Stromschlag-Unglück in Polen: Versuch einer Rekonstruktion

+++ Beispiellose Tragödie +++

Vier Personen kamen am vergangenen Sonntag bei einem tragischen Unfall auf einer Segelyacht ums Leben, nachdem der Mast ihres Bootes eine Stromleitung berührt hatte. 

Die Unglücksstelle @ M. Stankiewicz

Die Unglücksstelle
@ M. Stankiewicz

Die Meldungen, die uns am letzten Sonntagabend über die Ticker erreichten, waren teilweise so widersprüchlich wie spärlich. Auch dank der Hinweise eines SR Lesers haben wir nun neue Details zu dem Brandunglück aufgrund einer Berührung mit einem Stromkabel. Der Versuch einer Rekonstruktion:

Das Boot

Bei der verunglückten Segelyacht Atlanta handelt es sich um eine Venus 650. Der GFK-Backdecker ist 6,50m lang, 2,45 breit und verfügt über 5 Kojen. Mit dem variablen Tiefgang eignet sich das Boot für ein solches Revier sehr gut, weshalb es auch in Diensten eines Vercharterers stand.

Die SY Atlanta ©www.naturapark.info

Die SY Atlanta
©www.naturapark.info

Einige polnische Medien schreiben über eine Mastlegevorrichtung, diese ist allerdings im Bild nicht zu erkennen. Die Durchfahrtshöhe der Atlanta beträgt etwa 9 Meter. An Bord befinden sich Seekarten des Reviers. Über den Landgraben, wo der Unfall passierte, finden sich dort jedoch kaum brauchbare Informationen. Der Vercharterer verlangt von seinen Kunden einen entsprechenden Befähigungsnachweis.

Die Crew

Die Crew bestand aus 4 Personen, die glaubhaften Quellen zufolge alle nicht zum ersten Mal auf einer Yacht unterwegs waren und die über die nötige Erfahrung verfügten. Der Schiffsführer Adam R. (53) kannte sowohl das Revier rund um die Küste als auch den Cieplicówka-Kanal, auf dem das Unglück passierte. Adam R. war ein sehr erfahrener Segler und sowohl häufig auf der Ostsee und auch schon in der Karibik unterwegs.

[ds_preview] (Ab hier Text für SR-Club-Mitglieder)

Das Revier

Der Unglücksort. @ google.maps

Der Unglücksort.
@ google.maps

Der Küstenraum in Masuren um das Frische Haff und die Frische Nehrung ist ein bei Wassersportlern und Anglern sehr beliebtes und gut geschütztes Gebiet. Es liegt südlich der Danziger Bucht. Der rund 65 Km lange Fluss Nogat verbindet die Weichsel mit dem frischen Haff.

Der Cieplicówka-Kanal (Link auf google.maps), auf dem die Tragödie passierte, ist wiederum ein Landgraben, der südlich des gleichnamigen Ortes von der Nogat ins frische Haff führt. Der Kanal ist befahrbar, hat aber nicht den Status einer offiziellen Wasserstrasse.

Für das Unglück ist das von Bedeutung, denn deshalb ist er weder betonnt noch sind Hindernisse wie Stromleitungen gekennzeichnet und markiert. In Seekarten ist er eingezeichnet – mehr nicht. Daher müssen sich Bootsführer selbst über die Gegebenheiten vor Ort informieren.

Im Falle der Stromkabelhöhen steht dazu eine ständig aktualisierte Liste im Internet zur Verfügung. Die Gefahrenstelle des Unglücksortes jedoch wird dort ohne Angaben von Metern lediglich wie folgt beschrieben:”Mehrere niedrige, unmarkierte Leitungen.” Die Stromleitungen, die das Unglück verursachten, hängen je nach Wasserstand in einer Höhe von etwa 9 Metern.

Kaum ein Wassersportler verirrt sich in den Cieplicówka-Kanal, denn im Ort sind einige feste und flache Brücken, teilweise mit nur 1,50m Durchfahrthöhe, zu passieren. Darüber hinaus ist der Landgraben mit hohen Wasserpflanzen übersät. Die Wasserstände der Kanäle und Flüsse können meist abhängig von der Weichsel durchaus variieren.

Von der Weichsel-Seite kommend ist die Einfahrt wegen des hohen Schilfgürtels nur schwer zu finden. Vom frischen Haff aus kommt man besser in den Kanal. Er hat eine breite Mündung und ist an der Stelle unseren Informationen nach auch recht tief.

Die Bedingungen

Das Wetter war am vergangenen Wochenende überwiegend frühlingshaft. Die Sicht war klar, der Wind wehte mit 3 Beaufort und die Temperaturen betrugen der Jahreszeit entsprechend 8-10 Grad Celsius. Am Sonntag gegen Mittag – ungefähr zum Zeitpunkt der Tragödie – zog Augenzeugen zufolge eine kurze Front durch das Gebiet, mit starken Regenfällen und Windböen. Ein Blick auf die Messwerte und die Luftdruckveränderung scheint das zu bestätigen.

Rekonstruktion

Die Atlanta verließ am Samstag Morgen bei mildem Frühlingswetter ihren Heimathafen. Am Sonntagmittag, kurz bevor sich das Unglück ereignete, zogen dunkle Wolken über die Gegend, gefolgt von Regen und starken Böen. Ob die Crew in der Mündung des Cieplicówka Kanals Schutz suchte oder fischen wollte, ist unklar. Der Pressesprecher der Polizei in Elblag vermutet Ersteres. Die Yacht fuhr unter Motor in den Fluss, das Groß war geborgen und die Fock eingerollt.

Das Boot fing sofort Feuer © Bog­dan Hryw­niak / newspix.​pl

Das Boot fing sofort Feuer
© Bog­dan Hryw­niak / newspix.​pl

Der Kanal war dem Schiffsführer bereits bekannt. Er war in der Vergangenheit mit der Atlanta schon einmal vor Ort und ist vermutlich auch unter den Stromleitungen durchgefahren. Durch wechselnde Wasserstände kann es durchaus sein, dass man an einem Tag unter der Leitung durchfahren kann, am anderen die Kabel aber zu niedrig hängen.

Vielleicht war sich die Crew der wechselnden Wasserstände nicht bewusst und so kam es zum Unglück.  An diesem Tag sollen die Kabel nur rund 8,50m über der Wasseroberfläche gehangen haben – der Atlanta fehlten also rund 50 cm.

Denkbar ist aber auch, dass sich das Boot gerade in dem Moment den Leitungen näherte, als das Wetter und die Sicht schlechter wurden. Möglicherweise wurde das Boot sogar von einer Böe vertrieben. Einige lokale Medien spekulieren, dass zum Zeitpunkt der Tragödie alle Segler unter Deck waren. Aber das klingt nicht glaubhaft, da die Crew über ausreichend Erfahrung verfügte.

Sofort Feuer gefangen

Retter bergen die verunglückte Atlanta @ M. Stankiewicz

Retter bergen die verunglückte Atlanta
@ M. Stankiewicz

Nach der Berührung der Leitungen mit dem Mast hat das Boot vermutlich sofort Feuer gefangen. Zeugen sprechen sogar von einem explosionsartigen Ausbruch der Flammen.

Der Grund dafür könnte ein sogenannter Lichtbogen sein, verstärkt durch Regen und hohe Luftfeuchtigkeit. Er entfacht sehr schnell entzündliche Stoffe und Flüssigkeiten an Bord. Ein solcher Lichtbogen würde auch erklären, warum sich keiner der Insassen durch einen Sprung ins Wasser hat retten können. Lichtbögen sind eine Art durch Hochspannung ausgelöste Blitze – ein Entkommen auf dem kleinen Boot ist nahezu aussichtslos.

Nachdem um ca. 13 Uhr eine Zeugin bei der Notfallzentrale von einem brennenden Boot berichtete, wurde sofort alle verfügbaren Rettungskräfte zur Unglücksstelle geschickt. Die Atlanta war bei deren Eintreffen jedoch schon völlig ausgebrannt.  Dazu gestalteten sich die Rettungsarbeiten in der abgelegenen Gegend als sehr schwierig, da der Fluss von einem hohen Schilfgürtel umgeben ist. Nachdem das Boot gelöscht war, konnten die Helfer nur noch den Tod der vier Personen feststellen.

Ob der Fall jemals vollends aufgelöst wird, bleibt zu bezweifeln. Er gilt schon jetzt als eine der größten Tragödien im Wassersport, die die Region Masuren bisher erlebt hat.

Leserhinweis: Jerry Rowinski

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Digger Hamburg

Kleiner segeln - größer leben. Filmemacher und Autor Stephan Boden verbringt jeden Sommer auf dem Wasser. Früher auf seiner VA18 "Digger" jetzt auf der Bente24, die er selbst initiiert hat. "Auf See habe ich Zeit, das schärft den Blick für Details." Zu seinem Blog geht es hier
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Ein Kommentar „Stromschlag-Unglück in Polen: Versuch einer Rekonstruktion“

  1. avatar Sven 14Footer sagt:

    Danke, für das zusammentragen der vielen Details rund um dieses Unglück.
    Eine schreckliche Geschichte!

    Like or Dislike: Daumen hoch 3 Daumen runter 0

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