, dass darüber informiert wird.

    Dass die Yacht auf sowas reinfällt, dürfte nicht passieren. Schließlich ist seit Karl May bekannt, dass es erfundene Reiseberichte gibt.”

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 12 Daumen runter 0

  3. avatar Todo sagt:

    Hehe, Herr Lahrman gibt aber in seinen Referenzen ganz klar das Buch mit an:
    “1999 Publishing of the second book: “Ennoia mit Kurs auf die Sonne””

    Quelle zum Nachlesen (Stand 12.9.2011) unten in der Tabelle:
    http://www.nl-translations.com/article.php3?id_article=4

    Like or Dislike: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

  4. avatar Ketzer sagt:

    Was’n das hier für ‘ne künstliche Aufregung? Bei einer Auflage von max. 1000 Stück würde ich mir um so einen Quatsch doch keine Gedanken machen. Oder sieht der Autor hier etwa ein Konkurrenzprodukt zu seinem eigenen Buch?

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 6 Daumen runter 9

    • avatar Uwe sagt:

      Lieber Ketzer,

      das Buch ist ja nicht nur in Papierform erschienen, sondern wird jetzt digital vermarktet. Insofern ist der Fall aktuell. In Hinblick auf mein eigenes Buch treibt mich nicht die Sorge um Konkurrenz um, sondern der Ärger darüber, dass jemand versucht, mit unlauteren Mitteln ein Stück Sportgeschichte zu schreiben. Die vielen, vielen bewundernswerten realen Fahrten, die in Buchform verarbeitet wurden, werden durch solche Phantasiegeschichten ein Stück weit entwertet, finde ich. Die Einstellung “egal, ob wahr oder gelogen – Hauptsache gute Unterhaltung” teile ich nicht.

      Gruß Uwe

      Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 15 Daumen runter 3

      • avatar Lyr sagt:

        Ganz meine Meinung.
        Zumal ich glaube, dass der plötzliche Umschwung von Herrn Lahrmann etwas mit dem erwähnten Yacht-Artikel zu tun haben könnte, der vielleicht neuerliche Aufmerksamkeit für das Buch erregte?
        Also doch aus Profitgier?

        grüße

        Like or Dislike: Daumen hoch 1 Daumen runter 0

      • avatar Ketzer sagt:

        Dann musst Du Deines halt auch digital vermarkten… Die Bücher dienen Deiner Meinung nach dazu, “ein Stück Sportgeschichte zu schreiben”? In meinen Augen dienen sie eher dem Ego des Verfassers. Literarisch sind die meisten eher schlecht. Wirkliche Unterhaltung habe ich nur in wenigen gefunden. Und es gibt viele Segler, die einfach nur still und unbekannt tolle Segelreisen machen und keine Bücher verfassen. Die tun es für sich, nicht für den Ruf. “Sportgeschichte”… Das finde ich in diesem Kontext eher lächerlich.

        Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 6 Daumen runter 7

        • avatar Uwe sagt:

          Egal aus welchem Motiv ein Reisebuch geschrieben wird: es wird damit auch immer ein Stück Reise- oder Sportkultur der Nachwelt überliefert. Ich habe viele alte Reiseberichte im Regal, die als Stück Geschichte spannend zu lesen sind. Da mag manches hingebogen oder gar gelogen sein. Schwamm drüber – aber eine Reise komplett erfinden und als Tatsachenbericht verkaufen geht nun mal gar nicht. Gruß Uwe

          Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 13 Daumen runter 2

  5. avatar Felix sagt:

    Immerhin ist es bei amazon.co.uk in der richtigen Kategorie einsortiert: Fiction !

    > Look for similar items by category
    >
    > * Books > Fiction > Adventure Stories & Action
    > * Kindle Store > Kindle eBooks > Fiction > Action & Adventure

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 7 Daumen runter 0

    • avatar Uwe sagt:

      Hi Felix,

      hast Recht, ist mir gar nicht aufgefallen. Das Printprudukt ist/war unter:

      Bücher > Reise & Abenteuer > Abenteuer & Reiseberichte > Nach Themen > Meere & Segeln

      eingeordnet. Trotzdem wird jeder Käufer des e-books davon ausgehen, dass das Buch eine reale Reise beschreibt.

      Gruß Uwe

      Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 5 Daumen runter 1

      • avatar Felix sagt:

        Hallo Uwe.

        Da hast du vermutlich Recht. Vielleicht müssen wir Google etwas auf die Sprünge helfen, indem wir hier oft genug “Wolfgang Vandeck” und “fiktionaler Abenteuerroman” zusammenbringen.

        Gruß, Felix

        Like or Dislike: Daumen hoch 2 Daumen runter 0

  6. avatar T.B. sagt:

    Hallo!

    Finde ich richtig dass mal klargestellt wird was real und was fiktional ist.

    Ich habe auf der HP von Bobby S. nur den kleinen zitierten Teil aus dem Buch gelesen.

    Dort spricht der Autor immer von “meiner kleinen Proa”?!

    Was soll denn dieses Boot jetzt gewesen sein, ein 9m Kat oder eine Proa?

    Wobei das meines Wissens die erste Weltumseglung mit einer Proa gewesen wäre.
    (Ganz schön kompliziert mit dem Konjunkiv…:-)

    Like or Dislike: Daumen hoch 3 Daumen runter 0

    • avatar Uwe sagt:

      Die Proa hat er sich als Beiboot gebaut. Das eigentliche Reisegefährt war ein Kat.

      Like or Dislike: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

      • avatar Ketzer sagt:

        “Die Proa WÜRDE er sich als Beiboot gebaut HABEN. Das eigentliche Reisegefährt WÄHRE ein Kat GEWESEN”. 😉

        Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 10 Daumen runter 3

  7. avatar Jürgen Leven sagt:

    Mein Arbeitgeber weis es durchaus zu schätzen, wenn ich real zur Arbeit erscheine und nicht nur fictional. Auch im Supermarkt kennt man den Unterschied zwischen echtem Geld und Blüten……
    Von daher sollte ein Reisebeicht auch von einer echten Reise berichten, seit Lügenbold hat der Ruf der Szene sowieso gelitten…
    LG Jürgen

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 9 Daumen runter 0

  8. avatar 142 sagt:

    Mir gehen diese Fakes wahnsinnig auf die Nerven. Danke, dass du das aufdeckst und veröffentlichst. Auch die “kleine Provokation” auf deiner Homepage habe ich sehr begrüßt und fand sie mutig, konsequent und hochinteressant. Köstlich ist natürlich auch, dass Segeloberhirte und Charterpostille das nicht gecheckt haben. Mehr davon!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 7 Daumen runter 0

  9. avatar max thisen sagt:

    Wem hat der spinner geschadet?
    Ist doch kein lehrbuch , solche leute erledigen sich doch von selbst , da brauchste garnicht lang drauf zu warten , der arme luechtenborg hat es ja leider auch nicht gepackt.-schade

    Like or Dislike: Daumen hoch 1 Daumen runter 0

  10. avatar HB sagt:

    Ich weiss nicht was die Aufregung soll. Gullivers Reisen, Moby Dick oder Robinson Crusoe wurden doch auch ohne die Kennzeichnung: Achtung Fiktion vermarktet. Damit möchte ich aber keinesfalls das Ennola Buch in die Klasse der oben erwähnten Literatur einordnen.

    Like or Dislike: Daumen hoch 1 Daumen runter 0

  11. avatar Eckart sagt:

    Beim Stöbern in den e-books von Amazon habe ich das Buch gefunden und als begeisterter Segler naürlich sofort gekauft und gelesen. Als ich nun mehr über das Schicksal von Herrn Vandeck erfahren wollte, bin ich auf die Information von Herrn Röttgering gestossen. Ich hatte mich schon gewundert, daß ich von dieser Weltumsegelung bisher noch nie etwas gehört hatte. Nun weiß ich warum und bin enttäuscht.
    Wenn es in der Buchbeschreibung klar als Fiktion angegeben wäre, ich hätte es vielleicht trotzdem gekauft und mich über die Fantasie des Autors gefreut. Aber nun….

    Like or Dislike: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

  12. avatar kvs sagt:

    Kaufte es auch als e-book. Gestern Abend begann ich zu lesen und freute mich heute schon auf das Buch als
    Abendlektüre. Auf der Suche im Netz nach mehr Infos und Bildern, bin ich auf diesen Beitrag gestoßen und
    bin nun wirklich enttäuscht. Wenn ich ein Buch über das Segeln lese, erwarte ich keine literarischen
    Meisterwerke, sondern detailierte Beschreibungen von tatsächlich erlebten Segelreisen! Ich fühle mich
    getäuscht! Auch wenn dieses Buch nur 3,60 gekostet hat, als Roman hätte ich es nicht gekauft.

    Like or Dislike: Daumen hoch 3 Daumen runter 0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *