Tragödie: Rettungsaktion im Sturm – Kind stirbt an Unterkühlung

Tragische Odyssee

Französische Weltumsegler-Familie funkt SOS. Die Retter nahen und geben ihr Bestes. Doch der Vater treibt mit seiner Tochter ab. Sieben Stunden im Wasser – zu lange für die sechsjährige Inés.

Die Lagoon im Sturm © Coast Guard

Eine der SOS funkenden Yachten im Sturm © Coast Guard

Es ist kurz nach 17 Uhr, als die zentrale Notrufstation am Cap Gris-Nez bei Boulogne sur Mer einen Notruf empfängt. 1.200 Seemeilen entfernt, etwa 280 Seemeilen südlich der Azoren, kämpfen sich Sophie und Claude Hachet gemeinsam mit ihren Kindern Inés (6) und Hugo (8) auf einem Fahrtenkatamaran Lagoon 400 S2 durch einen schweren Sturm.

Die Lagoon gilt unter Fahrtenseglern als besonders seegängig, ja sogar unsinkbar. Vorschriftsmäßig verbringen die Mutter und ihre beiden Kinder die endlos erscheinenden, sturmumtosten Stunden in einer speziell für solche Fälle vorgesehenen , kleinen Kabine. Normalerweise dreht man auf diesem robusten Schiffstyp bei, verzieht sich in diese Notfall-Unterkunft und wartet, bis das Grauen draußen vorbei ist, empfehlen andere Lagoon-Skipper.

Sophie und Claude Hachet © Hachet

Sophie und Claude Hachet © Hachet

Doch dieser Sturm, in den die französische Weltumsegler-Familie geraten ist, hat es wirklich in sich. An diesem 6. Mai 2015 erreichen die Wellen Höhen von weit über 10 Metern, die Lagoon wird zum Spielball der Elemente. „Das Meer war wie entfesselt, ein Albtraum. Und es war keine Besserung in Sicht – im Gegenteil: Der Wind legte auf 12 Beaufort zu, die Wellen wurden immer höher!“ berichtet Skipper Claude. „Es musste eine Entscheidung gefällt werden, hier waren die Kinder nicht mehr sicher!“ erzählt der Familienvater später.

Mit Hilfe ihres Satellitentelefons fordern die Hachets Hilfe an. Kurz darauf schickt Sophie sogar eine beruhigende SMS an ihre Schwester, die zuhause in La Rochelle im Zuge des Notrufes ebenfalls bereits benachrichtigt worden war „Wir sind im Boot, warten auf Hilfe, alles ist gut. Ein Handelsschiff hat bereits den Kurs geändert, es wird in ein bis zwei Stunden bei uns sein!“ schreibt sie.

 Vier Anläufe, drei Crashes

Nur wenige Seemeilen entfernt kämpfen auch andere Fahrtensegler mit dem Sturm und bitten ebenfalls den (zuständigen) portugiesischen Seenotrettungsdienst um Hilfe. In wenigen Stunden werden zwölf Personen von drei Yachten per Hubschrauber abgeborgen. Der Notruf der Hachets erreicht die Retter als letzter – entsprechend sind die Prioritäten gesetzt.

Die Yuan Fu Star © ship-spotting

Die Yuan Fu Star © ship-spotting

Doch da ist ja noch die „Yuan Fu Star“. Das Containerschiff hat als erstes auf den Notruf geantwortet und hält auf die „Lagoon“ zu. An Bord sind 30 phillipinische Seeleute, die nun auf ihrem Weg nach Kolumbien, wohin ihre Fracht geliefert werden soll, zu Lebensrettern werden sollen. Erst um drei Uhr morgens erreicht das Schiff die „Stecknadel“ im wildgewordenen Heuhaufen – mitten in der Nacht beginnen die Seeleute mit einem der schwierigsten Manöver auf See.

Bei einem Bremsweg von 1,5 Seemeilen, mitten in einer desaströsen Wetterlage, ist es extrem schwierig, das 300 Meter lange Schiff neben den Fahrtenkatamaran zu platzieren. Drei Mal schafft die „Yuan Fu Star“ dieses Manöver nicht und schlägt jedes Mal an die Lagoon, beschädigt sie offenbar beträchtlich. Beim vierten Anlauf des Containerriesen weiß Claude: „Der wird uns versenken, wir müssen hier raus!“

Die Hachets begeben sich in ein Rettungsboot (offenbar keine Rettungsinsel, hierzu sind die Aussagen widersprüchlich, die Redaktion). Jedes Kind wird an einen Erwachsenen geleint – trotz infernalischen Lärms und chaotischen Seegangs schlafen beide Kinder sofort ein.

Auch beim vierten Anlauf kracht das Cargoschiff in die Lagoon und beschädigt diese noch mehr.

Eine überrollende See bringt das Rettungsboot der Hachets fast zum Kentern, die kleine Ines fällt über Bord, ihr Vater, an den sie angeleint ist, will sie zurückziehen und fällt dabei ebenfalls in die Fluten.

Vater Claude ist erstmal froh, dass er seiner Tochter im Wasser helfen kann. Aber die beiden treiben in einem enorm hohen Tempo ab.

Beim nächsten Versuch bleibt die die „Yuang Fu Star“ neben dem demolierten Katamaran stehen. Die Besatzung scheint eher schlecht für solche Notfälle ausgebildet und vorbereitet zu sein. Die Seeleute lassen Netze an der Bordwand herunter und es gelingt Sophie, ihren Sohn Hugo in eines zu hieven. Eine halbe Stunde später schafft auch sie es, auf diesem Wege an Bord gezogen zu werden.

Mutter und Sohn sind gerettet. Aber was wird aus Claude und Inès?

Vater und Tochter – bis zuletzt ein Herz und eine Seele © hachet

Vater und Tochter – bis zuletzt ein Herz und eine Seele © hachet

 “Die haben uns aufgegeben!”

Von der Brücke ihres Rettungsschiffes aus sieht die Mutter im Kegel der Suchscheinwerfer, wie die beiden immer weiter abtreiben. Der Kapitän der „Yuang Fu Star“ hat mittlerweile weitere Hilfe angefordert, weil ihm klar geworden ist, dass er den beiden Treibenden nicht zu Hilfe eilen kann. Er bleibt aber in Sichtweite von Tochter und Vater, bei dem sich mittlerweile Panik breit macht.

„So ein Riesenschiff, das zwar immer sichtbar bleibt, aber auch immer kleiner wird – ich dachte wirklich, man hat uns aufgegeben,“ berichtet er später verzweifelt.

Am Morgen des drauf folgenden Tages kommt ein Lazarettschiff, die „Esperanza del Mar“ den Schiffbrüchigen zu Hilfe. Die Besatzung fischt Claude und Inès aus dem Wasser und kümmert sich sofort professionell um die beiden.

Wiederum eine Stunde später sieht Mutter Sophie, wie ein Hubschrauber offenbar ihren Mann und ihre Tochter zu einem anderen, weiter entfernten Schiff fliegen. „Sie sind endlich in Sicherheit,“ denkt sie mittlerweile beruhigt.

Die „Esperanza del Mar“ dreht ab, der Kapitän der „Yuang Fu Star“ erhält die Erlaubnis zur Weiterfahrt.

Drei Stunden später erfährt Sophie, dass ihre sechsjährige Tochter Inès nicht überlebt hat. Sieben Stunden trieb sie, von ihrem Vater bis zuletzt umarmt, im Wasser. Für ein kleines Kind auch bei 21 Grad C. Wassertemperatur, ein tödlich langer Zeitraum – Inès starb an Unterkühlung und konnte auch von den Profis auf dem Lazarettschiff nicht mehr gerettet werden. Dass der Vater ohne Schäden überlebte, grenzt für seine Retter an ein Wunder.

 Mittellos an Land

Zwei Tage später, am 9. Mai, steht Claude alleine neben dem kleinen Sarg seiner Tochter auf dem Pier von Horta auf der Azoreninsel Faial. Trotz mehrer Telefonate mit der französischen Botschaft kommt keiner, um sich um ihn und seine tote Tochter zu kümmern.

Mit einer halbstündigen Verspätung taucht ein junger Botschaftsmitarbeiter auf, der sich erst nach langen Lamenti dazu bereit erklärt, Claude sein Handy für einen Anruf in der Heimat zu leihen. Claude muss sich selbst um eine Unterkunft kümmern, hat aber keine Zahlungsmittel. Es dauert Stunden, bis ihm eine Botschafts-Mitarbeiterin privat 100 Euro aus Mitleid schenkt.

Derweil fahren Sophie und ihr Sohn weiter auf der „Yuang Fu Star“ über den Atlantik Richtung Westen. Der Kapitän hat strikte Order erhalten, ohne Umwege Kolumbien anzusteuern, wo am 18.Mai die Ladung gelöscht werden soll. Die Reederei spricht von einem Verlust in Höhe von 37 Millionen Dollar, sollt das Schiff nicht rechtzeitig ankommen.

Sophie, sowieso schon wegen des Todes ihrer Tochter dem Nervenzusammenbruch nahe, macht sich Sorgen um ihren Sohn. Der reagiert nur apathisch auf die sich rührend kümmernden Seeleute. Er wirkt unkonzentriert, seine Augen sind fahrig. Er spricht davon, dass er sich den Kopf bei der Rettungsaktion angeschlagen habe.

Sophie und der Schiffssanitäter vermuten eine Kopfverletzung.

Die "Lagoon" der Hachets © hachet

Die “Lagoon” der Hachets © hachet

Weinend verabschiedet

Als sich das Schiff  der Karibik nähert, gibt es einen Lichtblick. In der Zwischenzeit haben die Verwandten in La Rochelle die französische Regierung um Hilfe gebeten, damit Mutter und Sohn von der „Yuang Fu Star“, sobald sie in Landnähe sind, abgeborgen werden.

Zufällig sind Präsident Francois Hollande und (u.a.) der Bürgermeister von La Rochelle, auf einer Karibiktour, die wiederum von vielen Armee-Hubschraubern begleitet wird. Die Hoffnung wächst, dass die (mittlerweile unterrichteten) Politiker Hilfe schicken. Doch nichts geschieht – das Händeschüttel- und Schulterklopf-Programm geht weiter. Sophie und der sich unter Kopfschmerzen windende Hugo fahren immer noch Richtung Mittelamerika.

Erst die Küstenwache von La Rochelle schafft es schließlich, ihre Kollegen auf Guadeloupe (französisches Department in der Karibik) von der kritischen Situation, in der sich Hugo und Sophie befinden, zu überzeugen. Sie fliegen mit einem erst kürzlich gelieferten Dragon 17-Hubschrauber das Containerschiff an und bergen die beiden ab.

Den Abschied von der Besatzung der „Yuang Fu Star“ beschreibt Sophie als einen der rührendsten Momente in ihrem Leben: Die versammelte Besatzung weinte minutenlang mit der Frau und ihrem Sohn um die verstorbene Tochter Inès. Was für ein seltsamer Schicksalsweg sie auch zusammen geführt haben mag – „diese Szenen werden wir alle nie wieder vergessen!“ bedankte sich Sophie.

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Michael Kunst

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Ein Kommentar „Tragödie: Rettungsaktion im Sturm – Kind stirbt an Unterkühlung“

  1. avatar Jörg Gosche sagt:

    In den französischen Medien war in der letzten Woche von einer Kenterung der Lagoon die Rede …. ist das nicht mehr wahr oder ist dies jetzt die Version des Herstellers?
    Es ist in jedem Fall eine der traurigsten Geschichten seit Langem …. einfach schrecklich!

    Like or Dislike: Daumen hoch 0 Daumen runter 3

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