Streiflicht: Uwe Röttgering zitiert Reimer Böttger zur “guten Seemannschaft”

Wider den "Speck ansetzenden Boots-Tourismus"

Gute Seemannschaft? Röttgering mit seiner "FanFan" unter Sturmnfock vor dem Wind. © seefieber.de

Oft erstaunt es mich, wenn ich lese oder höre, mit welcher Selbstgewissheit manche Leute das Wort von der „guten Seemannschaft“ im Munde führen. Insbesondere “Fachjournalisten” und Verbandsfunktionäre, deren seglerische Vita in zwei Sätze passt, machen schnell einen Verstoß gegen die „gute Seemannschaft“ als Ursache aus, wenn ein Unfall passiert ist.

Sicher gibt es Fälle, in denen sich mit etwas Erfahrung und gesundem Menschenverstand eine Havarie hätte vermeiden lassen. Aber es gibt einen weiten Graubereich, in dem ich mir kein Urteil erlauben würde. Der Bremer Hochseesegler Reimer Böttger schrieb 1988 im Magazin des Vereins Trans Ocean zum Thema Seemannschaft einen sehr nachdenkenswerten (damals kontrovers aufgenommenen) und noch heute aktuellen Artikel zum Thema, aus dem die folgenden Absätze stammen:

“Was für den Anfänger gute Seemannschaft ist, erweist sich für den erfahrenen Hochseesegler und ein wahrhaft seetüchtiges Boot häufig als überzogen. Gute Seemannschaft darf kein dogmatisch fixierter, für alle Segler und Bootstypen gleichermaßen gültiger Kodex von Ver- und Geboten sein.

Der Begriff sollte nicht von den Angstkriterien Zaghafter bestimmt und von den möglichen Unzulänglichkeiten ungeeigneter Boote eingeengt werden. Viele derjenigen Experten, die mit der Zunge Maßstäbe zu setzen versuchen, und die Einstellung der Segler bewußt oder unbewußt manipulieren, erzeugen ein Klima der Frustration und Ängstlichkeit. Sie verunglimpfen nach dem Motto: was jenseits meiner Möglichkeiten und Fähigkeiten liegt, ist sowieso Wahnsinn, Hasardeurtum, einfach unseemännisch! 
[…]

Gute Seemannschaft muß zu einem in seinen Maßstäben variablen Begriff werden, der ganz unterschiedliches, individuelles Leistungsvermögen von Schiffern, Crews und Booten in Rechnung stellt. Man kann doch nicht den Ostsee-Küstensegler oder denjenigen, der auf der Passatroute Wassercamping treibt, mit sportlichem Langstrecken- Hochseesegeln in einem Atemzug nennen.

Das wäre das gleiche, als wenn man das Tun der Eiger-Nordwand oder Mount Everest-Bezwinger mit dem Alpenwandern der Familie Krause unter dem Gesichtspunkt der Sicherheit auf gleiche Stufe stellen würde. Antiquierte Kriterien »Guter Seemannschaft« müssen endlich aufhören, besonders was Fahrtgebiete, Wetterlagen, Jahreszeiten, Bootstypen und Crewstärke anbetrifft, ein Hemmschuh für Neues und Unbekanntes zu sein.

Denn Seetüchtigkeit, Ausrüstung und somit Sicherheit unserer Boote haben sich in den letzten 20 Jahren explosionsartig verbessert.
 Erst dann, wenn von unseren Segelsportjournalisten, Vereinsvorständen und Preis-Juroren die Meßlatte guter Seemannschaft nicht mehr engstirnig angelegt wird, kann es zu der notwendigen Umkehr von einer Entwicklung kommen, die heute auf Speck ansetzenden Boots-Tourismus zusteuert.


Man könnte soweit gehen zu behaupten, daß zu einem Unternehmen, das den Namen Seefahrt ernstlich verdient, ein hohes Sicherheitsrisiko gehört, dass gute Seemannschaft sich einzig und allein im Rückblick durch die sichere Durchführung einer Reise beweist. Die Frage, ob eine seglerische Zielsetzung vertretbar oder unvertretbar sei, darf in keinem Fall unter ängstlicher Berücksichtigung aller bekannten Gefahren, welche die Tradition gesammelt und katalogisiert hat, präjudiziert werden. […]”

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Uwe Röttgering

... der, der das Blauwasser Segeln liebt, aber zu immer schnelleren Schiffen tendiert - ob das am Einfluss von SR liegt ? ;o) Mehr findest Du hier.
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22 Kommentare zu „Streiflicht: Uwe Röttgering zitiert Reimer Böttger zur “guten Seemannschaft”“

  1. avatar Christoph Braun sagt:

    Bravo,
    Das trifft den Nagel auf den Kopf.
    Seit dem ich auf meinen Ausbildungstörns immer wieder von den Mitseglern gelöchert werde, die sich in ihrer Unerfahrenheit natürlich nach verlässlichen Kriterien sehnen um ihre ersten Gehversuche mit guter Schiffsführung zu machen, habe ich nach einer solchen, differenzierenden Formulierung gesucht.

    Mit solchen Gedanken kann man sich doch wunderbar die Zeit vertreiben bis es demnächst endlich wieder aufs nasse Element geht.
    Das Niveau von segelreporter ist ja hinsichtlich solchartiger Betrachtungen sowieso hoch angesiedelt, aber ich sage gerne nochmal – weiter so!
    tschüss
    Christoph

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  2. avatar Ketzer sagt:

    Haha, klasse Zusammenfassung, aber in Deutschland sticht man mit sowas wohl in ein Wespennest.

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  3. avatar Ben sagt:

    “Haha, klasse Zusammenfassung, aber in Deutschland sticht man mit sowas wohl in ein Wespennest.”

    Na hoffentlich!

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  4. avatar Uwe sagt:

    “Die Frage, ob eine seglerische Zielsetzung vertretbar oder unvertretbar sei, darf in keinem Fall unter ängstlicher Berücksichtigung aller bekannten Gefahren, welche die Tradition gesammelt und katalogisiert hat, präjudiziert werden. ”

    Vor 50 Jahren hätte der o.a. Satz sicher seine Berechtigung gehabt. Aber heutzutage segeln die Leute doch massenhaft über den Atlantik und wiegen sich dabei aufgrund moderner Sicherheits- und Navigationspakete in Sicherheit.

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    • avatar CDR sagt:

      Sie -wiegen- sich nicht nur in Sicherheit, es -ist- auch sicherer als vor 50 Jahren!

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      • avatar ??? sagt:

        Ja es ist sicherer wenn man alles bedinen UND reparieren kann. Das können aber nicht alle.
        nen GPS bringt dir auch nix wenn er kaput ist…

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        • avatar Ketzer sagt:

          Das stimmt, aber dann hole ich den zweiten aus dem Schapp… 😉

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          • avatar batman sagt:

            wenn die Sonne gerade stürmt und das GPS-Systen deshalb ausfällt, nutzt der 2. GPS-Empfänger aus dem Schapp auch nichts, wenn ich im Dunkeln oder bei Nebel z.B. den Hafen ansteuern will

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      • avatar Uwe sagt:

        Sicherer wegen der EPIRB-Notsender ? 🙂

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    • avatar Lasse sagt:

      Es ist auch wesentlich sicherer. Das sieht man nicht zuletzt daran, dass soviele auch ankommen.

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  5. avatar ??? sagt:

    Zu dem Bild:
    Eins erkennt man, was der Guten Seemantschaft nicht entspricht. Es sind keine Strecktaue gespannt.

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 3 Daumen runter 7

    • avatar Wilfried sagt:

      na endlich kommt die Diskussion mit dem Aufschlag der Sicherheitsfanatiker in Gang.

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  6. avatar Uwe sagt:

    Einhandsegeln ist übrigens trotz modenen Sicherheits- und Navigations-Equipments auch heute nicht mit guter Seemannschaft zu vereinbaren, wenn wir einmal an die nötigen Schlafpausen und die mit hoher Geschwindigkeit aufkommende Berufsschiffahrt denken !

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 2 Daumen runter 16

    • avatar John sagt:

      Gibt doch sogar genug Leute, die sagen, dass das nicht mit der Gesetzgebung vereinbar sei.

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    • avatar ??? sagt:

      Ich würde mal behaupten, ohne das ich ne Statistik gesehen habe, dass die Leute, die einhand Hochsee Regatten segeln deutlich weniger unfälle haben, als die Leute, die mit der Familie oder Freunden auf der Nord/Ostsee oder Muttelmeer rumsegeln.
      Und Charterer haben bestimmt nochmehr Unfälle/Schäden…

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      • avatar John sagt:

        Blättere doch einfach mal durch die Berichte der BSU und führ ‘ne Strichliste.

        http://www.scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/2012/01/bernhard-hoecker-und-das-lob-der-strichlisten.php

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      • avatar Uwe sagt:

        Beispiel:
        (6.5.2009) Kurz hintereinander hat es im August der Segelsaison 2008 zwei tödliche Unfälle von Einhandseglern in der Ostsee gegeben.
        http://www.kreuzer-abteilung.org/index.php?option=com_content&view=article&id=1375:bundesstelle-fuer-seeunfalluntersuchung-ueberbordgehen-und-tod-von-zwei-einhandseglern&catid=16:aktuelles&Itemid=33

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        • avatar Wilfried sagt:

          bitte mal bei der Sache bleiben. Der Kommentar zur Seemannschaft hat nichts mit der Frage nach Rettungsweste und Lifebelt zu tun. Es ertrinken jedes Jahr mehr Leute im Schwimmbad, Baggerseen und am Strand als auf hoher See und auch dort wird keine Schwimmweste gefordert. Der Einsatz von Strecktauen der reflexartig immer genannt ist und auf Großseglern mit großen Decks auf denen man sich nicht festhalten oder sichern kann auch seine Berechtigung hat ist auf kleinen Schiffen mindestens kritisch zu sehen. Strecktaue werden bei Segelbooten immer entlang der Seitendecks zu spannen sein, was schon mal den Nachteil mit sich bringt das sie nahe der Bordwand verlaufen und das Ziel , gerade für Einhandsegler muss immer heißen nicht über Bord und damit auch nicht über die Seereling zu fallen. Ich möchte mal den 70-jährigen einhadsegler sehen, der am Lifebelt außen hängend es schafft wieder an bord zu kommen. deshlab immer möglichst kurz und immer möglichst in Schiffsmitte einpicken. Ich habe als wir noch kleine Kinder hatten Gurtbänder auf dem Seitendeck aber nur damit die Kinder auch bei gutem Wetter eingepickt sich auf dem Deck frei bewegen konnten. Als die Kinder älter waren haben wir diese Gurtbänder sofort abgenommen weil die Wahrscheinlichkeit auf/mit dem Gurtband auszurutschen und dabei überbordzugehen oder sich zu verletzen weitaus höher ist.

          Nebenbei bemerkt ist das wesentliche für den Einhandsegler immer der Lifebelt. Das A und O ist “nicht über Bord fallen”. Wenn man im Wasser liegt bringt einen die Rettungsweste speziell beim Hochseesegeln auch nicht mehr viel.

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  7. avatar Friedrich sagt:

    Der Vorschiffsmann der Illbruck, Toni Kolb, hat nach dem Sieg der Illbruck im Volvo Ocean Race in einem Interview geantwortet, er habe auf der gesamten Weltumseglung nicht ein einziges Mal eine Schwimmweste oder einen Lifebelt verwendet.

    Seemannschaft im Sinne der Clubmützenträger? Oh Gott.!

    Spielt das irgendeine Rolle? Nein. Er ist einer der besten Seeleute, die das Land hervorgebracht hat.

    Sind die meisten Leute auf Segelbooten und in diesem Forum so gute Seeleute? Nein, bestimmt nicht.

    Tragen wir Schwimmwesten oder Lifebelts? Wenn wir schlau sind, ja. Oder besser: Je nach dem.

    Dieses uralte, total spakige Thema zusammengefasst: Was den einen sin Uhl, ist den anderen sin Nachtigal.

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    • avatar John sagt:

      Gute Seemannschaft ist es doch, sich seinem eigenen Können angepasst zu verhalten. Der eine reitet ungesichert auf dem Bug eines Volvos im Sturm, der andere ist auf dem Baggersee mit Opti und Lifeline überfordert. Und da wir fast alle erwachsen sind, darf jeder seine eigene Risikobereitschaft selbst einschätzen.

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  8. avatar Christian Uehr sagt:

    Gute Seemanschaft verlangt, die eigenen Fähigkeiten, die der Crew sowie des Bootes richtig einzuschätzen und danach zu handeln. Das bedeutet auch, sich darüber im Klaren zu sein, was man (selbst, Crew oder Boot) ( vielleicht noch) NICHT kann.
    Gute Seemannschaft verlangt auch, wenn immer möglich, eine Reserve zu haben, je nach Lage und Unternehmung; sei es Zeit, Wassertiefe, Leeraum oder vorbereitete Notlösungen, wenn etwas zu Bruch gehen sollte. Glück ist kein seemännisches Organisationsmittel, ” sondern der Daumen, den der Liebe Gott dankenswerterweise manchmal dazwischen hält”.
    Übermut, Sensationslust und Selbstüberschätzung haben meistens auf See früher oder später schlimme Folgen

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  9. Pingback: Paulinchen Worldwide » Outlaws, allein auf See

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