Teeklipper “Cutty Sark”: Geschichte von Rekordfahrten, Ruderbruch und Meuterei

Phönix aus der Asche

Nicht von dieser Welt? Die Cutty Sark schwebt über den Besuchern © coolist/jackson

Nicht von dieser Welt? Die Cutty Sark schwebt über den Besuchern © coolist/jackson

Es gibt Schiffe, die schweben in anderen Dimensionen. Weil sie der Stoff sind, aus dem Träume gemacht werden und weil ihre Geschichten mitunter ans Fantastische grenzen. Eines hat das mit dem „Schweben“ ziemlich wörtlich genommen – die Cutty Sark thront nach ihrer Totalrestaurierung im Museum von Greenwich über den Köpfen der Besucher wie ein Objekt, das nicht von dieser Welt scheint. Eine architektonische und technische Meisterleistung für den letzten der legendären Tee-Clipper, der diese „Sonderstellung“ mehr als verdient hat…

Hexe im Unterhemd

Die Hexe Nannie mit ihrem "Kurzen Hemd" – Cutty Sark – als Galionsfigur © wikipedia

Die Hexe Nannie mit ihrem “Kurzen Hemd” – Cutty Sark – als Galionsfigur © wikipedia

Was ist von einem Schiff zu halten, das der Stolz einer Nation werden sollte, aber nach einem Unterhemd benannt wurde? Bis heute rätseln die Forscher, warum der schottische Reeder John Willis den 85 m langen Stolz seiner Flotte ausgerechnet nach dem viel zu kurzen Leibchen einer offenbar blendend aussehenden (Roman)-Hexe benannt hatte.

Doch der potentiell schnellste Klipper der Welt sollte nicht nur aufgrund seiner eher skurilen Namensgebung für Aufregung sorgen  – es war auch die Weltgeschichte, die 1869 Cutty Sarks Taufe und Stapellauf ad absurdum führte.

Denn die CS wurde nur aus einem Grund gebaut: Sie sollte das britische Königreich so schnell wie möglich mit der ersten Tee-Ernte (First Flush) aus China versorgen. Wer damals als Erster seine Ladung aus den begehrten Blättern in London löschte, konnte unglaubliche Gewinne erzielen – selbst wenn die nächsten Segler schon 4 Wochen später die Preise ins Bodenlose fallen ließen.

Nur: Im Jahr 1869 wurde auch der Suezkanal eröffnet! Zwar waren sich die Reeder der Tragweite dieser Verbindung zwischen dem Roten und dem Mittelmeer noch nicht vollständig bewusst, doch schon kurz darauf sollten eher langsame Dampfschiffe den Weg zwischen China und England in 42 Tagen zurück legen. Selbst die schnellsten Teeklipper, die nur mit den Passatwinden (engl. Trade Wind = Handelswind) voran kamen, brauchten rund Kap der Guten Hoffnung mehr als 100 Tage…

Ruderschaden verhindert Regattasieg

Die Reeder der Cutty Sark kümmerte dies zunächst nur wenig. Für sie galt: Ihr Schiff sollte das schnellste auf den Meeren der Welt sein, um sich möglichst rasch dank wertvollem Frachtgut zu amortisieren. Was keineswegs gelang, zunächst zumindest.

Cutty Sark unter Vollzeug © Frank H.Mason

Cutty Sark unter Vollzeug © Frank H.Mason

Die legendären Clipper-Rennen zwischen der Cutty Sark  und der ebenfalls ziemlich flott einher segelnden Thermopylae wurden alle von letzterer gewonnen – die CS schien vom Pech verfolgt. Oder aber ihre Kapitäne waren zu vorsichtig. Jedenfalls refften sie viel schneller als die Kollegen von der Thermopylae, mieden respektvoll die Packeis-Grenze und nahmen die Roaring Fifties keineswegs sportlich, sondern zurückhaltend. Lieber Zweiter in London als Erster auf dem Meeresgrund war die Devise – sehr zum Missfallen der Reederei!

Einmal hatte die Cutty Sark jedoch die Nase vorn: 1872 trafen sich die beiden Dreimaster in Shanghai, wurden beladen und liefen am 18. Juni nebeneinander aus. Sie „matchten“ durch die chinesische See und den Indischen Ozean, doch CS machte eindeutig mehr Fahrt. Im August lag sie bereits 400 sm vor der Konkurrenz, als sie einen schweren Ruderschaden erlitt.

Kapitän Moody ließ auf hoher See Ersatz bauen und musste im Laufe der weiteren Fahrt mehrfach „Reparaturstopps“ (auf See) einlegen. Die Konkurrenz gewann das Rennen erneut – doch Moody und seine Crew wurden gefeiert, weil sie nur eine Woche nach der Thermopylae in London einliefen.

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Michael Kunst

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Ein Kommentar „Teeklipper “Cutty Sark”: Geschichte von Rekordfahrten, Ruderbruch und Meuterei“

  1. avatar Klaus sagt:

    Wunderbarer Bericht, ich hatte viel Vergnügen beim Lesen. Danke Michael Kunst!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 14 Daumen runter 0

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